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Einblicke in die Kindheit Jesu und in das Leben seiner Familie – Aus Jesu Leben zwischen Knaben- und Mannesalter – Der zwölfjährige Jesus im Tempel
Cover der Zeitschrift Geistige Welt, Heft 3/2017 zum Thema Jesu Jugendjahre
Geistige Welt 3/2017
Jesu Jugendjahre
Beschreibung

Über die Jugendzeit Jesu sind leider keine Berichte überliefert, mit Ausnahme jener Begebenheit, als der Zwölfjährige im Tempel den Schriftgelehrten und Pharisäern vorgestellt wurde. Die Erklärungen in diesem Themenheft vermögen diese Lücke in der christlichen Überlieferung zu füllen. Sie geben einen Einblick in die Kindheit Jesu und in das Leben seiner Familie. In der Heiligen Schrift heisst es: Als der Sohn Gottes die Menschwerdung annahm, wurde er dem Menschen in allem gleich (vgl. Phil. 2, 7 und Hebr. 2, 17). Wie die jenseitigen Lehrer Josef und Lene erklären, bezieht sich dies auch auf seine Kindheit. Jesus wuchs heran in einer Familie mit zahlreichen Geschwistern und verhielt sich wie andere Kinder und Jugendliche. Erst mit dem Heranwachsen zeichnete er sich aus durch besondere Frömmigkeit und eine gewisse Intelligenz. Bereits in jungen Jahren war er mit vielem, was die jüdische Religion lehrte, nicht einverstanden. Wenn in seiner Familie in der Heiligen Schrift gelesen wurde, hatte er vieles zu beanstanden und legte es anders aus, als man es gewohnt war. Dies führte in seiner Familie zu Meinungsverschiedenheiten und brachte ihm manchen Vorwurf ein. Erst als Jesus an der Hochzeit eines Verwandten sein erstes Wunder wirkte, änderte sich die Einstellung der Geschwister ihrem ältesten Bruder gegenüber.
Das Themenheft enthält im Weiteren Erklärungen über den beruflichen Werdegang des jungen Jesus, der zuerst als Gehilfe seines Vaters tätig war und sich dann als künstlerischer Gestalter und Berater einen Namen machte.

Themenheft 3/2017: Jesu Jugendjahre

Inhalt
Einblicke in die Kindheit Jesu und in das Leben seiner Familie

Lene, 23. September 1980 (Ausschnitt)

Einblicke in die Kindheit Jesu und in das Leben seiner Familie

Als der Sohn Gottes die Menschwerdung annahm, “wurde er dem Menschen in allem gleich”. Dies bezieht sich auch auf die Kindheit Jesu. Er wuchs heran in einer Familie mit Geschwistern und verhielt sich wie andere Kinder und Jugendliche. Erst mit dem Heranwachsen zeichnete sich Jesus aus durch besondere Frömmigkeit und eine gewisse Intelligenz.

Lene: [...] Liebe Geschwister, ich kenne euer Verlangen und weiss auch, was ihr alles gerne wissen möchtet. Aber Antwort geben auf all das, was ihr gerne hören möchtet, das tue ich nicht. Denn ich möchte nur das tun, was euch geistig emporbringt, euch innerlich stärkt und hebt, wovon ihr einen geistigen Nutzen habt. Es gibt nämlich viele Dinge, die man gerne wissen möchte; sie dienen aber auf keinen Fall dem persönlichen Seelenheil. Im Grunde genommen geht es aber um das persönliche Seelenheil eines jeden Einzelnen. Ihr sollt doch hierhergekommen sein, um euch innerlich zu erbauen, um innerlich gekräftigt zu werden, um wieder mit neuem Lebensmut und neuer Lebensfreude in eure Welt hinauszugehen. Es soll nicht nur so sein, dass man untereinander sagt: “Das war aber interessant.” Vieles mag interessant sein, aber das nützt eurer Seele nichts. Ich könnte Dinge erzählen, die interessant wären, jedoch auf keinen Fall eurem Seelenheil dienen würden.

Ich möchte eure Seele erbauen und versuche jetzt, in die Zeit Jesu Christi zurückzugreifen. Ich erzähle euch von der Schau – was ich erlebt und gesehen habe. Ich möchte zuerst in die Jugendzeit Jesu zurückgehen, jedoch nicht den ganzen Abend hindurch. Ich werde euch auch einiges darlegen, was nirgendwo in den Schriften steht, da es vernichtet worden ist. Man hatte aber Kenntnis davon gehabt. Das, was ich euch erzähle und erkläre, ist einst gesammelt und zusammengetragen worden, aber es passte nicht in das Gefüge hinein, das man sich dazumal erstellte. Damit es in dieser Beziehung keine Irrtümer geben sollte, hat man geglaubt, es sei am besten, man übergebe es gleich dem Feuer, dann sei nichts mehr vorhanden. Ja, leider hat man das getan, aber es ist eben so: Es ist dennoch nicht vernichtet. Man kann es wohl im materiellen Sinne tun, man kann das Papier verbrennen, aber die Wahrheit kann man nicht vernichten. Christus hatte ja seinerzeit versprochen: “Ich werde den Geist der Wahrheit senden, und er wird euch über all diese Dinge unterrichten” (vgl. Joh. 14, 16–17 und 26). Christus meinte aber in erster Linie mit diesen Worten, dass das Erklärung finden würde, was er in seiner Bildersprache gab und die Menschen dazumal nicht verstanden. Das wird euch ja von uns auch erklärt.

Es ist im Grunde genommen so schade, dass gerade in der christlichen Lehre so wichtige Dinge einfach nicht mehr vorhanden sind. So auch aus der Zeit des familiären Lebens Jesu. Es waren auch Aufzeichnungen da, wie die Familie gelebt hatte. Und obwohl in der Heiligen Schrift ausdrücklich die Rede ist von seinen Brüdern und seinen Schwestern, die auf ihn warteten, die ihn jeweils suchten, wollte man nicht wahrhaben, dass Jesus Geschwister hatte. Und diese Meinung, er hätte keine Geschwister haben dürfen, passt doch nicht in die Lehre Jesu Christi hinein.

Man war ja schlau genug und hatte ein Wort herausgefunden – ich möchte sagen: um all diese Dinge zu drehen. Man hat aus den richtigen Geschwistern einfach Geschwisterkinder [Cousins und Cousinen] gemacht. Ja, in dem Falle müssten doch auch nähere Erklärungen über diese Verwandtschaft vorhanden sein: Woher und von wem stammen denn da diese angeblichen Geschwisterkinder? Wo ist denn die Verwandtschaft von diesen Geschwisterkindern? Solches müsste doch auch näher bezeichnet werden, aber das hat man nicht getan, sondern man wollte, dass Christus keine Geschwister haben darf, und hat es einfach so gedreht. Hätte er keine Geschwister gehabt, könnte man auch nicht von seiner Familie sprechen – und wie er mit seinen Geschwistern zusammengelebt hat. Das passt doch nicht – und das ist wahrhaftig schade.

Allein, es steht in den heiligen Schriften, und ihr könnt das ja nachlesen: Christus hatte seine Geschwister (Mat. 12, 4; Mark. 3, 32 und 6, 3). Zudem war es zu jener Zeit bei den Juden doch so, dass es viele kinderreiche Familien gab. Ein Ehepaar ohne Kind war sozusagen eine Schande. Es war ganz selbstverständlich, dass in einer Familie zehn, fünfzehn Kinder lebten. Mit dieser Kinderschar hob sich sogar das Ansehen der Familie; es war eine Selbstverständlichkeit, es mussten einfach viele Kinder in einer Familie sein.

Nebenbei möchte ich noch auf Folgendes zurückkommen: Zur Zeit, als Christus gelehrt hat, sind ihm auch Kinder nachgelaufen, und das passte den Erwachsenen nicht. Denn die Kinder waren nicht etwa braver oder besser als die heutigen; sie waren auch voreilig und vorwitzig. Sie gingen eben mit, sie belästigten die Leute und störten im Grunde genommen jene, die Christus nachgingen. So wollte man diese Kinder wegjagen. Christus wehrte sich für sie und sagte: “Lasset doch die Kinder zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich” (Mat. 19, 14). Auch dieses Wort “ihrer ist das Himmelreich” hat seine Bedeutung, seine grosse Bedeutung ... Nun, die Erklärung dafür brauche ich jetzt nicht zu geben. Ganz sicher werdet ihr im Laufe der Zeit, wenn es notwendig oder passend ist, die Erklärung schon dafür bekommen.

Es waren also Kinder da, und in der Familie von Jesus eben auch seine Geschwister. Jesus war der Älteste. Es war auch dazumal so, dass das älteste Kind die andern Geschwister, die nachgekommen waren, überwachen und hüten musste. Denn die Mutter war gewöhnlich im Hause beschäftigt; es war ja immer wieder ein kleines Kind da, das in den Windeln lag.

Ich möchte euch zudem folgende Erklärung geben, und das findet auch seine Bestätigung. Zu jener Zeit lebten die Menschen nicht in so grossen Häusern wie heute, sondern es gab einfache, kleine Häuser. Man bewohnte vielleicht sogar nur ein Stockwerk oder, wenn es gut ging, zwei Stockwerke. Angesehene Familien hatten natürlich schon ihre schönen Gebäude und Gärten, aber es gab doch mehr arme Menschen, und die lebten wirklich ganz bescheiden und arm. Auf jeden Fall wäret ihr nicht einverstanden, das ganze Leben in einem solchen Haus oder in einer solchen Hütte leben zu müssen.

In den Anfängen war es eben so – dieser Reichtum, wie er sich im Laufe der Zeit aufgebaut hat, war nicht da. Die Menschen waren arm, und so vielfältige Arbeit, wie sie heute vorhanden ist, gab es nicht. Ich brauche eigentlich darüber nicht im Einzelnen besondere Erklärungen zu geben. Ihr könnt euch ja in dieser Welt umsehen, wie es aussieht. Dann bekommt ihr die Bestätigung, dass sich an vielen Orten nichts Besonderes geändert hat – leider.

Weil nicht so viel Raum vorhanden war, dass die Kinder sich im Hause hätten aufhalten können, gingen sie eben ins Freie. Sie waren in den Höfen oder sonst irgendwo auf der Strasse. Sie gingen dahin, wo irgendetwas los war, irgendeine Unterhaltung. So gingen sie von zu Hause weg; es machte ihnen nichts aus, ins Nachbardorf zu gehen. Die Kinder hielten sich sozusagen den ganzen Tag auf der Strasse auf.

Die Eltern brauchten sich nicht im Besonderen um die Kinder zu kümmern. Sie kamen wohl nach Hause, wenn sie Hunger hatten; aber der Tisch war nicht so reichlich gedeckt und so gewissenhaft und genau nach der Zeit, wie ihr es euch heute gewohnt seid. Es kam ganz darauf an, wie eine solche Familie materiell gestellt war. Denn auch dazumal gab es Leute, die Hunger hatten und von den Früchten der Felder lebten. Es wäre manchmal gut, man könnte sich im Geiste in jene Zeit zurückversetzen, um dann selber etwas bescheidener zu werden.

Nun, so wie vorhin geschildert, war auch das Leben von Jesus und seinen Geschwistern. Denn es heisst: Er wurde dem Menschen in allem gleich (Heb. 2, 17), und das bezieht sich ebenso auf seine Kindheit. Auch er ging mit seinen Geschwistern auf die Strasse, und es kam zudem vor, dass er sich mit seinen Geschwistern stritt. So musste die Mutter diesen Jesus manchmal zurechtweisen, weil er nicht so zu seinen jüngeren Geschwistern schaute, wie es ihm die Mutter befohlen hatte. Er war ein Kind wie jedes andere – auch er vergass sich und spielte auf seine Weise für sich, und er ging dahin, wo es ihm gefiel. Daher wurde er des Öftern von seinen Eltern getadelt.

So lebte er in dieser Familie, die Kinder wuchsen heran, und Jesus war eben der Älteste. Mit seinem Heranwachsen aber zeichnete er sich doch etwas vor den andern aus – einmal durch besondere Frömmigkeit und auch durch eine gewisse Intelligenz, wenn ich das vielleicht auch mit diesen Worten ausdrücken darf.

Zu jener Zeit war es so: Wenn es den Eltern irgendwie möglich war, versuchten sie in erster Linie den ältesten Sohn etwas zu schulen, um ihm das notwendige Wissen beizubringen, das heisst, ihn schreiben und lesen zu lehren. Jesus war ja der Älteste, und Maria kam aus einer angesehenen Familie. Dass sie frühzeitig zu Josef kam, wurde euch schon erklärt – das brauche ich nicht zu erklären.

Maria hatte noch genau in Erinnerung, was alles geschah, als Jesus geboren wurde. Sie wusste in ihrem Herzen und ihrer Seele, dass mit diesem Jesus etwas Besonderes geschehen würde und er für etwas Besonderes bestimmt war. Aber sie wusste nicht genau in allen Einzelheiten, was die Worte, die einst gesprochen worden waren, wirklich für eine Bedeutung hatten. Maria war eine fromme Jüdin und richtete sich nach dem jüdischen Glauben aus. Sie erinnerte sich an verschiedene Gespräche und Erlebnisse, die sie gehabt hatte, konnte sie aber nicht deuten; sie wusste nicht, was mit Jesus in Zukunft geschehen würde. Wohl ahnte sie, dass mit ihm etwas Besonderes vorgesehen war.

Es war selbstverständlich, dass Jesus auch von seiner Mutter besondere Aufmerksamkeit erhielt. Die andern Geschwister erlebten nun, dass ihm manchmal besondere Rechte zugesprochen wurden. Er hatte bei der Mutter besondere Vorzüge, was die andern auch gleich eifersüchtig machte. Sie beanstandeten, warum ihm denn dieses und jenes erlaubt würde und ihnen nicht.

Solches ist doch ganz natürlich. Aber man wollte es nicht wörtlich in der Schrift festhalten für die Christenheit. Man war ja nicht einmal damit einverstanden, dass Jesus Geschwister hatte. Hätte man dies zugestanden, wäre sicher mancher Mensch auf den Gedanken gekommen: “Dann war er ja gleich wie andere Kinder.” Es wären vielleicht Zweifel und Fragen aufgekommen, und dann hätte man aus ihm nicht das machen können, was man aus ihm gemacht hat. So hat man eben in dieser Beziehung vieles verschwiegen, und das ist doch nicht richtig. Manchem suchenden Menschen würde es etwas bedeuten, wenn er in dieser Beziehung orientiert würde – wie es wahrlich um diesen Jesus bestellt war. Das sollte doch ganz normal und selbstverständlich sein.

Es gibt unter den Menschen so viele, die Jesus Christus gar nicht als den Erlöser annehmen. Sie glauben nicht an ihn, glauben nicht, dass er der König der Geisterwelt Gottes ist. Wenn ich euch dieses offenbare, sage ich doch nichts Neues.

Man wollte eben diese Zugeständnisse nicht machen, und das ist auch ein Grund, warum man wollte, dass Jesus keine Geschwister haben durfte. Aber es kommt schon noch die Zeit, wo die Wahrheit durchdringt. Der Anfang dazu ist ja gemacht worden – und wenn es auch noch viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte geht, bis man nur einigermassen bereit ist, sich mit dem zu befassen. Dann wird man es sozusagen als selbstverständlich betrachten, dass es so gewesen sein muss, und man wird anfangen, die Bibel anders zu lesen – sie anders zu erfassen. Man wird erkennen, dass da, wo von Brüdern und Schwestern die Rede ist, man sie als solche akzeptiert und nicht als Geschwisterkinder.

So wuchs Jesus in der Familie heran. Er ging mit seinem Pflegevater – ich muss es nun so sagen, denn Jesus Christus sprach doch stets von seinem himmlischen Vater –, er ging also mit seinem Pflegevater zur Arbeit. Er fand Beschäftigung teils im Haus, wo sein Pflegevater arbeitete, und teils ging man in jene Häuser, wo man Aufträge erhielt. Zwischendurch wurde Jesus dann geschult im Lesen und Schreiben. Maria hatte durch ihre weite Verwandtschaft Beziehungen zu Schriftgelehrten. Dadurch ermöglichte sie ihm die notwendige Schulung.

Den andern Geschwistern konnte es eben nur teilweise möglich gemacht werden, etwas lesen und schreiben zu lernen. Das gefiel ihnen nicht, weil sie erkennen konnten, dass dieser Jesus besondere Rechte hatte. Anderseits wussten sie, dass der Älteste in besonderen Rechten stand. Die Familie lebte deswegen nicht etwa in Streit oder Unfrieden. Es war eine fromme Familie – man ging regelmässig in die Synagogen. In bestimmten Dörfern oder Flecken hatte es jeweils Betsäle, wo man sehr viel hinging, um zu beten. Als dieser Jesus nach dem jüdischen Gesetze volljährig war, mit zwölf Jahren, ging er in den Tempel. Und er konnte lesen – hatte er ihnen doch aus den heiligen Büchern vorgelesen und manches erklärt, obwohl er dazumal ja selbst seine Aufgabe noch nicht erkannte.

Zwar hatte Jesus seine Inspirationen; er war sich aber nicht bewusst, welche Stellung er einnahm. Das wäre auch für diesen jungen Menschen noch viel zu früh gewesen. Man bewunderte ihn im Tempel und überall, wo er hinkam und Erklärungen gab. Man bewunderte seine Erklärungen, die er gab, obwohl man an diesen zweifelte, denn sie stimmten ja nicht mit der Lehre überein, die von den Juden verbreitet wurde. Aber Jesus setzte sich durch.

Jesus hatte eben seine geistigen Inspirationen und seine geistigen Begleiter. Sein Schutz waren Geister Gottes, die ihm zur Seite standen und die ihn sozusagen von klein auf behüteten. Sie waren in seiner Nähe, griffen aber nicht in das tägliche Leben ein. Es war einfach die Aufgabe dieser Engel, Jesus zu beschützen. Und als er noch ein Knabe war, war er nicht in der Weise hellsehend, dass er sie wahrgenommen hätte. Er lebte wohl im Gefühl, dass Josef, den er in der Familie Vater nannte, nicht sein Vater war. Und als er zum ersten Mal seinem Pflegevater und seiner Mutter gegenüber offenbarte: “Er ist nicht mein Vater”, könnt ihr euch vorstellen, dass die Enttäuschung in dieser Familie sehr gross war. In der Familie war die Enttäuschung gross, als Jesus dann von sich sagte: “Mein Vater ist im Himmel. Gott ist mein Vater, und du bist nicht mein Vater.” Dies hatte Jesus gesagt; es war der Anfang dieser geistigen Eingebungen.

Die Engel mussten Jesus behüten und beschützen. Der Grund liegt doch nahe. Als die Botschaft verkündet wurde, dass die Menschheit Heil erfahre, wusste nämlich dieser Luzifer, wer der Heiland war. Er hatte diesen Jesus erkannt als den König der Geisterwelt – er kannte doch den Gesalbten Gottes. Die Menschen von dazumal und alles Materielle unterstanden doch der Herrschaft Luzifers. Es war sein Reich und seine Macht. So wurde vom Himmel her dafür gesorgt, dass Jesus nichts widerfahren konnte.

Denn gerade zu der Zeit, als Christus lebte, gab es so viele Menschen, die von bösen Geistern besessen waren. Und auch diese Bestätigung findet ihr in der Heiligen Schrift (Mark. 1, 32 und Luk. 7, 21); war es doch gerade dieser Luzifer, der sein Reich beherrschen wollte – und er beherrschte es, bevor Christus zur Erlösung ins Erdenreich kam, dergestalt, dass er stets so viel Unglück verbreitete und den Menschen Unheil brachte. Sie standen unter seiner Herrschaft.

Wohl hatte es Zeiten gegeben, wo Propheten zu den Menschen kamen, von Gott sprachen und die Menschen belehrten. Aber diese Propheten wurden ja auch wieder von dieser Welt abberufen. So war das Machtwerk dieses Luzifer eben viel zu stark und viel zu gross. Die Propheten vermochten eben nicht in der Weise durchzudringen, wie sie es gerne getan hätten. Wohl hatten sie zu ihren Lebzeiten gewisse geistige Gewinne und konnten gewisse Menschen zum Gottesglauben hingeleiten, aber die Welt gehörte einfach in die Herrschaftsmacht Luzifers, und dieser Luzifer verbreitete nur Not, Leid und Krankheit.

Deshalb waren Engel Gottes zum Schutze Jesu in der Nähe. Ihm durfte auf keinen Fall etwas geschehen. Wohl war des Öftern Luzifer mit seinem Anhang in Jesu Nähe – sie gingen aber wieder von dannen, denn sie sahen diese Engelwesen und getrauten sich nicht, näher an ihn heranzukommen. Jesus hatte eben seinen Schutz.

Ich möchte jetzt einen weiteren Schritt machen – in Jesu Leben hinein, als er als erwachsener junger Mann die Verbindung zur Gotteswelt besser aufnehmen konnte und auch durch seine Gebete in diese geistige Schau hineinkam. Er hatte das Verlangen zum Gebet. Als er sich bewusst wurde: “Das ist nicht mein Vater”, und er Josef sagte: “Du bist nicht mein Vater”, fingen die Engel Gottes an, sich mehr mit ihm zu befassen. Sie erschienen ihm nicht von heute auf morgen vor seinen irdischen Augen und sagten ihm, wer er sei und was für eine Aufgabe er habe, sondern man kam ganz sachte und langsam an ihn heran. Ganz langsam gab man ihm mehr zu erkennen. Man sprach mit ihm, doch zuerst glaubte er: “Es ist die innere Stimme; ich habe eine innere Stimme. Ich höre die Stimme Gottes, und sie zeigt mir den Weg.” Schliesslich hörte er dann, wer er war. Und zwar muss ich jetzt darauf etwas näher eingehen.

Die Christenheit weiss davon, dass dieser Jesus von einem Geist in die Wüste getrieben wurde (Mark. 1, 12). Jesus war nicht das erste Mal in der Wüste, um zu beten; er suchte nämlich die Stille auf und diese Abgeschiedenheit. Und so war er – längst bevor Luzifer glaubte, ihn in Versuchung bringen zu können – des Öftern in die Wüste gegangen und blieb dort oft Tage. In der Zeit, als er in die Wüste ging, um zu beten, kamen Engel Gottes zu ihm. Er sah sie, und sie sprachen mit ihm. Sie sagten ihm, wer er war: “Du bist Gottes Sohn. Du bist nicht der Sohn Josefs. Dein Vater ist im Himmel.” Es waren hohe Geister, die um ihn waren und ihm die Ursache und den Grund seiner Menschwerdung erklärten.

Jesus kam doch als Mensch in diese Welt. Er wuchs heran und wusste noch nicht, wer er war; er wurde dem Menschen in allem gleich. Erst als er geistig und körperlich so weit herangewachsen war, kam für ihn die Zeit, dass er dies alles ertragen konnte, was ihm gesagt wurde – was er hörte.

Zuerst hörte er einfach zu; er war doch hellhörend. Das geschah als Erstes, und so fing es an. Er bekam stets die Bestätigung von dem, was man ihm sagte, und zwar zuerst auf ganz natürliche Art und Weise. Wenn er sich irgendwo beschäftigte oder von zu Hause weggegangen war, um in der Stille zu beten, sprach man zu ihm, er solle jetzt nach Hause gehen, da man auf ihn warte. Man sagte ihm im Voraus, was zu Hause geschehen war, was für Gespräche geführt würden, wenn er nach Hause komme. Das war der Anfang, und das war für ihn auch stets die Bestätigung.

So kamen eben die Geister Gottes zu Jesus; der Gespräche wurden immer mehr, die Sprache immer deutlicher. Er hatte es meist für sich behalten, er versuchte aber, seiner Mutter und der Familie manches zu sagen. Als er anfing, zu erklären, was alles falsch an dieser jüdischen Lehre sei, wies ihn die Mutter zurecht. Da er dieses erleben musste und trotzdem immer weiter hörte und geistige Belehrung empfing, fing er an zu schweigen, weil er erkennen musste, dass man ihn zu Hause nicht verstehen konnte.

Er blieb dann eben Tage weg und sagte seiner Mutter: “Ich gehe in die Wüste, um zu beten. Suchet mich nicht.” Und die Mutter, die ja ahnte, dass mit ihrem Sohne etwas Besonderes vorgesehen war, hielt ihn nicht auf und liess ihn gehen. So hielt er sich in der Wüste auf. Dort war es ihm dann möglich, nähere Gespräche zu hören oder sie besser zu vernehmen und auch gleich hellsehend zu werden. Man sprach zu ihm, und plötzlich konnte er nun im Geiste diese Wesenheiten sehen. Sie standen vor ihm, ganz natürlich, und er konnte mit ihnen sprechen und Fragen stellen. Das war für ihn stets ein grosses Erlebnis.

Ich möchte nur auf Folgendes von dazumal hinweisen: auf die Begegnung, als Jesus in seiner Lehrzeit war und drei Jünger mit auf den Berg Tabor nahm (vgl. Mat. 17, 1–13). Dort sahen ja diese Jünger selbst diese Erscheinungen [von Mose und Elia]. Für Jesus war es nicht das erste Erlebnis, wohl aber für die Jünger. Christus wollte ja auch, dass sie erleben und sehen, in welcher Verbindung er wahrhaftig war.

Jesus hatte längst vorher diese Verbindung und diese Erlebnisse. Es kamen verschiedene Geister Gottes, die ihm Belehrungen brachten. Ich darf auch sagen, dass sie ihm Erklärungen gaben über seine Aufgabe, die ihm bevorstand. Und sie versprachen ihm Schutz und Führung. Als jene Engelwesen kamen, brachten sie ihm geistige Nahrung mit. Jesus nahm von diesem Wein. Und er nahm von diesem geistigen Brot, das ihm die Engel darboten. Er ass und trank mit den Engeln in der Wüste. So blieb er dort Tage und betete.

Dann entschwanden diese Engel wieder und liessen ihn allein. Er sollte über all diese Dinge nachdenken – man sagte ihm, dass er eine grosse Aufgabe zu erfüllen habe und dass diese Aufgabe nicht so leicht zu erfüllen sei. Jesus ahnte dazumal noch nichts über die Art und Weise, wie er seine Aufgabe zu lösen hatte. Er war sich aber klar darüber, dass er in jener Zeit als Mensch eine besondere Stellung hatte, und es war ihm ganz selbstverständlich, dass er seine Aufgabe erfüllen würde.

So ging er wieder nach Hause, tat seine Arbeit und half im Hause seines Pflegevaters. Jesus beschäftigte sich auch ausserhalb – er machte sich in seiner Arbeit selbstständig. Jesus war gefragt wegen seines schöpferischen Könnens, seiner künstlerischen Fähigkeiten. Denn es gab schon dazumal reiche Menschen, die etwas Besonderes bauen wollten. Jesus gab ihnen die Pläne und sagte ihnen, wie solches gestaltet werden sollte. Darüber brauche ich nichts Weiteres zu sagen – ich habe ja schon längst davon gesprochen.

So machte er seine Arbeit. Dies wechselte eben: Einmal tat er wieder eine Zeit lang seine Arbeit, und wenn es ihn danach verlangte, ging er wieder in die Wüste. Es verlangte ihn, mit den Engeln des Himmels ins Gespräch zu kommen. Dieses dauerte so lange, bis der Zeitpunkt kam, als man ihm sagte: “Jetzt musst du hinaustreten. Jetzt ist deine Zeit gekommen.”

Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 23.9.1980 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner anlässlich der Meditationswoche in Flims Waldhaus (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Aus Jesu Leben zwischen Knaben- und Mannesalter

Josef, 17. November 1979

Aus Jesu Leben zwischen Knaben- und Mannesalter

Mit dem Heranwachsen nahm Jesus zu an Kraft und Weisheit. Bereits in jungen Jahren war er mit vielem, was die jüdische Religion lehrte, nicht einverstanden. Wenn in seiner Familie in der Heiligen Schrift gelesen wurde, hatte er vieles zu beanstanden und legte es anders aus, als man es gewohnt war. Dies führte in seiner Familie zu Meinungsverschiedenheiten und brachte ihm manchen Vorwurf ein. So auch damals, als er als Zwölfjähriger mit seinen Eltern zum Tempel nach Jerusalem reiste.

Josef: Gott zum Gruss. Meine lieben Geschwister, wir befassen uns auch mit euren Problemen, mit euren Wünschen, mit euren Sorgen. Aber in erster Linie möchten wir uns mit der geistchristlichen Lehre befassen und euch Antwort geben auf Fragen, die ihr habt.

Wenn ihr mit euren Mitmenschen in ein näheres Gespräch kommt, dann wünscht sich der geistig ausgerichtete Mensch ein Gespräch über das Geistige, über die Geisteslehre. Vielleicht fasst er Mut und fragt den andern nach seiner Einstellung, nach seiner Einstellung zum Leben überhaupt, oder er fragt ihn, was er vom Leben nach dem Tode hält. Der Geistchrist, der geistgläubige Mensch, interessiert sich sehr für solche Gespräche. Der Mitmensch ist jedoch nicht unbedingt derselben Meinung wie der Geistchrist, der ihn anspricht; er vertritt seine Auffassung, seine Meinung. Doch wer nicht geneigt ist, über Jenseitiges zu reden, der versucht auch gleich, das Thema zu wechseln. Und wir sind der Auffassung, dass auch ein geistgläubiger Mensch nicht das Recht hat, unbedingt, sozusagen mit Gewalt, den andern zu überzeugen und ihn so in Gespräche hineinzuführen. Er sollte das Feingefühl besitzen, zu erkennen, wenn sein Nächster kein Verständnis dafür hat, und ihn dann lassen. Aber sicherlich wird es für einen jeden Geistgläubigen ein Gewinn und eine Freude sein, wenn er das, was in seinem Innersten ist und wovon er überzeugt ist, einem Mitmenschen darlegen kann und vielleicht sogar in der Lage ist, ihm auf seinem Lebensweg zu helfen, ihm den Weg zu zeigen und vielleicht etwas beizutragen, dass er sein Lebensschicksal besser versteht und womöglich, wenn er sich für die christliche Lehre interessiert, bereit ist zuzuhören. So versuche ich doch, auch euer Denken zu überschauen und eben euren Wünschen nachzukommen. Und mithin gelingt es mir, eine Erklärung zu geben auf Probleme, die der eine oder andere hat.

Nun, jetzt naht ja wieder die Zeit – es ist das Weihnachtsfest –, in der man mehr Gelegenheit hat als sonst, mit dem Mitmenschen etwas näher oder ausführlicher über Geistiges zu sprechen. So haben doch viele Geistgläubige oder Zuhörer von mir, die in gewissen Erkenntnissen der Geisteslehre leben dürfen, noch so viele Fragen, mit denen sie sich befassen. Es sind ja auch noch so viele Lücken in der christlichen Lehre, auf die man gerne eine Antwort hätte. Und so befasst man sich auch damit: “Was ist denn mit diesem Jesus eigentlich geschehen in der Zeit von seinem zwölften Lebensjahr bis zum Beginn seiner Lehrtätigkeit? Da hört man ja gar nichts von diesem Jesus. Wie hat er denn gelebt, was ist damals vor sich gegangen?”

Ja, liebe Geschwister, ich kann euch sagen, dass es auch in dieser Beziehung wohl Schriftliches gegeben hat. Aber da man es nicht verstanden hat, es nicht verstehen und nicht wahrhaben wollte, hat man es einfach vernichtet – weil man es nicht haben wollte. Anderseits gibt es noch Beweise dafür, aber man hat einfach keinen Zugang dazu – ich könnte es so sagen: Diese Beweise sind sozusagen zugemauert; man kann darüber nichts erfahren, und man soll es nicht erfahren ...

Nun, ich habe schon so viele Jahre zu Menschen geredet, und ich habe immer versucht, in diesem Falle etwas deutlicher zu werden, in jenem Falle mich etwas präziser auszudrücken. Und so vermochte man doch bis heute ein Ganzes zu erleben, und aufgrund dieses Ganzen war man doch zu bestimmten Erkenntnissen und Überzeugungen gekommen, denn ich konnte ja auch Vergleiche geben. Aber jetzt möchte ich zurückkommen auf das, was ich angedeutet habe, nämlich: Was ist denn mit diesem Jesus eigentlich geschehen in der Zeit von seinem zwölften Lebensjahr bis zum Beginn seiner Lehrtätigkeit? Dabei möchte ich auch darauf hinweisen, dass es nicht das Einzige ist, was man nicht sagen will und was man dann einfach entweder vernichtet hat, oder man hat es dem Gläubigen eben verunmöglicht, die Wahrheit darüber zu erfahren. Das meinen Menschen, sie könnten solches tun. Aber hat nicht gerade Christus gesagt: “Ich werde euch den Geist der Wahrheit senden, und er wird euch in all diese Dinge einweihen”? Also: Obwohl jene Menschen es dem Christen nicht zugänglich machen wollen, hat man doch die Möglichkeit, die Wahrheit zu hören. Ob man bereit ist, das aufzunehmen, das ist dem Zuhörer überlassen.

Ich versuche Vergleiche zu machen. Denn gerade jetzt, wo eben die Zeit naht, in der die Christenheit wieder auf die Geburt des Herrn hingewiesen wird, wird so manches dem Christenmenschen verschleiert dargelegt – er musste es einfach hinnehmen, und er nahm es hin. Aber die Menschen sind heute etwas anspruchsvoller geworden. Auch der gläubige Christenmensch ist nicht mehr so bereit, einfach unter Zwang zu glauben. Er will selbst denken, selbst überlegen, ob so etwas möglich ist.

Jetzt möchte ich auf diese Zeit [von Jesu Jugend] zurückkommen, aber ich möchte in erster Linie noch einmal darauf hinweisen, was ich auch schon versucht habe anzudeuten – und hier muss ich dies eben etwas präziser erklären, etwas genauer, damit man ein besseres Bild bekommt.

So war es im jüdischen Gesetz vorgeschrieben, dass ein Knabe mit zwölf Jahren oder wenn er das zwölfte Lebensjahr erreicht hatte, von seinen Eltern im Tempel vorgestellt wurde – vorgestellt den Pharisäern und den Schriftgelehrten. Das ist für euch nichts Neues. Aber ich möchte die Einzelheiten erklären. Gerade diese Einzelheiten fand man einst für unwichtig. Das mochte vielleicht seine Gültigkeit gehabt haben für jene Zeit, aber dass es in der Zukunft für gläubige Christen von Wichtigkeit und von Bedeutung ist, hat man dazumal nicht gedacht, und man wollte es nicht in allen Einzelheiten so darlegen, wie ich es jetzt euch darlege.

Was im Gesetz vorgeschrieben war, dass der Zwölfjährige im Tempel vorgestellt werden musste, hatte also auch seine Gültigkeit für Jesus. Für dieses Ereignis war stets ein besonderer Tag in einer besonderen Zeit bestimmt. Es kamen aber von den verschiedensten Orten oder von weit her die Leute mit den Knaben, die nun im Tempel dargestellt werden sollten. Und so mussten sie Tage zu Fuss wandern, um nach Jerusalem zu kommen. Die einen wohnten in einem Gebirge oder sonst irgendwo weit entfernt. Ihr müsst versuchen, euch dies vorzustellen. Denn dazumal waren nicht diese Verkehrsmittel vorhanden, wie sie heute die Menschen haben. Sie mussten also zu Fuss wandern, Tage hindurch mussten sie gehen. Und dieses war auch mit Anstrengung verbunden. Man hatte aber stets eine Abmachung getroffen – erstens einmal mit den Leuten vom gleichen Dorf, von dessen Umgebung und von der näheren Umgebung. Man schloss sich zu einer Gesellschaft zusammen, zu einer “Reisegesellschaft”, wie es in den Schriften heisst (Luk. 2, 44). Dies ist natürlich nicht in dem Sinne gemeint, was man heute unter einer Reisegesellschaft versteht. Die Menschen der nächsten Umgebung haben sich zusammengeschlossen; sie haben untereinander auch vereinbart, zu welchem Zeitpunkt sie da oder dort sein würden, damit sich ihnen weitere Familien anschliessen konnten, um dann so in grösseren Gruppen gemeinsam zum Tempel oder nach Jerusalem zu kommen. Und warum taten sie das? Sie fühlten sich sicherer in der Gemeinschaft miteinander. Denn es gab auch dazumal Diebe und Räuber, und es gab auch noch wilde Tiere. Man ging also gemeinsam und fühlte sich sicher. So war es auch zu jener Zeit mit Christus.

So wurde dann ein jeder Knabe dieses Alters den Pharisäern vorgestellt. Er gab den Namen seiner Eltern an, das heisst, er musste zuerst den Namen der Mutter angeben und dann den des Vaters. Das hatte seine Gründe oder hat seinen Grund – ich komme darauf noch zurück. So musste sich jeder einzelne diesen Schriftgelehrten und Pharisäern vorstellen. Denn so wurden sie dann offiziell in die Gemeinde aufgenommen und waren nun ein Glied der Gemeinde. Und schon diese jungen Menschen bekamen eine Aufgabe; jeder bekam eine Aufgabe. Diese Schriftgelehrten kamen ja ins Gespräch mit ihnen, und so konnten sie auch feststellen, welche Art Fähigkeit bei diesem oder jenem vorhanden war. Dementsprechend hatten sie ihm die Aufgabe zugeteilt. Es gab einen Ordnungsdienst innerhalb und ausserhalb des Tempels, und es stand diesen jungen Menschen gut an, diesen Dienst auszuführen. Denn sie waren doch beweglich und konnten manche Tätigkeit tun, die einem älteren Menschen Mühe bereitete. So hatte man diese jungen Menschen da mit Aufgaben betraut. Aber es ging nicht nur um den Ordnungsdienst, sondern es ging auch darum, dass diese jungen Menschen Nachrichten zu übertragen hatten. Sie mussten also eine Nachricht in ein Dorf oder ins abgelegene Gebirge überbringen. Dieses wurde auch diesen jungen Menschen aufgetragen. So wurden sie, so wie ihr es heute auch nennen würdet, zu Kurieren. Sie mussten also die Nachrichten da- und dorthin bringen, zu den Gemeindegliedern. Es waren auch Menschen krank, denen musste eine Nachricht überbracht oder eine Hilfe dargeboten werden. Dafür benutzte man diese heranwachsenden jungen Menschen.

Unter diesen Jungen gab es solche, die kamen aus ganz ärmlichen Verhältnissen, und es gab welche, sie kamen aus besseren Verhältnissen. Jene, die aus besseren Verhältnissen kamen, hatten dementsprechend den Esel bei sich; ihnen wurde der Weg dadurch erleichtert. Auch mit den Eltern war es so, die da zu diesem besonderen Tag zum Tempel gehen mussten, um ihren Sohn darzustellen: Die vornehmen Menschen hatten dementsprechend ihre Tiere. Doch es waren deren wenige, es überwogen doch die ärmlichen Menschen. Sie hatten eben tagelang zu Fuss zu wandern, um nach Jerusalem zu kommen. Dieser Tag war für die Familie wie für den betreffenden Knaben ein Ehrentag, ein besonderer Tag. Der Sohn wurde im Tempel offiziell dargestellt – darüber freuten sich die Eltern und der Betreffende. Dass es nun in den Gesprächen, die da geführt wurden, eben zum Ausdruck kam, welche Intelligenz, welche Fähigkeit ein Knabe hatte, ist wohl zu verstehen.

Jetzt möchte ich auf Jesus zurückkommen. Maria hatte einen Verwandten, der im Tempel tätig war und der diesen Jesus im Lesen und im Schreiben unterrichtete. So war dieser Jesus eben auch schon mit zwölf Jahren des Schreibens und des Lesens doch einigermassen kundig. Man stellte Fragen an den Betreffenden, und je nachdem gab nun dieser Knabe seine Antwort. Und Fragen wurden auch an Jesus gestellt. Er aber stellte Fragen an diese Schriftgelehrten wie an diese Pharisäer, und er gab ihnen eine ganz andere Antwort, als es die übliche war. Auch weiss der Christenmensch nicht unbedingt, dass es so war, dass man dort im Tempel jeweils das heilige Buch las und es vom einen zum andern ging und so ein jeder, der des Lesens kundig war, die Möglichkeit hatte, ein Kapitel zu lesen und von sich aus auszulegen. Was in diesem heiligen Buche stand – es waren Prophezeiungen, und diese deuteten doch sozusagen alle auf Christus und auf die Zukunft hin. Es waren Prophezeiungen, die die Propheten früher gegeben hatten. Psalmen standen drin, und in diesen Psalmen, die auch gesungen wurden, war immer ein Hinweis auf die Erlösung, auf die Zukunft.

Dieser Jesus konnte ihnen eben von seiner Stellung aus, von seinen höheren Erkenntnissen aus die Antwort geben und widerlegte das, was die Hohepriester sonst zu sagen pflegten. Im Allgemeinen waren sich alle über die Auslegung einig; es gab sozusagen nur eine Auslegung oder eine ähnliche Auslegung. Und ich möchte fragen: Warum? Man getraute sich nicht, eine andere Auslegung zu geben. Denn dies hätte Aufsehen erregt, man wäre damit nicht einverstanden gewesen. Denn es galt ja nur das Wort der Hohepriester und der Schriftgelehrten. Ihnen zu widersprechen, war sehr gefährlich.

Jesus aber, erfüllt von Kraft, gab ihnen die Antwort, und zwar die richtige Antwort, die aber von den Schriftgelehrten nicht angenommen wurde. Man sagte sich in der ersten Zeit: “Dies ist ein junger Mensch, er wird noch zu anderen und besseren Erkenntnissen kommen.” Man nahm ihn am Anfang nicht so ernst – erst später, denn er erschien regelmässig im Tempel, und er kam immer wieder ins Gespräch mit diesen Pharisäern, und er las immer wieder aus dem heiligen Buch und machte sie auf so Verschiedenes aufmerksam – und auf ihre Fehler. Und das passte diesen Pharisäern und Schriftgelehrten nicht.

Aber jetzt möchte ich noch zurückgreifen auf die Zeit, als Jesus eben [als Zwölfjähriger] im Tempel verweilte. Da war es nämlich üblich, dass man sogar nachts irgendwo im Tempel einen Platz fand zum Schlafen. Man schlief am Boden, und am andern Tag kam man dann wieder weiter ins Gespräch. Zur Nahrungsaufnahme verliess man vielleicht für kurze Zeit den Tempel und ging nachher wieder hinein. So war es doch mit diesem Jesus. Er blieb da im Tempel und gab den Schriftgelehrten Antwort auf die Fragen, die sie an ihn stellten.

Nun, die andern jungen Menschen, die sich auf diese besonderen Tage besonders gefreut hatten, hatten sich zusammengetan. Sie hatten auch noch andere Interessen als nur gerade das, was jetzt im Gesetze festgeschrieben war für sie. Die jungen Menschen fanden sich zum Gespräch zusammen. Und dies war ja auch ein besonderer Anlass. Man lernte sich kennen, und man stellte sich einander vor, woher man kam. Man hatte ja auch schon seine Aufgaben bekommen – der eine eben in seinem Ordnungsdienst innerhalb oder ausserhalb des Tempels, der andere sollte Nachrichten übermitteln, wieder ein anderer auf einem anderen Weg seine Aufgabe bei einer Familie ausführen. So besprach man dann die Dinge miteinander und war voller Freude. Auch gab es ausserhalb des Tempels allerlei zu erleben – das Fest dauerte ja nicht nur einen Tag; man feierte nach orientalischer Art, und diese jungen Menschen nutzten das aus.

Schliesslich kam die Zeit der Heimkehr. Man hatte wiederum miteinander abgesprochen, wann man sich denn aufmachen, das heisst den Tempel oder Jerusalem verlassen würde, damit alle Familien wieder gemeinsam den Heimweg antreten konnten. Das hatte man vorher abgesprochen, und man fand sich dementsprechend zusammen. Die jungen Menschen aber, sie waren nicht bereit, sich zur selben Zeit wie ihre Eltern aufzumachen. Und diese waren völlig einverstanden damit, dass die jungen Menschen etwas länger bleiben konnten – man rechnete doch damit, dass sie die Gesellschaft etwas später wieder erreichen würden. Denn die älteren Menschen liefen nicht so schnell, und diese jungen Menschen versprachen, sie schnell wieder einzuholen. Und so geschah es eben: Die jungen Menschen blieben etwas länger zurück und erreichten dann zu einem späteren Zeitpunkt ihre Eltern; sie hatten sich dann eben dementsprechend etwas schneller bewegen müssen, aber dies machte ihnen keine Mühe, während es doch bei den Eltern anders war. Und so war es doch möglich geworden: Als nun Maria und Josef die andern jungen Menschen kommen sahen, mussten sie plötzlich feststellen, dass ihr Jesus nicht dabei war. Und so mussten sie bei allen umfragen, bei dieser ganzen Gesellschaft. Sie suchten und hofften, diesen Jesus doch auch zu finden – denn es war doch eine schöne Gesellschaft beieinander. Als sie eben nach allem Suchen unter diesen Menschen ihren Jesus nicht gefunden hatten, mussten sie diesen weiten Weg zurück wieder antreten. Und es war ja gerade Maria, die in ihrem Herzen und in ihrer Seele eben ein höheres Wissen hatte, es aber nicht so zum Ausdruck bringen konnte. Maria war es, die dann diesem Jesus in erster Linie Vorwürfe gemacht hatte.

Jetzt möchte ich aber noch darauf zurückkommen, warum [bei der Vorstellung im Tempel] der Betreffende zuerst den Namen seiner Mutter sagen musste und dann den Namen des Vaters. So war es bei Jesus: Er sagte, er sei der Sohn Marias und Josefs. So wurde es auch festgehalten in den Schriften, dass er der Sohn Marias sei. Ein anderer musste beispielsweise sagen, er sei der Sohn Elisabeths und der Vater sei Jakob – er sei Sohn Elisabeths und Jakobs. Zuerst wurde die Mutter genannt. Warum? Darüber sollt ihr selbst nachdenken. So war es dazumal nach dem Gesetz ganz üblich.

Nun hatte Maria ja ihrem Jesus Vorwürfe gemacht und ihm gesagt: “Deine Eltern haben dich gesucht. Du hast uns Sorge bereitet, und wir haben diesen langen, langen Weg zurück wieder angetreten.” Jesus sagte seiner Mutter und dem Vater, der da war: “Ja wusstet ihr denn nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?” (Luk. 2, 48 – 49.) Dieses sagte er. Er sei da in dem Hause, das, wie er behauptete, seinem Vater sei. Die andern jungen Menschen, die hatten sich vergnügt und waren weggegangen und hatten den Anschluss an ihre Familien wieder gefunden. Jesus aber blieb im Tempel zurück, und so mussten die Eltern den weiten Weg zurücklegen und ihn holen. Das ist die Wahrheit, und das kann der Christenmensch besser verstehen, wenn ihm die Umstände näher erklärt werden.

Aber warum verheimlicht man solches? Man will es nicht wahrhaben. So darf es auch nicht wahr sein für den Christenmenschen, dass Christus auch Geschwister hatte. Christus hatte doch Geschwister – aber es darf nicht wahr sein. Obwohl es doch festgehalten ist, dass Maria, als sie einmal ihren Sohn Jesus suchen musste – ich sage: wieder einmal –, nicht allein ging, sondern ihre Kinder mitnahm, sodass man Jesus dann sagte: “Deine Mutter ist draussen und deine Geschwister” (Mark. 3, 32). Und was macht man aus diesen Geschwistern? Verwandte. Aus welchem Grunde darf denn Jesus keine Geschwister haben? Ich versuche – ich versuche! – es euch zu erklären, eben weil gerade in dieser Beziehung die Verhältnisse von dazumal schriftlich dargelegt waren; doch man will sie nicht wahrhaben.

Dass dieser Jesus doch mit dem Heranwachsen zunahm an Weisheit und Kraft, steht ja auch in der Heiligen Schrift (Luk. 2, 52). Und so war es doch tatsächlich. Jesus war der Erstgeborene Marias, und nach jüdischem Gesetze hatte der Erstgeborene seine besonderen Rechte. Nun könnt ihr euch vielleicht auch vorstellen, dass in einer Familie, wo Kinder da sind und einer seine Vorzugsstellung hat, es manchmal auch Uneinigkeiten gibt. Man braucht nicht von Streit zu sprechen, ich sage: Meinungsverschiedenheiten. Das ist doch wohl ganz verständlich. Dies gab es ja in andern Familien dazumal auch, und man verschwieg es nicht. Warum sollte es bei der Familie von Jesus nicht auch so gewesen sein? So war doch bei seinen Geschwistern die Möglichkeit sehr gross, dass sie gerade gegenüber ihm eine gewisse Eifersucht hegten. Ich möchte aber nicht unterlassen zu sagen, dass dies in der Zeit ihres Heranwachsens geschah. Ihr sollt euch einmal eure eigenen Kinder in diesem Alter vorstellen, wie sie sich im Gespräch und im Handeln untereinander verhalten – ob da wohl immer alles so reibungslos vor sich geht. Warum sollte es in jener Familie anders gewesen sein? Es heisst auch deutlich, dass Christus, sei es als junger Mensch, als Heranwachsender, oder sei es in der Zeit seiner Lehrtätigkeit, überhaupt einfach als Mensch, den Menschen in allem gleich war. Er fühlte gleich wie die andern.

Aber auch Jesus, der zunahm an Weisheit, musste lernen zu gehorchen, und zwar seinem Vater im Himmel, wie er auch seinen Eltern untertan sein musste. Es war auch so, dass Versuchungen an ihn kamen. Und zwar liess man solches zu in dem Masse, wie man es von ihm erwarten konnte, das Böse zu überwinden. Er wurde doch religiös erzogen nach dem strengsten jüdischen Glauben, und er war ja mit vielem nicht einverstanden. Man betete in der Familie viel, und dieser Jesus hatte eben, gerade was die Lesung der Heiligen Schrift betraf, so vieles zu beanstanden. Er hatte auch zu Hause hierzu immer etwas zu beanstanden, er musste ihnen sagen: “Es ist nicht so.” Und obwohl seine Geschwister jünger waren als er, widersprachen sie ihm eben. Sie hatten es ja noch nicht erfasst, dass Jesus nun mehr war als ein leiblicher Bruder. Sie betrachteten ihn als den leiblichen Bruder. Und Maria hatte eine schwere Stellung. Sie erinnerte sich sehr oft an die Botschaft, die ihr gegeben worden war, und sie erinnerte sich sehr wohl noch an die Geburt sowie an jene Zeit, als sie fliehen mussten. Sie wusste auch, dass die Anweisung dazu auf höherem Wege gegeben worden war. Und sie wusste, dass dieser Jesus eine Bestimmung, einen Auftrag hatte, aber sie wusste nicht genau, welcher Art und Weise. So musste sie einerseits doch die Stellung der andern Kinder verteidigen, anderseits wusste sie, dass es mit diesem Jesus etwas Besonderes auf sich hatte. Sie versuchte, so gut es ging, dieses mit Josef zu besprechen – so gut es ging. Aber es war doch eine Familie da und mehrere Kinder. Es war in dem Lande, wo Jesus lebte, eine Selbstverständlichkeit, dass in der Familie mehrere oder eine grössere Anzahl Kinder waren; es war eher eine Schande, wenn kein oder nur ein Kind da war.

Also warum will man es nicht wahrhaben? Man will nicht zugeben, dass dieser heranwachsende Jesus mitunter Anlass gab für Uneinigkeit unter seinen Geschwistern. Dies bedeutete doch nicht, dass sie in Streit miteinander gelebt hätten. Warum kann denn nicht die volle Wahrheit gesagt werden?

Warum kann denn nicht darauf hingewiesen werden, dass Jesus, als er heranwuchs, wie es heisst, “zunahm in seinem Alter an Weisheit und Kraft” (Luk. 2, 40)? Er verliess ja des Öftern das Haus, ging in die Einsamkeit, um zu beten, und in dieser Einsamkeit hatte er die Verbindung zu seiner Welt geschaffen. Als er das erste Mal vernahm, dass er der Sohn Gottes sei, war dies auch für ihn nicht nur eine Überraschung; sondern es erschütterte ihn, zu wissen, dass er als Gottes Sohn in dieses menschliche Dasein gekommen. Und so hatte man ihm von der göttlichen Welt aus nicht auf einmal gesagt, welchen Auftrag er habe, was er alles zu tun und den Menschen zu sagen habe. Nur langsam, langsam bereitete man ihn vor auf seinen Auftrag, auf die Zeit, wo er hinaustreten sollte. Aber man stärkte ihn frühzeitig, man gab ihm von oben die Belehrung. Er musste seiner Stellung sicher sein, und er musste sich festigen im Glauben an all das, was ihm gesagt wurde.

Dieses wurde Jesus doch allmählich erklärt. So sagte er doch auch später, als er im Auftrage stand: “Alles, was ich zu euch sage, habe ich vom Vater gehört und gesehen.” Ja, er erinnerte sich nicht nur an die Zeit zurück, als er im Reiche seines Vaters lebte, und zwar als König der Geisterwelt; sondern es war ihm auch vor seinem geistigen oder irdischen Auge deutlich gegeben: dass er seinen Vater geschaut und ihn gehört hatte und dass der Vater ihm gesagt hatte, wer er sei. Denn er konnte doch nur hinaustreten und seinen Auftrag erfüllen, weil er innerlich so gestärkt und so tief im Glauben verbunden war – nur so vermochte er doch seine Aufgabe zu erfüllen. Denn von der geistigen Seite aus wollte man Jesus auch alle Möglichkeiten schaffen, um ihn davon zu überzeugen, wer er war. Er musste auch als Mensch diese Überzeugung bekommen. Wohl fühlte er sich von innen heraus gedrängt und hatte in seinem ganzen Wesen doch diese göttliche Kraft in sich, um alles besser zu verstehen – doch dies allein sollte nicht genügen, sondern er sollte auch als Mensch wirklich in nähere Beziehung kommen mit dem Vater. Er sollte alle Beweise dafür bekommen, dass er wahrhaftig der eingeborene Sohn Gottes ist. Im jüdischen Glauben wurden doch die Propheten so verehrt, und das Geschehen um die Propheten wurde ja immer wieder erklärt, und so wurde es auch Jesus auf diese Weise gegeben.

Wie es ihm von dieser Seite her gegeben wurde, zu erleben, wer er war, konnte anderseits auch Luzifer das Seinige versuchen. Jesus wurde ja in die Wüste geführt, und in dieser Wüste kam dann dieser Luzifer und versuchte ihm nahezulegen: “Das ist doch nicht wahr, was du glaubst. Du hast das geträumt.” So musste Christus auch die andere Seite anhören. Aber vorher hatte er die Erlebnisse mit dem Vater, und er wurde davon überzeugt, dass er der Sohn Gottes war – und diesen Glauben konnte man ihm nicht nehmen.

Ich will aber damit zum Ausdruck bringen, dass Christus, wenn er diese Verbindung zum himmlischen Reiche haben wollte, eben die Stille aufsuchen musste, die Einsamkeit, und dass Maria sehr oft bangte, weil er einfach verschwunden war. Er ging von zu Hause fort, und man suchte ihn des Öftern. Man suchte ihn, bevor er seinen Lehrauftrag angefangen hatte, man suchte ihn während der Zeit seines Lehrauftrages. Maria hatte immer Angst um Jesus, weil sie ahnte – man hatte es auch versucht, es ihr auf höhere Art und Weise, durch Inspiration, zu verstehen zu geben –, dass dieser Jesus noch einen schweren Weg vor sich hatte. Und sie wusste darum, dass seine ganze Lehre, die er stets verbreitete, Ärgernis war für die Pharisäer und die Schriftgelehrten und dass jene die Möglichkeit hatten, ihn und die ganze Familie aus der jüdischen Gemeinschaft auszuweisen. Auch solches wäre dazumal eine grosse Schande gewesen. So ängstigte sich Maria des Öftern wegen Jesus.

Dann möchte ich noch Folgendes zur Ergänzung geben: Jesus musste arbeiten, zu Hause arbeiten und mitverdienen. Er musste das Seinige beitragen zum Unterhalt der Familie. Auch er musste arbeiten. Er fand dann eben zwischendurch die Zeit, oder er nahm sich die Freiheit, um wegzugehen. Er ging doch regelmässig in den Tempel, und mit der Zeit kannte man ihn. Dann fragte man sich: “Wer ist es denn überhaupt? Er hat doch keine besonderen Eltern. Er ist doch der Sohn der Maria und des Josef, und es ist doch nichts Aussergewöhnliches an ihnen.” Als Jesus [seine Lehrtätigkeit] anfing, war er schon gut bekannt.

Nun, zu Hause wuchsen ja auch die Geschwister heran, aber es kam doch immer wieder zu kleineren Auseinandersetzungen, weil man einfach anderer Glaubensauffassung war.

Da wurde einmal der Familie Jesu eine Einladung übergeben zu einer Hochzeit eines Verwandten. Und es machte sich die Familie auf und ging zu dieser Hochzeit – und dieses hat man festgehalten, denn da ist ja nichts dabei, woran man Anstoss nehmen könnte, im Gegenteil. Da geschah es, dass zu wenig Wein da war. Und Maria, die wusste, dass Jesus ja eine höhere Aufgabe hatte, ging zu ihm und sagte: “Schau, sie haben zu wenig Wein.” Damit wollte sie sagen: “Du kannst doch [etwas dagegen tun], versuche es.” Und da gab Jesus ihr zur Antwort: “Meine Zeit ist noch nicht gekommen” (Joh. 2, 4). Also mit diesen Worten brachte Christus zum Ausdruck, dass er von der göttlichen Welt, mit der er stets in Verbindung war, noch nicht die Aufforderung bekommen hatte hinauszutreten. Man hatte es ihm zuvor deutlich erklärt, dass er den Auftrag bekommen würde, wenn es Zeit sei, hinauszugehen, um zu lehren. Deshalb konnte er sagen: “Meine Zeit ist noch nicht gekommen.” Denn er wusste um die Dinge, die er wirken würde, man hatte es ihm gesagt. Aber er sagte: “Die Zeit ist noch nicht gekommen.” Dieser Christus betete im Stillen und wartete auf eine Antwort. Und diese wurde ihm gegeben. Also, es war das erste Wunder – wenn man von Wunder sprechen soll.

Und so erlebte es die ganze Gesellschaft, und alle staunten. Und wie mehr staunten seine Geschwister! Jetzt bekamen sie eine andere Einstellung zu ihrem Bruder, jetzt erhielten sie von ihm wahrhaftig einen Beweis. Und dieser war nicht der letzte, es war ja nur der Anfang. Und so fingen sie an, mehr auf ihren Bruder zu hören. Sie hörten auf mit diesen Gesprächen, wie sie sie früher führten, und liessen sich sogar von ihm belehren. Dieses war der Anfang. Denn während der Zeit, als Christus wirkte, hielten auch die Geschwister zu ihm. Sie hatten aber ständig Angst; Angst hatten sie vor der Obrigkeit und auch um ihren Jesus, dass ihm etwas geschehen könnte.

So könnt ihr sehen, liebe Geschwister, dass man in der christlichen Lehre manches verschwiegen hat – weil es nicht wahr sein darf. Warum darf es nicht wahr sein, dass Jesus weitere Geschwister hatte? Es ist doch wohl verständlich: Wenn weitere Geschwister da waren, musste das doch auch, was auch festgelegt war, dann und wann Uneinigkeiten gegeben haben. Aber das tut doch Jesus, seiner Heiligkeit oder Person keinen Abbruch. Es war ja alles menschlich. Doch eben gerade das Menschliche wollte man nicht haben, und zwar von allem Anfang an nicht. Dieses Menschliche, wie es sich wirklich abspielte, sollte nicht so sein und darf nicht so sein. Und warum diese Lüge? Ihr sollt darüber nachdenken.

So versuche ich ja immer, euch etwas nähere Erklärungen zu geben, euch die Wahrheit darzulegen. Und ich weiss, ich habe es nicht einfach, nicht jeder schenkt mir den Glauben. Das ist seine Sache, ob er glauben will oder nicht. [...]

So, liebe Geschwister, ich glaube, für den heutigen Abend habe ich euch genügend zum Nachdenken gegeben. Seid behütet und beschützt vor aller Not und vor jeder Gefahr. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrer Josef vom 17.11.1979 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Der zwölfjährige Jesus im Tempel

Josef, 9. Mai 1981 (Ausschnitt)

Der zwölfjährige Jesus im Tempel

Josef: Als Jesus zwölf Jahre alt war, gingen seine Eltern mit ihm – wie es das jüdische Gesetz verlangte – in den Tempel, um ihn den Schriftgelehrten und den Pharisäern vorzustellen. Da muss ich euch nun auch einmal eine Erklärung über diesen Tempel geben, denn die Vorstellungen der Menschen darüber sind doch so verschieden. So macht sich der eine seine eigene Vorstellung, während ein anderer versucht, in Büchern nachzusehen und ausfindig zu machen, wie dazumal dieser Tempel aussah. Nun möchte ich zuerst auf Folgendes aufmerksam machen: Es steht geschrieben, dass Christus die Händler aus dem Tempel hinausjagen musste. Dieser Tempel hatte nämlich verschiedene Hallen oder verschiedene Abteilungen, verschiedene Orte. Man konnte in diesem Tempel auch schlafen, sich verpflegen, darin wohnen; es gab da gewisse Abteilungen, wo die Menschen sich niederlegen konnten. So gab es auch eine Prophetin [Hanna], die die letzten Jahre ihres Lebens nur im Tempel verweilte und ihn nicht verliess und immer betete (Luk. 2, 36 –37). Sie aber musste sich doch auch verpflegen und bestimmt auch schlafen.

Aber die Ansprüche damals waren anderer Art als die eurigen. Die Menschen zu jener Zeit und an jenem Ort hatten keine solche Liegestätte, wie ihr es habt. Sie schliefen am Boden. Man legte eine Matte, vielleicht ein Kleidungsstück oder sonst ein Stück Tuch, so man eines hatte, auf den Boden und schlief. Es gab im Tempel auch die Möglichkeit, sich zu verpflegen. Es hatte – wie man ja aus dieser Erklärung von Christus weiss – Händler hier, Geschäfte wurden getätigt, im Hause Gottes. Ja man hatte auch Tiere hineingeführt und mit ihnen gehandelt. Es gab also genug Möglichkeiten zur Verpflegung.

Als nun Maria und Josef an diesem Osterfest, wie es üblich und Sitte war, nach Jerusalem pilgerten, gingen sie zusammen mit andern Menschen; in den Schriften ist die Rede von einer “Reisegesellschaft” (Luk. 2, 44). Jesus sonderte sich dann im Tempel von seinen Eltern etwas ab, denn für Maria und Josef gab es da viele Möglichkeiten, Bekannte und Verwandte wiederzusehen, die auch zu diesem Feste gekommen waren. Es gab im Tempel einen Ort, den man für besonders heilig hielt, wo man beten konnte; aber im Verhältnis zur gesamten Anlage war es ein kleiner Platz. Denn die Menschen, die zu diesem Tempel kamen, unterhielten sich miteinander; man sprach miteinander über Familienangelegenheiten und auch über Geschäfte. Und es gab eben, wie ich erwähnte, gewisse Abteilungen, wo man schlafen konnte, wo die Menschen, die im Tempel lebten, auch ihre Ruhe haben konnten – wo dies auch beachtet wurde. Es gab also viele Gelegenheiten, viele Möglichkeiten in diesem Tempel.

Nun gab es auch einen Raum, wo man sich über die Heilige Schrift unterhielt, das heisst eigentlich: Man las die heiligen Schriften , es gab Bücher oder das heilige Buch, und dieses wurde den Anwesenden oder im Besonderen den Pharisäern, den Schriftgelehrten in die Hand gegeben, und sie lasen aus der Gesetzgebung und aus den Propheten; und jeder hatte seine Anmerkung dazu zu sagen. Wohl war das, was in diesem heiligen Buche stand, von den Propheten gegeben worden; aber zum Teil war es von denen, die es niedergeschrieben hatten, nicht verstanden und verdreht worden – es war also zum Teil falsch. Wenn da nun vorgelesen wurde, war es ja im Allgemeinen so: Die Zuhörer – und das waren im üblichen Sinn die Leute, die da kamen – waren so respektvoll gegenüber diesen Pharisäern, diesen Schriftgelehrten. Denn diese waren die Regierenden und die wichtigen, wenn nicht die wichtigsten Personen, denen man auch den notwendigen Respekt zu zeigen hatte. Wenn nun aus diesem Buch gelesen wurde, da getraute sich niemand zu sagen: “Ja das ist falsch.” Dazu ist vielleicht noch zu bemerken, dass diese Anwesenden, die da zuhörten, ja gar nicht sagen konnten, es sei falsch – sie wussten es ja gar nicht, ob es falsch oder ob es richtig war. Sie glaubten doch: “Das muss doch richtig sein. Das heilige Buch wird ja im Tempel aufbewahrt und wird von denen gelesen, die die Wahrheit wissen. Also muss es doch wahr sein.” Sie hätten sich auch niemals getraut zu widersprechen, denn sie hätten Angst gehabt, sie würden von diesen Menschen bestraft oder ausgestossen. So schwiegen sie. Sie schwiegen aus Angst, und sie schwiegen, weil sie auch keine weiteren Erkenntnisse hatten.

Dieser Jesus aber, der sich eben unter diese Schriftgelehrten stellte und zuhörte, was sie sprachen, er getraute sich zu widersprechen. Er erklärte ihnen, dass es nicht stimme, dass es falsch sei, was sie da sagten. Und diese staunten. Das könnt ihr euch doch wohl vorstellen. Ein Knabe von zwölf Jahren getraut sich, einem Schriftgelehrten zu sagen: “Was du da liest, ist nicht richtig. Richtig ist es so ...”, und er legte es ihnen aus. Sie interessierten sich für ihn, bewunderten ihn, aber sie nahmen ihn nicht ernst. Denn er war für sie ja ein Knabe, der doch keine Erkenntnis haben konnte. Sie ahnten und wussten ja nicht, wer dieser Knabe war.

So verweilte Jesus bei diesen Schriftgelehrten, aber auch er wurde nach gewissen Stunden müde, und auch er zog sich zurück in jene Halle und legte sich zum Schlafen nieder. Denn er hatte ja auch eine lange Reise hinter sich, und zwar waren sie zu Fuss gegangen. Und da er ja, ob Knabe oder erwachsen, dem Menschen in allem gleich war, fühlte er sich auch müde und hatte Hunger und Durst. Er verpflegte sich selbstständig, eben auch in diesem Tempel; denn es waren genug Händler da und Möglichkeiten zur Verpflegung. Und was ich nicht unterlassen will zu sagen: Maria hatte Jesus etwas Geld gegeben, damit er sich verpflegen konnte, falls er durstig oder hungrig würde. Aber es war nicht viel, was er bekam.

Dass ausgerechnet Maria daran gedacht hatte, Jesus etwas zu geben, ist auch nicht so selbstverständlich. Zwar wurde Maria ja auch von einem Geist Gottes begleitet, aber dieser Geist Gottes hatte nicht immer die Möglichkeit, so zu wirken, im geistigen Sinne, wie es notwendig gewesen wäre. Denn Maria hatte ja noch mehrere Kinder, und sie musste ihre Aufgaben als Mutter erfüllen; ihre Zeit war voll und ganz mit Arbeit ausgefüllt. In ihrem Herzen aber wusste sie, dass mit Jesus etwas Besonderes vorgesehen war. Was es genau war, wusste sie nicht. Sie erinnerte sich an die Botschaften, und sie erinnerte sich auch an die Zeit, da sie empfangen hatte, auf welche Art und Weise es geschah. Und so wusste sie: “Es ist etwas Besonderes mit ihm”, doch sie verstand die Worte, die man ihr dazumal gegeben hatte, ja auch nicht – sie fügte sich dem Willen Gottes.

Als dann das Fest vorüber war, gingen die Leute wieder aus dem Tempel und machten sich auf den Heimweg. Und so nahm auch Maria an, dass Jesus mit dabei wäre. Er war ja sonst gehorsam, und so glaubte doch Maria, dass Jesus auch wieder bei diesen Leuten wäre, mit denen sie gemeinsam hergekommen waren. Doch als sie einen Tag gelaufen waren und nach diesem Jesus suchten, fanden sie ihn nicht. So ging Maria mit Josef ja wieder zum Tempel zurück, und sie fanden ihn im Gespräch mit diesen Pharisäern und Schriftgelehrten. Maria kam zu Jesus und sagte: “Was hast du uns angetan, dass du nicht mitgekommen bist? Du hast uns Leid und Schmerz zugeführt.” Und ihr kennt die Worte, die Jesus sagte: “Wisst ihr denn nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?” Aber es heisst auch in der Schrift: “Und sie verstanden nicht, was damit gemeint war.” (Luk. 2, 43 –50.) Zu jener Zeit konnte man es nicht verstehen, denn der Tempel war schliesslich das Haus des Vaters für alle. Aber die Worte Christi bedeuteten etwas ganz anderes. Er selbst sprach diese Worte ohne jede weitere Erklärung; denn er wurde ja zu jener Zeit, wo es darum ging, diese Heilige Schrift auszulegen, von Geistern Gottes geführt. Geister Gottes legten ihm die richtigen Worte in den Mund. So vermochte er jenen Antwort zu geben, und – ja, vielleicht sogar, wenn ich dieses Wort aussprechen darf – hartnäckig beharrte er auf seiner Ansicht.

Als seine Eltern im Tempel erschienen, musste er diesen verlassen und mit ihnen gehen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten erkundigten sich über diesen Jesus, wer denn das wohl sei; denn sie fanden, er habe recht klug geantwortet. Aber einverstanden waren sie nicht mit dem, was er gesagt. Sie hatten sich eine Zeit lang mit ihm beschäftigt, aber nachher schenkten sie ihm keine weitere Aufmerksamkeit mehr – bis dann die Zeit kam, als dieser Knabe Jesus herangewachsen war. Denn mit dem Heranwachsen entfaltete sich bei ihm auch Weisheit und Klugheit. Dabei möchte ich nicht unterlassen, auch zu betonen, dass Jesus lesen und schreiben konnte, dass Maria ihm dieses ermöglichte. Sie hatte sich dafür Lehrer ausgesucht. Es waren dies zum Teil Lehrer, die in den Betsälen die Heilige Schrift lasen; es waren zum Teil Bekannte, auch Verwandte von Maria selbst. So war es ihr möglich, dass Jesus diese Schulung gegeben, dass ihm das Lesen und Schreiben beigebracht werden konnte. Und es braucht wohl keine weitere Erklärung, wenn ich betone, dass er ein sehr gelehriger Schüler war.

Für diesen Unterricht musste Maria aber zahlen, denn umsonst wurde keiner unterrichtet. Ich möchte auch nicht unterlassen zu sagen, dass es gerade in den Betsälen und in den Synagogen die Möglichkeit gab, Kinder unterrichten zu lassen; es gab da einen Raum, wo es solche Lehrer hatte, die den Kindern Unterricht gaben, ihnen das Lesen und Schreiben beibrachten. Es war aber im Allgemeinen nur – ich muss jetzt dieses Wort gebrauchen – angesehenen oder bemittelten Leuten möglich, ihre Kinder unterrichten zu lassen; nur jenen war es möglich, die das notwendige Geld dafür hatten oder die Tauschmittel, denn zu jener Zeit wurde auch noch getauscht.

Jesus, der nun ein gelehriger Schüler war, versuchte zu Hause das, was man ihm beigebracht hatte, auch den älteren seiner jüngeren Geschwister beizubringen. Er übertrug also auch seinen Geschwistern etwas von seinem Können. Denn Maria konnte es sich nicht leisten, alle ihre Kinder auf diese Weise unterrichten zu lassen. Aber Jesus tat das Seinige, und so seine Geschwister willens waren, gab er ihnen das Gelernte weiter, und so lernten auch sie schreiben und lesen.

In dieser Weise, liebe Geschwister, ist in der christlichen Lehre für euch Menschen sicherlich viel Wertvolles zu erfahren, das mithilft, die Bindung zum Glauben zu festigen. Denn wenn das, was in der Heiligen Schrift festgelegt ist, einfach nur kalt wiedergegeben wird, so wird es nicht verstanden im wahren Sinn.

Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrer Josef vom 9.5.1981 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Fragen und Erläuterungen

Josef, Fragebeantwortungen aus den Jahren 1953 und 1980

Fragen und Erläuterungen

Es gibt mediale Schriften, die besagen, dass Christus schon als Kind grosse Wunder vollbracht hätte. Was ist davon zu halten?

Josef: Ich kann nur sagen, dass es nicht stimmt. Menschen, die solche Dinge schreiben, glauben dann, dass sie Christus damit verherrlichen. Sie haben gar keine richtige Vorstellung von Christus. Auf diese Weise haben sich so viele Irrlehren eingespielt. Es gibt heute noch Menschen, die Christus nur deshalb und auf diese Weise verherrlichen, weil so viele Christus und Gott als dieselbe Person betrachten und ihm so zumuten, dass er doch schon als Kind fähig gewesen wäre, solche Dinge zu vollbringen, die für andere unmöglich sind.

Christus hatte wohl einen besondern geistigen Schutz. Aber er erlebte seine Kindheit so wie alle andern Kinder auch. Das andere ist aus dem Reich der Phantasie. Denn ihr wisst doch selbst, wann Christus das erste Wunder vollbrachte – wenn ich von Wunder sprechen darf –, wie er seiner Mutter antwortete, als sie ihn bei jenem Gastmahl aufmerksam gemacht hatte, dass zu wenig Wein da sei. Seine Worte waren: “Meine Zeit ist noch nicht gekommen!” Dann aber betete er, und er durfte dort schon damit beginnen. (1953)

Wann hat Jesus erfahren, dass er der Sohn Gottes ist?

Josef: Jesus war schon mit zwölf Jahren mit den Pharisäern im Tempel ins Gespräch gekommen und hatte ihnen die Schrift anders ausgelegt, als es die Schriftgelehrten zu tun pflegten. Er war damals inspiriert, und von sich selber wusste er, dass er in der Welt eine Aufgabe erfüllen musste, dass er ein von Gott Gesandter war, so wie ein Prophet. Er wusste damals noch nicht, dass er Gottes Sohn ist; aber er wusste, dass er ein von Gott Gesandter war – das wusste er. Erst später, aber noch lange vor seiner Lehrtätigkeit – es ist für mich gefährlich, Jahre zu bezeichnen –, ich möchte sagen, als er über das Jünglingsalter hinaus war und er des Öftern in die Wüste ging, seine Verbindung zu Gott immer enger wurde und er ins Gespräch mit der göttlichen Welt kam, da wurde es ihm gesagt, dass er ein hoher Geist ist. Das wurde ihm frühzeitig gesagt; aber es wurde ihm noch nicht wörtlich gesagt, dass er der Sohn Gottes ist. Dies kam erst später.

Als er es erfahren hatte, offenbarte er dies seiner Familie aber noch nicht. Denn er hatte ja in seiner Familie ständig Schwierigkeiten wegen seiner Ansichten; und er wusste, wenn er jetzt plötzlich kommen und einfach so zu Josef sagen würde: “Du bist nicht mein Vater; ich bin der Sohn Gottes”, dass doch hauptsächlich seine Geschwister ihm nicht glauben und ihm entgegenhalten würden: “Das ist doch nicht wahr, denn du bist doch unser Bruder!” Man soll sich doch diese Schwierigkeiten vorstellen.

Maria hingegen wusste von Anfang an, seit der Verkündigung seiner Geburt, dass dieser Jesus etwas Besonderes sein würde. Aber auch sie wusste es ja nicht in dem Sinne, dass er der eingeborene Sohn Gottes war. Sie wusste, dass er eine bedeutende Aufgabe im Leben zu erfüllen hatte; sie wusste, dass Jesus so viel wie ein Prophet war. Aber nähere Aufklärung darüber hatte sie nicht; sie war selbst im Unklaren darüber, obwohl ihr bei der Verkündung doch gesagt wurde, dass er die Sünden der Welt wegnehmen werde. Dies alles war damals eben bildlich dargelegt worden, sodass Maria nicht richtig verstehen konnte, was damit gemeint war. Denn mit diesen Erklärungen, die gegeben wurden, konnte sie nicht viel anfangen, sie konnte es also einfach nicht verstehen.

Als dann Jesus aber schliesslich seiner Familie doch offenbarte, dass er der Sohn Gottes sei, ja, da gab es schon ein Staunen. Und man war gar nicht begeistert über diesen Ausspruch. Denn ihr müsst euch vorstellen: Jesus war, wie es heisst, den Menschen in allem gleich. Auch er hatte in seiner Jugend manches getan, wofür er getadelt werden musste – Dinge, wie sie jeder heranwachsende junge Mensch tut. Er war auch nicht immer so gehorsam. Das ist ganz verständlich.

Aber solche Dinge werden in der christlichen Lehre nicht offenbart. Jesus wird so hingestellt, als wäre er einfach schon von Kleinkind an etwas Besonderes gewesen. Und das entspricht nicht der Wahrheit, denn es heisst: “Er wurde den Menschen in allem gleich.” In dem Masse, wie Jesus heranwuchs und verständiger wurde, ist von ihm auch mehr verlangt worden. Dann verlangte auch die Gotteswelt von ihm mehr Gehorsam und stellte grössere Ansprüche an ihn; und so wie er sich fügte, hatte sie dann auch mehr Einfluss auf ihn. Und wenn er etwas Falsches getan hatte, wurde er auch von der Geisteswelt gerügt; er erhielt in gewissem Sinne auch eine Strafe dafür – eine für ihn vernehmbare oder sichtbare Strafe, wenn er etwas offensichtlich Falsches getan hatte. Auf diese Weise lernte er auch den Gehorsam. Er achtete und hörte mehr auf seine innere Stimme, und so wurde er eigentlich im Geiste erzogen.

So wie er heranreifte und erwachsen wurde und man ihm immer mehr an Aufgaben übergeben und mehr zumuten konnte, wurde ihm sukzessiv etwas mehr erklärt. Und dann kam die Offenbarung: “Du bist der Sohn Gottes” – und nun wusste er es. Aber man sagte ihm: “Behalte es vorerst für dich; wir werden dir sagen, wann es Zeit ist, es zu verkünden.” So behielt er es längere Zeit für sich – ich möchte euch dafür keine Jahre nennen, denn dies ist für mich eine ganz gefährliche Angelegenheit. Ich kann nur sagen: Er wusste es lange Zeit, bevor er es jemandem sagte, dass er der Sohn Gottes ist. Er behielt es aber für sich, und er hörte es dann, als die Engel ihm sagten: “Jetzt ist es Zeit, jetzt kannst du es offenbaren.” Und dann konnte er es sagen: “Ich bin der Sohn Gottes.”

Er selber bekam die Bestätigung dafür bei der Taufe durch Johannes den Täufer. Für alles, was er jeweils hellhörend, hellfühlend und hellsehend wahrgenommen hatte, bekam er im Laufe der Zeit immer die Bestätigung. Er musste ja als Mensch die Bestätigung haben, er musste auch wirklich sicher sein, dass er der Sohn Gottes ist. Und so wie er auf alles immer eine Bestätigung erhalten hatte, so war es auch hier: Er hat durch Johannes die Bestätigung bekommen, und er hörte es selber von dieser Stimme aus der Wolke: “Dies ist mein geliebter Sohn.” Wohl hatte er dies eine gewisse Zeit vorher bereits erfahren, aber er hatte noch keine präzise Bestätigung dafür bekommen. Diese Bestätigung hat er bei der Taufe erhalten.

Von da an wurde auch Jesu Verhältnis zur geistigen Welt ganz anders. Als die Stimme verkündete, dass er Gottes Sohn ist, hatte dies ja auch Luzifer gehört. Daher ging dieser von da an mit ganz anderen Mitteln gegen Jesus vor. Jesus war jedoch innerlich gestärkt worden. Er brauchte diese innere Festigkeit und Überzeugung, um den Versuchungen widerstehen zu können. Nur weil er innerlich so gekräftigt war, vermochte er zum Satan zu sagen: “Weiche von mir!” Er konnte dieses sagen, er war innerlich so gefestigt und hatte dann die Unterstützung von den Engeln.

Aber, lieber Josef, als der zwölfjährige Jesus im Tempel geblieben war und die Eltern ihn suchten, gab er ihnen doch zur Antwort: “Darf ich nicht im Hause meines Vaters sein?” Ist dieser Satz ein späterer Einschub?

Josef: Dieser Satz besagt doch gar nicht, dass Jesus sich damit als Sohn Gottes bezeichnet hatte. Jeder Prophet kann doch sagen: “Darf ich nicht im Hause meines Vaters sein?”

Heft 3/2017
Preis USD 4.00
21 Seiten, 21 × 29,7 cm