GL Zürich Login Plus
Mehr Inhalte entdecken: Audioarchiv, Onlineliteratur – mittlerweile über 50 Bücher –, Stichwortsuche sowie Fragen und Antworten.


Die Lehre Christi hat im Laufe der Jahrhunderte viel von ihrer Wahrheit und ihrer Lebendigkeit verloren. In diesem Themenheft geht Geistlehrer Josef dieser Entwicklung nach. Er gibt einen Einblick in die Verhältnisse des Urchristentums und zeigt auf, wie im Gegensatz zu späterer Zeit die ersten Christen noch eine lebendige Verbindung zur jenseitigen Welt pflegten. In den Gottesdiensten sprachen heilige Geister durch den Mund medialer Menschen, gaben Belehrungen und Anweisungen. Auf diesem Weg bestimmte die Gotteswelt auch die Leiter der Gemeinden, die sogenannten Bischöfe. Diese Leiter besassen ebenfalls mediale Fähigkeiten. Als mit der Zeit immer mehr Persönlichkeiten mit weltlichem Ansehen und Reichtum zum Christentum übertraten und sich die Kirche zu einer Macht entfaltete, wurden die medialen Mittler und damit die Geister der Wahrheit zusehends zurückgedrängt. Denn man war nicht mehr einverstanden damit, wenn heilige Geister durch den Mund oft einfacher Menschen zu Demut und Bescheidenheit mahnten und auch Tadel erteilten, wenn gegen Gebote Gottes verstossen wurde.
Josef, 23. April 1972
Die Lehre Christi hat im Laufe der Jahrhunderte viele Veränderungen erfahren und von ihrer Lebendigkeit verloren. Am Anfang des Christentums waren die Wurzeln der Lehre gesund und kräftig. Doch schon bald nach dem Heimgang des Erlösers wurden diese Wurzeln beschädigt, und sie fingen an zu kranken. Wenn heute über den Zerfall der Kirche geklagt wird, so ist dieser Zerfall ein Beweis dafür, dass das, was einst mit Macht und Gewalt aufgebaut wurde, nicht richtig ist. Denn was wahr und gottgewollt ist, zerfällt nicht. Durch die heutige Freiheit im Denken ist es dem Christen möglich, an den Ursprung zurückzukehren, an die Quelle, wo die Wahrheit in ihrer Reinheit fliesst.
Josef: Gott zum Gruss.
Himmlischer Vater, ich bitte Dich für die Deinen: Blicke mit Wohlgefallen auf sie nieder, und gib ihnen die Kraft, das zu verstehen und zu begreifen, was ihnen hier gesagt wird. Dank sei Dir für alle Wohltaten, die Du den Deinen gibst.
Meine lieben Freunde, es ist nicht das erste Mal, dass ich in dieser Stadt [St. Gallen] sprechen kann. Ich habe Freunde, die von der näheren und weiteren Umgebung hierhergekommen sind, um mich zu hören. Es sind aber auch Zuhörer hierhergekommen – und ich möchte sie auch Freunde nennen –, sie hören das erste Mal auf diese Art und Weise eine geistige Belehrung. Für jene, die mit dieser Geisteslehre vertraut sind, ist das Dargebotene nichts Besonderes, nichts Neues; ja sie sind sogar bedacht darauf, wenn möglich von uns immer wieder etwas Wissenswertes, etwas Besonderes zu hören. Wenn ich aber die Gelegenheit habe, auch zu Freunden zu reden, die man vielleicht für die Gemeinschaft gewinnen möchte, so kann ich selbstverständlich nicht auf die Art und Weise reden und die Belehrungen geben, die meine Freunde von mir verlangen und die sie gewohnt sind zu hören. Ich muss doch Verständnis haben für all jene, die keine Ahnung von all dem haben, was hier geboten wird. So fragen sich nämlich die einen: “Ja, ist es denn überhaupt notwendig, dass wir auf diese Art und Weise vom Leben nach dem Tode etwas erfahren? Es soll für uns doch selbstverständlich sein, dass wir nach dem irdischen Tode in das Reich Gottes zurückkehren.” So sprechen die einen, aber ohne irgendwelche Überzeugung und sozusagen gedankenlos. Denn was die Ewigkeit anbelangt, da haben sie verschiedene Auffassungen. Und es sind gerade auch Christenmenschen, die wollen auch nicht einmal gelegentlich das Wort “Gott” aussprechen, sondern sie begnügen sich dann mit dem Worte “Vorsehung”; denn sie möchten unter ihren Mitmenschen nicht den Eindruck erwecken, sie könnten vielleicht allzu fromm sein. So verwenden sie dann nicht einmal das richtige Wort. Und im Weiteren reden sie oft statt von Gott von einer Kraft – einer Kraft, die überall sei, und das könne eventuell Gott sein.
Es ist eigentlich eine traurige Angelegenheit, auf welche Art und Weise die Christen orientiert werden. Und warum denn eigentlich? Warum sind sie nicht eingeweiht und unterrichtet über die wirkliche Wahrheit, über die geistige Welt? Warum beschäftigen sie sich denn nicht mit dem, was nach ihrem Tode kommt? Wie oft müsst ihr es vernehmen, dass Mitmenschen zu euch sagen: “Ich will nichts von dem hören, was nach dem Tode kommt; das interessiert mich nicht. Wenn es etwas gibt, dann werde ich es noch früh genug erfahren.” Und andere wiederum haben keine Ahnung, sie wissen nicht, was da vor sich geht. Sie selbst sind in Unsicherheit, sie wissen nicht richtig, was sie sich vorstellen müssen. Das ist eigentlich wirklich traurig; denn man erlebt doch immer wieder in gewissen Abständen die christlichen Botschaften, die von der Kirche verkündet werden und auf deren Grund doch die christliche Lehre hätte aufgebaut sein sollen. Es wird die Botschaft von der Weihnacht, von der Geburt des Erlösers, verkündet. Es wird erklärt, dass die Engel Gottes Gesang verbreitet hätten und dass Hirten auf dem Felde diesen überirdischen Gesang gemeinsam vernommen hätten. Im Weiteren brauche ich euch die Einzelheiten nicht zu erklären von der ganzen Führung vom Leben dieses Christus bis zu seinem Tode. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass ja auch das Osterfest als eine Botschaft von Christi Leiden und Sterben der Christenheit verkündet wird; und es folgt das Fest der Auffahrt, und es kommt das Pfingstfest – diese Feierlichkeiten sind doch nichts anderes als das Grundprinzip der christlichen Religion. Das sollte wahrlich im religiösen Leben und in der Verkündung lebendig verbreitet werden; als eine Lebendigkeit sollte es unter die Christen hinausgetragen werden.
Von dieser Lebendigkeit ist doch wahrlich nicht mehr viel vorhanden. Denn ihr kämpft ja selbst und klagt ja selbst über den Zerfall der christlichen Kirche. Kann denn etwas, das von Gott gewollt ist, zerfallen? Oder ist es vielleicht eben so, dass etwas zerfallen muss, weil es nicht gottgewollt, weil es nicht lebendig ist, weil es nicht die Wahrheit enthält? Ihr könnt sicher sein: Etwas, was gottgewollt ist, wird nicht zerfallen.
Etwas kann an dieser Angelegenheit [an den von der Kirche verkündeten Botschaften] nicht stimmen. Wir können uns über die Menschen nur wundern. Wenn es um die Wissenschaft geht, dann versucht man, alles zu ergründen, wirklich im Kleinsten zu zerlegen und zu ergründen, und man versucht Beweise zu liefern.
Wenn ich doch versuchen darf, euch im Geiste in jene Zeit zurückzuführen, wo Christus diese Lehre verkündet hat, und wenn ich euch darauf aufmerksam machen darf, was denn überhaupt heute aus dieser christlichen Lehre geworden ist, welche Unterschiede in der Verkündung zwischen dazumal, wo die Quelle in ihrer Reinheit sprudelte, und heute bestehen – so wird man verstehen, dass es einen Zerfall geben muss. Aber warum hat man diese Wahrheiten nicht längst ergründet? Ich kann euch einigermassen die Antwort darauf geben. Am Anfang waren in der christlichen Lehre die Wurzeln gesund und kräftig. Es dauerte aber nach dem Heimgang des Erlösers gar nicht allzu lange, da wurden diese Wurzeln der christlichen Lehre eben beschädigt, und sie fingen an zu kranken. Es war nicht mehr das, was Christus gegeben hatte. Als er predigte, als er das Wort Gottes verkündete, hat er Kranke geheilt. Und es sind auch Ungläubige gekommen, um zuzuhören. Diesen Ungläubigen aber, die krank waren, ging es in erster Linie um das Gesundwerden. Denn zu jener Zeit gab es ganz furchtbare Krankheiten; Menschen mussten Schmerzen ertragen, denn sie hatten nicht die Mittel zum Mildern der Schmerzen, wie sie heute die Menschen haben – das gab es nicht. Und es gab nicht solche Ärzte, wie ihr sie heute habt. Dann war man einfach krank, man trug die Schmerzen und musste eben recht früh sterben. Etwas anderes gab es nicht. Und so soll man sich doch vorstellen, oder ihr könnt es euch selbst vorstellen, wie es denn einem Menschen zumute ist, wenn er weiss, dass ihm niemand hilft – und er muss sterben, und er möchte gar nicht sterben. Er versteht die Lehre nicht, die da verkündet wird, aber er hat Vertrauen, er hat Hoffnung, und er möchte ja nur eins: Er möchte gesund werden.
So gingen sie eben zu ihm, zu diesem Wundertäter, wie sie ihn auch nannten. Er kannte doch diese Menschen, er sah in ihr Denken, und so musste er sie fragen: “Glaubst du an mich?” Und diese sagten: “Ja, ich glaube.” Ja, sie wollten gesund werden; sie glaubten daran, denn sie wussten, dass er schon so viele geheilt hatte. Und dann durfte er doch die bescheidenen Worte sagen: “Dein Glaube hat dir geholfen.”
Die Apostel, die in der Anfangszeit die christliche Lehre verkündeten, taten es mit viel Lebendigkeit. Und die Menschen, die wahrlich glauben konnten, waren so erfüllt von ihrem Glauben und waren bereit, auch den schwersten Weg zu gehen. Denn dazumal hat man diese ersten Christen verfolgt. Und ihr wisst doch, dass man sie als lebendige Fackel gebraucht hat. Voller Mut sind sie in den Tod gegangen, und sie haben gesungen unter den Schmerzen. Das war noch ein lebendiger Glaube – das war ein Glaube! Und später kam Macht in diesen Glauben hinein. Christus hatte, als er gewirkt, keine Macht, keine Gewalt angewandt. Hätte er diese Gewalt angewandt, hätte er ja bestimmt nicht am Kreuz sterben müssen. Aber er hatte seine Aufgabe vor sich; er wusste, warum er in diesen Tod gehen musste. Weiteres darüber kann ich euch in dieser Stunde nicht erklären. Aber ich möchte euch erklären, was aus dieser Gewalt geworden ist, die sich plötzlich entfaltet hat und zu einer Macht geworden ist, teils, darf man vielleicht auch sagen, aus lauter Übereifer, aber auch aus Machtgier, aus Ehrgeiz, aus Geltungsdrang. Eine [kirchliche] Macht wurde aufgebaut, und diese Macht fing an zu regieren, und man war nicht mehr geneigt, die Lehre so anzunehmen, wie sie Christus und die Apostel – im Besonderen Paulus – verkündet hatten. Denn da wurden sie ja seinerzeit aufgerufen zusammenzukommen, und sie taten es in einem Familienkreis, da kam man zusammen; man brauchte keine Kirche, kein steinernes Gebäude. Man tat sich zusammen da und dort, in den Privathäusern; da hat man gemeinsam gebetet. Dann konnte ein Geist Gottes einen Menschen erfüllen, er konnte sich zu Wort melden. Er kam zu Wort und redete zu den andern, und man nahm an, was gegeben wurde.
Aber auch schon dazumal war die grösste Gefahr überall dort, wo ein Geist Gottes anfängt, Menschen zu tadeln. Denn dann fängt man an, jene Mittler zu meiden, durch die man von einem Geist Gottes getadelt wird. Man mag sie nicht mehr leiden. Die Christen von dazumal, die in ihrem tiefen Glauben waren, sie nahmen an, was ein Geist Gottes sagte, und sie taten Busse. Aber diese Lehre hatte sich so entfaltet und verbreitet und wurde zur Macht – man fand es überflüssig und unsicher, dass da und dort ein vielleicht sogar ungeschulter, bescheidener Mensch das Wort Gottes sprach. Man glaubte ihm nicht, es gefiel einem nicht, was da alles erklärt wurde. Denn man sprach von Opfer und vom Geben, von Güte und von Barmherzigkeit. Das passte nicht in jene schon aufgebaute kirchliche Ordnung. Und so wollte man sie nicht mehr, diese von der Gotteswelt ausgewählten Menschen, die das Wort Gottes aussprechen und verkünden sollten. So ging es ... Menschen haben die Macht übernommen, sie haben eine eigene kirchliche Ordnung geschaffen, und sie haben ihre eigenen kirchlichen Würdenträger gewählt. Sie befanden es nicht für nötig, sie von einem Geist Gottes wählen zu lassen. Ja, man behauptete sogar, jene Menschen würden unter dem Einfluss eines hohen Geistes die Berufung [zum kirchlichen Würdenträger] vornehmen, obwohl das mit einem heiligen Geiste doch nichts zu tun gehabt hat.
Ich erwähne dies eigentlich ungern. Aber anderseits werde ich vor der Wahrheit nicht zurückschrecken; denn ich spreche die Wahrheit, und die Wahrheit muss wieder unter die Christenheit kommen. Denn dieser Zerfall [der Kirche] von heute ist der Beweis dafür, dass das, was im Grunde aufgebaut wurde, falsch war. Was von Gott ist, zerfällt nicht. Aber was Menschenwerk ist, fällt in sich zusammen, und es kommt die Stunde, wo nichts mehr vorhanden ist von all dem, was man heute noch lobpreist. Aber es sind noch keine zweitausend Jahre seit Christi Leben auf Erden, und die Menschheit geht noch weiteren Tausenden von Jahren entgegen, und man wird sich einmal daran erinnern, auf welche Art und Weise jenes Christentum aufgebaut wurde und in welchen Jahren es zerfallen war. Es muss zerfallen. Denn dazumal wurde diesen Menschen die Wahrheit nicht gegeben. Man hatte aus der christlichen Lehre das gemacht, was einem gefiel, und den Gläubigen unterbreitet, was einem gefiel. So hat man diesen Gläubigen viel verschwiegen, unendlich viel. Und so ist der heutige Abgrund nur das Resultat von dem, was eben einst falsch gemacht worden ist.
Ich möchte mich ganz besonders an gewisse Menschen wenden, indem ich versuche, sie an diese verschiedenen Konzile zu erinnern, zum Beispiel die Konzile von Konstantinopel, um nur einige von ihnen zu erwähnen. Da haben sich die Kirchenfürsten zusammengetan und haben gestritten und waren sich nicht einig, was sie den Gläubigen darzulegen haben. Ja, liebe Geschwister, es ist kein Ruhmesblatt, und man versucht es eben zu verschweigen mit schönen Worten. Kann man denn einerseits dem lieben Gott dienen und auf der andern Seite dem Teufel? Das ist doch wirklich nicht möglich. Das kann man nicht. Ihr sollt selbst in der Kirchengeschichte zurückblättern, in die früheren Jahrhunderte, und sollt euch einmal wirklich in dieser Beziehung belehren lassen. Ihr werdet die Bestätigung finden für das, was ich sage. Und wenn ihr ehrlichen Herzens und ehrlicher Seele sein wollt, müsst ihr mir recht geben. Es kann nicht etwas gedeihen, wenn die Wurzel krank ist. Es kann kein Blühen geben, kein Gedeihen. Es ist einfach unmöglich. Und wenn es noch so lange angedauert hat, ist es wohl darauf zurückzuführen, dass man mit viel Gewalt und viel Macht, mit einer Schreckensherrschaft, gewaltet und geschaltet hat.
Ich möchte auf den Fortschritt des Menschen hinweisen. Der Mensch ist auch fortschrittlicher geworden in seinem Denken. Er hat eine Freiheit, die er sich heute nehmen darf. Diese Freiheit ist Gold wert. Wenn vielleicht zum heutigen Zeitpunkt durch die Freiheit, die sich da der eine oder andere nimmt, auch überbordet wird, so wird trotzdem der Zeitpunkt des goldenen Ausgleichs kommen. Auch jene, die überborden, können geistig reifer werden und zu besseren Erkenntnissen kommen. Aber diese Freiheit des Geistes hat doch dazu geführt, sich von dem abzuwenden, was man nicht mehr bejahen kann, was man nicht mehr verstehen und begreifen kann. Heute treten hauptsächlich diese jungen Menschen vor die älteren hin und verlangen Aufklärung und sagen, dass diese oder jene Dinge nicht möglich seien; sie werden die Übermacht haben, sodass die älteren Menschen anfangen, sich zu fügen. Diese Heranwachsenden werden in der Überzahl sein, und sie müssen doch mit den Älteren zusammenleben – diese Heranwachsenden bilden doch die Zukunft, und man möchte noch in die Zukunft hineinretten, was nur möglich ist. So wenigstens denken die vernünftigen Menschen. Und so hat doch die Vorwärtsentwicklung in jeder Beziehung, nicht nur im religiösen Bereich, ihren Vorteil. Menschen werden freier im Denken, und sie nehmen sich das Recht zum Handeln – wenn wir auch nicht in allen Teilen diese Freiheit begrüssen, so wird, wie ich es betonte, der Zeitpunkt der Ausgeglichenheit auch kommen.
So muss sich der Mensch heute fragen: “Warum bietet mir denn die christliche Lehre nichts mehr?” – Es ist ja nichts drin, es ist doch nichts Lebendiges mehr vorhanden, so kann sie doch einem Menschen nichts bieten. Wer nichts hat, kann nichts geben. Und so müssen wir versuchen, allmählich dem Menschen klarzumachen, welchen Weg er zu beschreiten hat und dass es auf jeden Einzelnen selbst ankommt: Er soll überlegen, und er soll im Geiste versuchen, auf Christus zurückzugehen, wenn es ihm daran gelegen ist, ein christliches Leben zu führen. Damit eine christliche Lehre aufgebaut werden kann in ihrer Lebendigkeit und in ihrer Kraft, muss man nach der Wahrheit suchen. Um diese Wahrheit zu verstehen, braucht es für manchen grosse Überwindung. Denn was er von Jugend auf gelernt hat und was in ihn hineingepflanzt worden ist, ist er nicht imstande, ohne Weiteres zu überwinden und auf die Seite zu schieben.
So braucht es ein neues Denken und ein neues Überlegen. Im Grunde genommen ist es ganz einfach: Jeder Mensch muss sterben, und jeder Mensch sollte sich mit seinem Sterben auch beschäftigen. Man sollte sich darüber klar sein, dass doch in der christlichen Lehre so viele kostbare Werte enthalten sind – heute noch enthalten sind, trotz all dem, was verschwiegen wurde. Man versucht doch durch die Botschaften, die verkündet werden, an den Menschen heranzukommen. Und man versucht – oder wir versuchen –, Christi Worte wieder dem Menschen näherzubringen und lebendig zu machen. Hat er nicht so schön gesagt: “Da, wo ich hingehe, sollt ihr auch hinkommen” (Joh. 14, 3)? Muss man da nicht etwas mehr überlegen? Ich habe anfangs zu euch gesagt, es gibt Christen, sie wissen nicht recht, was für eine Vorstellung sie von Gott haben sollen, ob sie nicht lieber “Vorsehung” sagen oder das Ganze als eine Kraft betrachten sollen. Diese Christen hören doch ständig diese Botschaften, aber sie begreifen sie nicht – die Wahrheit wird ihnen dargelegt, aber sie verstehen sie nicht.
Wenn ich nun in dieser kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht, versuche, euch etwas anzubieten, dann muss ich es so tun: Ich muss versuchen, vieles zusammenzufassen, damit ihr, wenn ihr hier hinausgeht, noch etwas in der Erinnerung habt von dem, was ich euch gesagt habe – und nicht, dass es euch wie sonst geht, wenn ihr aus der Kirche hinausgeht und nicht mehr wisst, was der Pfarrer gepredigt hat. Ich möchte, dass ihr noch wisst, was hier geredet worden ist. Denn es ist lebendiges Brot, das hier gegeben wird, und das lebendige Wort. Darum soll es euch nicht vergessen gehen. Wenn ihr nach einer halben Stunde alles vergessen habt, was ich gesagt habe, dann habe ich umsonst geredet, dann wäre auch mein Wort nicht lebendig. Aber ich weiss, dass ich Menschen aufrüttle, und gerade das will ich tun.
Man weiss, dass Christus, auch wenn er die Menschwerdung annehmen musste und als Mensch unter den Menschen gelebt hat, vom Himmel gekommen ist, aus einer anderen Welt – er hatte doch dort gelebt. Er, als der eingeborene Sohn Gottes, hat doch im Himmel gelebt. Er musste eine Menschwerdung annehmen. Dass er dieses musste, hat ja einen besonderen Grund. Ich möchte jetzt aber nicht darüber reden, sondern vielmehr euch nahelegen, dass Christus ja gestorben ist und wieder zurückgekehrt ist in seine Welt, wo er lebt, und dass er gesagt hat: “Ich gehe hin, um euch eine Wohnung zu bereiten” (Joh. 14, 2). Ja was heisst denn das, er will euch alle zu sich nehmen? Ihr sollt auch wieder da hinkommen, wo er lebt. Die Menschen, im Besonderen die Christen, gehören ihrer höheren Gesinnung nach in das Reich Christi. Also muss man sich doch überlegen: Ehe Christus die Menschwerdung angenommen, lebte er beim Vater, und der Gläubige, der Fromme, betet zum Vater: “... der Du bist im Himmel.” Er ist im Himmel, und man spricht nicht vom Vater, der überall sei oder eine Kraft wäre. Man spricht nicht vom Vater auf dieser Erde; man bezeichnet einen Ort und nennt ihn den Himmel. Dieses Gebet hat Christus die Jünger gelehrt. Darin heisst es: “Dein Reich komme zu uns.” Dein Reich komme zu uns – wie soll das verstanden werden? Ein materialistisch denkender Mensch wird es nie verstehen; denn der Himmel kommt ja nicht sichtbar auf die Erde. Also wenn schon davon gesprochen wird und man schon so betet: “Dein Reich komme zu uns”, dann muss es um etwas ganz anderes gehen. Es muss eine andere Herrlichkeit, eine andere Kraft sein, die da wirksam wird. Unter diesem Reich Gottes muss etwas Umfassendes verstanden werden; von diesem Reich könnte man die Atmosphäre, die himmlische Atmosphäre, betrachten oder erkennen, die harmonische Atmosphäre, in der man lebt in himmlischer Glückseligkeit, in Gerechtigkeit – vom Himmel soll ein Stück auf diese Erde kommen. Dieses Reich soll auf die Erde kommen, diese Harmonie, diese Glückseligkeit, diese Wahrhaftigkeit.
Ich erinnere euch an die Gebote Gottes – Gott gab doch Gebote für die Menschheit; sie kamen aus dem Himmel und wurden unter den Menschen verbreitet. Also muss ein Ort da sein, wo Gott lebt, wo Christus lebt und wo all jene leben sollen und dürfen, die von dieser Erde abberufen werden. Denn wenn der Mensch stirbt, dann gibt es für ihn ein Erwachen – eben da, an dem Ort, von dem Christus gesagt hat: “Wo ich hingehe, müsst auch ihr hinkommen.” Christus ist zurückgekehrt zum Vater – und alle, die da leben und sterben, müssen, wenn sie gestorben sind, zurückkehren in den Himmel. Ich erinnere euch doch daran, wie man an den Abdankungen immer erklärt: “Gesät wird in Verweslichkeit, in Vergänglichkeit, auferstehen wird es in Lebendigkeit” (1. Kor. 15, 42). Wo ist denn da der Glaube daran? Wahrlich, gesät wird in Vergänglichkeit, denn der Leib wird ja der Erde zurückgegeben, von der er aufgebaut – aber im Menschen ist etwas, das nicht sterben kann, das ihn lebendig macht: sein seelisch-geistiges Wesen – das ist das, was in den Himmel zurückkehrt. Voller Kraft und voller Herrlichkeit soll man eingehen in diese andere Welt. Voller Kraft und Herrlichkeit soll der Mensch auferstehen. Überlegt euch: Was kann voller Kraft und Herrlichkeit sein? Ist da nicht etwas im Menschen, das ihn lebendig macht? Das, was ihn lebendig macht, ist die Seele. Denn wenn die Seele aus ihm scheidet, ist ja der Mensch tot, dann ist er verschieden. Die Seele ist es, die alle ihre Erinnerungen in sich trägt. Aber auch hier: Wie wenige Christenmenschen wissen überhaupt einen Unterschied zwischen Geist und Seele, kennen die Zusammenhänge zwischen Geist und Seele. Was ist unter einem Geist zu verstehen, und was ist mit der Seele gemeint? Es ist nicht beides dasselbe, aber sie beide gehören zusammen. Die Seele, sie trägt das Erinnerungsvermögen, das höhere Bewusstsein, das Gottesbewusstsein in sich. Wenn man vom Geist spricht, dann meint man die äussere Gestalt, das geistige Wesen – denn man erblickt auch im Geiste etwas; es ist ein geistiger Leib vorhanden. Dieser geistige Leib wird beseelt und wird dadurch lebendig. Diese geistig-seelische Lebendigkeit, die kann nicht vernichtet werden.
Die äussere Erscheinung von Geistwesen, die in ihrer Seele ein niederes Denken und Wollen haben, ist dementsprechend genauso primitiv und genauso ärmlich, denn die Seele macht das ganze Wesen reich oder arm. Ist die Seele erhaben, hat sie eine geistige Grösse, so hat sie einen Glanz und eine Gotteskraft, die sich entfalten kann nach allen Seiten, die wirksam wird durch das ganze Wesen. Und so wird auch die Erscheinung dementsprechend sein. Ist die Seele vernebelt, ist im Denken dieser Seele so viel Primitives, so viel Niederes, so viel Gemeines, so kommt das ja durch die Worte, die der Geist äussert, auch zum Ausdruck. Die Seele gibt die Kraft zum Reden und auch dazu, wie man spricht, wie man sich benimmt.
Hier möchte ich auf den Menschen aufmerksam machen, auf seine Seele. Ein Mensch, der eine geläuterte, einigermassen geläuterte Seele hat, der ein vornehmes Wesen hat, bei dem wird alles Vornehme durch seine ganze Persönlichkeit zum Ausdruck kommen. Sein vornehmes Wesen nach aussen muss gepaart sein mit der Vornehmheit der Seele; denn beides gehört zusammen, beide nähren sich sozusagen voneinander. Eine geistig gehobene Seele wird immer überlegt zum Ausdruck bringen, was sie will. Eine geistig gehobene Seele weiss, was zu tun und was zu lassen ist. Sie hat in der Geistesentwicklung einen solchen Stand eingenommen, dass sie nicht anders kann, als das höhere Bewusstsein zum Ausdruck zu bringen. So werdet auch ihr im Umgang mit dem Menschen gleich erkennen, wer ein vornehmer Mensch ist und wer, wie ihr sagt, ‘primitiv’ ist. Da spielt nicht einfach das Äussere des Menschen eine Rolle; denn das, was innen ist, das dringt nach aussen. Von innen heraus wird das Wort geformt und kommt so, lautstark, zum Ausdruck. Wie es inwendig um den Menschen bestellt ist, das ist bedeutungsvoll.
Wenn ich versuche, an den inneren Menschen heranzudringen, so muss ich ihm sagen: Man muss unweigerlich so vieles vom Weltlichen überwinden; aber wenn man inwendig im höheren Bewusstsein lebt, dann erkennt man auch, was Wahrheit und was Lüge ist. Und ich möchte darauf aufmerksam machen, dass man doch auch etwas ergründen, aus den Anfängen etwas aufbauen soll und versuchen soll, die Erklärung zu finden: “Warum steht man denn vor dem Nichts? Warum haben wir dieses Wissen nicht?” Aber: Es mag auf dieser Welt alles vergehen, doch das Wort Gottes, das wird nicht untergehen. Das Wort Gottes wird immer wieder verkündet werden. Die Wahrheit wird immer wieder Fuss fassen, sie wird sich immer wieder verbreiten und entfalten können.
Überlegt auch, wie arm die Christenheit geworden ist, wie arm an Wissen – denn dadurch ist sie doch arm geworden, dadurch, dass die Christenmenschen nicht wissen, was mit ihnen geschieht nach dem Tode. Sie sind doch arm dran, wenn sie Angst haben vor dem Sterben. Und warum haben sie Angst vor dem Sterben? Es ist eine Unsicherheit da, es ist eine Kluft da. Diese Unsicherheit muss überwunden werden, die Kluft muss überwunden werden, man braucht sich nicht zu ängstigen vor dem Sterben – das Leben geht weiter. Es geht aber nicht mehr auf die Art weiter, wie ihr es jetzt im menschlichen Leib gewohnt seid zu leben. Es ist ein Himmel da mit seinen Bedingungen, mit seinen Bestimmungen, und nach denen muss man sich ausrichten.
Es ist ja auch zu bedauern, dass man in der Christenheit nicht ein inniges Verhältnis zu Gott hat. Man kann es nicht haben, weil man Gott nicht versteht, weil man manches nicht begreift. So kann man nicht in ein inniges Verhältnis zu Gott kommen. Und da ist ja eben auch wieder diese Kluft schuld, es ist auch diese Unwissenheit schuld, die dem Menschen diese Innigkeit nimmt und diese Verbundenheit. Denn so vieles wäre doch zu seinem eigenen Vorteil, wenn er wirklich voller Andacht und im Verlangen wäre, mit Gott und seiner höheren Welt in Verbindung zu kommen. Wenn doch der Mensch betet, fleht er Gott an um das tägliche Brot. Also muss ihm Gott das geben, was er zum Leben braucht. Wenn er in Verzweiflung ist, dann kennt er den Weg zu Gott, er versucht es wenigstens; die Frage ist nur: Wie viel kann er noch retten in seine Seele hinüber? Wie schade ist es, dass er doch nicht diesen innigen Glauben hat. Denn dieser innige Glaube muss aufgebaut werden, man muss sich seiner Sache so sicher sein und so überzeugt sein, und dann ist man auch überzeugt, dass Gott der gütige Herr ist, der gerechte; denn er will, dass die Seinen, die durch ihn ins Leben gerufen wurden, durch seinen Wunsch und Willen, wieder zu ihm zurückkommen und wieder bei ihm leben dürfen.
Wer in Unkenntnis ist, der hat ja keine Ahnung vom Leben in dieser andern Welt. So habe ich doch versucht, einmal darzulegen, dass es ein geistiges Wesen gibt, das man schauen kann, und dass je nach dem Werte der Seele auch seine äussere Erscheinung ist. Ist einer im Leben böse gewesen, dann wird auch seine Erscheinung so niedrig, so düster sein, dass es die geistigen Wesen der Jenseitswelt nicht erfreut. Und wenn es möglich wird, dass geistig empfindsame Menschen in einer geistigen Schau dann und wann etwas wahrnehmen können – sie können ein solches Wesen wahrnehmen, man kann es –, dann müssen sie sehen, dass in dieser andern Welt Gerechtigkeit ist und dass es wahrlich viele Wohnungen gibt; dass es Wohnungen gibt, die so düster sind, wie es auch bei euch möglich ist, in einer düsteren Wohnung zu leben, wo sozusagen kein Licht dazukommt. Bei euch gibt es doch Wohnungen, die sehr schön sind, wo die Sonne hineinscheint von allen Seiten, wo man Aussicht hat weithin und deren Platz an einem auserlesenen Ort ist, sodass man sich darüber freut, weil dieser Platz sehr kostbar ist. Diese Unterschiede können gesehen werden, und sie können möglich sein im gleichen Land, sogar in der gleichen Stadt. So ist es auch im Geistigen. So sind auch die Wohnungen dort: Eine kann ohne Licht sein, düster – eine andere kann besonnt werden von allen Seiten. Und während der eine keine Besuche empfängt, sich niemand um ihn kümmert, gibt es Wohnorte, wo Engel Gottes stets zu Gast sind, ein und aus gehen und wo man in ihrer Freude lebt und in ihrem Ansehen.
So herrlich ist diese himmlische Welt, und sie wird jedem das anbieten, was er zu bekommen verdient hat. Und da sind wir bei jenem wichtigen Punkte im menschlichen Leben: Wie muss der Mensch leben? Wie muss er sich ausrichten gegenüber dem Mitmenschen? Was hat er alles zu tun und zu lassen? Es ist schwer zu sagen, es ist nicht leicht zu erklären; denn nur zu sagen: “Erfülle die Gebote Gottes, und alles ist getan”, reicht nicht – damit ist noch lange nicht alles getan. Man kann Gebote Gottes erfüllen ohne innere Kraft, ohne Überzeugung, gewohnheitsmässig; man kann Gebote erfüllen, ohne dadurch Verdienste zu erwerben. Es kommt auch immer noch darauf an, auf welche Art und Weise, wie man dieses oder jenes tut.
Uns scheint doch das Bedeutungsvolle zu sein, dass die Menschen einmal ein Wissen bekommen über die wahre geistige Lehre. Diese wahre geistige Lehre kann euch nicht in einer Stunde dargelegt werden. Es sind nur winzige Ausschnitte, die man euch erläutern kann, es ist nur weniges – aber mit dem wenigen versuche ich doch die Menschen wachzurufen und sie zum Nachdenken zu bewegen. Nachdenken sollen sie. Und sie sollen sich darüber klar sein, dass Gott seine Kirche so aufgebaut hat, dass sie nicht zerfallen kann, und dass jene Kirche, die im Zerfall ist, wohl nicht verdient, Kirche Gottes zu sein. Es kann sogar der fromme Mensch in sich selbst seine eigene Kirche haben. In ihm selbst soll das Heiligste bewahrt sein. Zu dieser Erkenntnis kann man kommen, und man kann diese Heiligkeit in der Seele pflegen. Man kann so selbst zu einer Kirche Gottes werden.
Ja, liebe Geschwister, ich habe versucht euch einiges darzulegen, und ich weiss genau, ich habe diese, jene Gemüter etwas durcheinandergebracht. Ich kann aber keine Rücksicht nehmen, ich kann mich nicht entschuldigen; denn es gibt nur eine Wahrheit, und diese Wahrheit muss verbreitet werden, obgleich sie diesem oder jenem nicht gefällt. Man kann nur einem jeden sagen: Richte dich nach der Gerechtigkeit Gottes. Suche die Wahrheit, suche den Weg, und dieses aus deinem tiefsten Innern, aus deinem wirklichen Verlangen heraus. Dann wirst du den Weg finden und die Antwort hören, die du brauchst in deinem Leben. Du brauchst das Wort Gottes, wenn du als glücklicher Mensch auf dieser Welt leben willst. Du brauchst das Wort Gottes für dich allein, und du brauchst das Wort Gottes für die andern. Und du musst im Wort Gottes leben – ohne dass du deshalb ein Frömmler wirst. Das sollst du nicht sein, sondern überlege: Gott ist so gewaltig, seine Vielfalt ist so gross, seine Nachsicht, seine Güte, seine Barmherzigkeit, seine Liebe. In keiner Art und Weise kommt etwas Fanatisches aus den Gesetzen Gottes. Wäre Gott fanatisch, dann gäbe es nur eine Blume, und zwar jene, die er liebt; es gäbe nur ein Tier, und zwar jenes, das ihm zusagt. So wäre es in der Natur überhaupt. Betrachtet doch einmal diese Vielfalt, diese ungeheure Vielfalt, die zu bewundern und zu bestaunen ist. Dies ist alles gewollt und gefügt und geführt aus dem Willen Gottes. Denn alles, was da lebt, gehört Gott.
Nun, liebe Geschwister, wir werden wieder Gelegenheit haben, einander etwas näherzukommen. Ihr könnt diese Gelegenheit nutzen, wenn es euch daran gelegen ist. Ich selbst ziehe mich wieder zurück, ich kehre wieder ein in meine Welt des Friedens und der Harmonie.
So wünsche ich euch allen den Segen Gottes und all jenen, die in tiefem Glauben sind, Gesundheit an Leib und Seele. Gesund sollen sie werden an ihrem Leib in Christi Namen. Gott zum Gruss.
Vortrag von Geistlehrer Josef vom 23. April 1972 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im Saal des Konzerthauses Uhler, St. Gallen (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)
Josef, 31. Mai 1952 (Ausschnitt)
Die heutige Christenheit unterscheidet sich sowohl in ihrem Glauben als auch in ihrem Gemeindeleben sehr stark von den Verhältnissen im Urchristentum. Der wohl wesentlichste Unterschied von damals zu heute besteht darin, dass einstmals die Leiter der Gemeinden noch mediale, von der Gotteswelt bestimmte Menschen waren, durch die sich Geister Gottes kundtaten, die die Menschen in der Wahrheit unterrichteten und im Leben führten.
Josef: Gott zum Gruss. Meine lieben Freunde, fünfzig Tage nach Ostern hatten die Juden jeweils das Fest der Vollendung gefeiert. Und so waren auch die Apostel zusammengekommen in ihrem Abendmahlssaale. Dort pflegten sie Erinnerungen an Christus auszutauschen, und sie sangen und beteten. Da ging ein Donnern und Rauschen über das Haus, und die Apostel erkannten viele kleine feurige Zungen, die sich verteilten und über das Haupt jedes einzelnen kamen. So wurden die Apostel, ein jeder, erfüllt von einem heiligen Geist. Alsbald traten sie hinaus vor das Haus, ohne Furcht; denn sie pflegten sonst ihre Türen gut zu schliessen, aus Angst vor den Juden. Nun war die Angst vorüber. Sie gingen hinaus und verkündeten die Lehre Christi vielem Volk. (Apg. 2, 1 ff.) Es war noch die Lehre Christi in ihrer Reinheit, welche die Apostel verbreiteten. Sie konnten die Lehre in ihrer Reinheit weitergeben, weil sie so nahe am Quell waren. Wie das Wasser am reinsten ist am Quell und erst beschmutzt wird, wenn es seine lange Reise antritt und es auf seinen langen, langen Wegen ist, so ging viel von der reinen Lehre Christi verloren.
Ihr feiert nun das Pfingstfest, das Fest des Geistes. So will ich euch zum Vergleich ein Bild geben von der wahren Kirche Christi von einst und wie die Kirche Christi heute aussieht. Zu jenen Zeiten wurden die Menschen aufgefordert, sich öffentlich taufen zu lassen. Auch an diesem Tage hatten die Apostel viele, viele Menschen überzeugt. Viele bekannten sich öffentlich zur Lehre Christi und wurden getauft. Doch diese Taufe war ein Bekenntnis, ein Zeichen, das sie sich selbst gaben und das nicht mehr zu löschen war, denn sie bekannten sich vor aller Welt als Christen. Zu jener Zeit aber waren die Folgen schwer, denn so sehr wurden besonders jene Christen verfolgt, die sich öffentlich taufen liessen und sich allerorts als Christen zu erkennen gaben. Heute, meine lieben Freunde, ist die Taufe mehr ein Familienfest geworden.
Dazumal kamen die ersten Christen zusammen zum Abendmahle. Sie tranken alle aus ein und demselben Becher; arme und reiche, gepflegte und ungepflegte Menschen reichten sich die Hände zum Zeichen der Verbundenheit und Einigkeit. Und heute? Wohl ist das Abendmahl erhalten geblieben, doch gibt es Gemeinschaften, die etwas anderes aufgebaut haben als das, was Christus erfleht hat mit den Worten: “Tut dies öfter zu meinem Andenken!” (Luk. 22, 19). So vergleicht nun die Kirche Christi in dem Sinne von dazumal und heute – ist doch diese Lehre dort am reinsten gewesen, wo ihr Quell war: Christus.
In den Versammlungen der ersten Christen hatte ein besonderer Mensch in gleicher Weise gesprochen wie hier; denn wie bei den Aposteln ein Geist Gottes über jeden einzelnen herniederkam, geschah es auch in den Gemeinschaften der ersten Christen, dass ein Geist Gottes auf einen Menschen kam, durch ihn sprach und seine Belehrungen und Anweisungen gab. Es wurden aber verschiedene Diener oder Helfer von der geistigen Welt auserwählt, und in gleicher Weise wurde Besitz genommen von diesen Menschen, das heisst also, heilige Geister sind herniedergekommen zu ihnen und haben das Wort Gottes durch sie gesprochen. Auf diese Weise bestimmte jeweils ein Geist Gottes einen Leiter für die Gemeinde. Sie nannten ihn Bischof [von griech. epískopos, Aufseher, Hüter, Wächter]. Dieser Bischof hatte besondere Rechte. Ihm wurde Geld und Gut anvertraut, auf dass er es den Armen und Bedürftigen weitergebe. Damals wurde von der geistigen Welt aus bestimmt, welcher Mensch dieses Amt als Bischof zu erfüllen hatte.
Der Bischof hatte der Gemeinde auch mit Rat und Tat beizustehen; denn wenn ein Mensch eine Schuld auf sich geladen hatte, durfte er zum Bischof gehen, um ihm seine Sünden zu bekennen. Der Bischof gab ihm dann zu erkennen, wie er seine Schuld gutzumachen und was er zu verbessern habe. Der Bischof aber, der nun sein Amt empfangen hatte durch einen Geist Gottes, konnte auch erkennen, ob ein Mensch wirklich reuig war. Doch nicht als Mensch konnte er die Sünden vergeben – der Geist Gottes sprach, ob einem Menschen die Sünden vergeben waren oder nicht. Und erhalten blieben sie ihnen, wenn sie nur lässig, gleichgültig, ohne tiefe Reue ihre Schuld bekannten. Solchen Menschen wurden die Sünden nicht vergeben. So also wollen diese Worte verstanden sein: “Wem ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen, und wem ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten” (Joh. 20, 23). Aber nicht der Mensch kann Sünden vergeben!
Liebe Freunde, ich möchte den Unterschied der Kirche Christi von dazumal und heute euch vor Augen führen. Wo sind heute die Bischöfe, die Priester, die von der geistigen Welt aus bestimmt wurden? Und wo spricht ein Geist Gottes durch sie? Und wie kann heute ein Mensch überzeugt sein, dass bei einem Priester ein Geist Gottes ist und einem die Sünden durch ihn vergeben sind? Meine lieben Freunde, es gibt nicht nur einen Geist Gottes, es gibt unendlich viele Geister Gottes. Christus ist der höchste und schönste Geist nebst Gott. Michael ist ein Geist Gottes, Gabriel ist ein Geist Gottes, Raphael ist ein Geist Gottes. Und Luzifer war auch einmal ein treuer Geist Gottes. Heute noch, wie dazumal, sind die Geister Gottes bereit, wieder zu kommen, doch muss der Mensch das Seinige dazu tun.
Wie schnell ist der Mensch doch bereit, alles materiell zu verstehen und zu deuten. Wenn Christus zu Petrus sprach: “Du bist der Fels; auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen” (Mat. 16, 18), so ist damit nicht ein irdisches Gebäude gemeint. Die Kirche Christi muss in der Seele eines jeden Menschen sein. Christus meinte mit diesem Felsen den starken Glauben, den Petrus an ihn hatte. Petrus zweifelte nie einen Moment, dass Christus der Sohn Gottes sei, obwohl er ihn verleugnet hatte – das hatte er aus Angst getan, als Mensch. Christus wollte, dass seine Kirche auf diesem Glauben stehe. Nicht ein materielles Gebäude soll seine Kirche sein. “Kirche Christi” soll heissen: an Gott glauben, die Gebote Gottes und die Lehren Christi befolgen.
Wenn die Menschen nun in die irdischen Kirchen hineingehen, im Glauben, dass sie dadurch selig werden, so sage ich, meine lieben Freunde, das bringt den Menschen keine Seligkeit, wenn sie die Lehren Christi nicht auch in der Tat befolgen. Der Mensch selbst muss die Kirche Christi sein, in die hinein Christus kommen will. Christus selbst hat gesagt: “Wir wollen bei euch Wohnung nehmen, mein Vater und ich” (Joh. 14, 23). Ja, in deiner Kirche Christi wollen sie Wohnung nehmen. Seine heiligen Geister wird er aus seinem Reiche senden, auf dass sie bei dir Wohnung nehmen. In diese Kirche Christi hinein wollen die Geister Gottes. Und so wie ich sage, dass ein jeder Mensch die Kirche Christi in sich tragen muss, dass ihr euch öffnen und den Geistern Gottes die Wege bahnen müsst, damit sie wieder kommen können, so werden sie auswählen, wohin, zu wem sie zu gehen haben, wer fähig ist, seine Aufgabe voll und ganz zu erfüllen.
So sollt ihr an diesem besonderen Fest dessen eingedenk sein, dass die Möglichkeit vorhanden ist, dass ein Geist Gottes auch zu euch kommen will. Die Menschen haben hierüber nicht immer zu zweifeln. Es sind aber nicht nur die Geister Gottes bereit, Einkehr zu halten, sondern auch die Geister des Totenreiches nehmen regen Anteil an den Menschen und versuchen, die Kirche Christi zu vernichten. Da aber Luzifer mit sich selbst uneins ist, kann er auch nur Unzufriedenheit bringen zu den Menschen, er und seine Helfershelfer. Hast du jedoch die Kirche Christi in dir, haben die Fürsten der Finsternis keinen Zutritt bei dir, in deiner Kirche Christi, denn sie meiden sie. Du aber hast die Kirche Christi zu pflegen, auf dass wirklich nur der Geist Gottes darin wohnen kann.
Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrer Josef vom 31.5.1952 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Erstveröffentlichung in der Zeitschrift “Geistige Welt”)
Fragebeantwortungen und Erläuterungen (Josef und Lene)
Lieber Geistlehrer Josef, du hattest schon Andeutungen gemacht, dass im Urchristentum die Gemeinden einen Gottesdienst so erleben durften, wie wir hier das Wort Gottes durch unsere Mittlerin Beatrice Brunner vernehmen. Wie muss man sich einen solchen Gottesdienst bei den Urchristen vorstellen? Sie lebten ja in Angst und wurden verfolgt.
Josef: Ja, ich habe schon verschiedene Andeutungen darüber gemacht. Nachdem Christus diese Welt verlassen hatte und die Christen sich jeweils zum Gebet versammelten, kam da und dort einer von ihnen in diesen Trancezustand. Es sprach dann ein Geist aus dem betreffenden Menschen [Mittler], der Anweisungen und Erklärungen gab. Dies ereignete sich so während einiger Zeit.
Versucht einmal, euch in jene Zeit zurückzuversetzen, als es besonders viele arme Menschen gab; sie hatten oft kaum für den Tag zu leben. Nun gab es aber auch sehr, sehr reiche Leute, und es wurde gefordert, dass man das irdische Gut zusammentrage, sodass es Allgemeingut würde. Die reichen Christen brachten also zum allergrössten Teil der Gemeinde ihren Reichtum dar. Es wurden materielle Dinge verkauft, und der Erlös wurde unter die Ärmsten verteilt. So kamen mit der Zeit – dank dieser reichen Christen – auch gewisse Güter zusammen.
Nun, die Geister Gottes, die sich durch den Mund Einzelner kundgaben, unterrichteten die Gemeinde. Es wurde da und dort auch einer getadelt, und manchmal betraf es auch einen Christen, der der Gemeinde ein grosses Vermächtnis gemacht hatte. Durch dieses Vermächtnis stand er in der Gemeinde in einem gewissen Ansehen. Wurde er nun getadelt, mochte es sein, dass er sich in seiner Würde etwas verletzt fühlte. Dann gab er eben seine Zweifel in Worten kund, indem er sagte, dass es sich wohl nicht um einen reinen, guten Geist handeln könne.
So gab es schon in den ersten christlichen Gemeinden Spaltungen. Jene Menschen hatten es so wie die heutigen: Nicht alle konnten die Wahrheit ertragen. In einem solchen Falle sollten sich die Menschen wenn möglich zwei, drei oder noch mehr Tage von der Umwelt völlig absondern und nichts anderes tun, als um Eingebung und Erleuchtung zu bitten, ob der Geist richtig gesprochen hat mit seiner Meinung, die er zum Ausdruck gab. Es ist leicht, nur so einfach zu sagen: “Ja, mir leuchtet es ein”, oder zu behaupten, dass es anders sei und nicht so.
Auch in dieser Angelegenheit muss um eine göttliche Antwort gerungen werden. Wenn er nun von der göttlichen Geisterwelt inspiriert wurde, sich also für sie geöffnet hat und sich sagt: “Nicht nach meinem Willen soll es geschehen, sondern nach dem Willen Gottes”, wenn er also fähig wird, seinen Willen beiseitezustellen, ungeachtet aller Verluste oder Erniedrigungen, die er zu tragen hat, dann wird er die Antwort der Geisterwelt Gottes erhalten.
Doch wo sind Menschen, die es noch so tun? Sie wollen den Entscheid von einer Stunde auf die andere, und keiner würde sich deshalb in sein Kämmerlein einschliessen und auf diese Weise um Erleuchtung bitten. So war es auch dazumal, und als die Christen so sehr verfolgt wurden, hatten sie dementsprechend viel Schweres zu erdulden. Aber dennoch konnten sich ihnen wieder Menschen nähern, die in besonderem Ansehen standen, und ihren Glauben annehmen. Diese in besonderem Ansehen Stehenden glaubten, fromm zu sein, konnten aber nicht über den irdischen Glanz hinaustreten; auch sie blickten auf den anwachsenden Besitz, der zusammengetragen wurde. Sie wollten im Ganzen eine andere Entwicklung sehen.
So konnten solche Menschen mit der Zeit die Macht ergreifen. Von da an konnten die medialen Menschen, welche von der guten Geisterwelt geführt wurden, nicht mehr in gleicher Weise erfasst werden, denn die gute Geisterwelt zog sich zurück – sie ist nicht aufdringlich. Wenn sie sieht, dass die Menschen nicht bereit sind, die Belehrungen und Ratschläge zu bejahen, dann bleiben die guten Geister fern.
Es ist das, was ich immer wieder betone: Wir wünschen, dass sich der freie Wille entfalte. Dann stellt sich heraus, wohin der Einzelne seiner Entwicklung nach gehört.
Nun war es leider der Fall, dass die Machtergreifung jener Menschen, die im öffentlichen Ansehen standen, nicht immer zum Vorteil der Christenheit gereichte. Es wäre doch so schön gewesen, wenn damals die gute Geisterwelt durchgedrungen wäre, dann würde es heute mit dem Frieden auf Erden bestimmt anders aussehen.
Glaubt ihr, dass die Entwicklung so rasch vorangehen könnte? Es ist ein langer, langer Entwicklungsweg – geplant und eingerichtet durch die Weisheit Gottes. Jedes Wesen soll nach seinem Wiederaufstieg zum Vaterhaus voll und ganz gefestigt sein, um nicht mehr rückfällig zu werden. So bedarf es für einen jeden der harten Prüfung. Hat er dann die Stufe der Entwicklung erreicht, dass er wieder in die höchsten Himmel einziehen darf, soll es doch so geschehen, dass er für alle Zeiten dort verweilen kann.
Was nun das Folgende anbelangt, dass Menschen von irrenden Geistern inspiriert wurden und so gewissen Dogmen Vorschub geleistet wurde, so ist das doch nur ein Beweis dafür, dass Luzifer daran interessiert ist, die Entwicklung aufzuhalten. Die düsteren Mächte versuchen sich auch heute noch in den Glauben des Menschen einzuschleichen und ihn darin unsicher zu machen, indem sie durch absurde Lehren einen grossen Wirrwarr anrichten. Dass der Glaube vieler Menschen gerade an diesen Irrlehren hängt, ist alles das Werk des Widersachers, denn er will ja nicht, dass der Mensch den Weg zu Gott findet.
Ich brauche darüber nichts Weiteres zu sagen, was in jenen früheren Zeiten alles im Namen Gottes getan wurde. Und wenn es heute Menschen gibt, die sagen: “Ich habe nur den einen Wunsch, der heutigen Welt klarzumachen, dass ihr Weg nicht der wahre, von Christus gezeigte Weg ist”, so können wir Geister Gottes diese Menschen in ihrem Tun nur unterstützen und kräftigen. Doch es gibt in dieser Beziehung nur ein langsames Wachsen.
Ich möchte sagen, dass diese Samen, die heute da und dort hingelegt worden sind, doch nur ganz langsam keimen. Die Menschheit ist heute in der Lage, mehr über diese Dinge nachzudenken. Der Mensch von heute soll sich die Freiheit nehmen, zu sagen: “Ich glaube nicht, dass der Weg, den man mir vorschreibt, der richtige ist.”
Heute braucht der Mensch an jenen Orten, wo ihr lebt, bestimmt keine Angst mehr zu haben, dass er deshalb verfolgt würde. Der Mensch von heute besitzt eine grössere geistige Freiheit und muss nicht mehr Angst haben, dass er für seine eigenen religiösen Ansichten, die er ausspricht, bestraft würde. Es gibt heute eine grössere Freiheit, und durch diese sich immer mehr entfaltende Freiheit wird das Dogmatische – eben das, was den Menschen mit Zwang aufgetragen wurde – geschwächt werden.
Heute braucht niemand mehr Angst zu haben, dass er sein Brot nicht mehr bekommen würde, wenn er nicht in die Kirche ginge; oder dass sein Arbeitgeber ihm, wenn er diese Kirche nicht unterstütze, sagen würde: “Wenn du nicht glaubst, was dir vorgeschrieben wird, muss ich dich entlassen.”
Diese ganze geistige Entwicklung bringt eine grössere Freiheit mit sich. Es muss dem Menschen eine immer grössere Freiheit gegeben werden. Aus dieser Freiheit heraus kann er dann denken und handeln. Wir sagen ja auch immer, dass es gut ist, all diese Erkenntnisse, die ihr von uns empfangen habt, anderen weiterzugeben, wo euch die Möglichkeit dazu geboten wird. (Fragebeantwortung vom 4.9.1957)
Lieber Josef, die christliche Geisteslehre ist heute kaum mehr bekannt. Die ganze christliche Tradition lautet ja ganz anders.
Josef: Ja, leider.
Warum ist das so? Warum haben wir keine Tradition der Geisteslehre, die bis auf die Antike zurückgeht?
Josef: Ich möchte sagen, als die Wahrheit – diese Geisteslehre – verbreitet wurde, eigneten sich jene Menschen schon frühzeitig das Recht zu, nicht mehr dem sprechenden Geist Recht zu geben. Stattdessen sagten sie: “Das gefällt mir nicht, das passt mir nicht, wir brauchen keinen Geist, der uns belehrt. Wir walten so, wie es uns angemessen scheint, wie wir es für gut befinden.” Das ist ja das Problem der Menschen: Der Glanz dieser Erde ist eine verführerische Angelegenheit – ein grosses Hindernis im Aufstieg. Wie oft ist es um den Besitz von Ländern gegangen und um den Besitz von gewaltigen, prachtvollen Häusern. Nun, um solchen Besitz wurde gekämpft – doch die Geister des Himmels legen nicht allzu grossen Wert darauf. Sie haben erkannt, wie schwer es ist, geistig zu wirken, wenn der Mensch in solchen Besitz gelangt.
So sind gleich nach dem Leben Christi diese verführerischen Gelegenheiten gekommen, und die Geister Gottes mahnten die Menschen zu Bescheidenheit, zur Demut. Sie forderten sie nicht auf, Reichtum zu sammeln, Ländereien zusammenzuraffen und im Namen Gottes Menschen umzubringen. Doch die Menschen, die in jener gewissen Stellung waren, wollten nicht verzichten auf diese Bezirke, Ländereien, Gebiete und grossen Häuser. Folglich wollte man nicht gehorchen und das tun, was diese Geister Gottes sprachen. So wurde den Menschen, der christlichen Lehre leider, leider dieser Stein als Hindernis in den Weg gelegt.
Bedenkt einmal: Wenn die Menschheit nun wirklich schon zweitausend Jahre nach Christi Geburt zur Einsicht gekommen wäre, welches ihr wahrer Weg ist, und sie bereit wäre, so zu leben und zu dienen, wie es in der christlichen Geisteslehre steht, wäre die Menschheit schon auf einer gehobenen Stufe angelangt. Doch dafür sind die Menschen noch nicht reif. Nur wenige sind reif, dies zu erfassen und zu glauben; aber die Geisteslehre wird immer mehr durchdringen. Auch müssen in der Welt immer grössere Möglichkeiten geschaffen werden, damit die Glaubensfreiheit ausgeübt werden darf. Wenn diese Glaubensfreiheit in allen Ländern gegeben ist, besteht die Möglichkeit, dass die Geister der Wahrheit die Möglichkeit zur Entfaltung haben. Aber dort, wo die Türen geschlossen sind, werden sie nicht anklopfen. Es sind die Menschen, die anzuklopfen haben und die nach dieser Wahrheit rufen müssen.
Lieber Josef, war es nicht die kirchliche Lehre, die das Wissen um die Reinkarnation unterdrückt hat? Denn es gab ja Kirchenväter – wie beispielsweise Origenes im dritten Jahrhundert –, die die Wiedergeburt noch vertreten hatten. Sie konnten sich aber nicht gegen die andern behaupten.
Josef: Ja, jene andern hatten eine bedeutende Stellung und behaupteten sie. Dadurch hatten sie die Möglichkeit, ihre persönliche Meinung in der Weise gewaltsam durchzusetzen. So sind diese Irrtümer verbreitet worden.
Die Menschen müssen sich einmal im Klaren sein beziehungsweise darüber unterrichtet werden, dass Christus ihnen den Weg ins Gotteshaus geebnet hat – dass aber jeder das, was er in seinem Leben falsch getan hat, wiedergutzumachen hat. Er ist also nicht mehr fern von Gott, er ist kein Knecht Gottes mehr, wie er es vor der Erlösung durch Christus war, sondern Christus hat der Menschheit die Kindschaft Gottes wiedergebracht. Das Kind kann wieder heim zum Vater, und das ist durch Christus geschehen.
Danke, lieber Josef. Darf ich da nochmals anknüpfen an diese Irrtümer, zum Beispiel die Lehre der Trinität. Sie wurde doch im Laufe theologischer Streitigkeiten entwickelt – unter anderen von Augustinus – und ist dann zentraler Bestandteil des kirchlichen Glaubensbekenntnisses geworden. Gemäss der christlichen Geisteslehre ist diese Trinitätslehre aber nicht richtig; es gibt ja keine Trinität, wie sie in der Christenheit gelehrt wird. Wie beurteilt denn die Geisterwelt Gottes eine Persönlichkeit wie Augustinus?
Josef: Weisst du, als jener ins Jenseits kam, wurde ihm klargemacht, welche grossen Hindernisse er der Menschheit in den Weg gelegt hatte – er hinderte sie an ihrem geistigen Aufstieg. Dieser Geist hatte im Jenseits abzutragen und wiedergutzumachen. Trotz allem andern, was bei ihm befürwortet wurde, war dies alles schwerwiegend. Er war ein Werkzeug dieser Welt und hielt das Rad der Entwicklung zurück.
Es wird seine Zeit brauchen, und die Menschheit wird zur Einsicht gelangen, dass Gott, der Schöpfer, eine Persönlichkeit ist. Er ist der Vater im Himmel, wie Christus ihn genannt hat und wie er es im Gebete sprach. Dieser himmlische Vater schaltet und waltet mit seinem Sohne und seinen hohen Geistern. Zu dieser Einsicht werden die Menschen gelangen, wenn sie sterben und zu uns ins Jenseits kommen. Und mit jedem neuen Leben, das sie beginnen, werden sie etwas dazulernen, sich etwas mehr vergeistigen – aber nur langsam, langsam.
Denn bedenkt: Die Menschheit – alles Leben geht seiner Erfüllung zu und Gott entgegen. Wenn man sich in dieser Hinsicht einig geworden ist, dann wird das Leben auf dieser Erde keine Notwendigkeit mehr sein. Zu dieser Einsicht muss auch Luzifer in der Tiefe kommen. Die Menschen hier werden ihm einmal kein Gehör mehr schenken. Doch solange sie willige Werkzeuge von ihm sind, ist die Entfernung zu Gott noch sehr weit. (Fragebeantwortung vom 3.7.1957)
Lieber Josef, bei den Urchristen gab es jeweils einen Führer der Gemeinde, der von der Geisterwelt Gottes inspiriert wurde. In späteren Zeiten – unter dem Einfluss der Kirche – wurden dann die medialen Kundgaben unterdrückt. Kannst du uns darüber nähere Erklärungen geben?
Josef: Seht, liebe Freunde, die ersten Christen waren noch so verbunden mit der Geisterwelt Gottes. Als sich dann aber die Kirche zu einer Macht herangebildet hatte und deren Führer in gewissem Sinne die Macht ergriffen, wollten sie nicht mehr den Worten glauben, die aus dem Munde eines ganz einfachen Menschen kamen, und noch weniger wollten sie diesen Worten gehorchen, weil sie ihnen nicht mehr angenehm waren. Denn an dem, was diese Mächtigen taten, war doch vieles zu verurteilen; sie wurden gemahnt und getadelt, doch das passte jenen Menschen nicht. So hatten sie aufgrund verschiedener Lehren ihre Kirche gegründet und die Macht an sich gerissen. Daraus sind dann die Bischöfe hervorgegangen.
Auch bei den Urchristen gab es schon Bischöfe, die den ersten Christengemeinden vorstanden. Der Bischof war zu jener Zeit ein geistiger Führer der Gemeinschaft, den man in der Not um Rat und Hilfe bitten konnte. Er war der Leiter einer Gemeinschaft und wurde ursprünglich von Geistern Gottes inspiriert. Er konnte unter den Mitmenschen jene erkennen, die mediale Gaben hatten, und ihnen helfen, ihre medialen Gaben zu fördern.
In späteren Zeiten wurden dann diese medialen Kundgaben unterdrückt, und ein Mensch, der keine medialen Fähigkeiten mehr besass, hatte sich als Bischof ausrufen lassen. Deshalb die Unterdrückung und Umschreibung jener Bibelstellen, die vom Verkehr mit der Geisterwelt zeugten.
Es war damals so wie heute: Geister Gottes versuchten die Menschen zu inspirieren. Es war aber auch immer so, dass der Mensch nach seinem eigenen Willen geht, dass er unbedingt das durchsetzen will, was er sich selbst in den Kopf gesetzt hat. Und wenn ein Mensch eben nicht auf die guten Geister hören will, dann ziehen sie sich wieder zurück und suchen sich andere Menschen aus.
Es gibt so viele Menschen, die willig sind und die man auf diese oder jene Weise führen kann. Doch wenn die Menschen um geistige Hilfe, um Inspiration flehen, aber trotzdem machen, was sie wollen, was ihnen passt, was sie wünschen, also nicht auf die Worte der Geister Gottes hören, dann ziehen sich die guten Geister ebenfalls zurück. (Fragebeantwortung vom 3.12.1952)
Lieber Josef, die Bibel lehrt uns im ersten Johannesbrief die Prüfung der Geister, die sich durch einen medialen Menschen kundtun (1. Joh. 4, 1– 6). Wie soll man nun uneingereihte Geistwesen prüfen, das heisst Verstorbene, die nicht in der Ordnung Gottes stehen und geistig unwissend sind? Kann man mit gezielten Fragen solche Geister erkennen? Denn viel Verwirrung und viel Negatives ereignet sich doch durch solche uneingereihten Wesen, die ohne Weiteres falsche Schwüre abgeben und behaupten, in einem höheren Auftrag zu stehen. Wie hatten damals die Urchristen zur Zeit von Paulus und Johannes solche Wesen erkannt? Das Problem uneingereihter Geister hat doch sicherlich schon damals bestanden.
Josef: Freilich – und daraus könnt ihr auch erkennen, wie schwer es ist, die Schriften richtig zu verstehen. Deshalb habe ich auch den Auftrag, euch darüber Erklärungen zu geben. Nun ist es so, dass manches, was gesagt wurde, was von grösster Bedeutung ist, in den Schriften nicht mehr enthalten ist, weil es eben absichtlich entfernt worden ist.
In jenen Zeiten wurden die Christen aufgefordert, für den Geist der Wahrheit, für die Geistesgaben zu beten. Sie sollten es tun, um göttliche Gaben zu erhalten. Damit war einerseits auch das Hellsehen gemeint, das Hellhören und das Sprechen. Seinerzeit wurden die Menschen aufgefordert, das zu tun, und sie taten es. Andererseits meldeten sich bei Menschen auch Geister, die uneingereiht waren, genauso wie heute. Jetzt fragst du, ob man dies durch gezielte Fragen erkennen könne. Gewisse Menschen könnten das nicht; Menschen mit geringen geistigen Erkenntnissen wüssten darüber nicht Bescheid.
Jetzt will ich euch einmal sagen, wie dies zu jener Zeit war. In einer geistigen Gemeinschaft gab es einen geistigen Führer – ich kann auch sagen: einen Bischof. Diesem geistigen Führer unterstand eine Gemeinschaft. Er hatte die Kontrolle über die Gläubigen, und ihm wurde dazumal dieser Name zu recht gegeben – er war eben ein sogenannter Bischof [von griech. epískopos, Aufseher, Hüter, Wächter]. Diesen Namen hat die Christenheit später übernommen, ihm dann aber einen ganz anderen Sinn, eine ganz andere Bedeutung gegeben. War doch bei den Urchristen der geistige Führer einer Gemeinschaft eben medial, das heisst hellsehend, hellfühlend, hellhörend. Er besass die grösste mediale Fähigkeit, und man konnte zu ihm gehen und sich bei ihm erkundigen. Er konnte jene beurteilen, die sich in der Gemeinschaft zu Wort meldeten. Dieser geistige Vorsteher oder Bischof griff dann ein, indem er sagen konnte, dass dies kein Geist der Wahrheit sei und er sich zu entfernen habe. Oder er sagte, dass man sich von dieser oder jener Person frei machen müsse. Denn er konnte es geistig sehen und beurteilen.
Damals schwörten diese Geistwesen auch. Sie schwörten, dass sie ein Geist der Wahrheit seien. Dies hatten wohl jene getan, die es wirklich waren und die sich diesen Schwur ohne Weiteres leisten durften. Sie standen ja diesem medialen, geistigen Führer gegenüber. Sie wussten, vor wem sie diesen Schwur leisten würden. Ein solcher Geist wusste, dass der geistige Führer der Gemeinde ihn erkennen konnte. Und war es kein Geist der Wahrheit, wurde er eben weggewiesen.
Nun erklärte ich euch, dass diese medialen geistigen Führer abgeschafft wurden. Und deshalb wurde es eben damals schon möglich, dass uneingereihte Geistwesen ohne Weiteres sagen konnten, dass sie eben eingereihte oder von Gott kommende Geister seien. Sie brauchten sich nicht darum zu kümmern, sie brauchten nicht besorgt zu sein, dass man sie erkennen würde. Es war ja niemand mit den nötigen Fähigkeiten da, um jene – um es nun in eurer Sprache auszudrücken – zu erkennen oder zu entlarven. Es war niemand da, und das sahen diese uneingereihten Geistwesen doch. So konnten sich eben solche Geister ohne Weiteres auf diese Weise behaupten und so die Menschen irreführen. Der Glaube an die Geisteswelt und die Worte der Geisterwelt Gottes, welche gesprochen wurden, wurden ja da von den Menschen sehr schnell abgeschafft. Das Wort eines Geistes wurde ja nicht mehr zugelassen – Geister Gottes hatten nichts mehr zu sagen. Die Menschen bestimmten dafür alles. Das ist die Ursache, das ist der Grund – es ist niemand da, der ihnen sagt, woher diese Geister kommen.
In der Anfangszeit war das noch nicht so, weil es bei den Gemeinden jeweils einen solchen geistigen Führer gab, der die höchsten medialen Fähigkeiten selbst besass und einen uneingereihten Geist als solchen erkennen konnte.
Und dann war es ja auch so, dass Menschen, die irgendwie etwas Ungerechtes getan, sich schuldig gefühlt hatten oder schuldbeladen waren, zu diesem geistigen Oberhaupt oder geistigen Führer gingen und sich mit ihm besprachen. Sie baten ihn, Gott möge ihnen doch die Sünden vergeben. Dieser mediale geistige Führer konnte dem Betreffenden dann sagen: “Gott vergibt dir die Sünde.” Es konnte aber auch sein, dass er dem Betreffenden sagte: “Gott vergibt dir die Sünde nicht, weil du nicht die richtige Reue aufbringst, weil du das richtige Leben nicht lebst.” Wieder einem andern konnte er sagen: “Gott verzeiht dir. Er hat dir die Sünde vergeben.” Solches war möglich, weil einem solchen geistigen Führer ein Geist Gottes die Worte eingegeben hatte; auf medialem Wege ist es zur Sündenvergebung gekommen.
Später hat dann die katholische Kirche eben die sogenannte Beichte übernommen und sie diesen geweihten Priestern übertragen. Sie machten es dann so, wie sie es selbst haben wollten, indem sie den Menschen die Sünden abhörten, um sie ihnen dann zu vergeben. Man hat auf diese Weise die Beichte aufgebaut und die Gläubigen aufgerufen, ihre Sünden zu beichten. Dieser Priester hatte dann [angeblich] die Macht, ihnen die Sünden zu vergeben. Diese Art von Beichte hat aber ihre Heiligkeit und ihre Wahrhaftigkeit verloren, weil ja diese Menschen keine von Gott beauftragten Menschen sind. Sie haben keine geistige Fähigkeit, keine geistige Medialität, um zu hören oder hellsehend oder hellfühlend wahrzunehmen, ob Gott dem andern wahrhaftig die Sünden vergeben hat. (Vorstandssitzung vom 9.2.1977)
Über die ursprüngliche Rolle des Bischofs und seine Aufgaben in der frühen Christenheit unterrichtete auch Geistlehrerin Lene. In ihrem Vortrag vom 21. März 1979 sprach sie von den Anforderungen, die an den Führer einer Gemeinde gestellt wurden – beispielsweise dass er verheiratet und Familienvater sein sollte:
Lene: Liebe Geschwister, die Bibel berichtet, dass es zu jener Zeit der Urchristen einen sogenannten Bischof gab (Apg. 20, 28; 1. Tim. 3, 1– 7). Dieser Bischof war der Vorsteher der Gemeinde. Zu ihm konnte man gehen und seine persönlichen Anliegen vortragen. Dieser Bischof von dazumal war ein medialer Mensch; er konnte den Mitmenschen Ratschläge geben, wenn sie Probleme und Sorgen hatten. Er konnte ihnen den Weg zeigen. Es gingen auch Menschen zum Bischof, die in ihrem Leben etwas falsch gemacht hatten. Sie fragten beim Bischof um Rat. Der Bischof – er wurde inspiriert – zeigte dem Betreffenden den Weg und forderte ihn auf, das Verfehlte wiedergutzumachen. So fand man bei diesem Bischof Halt. Und dann steht geschrieben, dass dieser Bischof der Mann einer Frau sein sollte. Er sollte auch einer Familie mit Kindern vorstehen, denn dadurch, dass er selbst eine kleine Familie hatte und selbst vor Probleme und vielleicht auch vor Sorgen gestellt würde, würde er eher Verständnis für andere aufbringen, die ähnliche Probleme und Sorgen hätten.
So wie er den Weg für seine Familie finden würde, vermochte er auch andern den Weg zu zeigen. Einem solchen Mann, dem es nun möglich geworden war, seiner Familie vorzustehen, sollte es auch möglich sein, einer grösseren, geistigen Familie vorstehen zu können. Er konnte dies eben nur tun, wenn er selbst eine eigene, persönliche Familie hatte, um so dem Mitmenschen gegenüber Verständnis aufzubringen. Dies alles kann man noch in der Bibel lesen. So sind Wahrheiten drin, doch der Schlüssel zu diesen Wahrheiten ist verloren gegangen.
Noch etwas anderes war damals bedeutungsvoll und kann es noch heute sein: Wurde jemand krank in der Gemeinde, dann hatte man jene zu sich gerufen, von denen man das Gefühl hatte: “Dies ist ein ganz gläubiger, gottgerechter Mensch.” Er sollte mit andern, die auch in gleicher Weise ausgewählt wurden, ins Haus des Kranken kommen. Sie sollten dort beten in der Hoffnung auf Gesundung von oben. Man betete aus der Tiefe der Seele heraus und bat Gott um Gnade, dass er den Beistand gibt und dass der Kranke wieder gesunden darf. Das ist bei den ersten Christen gemacht worden. Und heute? Durch die Jahrhunderte hindurch ist vieles so geändert, anders gemacht worden. Man sollte versuchen, so gut wie möglich den Weg zur Wahrheit wieder zurückzufinden. (Ausschnitt aus dem Vortrag von Lene vom 21.3.1979)