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Der Mensch kann selber viel zu seinem Glück beitragen, wenn er in Vernunft und nicht in Unvernunft lebt, wenn er eine Herzensgüte von sich gibt, dem Nächsten gegenüber ein Wohlwollen zum Ausdruck bringt und keine Seelenkälte. Durch diese geistigen Verdienste erringt sich der Mensch Gottes Wohlgefallen und erhält – so Geistlehrer Josef im ersten Vortrag dieses Heftes – einen solchen Segen, der die Nachkommen, Freunde und Bekannten miteinbeziehen und auch in einem späteren Erdenleben zur Geltung kommen kann.
In zweiten Vortrag dieses Heftes vergleicht Geistlehrerin Lene die Seele des Menschen mit der Rose. So wie sich die Rose mit ihren Dornen zu schützen weiss, ist dem Menschen Vernunft und Verstand gegeben, um seine Seele zu bewahren. Und stets kann ein jeder Gott im Gebet um klare Einsicht und ein gesundes Denken bitten.
Vernunft und Verstand sollte der Mensch in allen Lebenslagen anwenden, und dies – so ein weiteres Thema in diesem Heft – ganz besonders auch im Bereich des Glaubens, denn nur zu schnell drohen sonst Übereifer und Dogmatismus, wie leider auch die Geschichte des Christentums zeigt.
Josef, 24. April 1965
Durch kluges Denken und Handeln kann der Mensch selber sehr viel zu seinem Glück beitragen und sich innere und äussere Not ersparen. Durch Vernunft und Verstand kann er sein Leben so gestalten, dass es in der Gefälligkeit Gottes liegt und er den Segen Gottes erhält – für sich und seine ganze Umgebung.
Josef: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, der Segen Gottes ruht auf jenen Menschen, die nach dem Willen des Schöpfers leben. Sehr oft sagen Menschen, sie könnten es nicht verstehen, dass es dem Nachbarn so gut gehe, obwohl er ohne Gottesglauben und ohne Wohlwollen sei. Der Geistesmensch sollte eigentlich die wahren Ursachen eines solchen guten Lebens kennen – ich betone besonders: Er sollte die Ursachen kennenlernen. Auch wenn ein Mensch ohne Glauben ist und kein Wohlwollen dem Mitmenschen gegenüber zeigt, kann er dennoch ein bequemes, gutes Leben haben. Und warum kann er das? Es gibt verschiedene Ursachen dafür, doch die eine möchte ich ganz besonders betonen.
Die Menschen sollten in Vernunft und nicht in Unvernunft leben und handeln. Sie sollten eine Herzensgüte von sich geben und keine Kälte. Sie sollten ein Wohlwollen dem andern gegenüber zum Ausdruck bringen und keine Verneinung. Wer so nach Gottes heiligem Willen lebt, der kommt auch wirtschaftlich in eine Ordnung hinein. Aus dieser Ordnung kann der innere und der äussere Mensch Nutzen ziehen. Wenn es also der Fall ist, dass ein ungläubiger Mensch in jeder Beziehung vernünftig handelt, vernünftig lebt, so wird er sich nicht in wirtschaftliche Bedrängnis bringen, weil er eben Vernunft walten lässt. Dieses ist das eine. Andererseits kann einer sehr fromm sein und in jeder Beziehung ganz unvernünftig leben und handeln und wird so in eine innere und äussere Not gebracht.
Es pflegen dann ganz besonders geistig ausgerichtete Menschen gleich von einem Karma zu sprechen, von einer Belastung, die auf einem Menschen liege, wogegen man eben nichts machen könne. Man flüchtet in eine solche Ausrede. Wir aber möchten es immer wieder betonen, dass die Schuld für unbehagliche Verhältnisse sehr oft beim Menschen selbst liegt, weil er so uneinsichtig ist und sein Leben nicht vernünftig gestaltet. Man kann also niemandem die Schuld geben, wenn man in eine bedrängte Lage kommt, weil man unvernünftig lebt. Menschen hören es nicht gern, wenn man sie tadelt, wenn man ihnen ihre Fehler erklärt. Sie wollen sie nicht sehen. Sie glauben immer, die Schuld beim Nächsten sehen zu dürfen. Doch ihre eigenen Fehler sehen sie nicht. Es ist, wie es heisst: “Man sieht so gerne den Splitter im Auge des Nächsten, den Balken im eigenen Auge erkennt man nicht” (vgl. Mat. 7, 3).
Gott will, dass jeder Mensch ihm von Leben zu Leben näherkommt. Man muss also in diesem Aufstieg zu Gott zu einem Gewinn kommen. Jedes Leben kann einen solchen Gewinn hervorbringen. Wir versuchen immer wieder, den Menschen Ratschläge zu geben von unserer geistigen Sicht aus. Wir können das Leben des Menschen ganz anders beurteilen als er, denn wir können in seine Seele blicken. Wir können aber auch beurteilen, was einer imstande ist zu erfüllen oder was einer aus Schwachheit, aus Boshaftigkeit oder Nachlässigkeit nicht tun will. Wenn wir dem Menschen Ratschläge geben, so dienen sie dazu, ihn von seiner Stufe aus schneller zu Gott hinaufzubringen. Wir möchten ihm die Hand reichen. Wir möchten aber gerade jene Menschen, die geistige Erkenntnisse haben und glauben, sie hätten durch ihre Erkenntnisse ein solches Wissen, dass sie keine weiteren Belehrungen von ihren Mitmenschen oder von uns anzunehmen brauchen, eben darauf hinweisen, dass man sich auch fragen muss: “Ist meine Handlungsweise vernünftig? Handle ich in jeder Beziehung so, dass ich in Gottes Gefälligkeit bin?” Denn es ist so: Wer sich vor dem andern erniedrigen kann, der wird im Geiste erhöht (vgl. Mat. 23, 12). Das ist etwas, was für den Menschen sehr schwer zu verstehen ist.
Wir möchten aber heute Abend einmal ganz besonders darauf hinweisen, wie sinnreich es ist, sein Leben so einzurichten und so zu handeln, dass man wahrhaftig diesen Segen Gottes erhält, der sich nicht nur für eine gewisse begrenzte Zeit auswirkt, sondern der unbegrenzt ist und auch auf die Nachkommenschaft übertragen wird.
Ich habe anfangs darauf hingewiesen, dass auch jener Mensch, der ohne Glauben ist, in einer wirtschaftlichen oder äusseren Ordnung, also im Wohlergehen, leben kann. Er hat dies vielleicht zur Hauptsache seiner vernünftigen Lebensweise zu verdanken. Vielleicht aber hat er einen Segen über sich – einen begrenzten Segen vielleicht, denn wenn er nun ein Leben ohne Gott lebt, dann belastet er sich wieder. Aber was er sich in einem früheren Leben an Verdiensten zugelegt hat, kann sich nun im jetzigen Leben auswirken; diese Verdienste werden ihm nicht geschmälert, auch wenn er jetzt ohne Glauben lebt. Für seinen Unglauben wird er zur Rechenschaft gezogen, wenn er in die Seelenwelt zurückkehrt. Aber so können es eben zwei Dinge sein, die ihn in diese Ordnung hineingeführt haben: vernünftiges, kluges Handeln und Verdienste aus früheren Leben, durch die er sich den Segen erworben hat.
Das kann also die Ursache sein, warum es jenem andern gut geht, während man selbst, obwohl man einen tiefen Glauben hat, womöglich in innerer und äusserer Bedrängnis leben muss – und die Ursachen dieser Bedrängnisse nicht kennen will. Womöglich ist es eben so, dass man in Unvernunft lebt und man sich daher aus eigener Schuld in eine schlechte Lage versetzt. Anderseits besteht freilich auch die Möglichkeit, dass wirklich eine Belastung auf einem Menschen liegt. Wir möchten aber, dass man nicht einfach alles nach demselben Massstab beurteilt, sondern immer zuerst prüft, bevor man sich erlaubt, ein Urteil zu geben. Wenn man einen Menschen betrachtet und seine Lebensweise studiert, dann wird man recht bald herausfinden, ob er geschickt handelt in seinem Leben, ob er Vernunft oder Unvernunft fördert. So wird man dann dementsprechend auch ein Urteil geben können.
Nun aber möchte ich euch ein Erlebnis schildern von Menschen, die sich in ihrem zurückgelegten Erdenleben sehr grosse Verdienste erworben hatten. Dazu möchte ich vorausschicken: Wenn ich von einem solchen zurückliegenden Leben spreche, müsst ihr versuchen, im Geiste hundert, hundertfünfzig, zwei-, dreihundert Jahre zurückzudenken und euch die damaligen Verhältnisse vor Augen zu führen. Denn nur schon vor hundert Jahren waren doch die Verhältnisse ganz andere, viel bescheidenere, als ihr Menschen sie heute erleben dürft. Ihr lebt ja in einer ganz anderen, viel fortschrittlicheren Welt als nur schon vor hundert Jahren. Und wenn man weiter zurückblickt, sagen wir nun zweihundert und mehr Jahre: Da waren immer Kriege, die über die Menschen zogen, es waren Krankheiten, die die Menschen so unglücklich, so arm machten. Man lebte zum grössten Teil in Armut. Wohl gab es eine gewisse Oberschicht von Menschen, die – nach jener Zeit gemessen – einen Wohlstand hatten, sich mehr leisten konnten und keinen Hunger leiden mussten. Aber ihr vermögt nicht nachzufühlen, wie jene Menschen damals gelebt haben und Hunger litten. Daran zu erinnern, ist auch immer wieder notwendig; denn man ist geneigt, die Verhältnisse von dazumal mit den heutigen zu vergleichen. Darum erkläre ich es euch, dass die geschilderten Erlebnisse meistens zwei- bis dreihundert Jahre zurückliegen. Die Menschen wurden auch nicht so alt wie heute – sagen wir vielleicht vierzig oder fünfzig Jahre, wenn es gut ging sogar sechzig Jahre. Nachdem sie ihr irdisches Leben zurückgelegt, hatten sie in der Geisteswelt viele Möglichkeiten, sich zu läutern, sagen wir bis zum heutigen Tag. Und wenn einer von ihnen auch bereits vor fünfzig oder sechzig Jahren wieder für ein neues Erdenleben vorbereitet wurde, so ist er in eure Zeitspanne hineingekommen, wo er dieses angenehmere, bequemere, leichtere Leben von heute leben kann. Es ist notwendig, dass ich euch das immer wieder erkläre.
Und nun erzähle ich euch von zwei Menschen, die in grosser Not und Bedrängnis gelebt hatten. Kriege waren über das Land gekommen und hatten Not, Leid und Krankheiten gebracht. Es war ein Elternpaar, das eine Schar Kinder hatte und nach Gottes Wohlgefallen lebte. Die Eltern hatten viel Liebe für ihre Kinder aufgebracht und zudem viel Aufmerksamkeit, Aufopferung und Hingabe dem Nächsten gegeben, dem Nachbarn, ja dem Vorübergehenden, dem Wanderer. Sie hatten manchen in ihr bescheidenes Haus aufgenommen und ihm zu essen gegeben. Sie hatten von den wenigen Mitteln, die sie besassen, hinausgetragen zu den Ärmsten, dorthin, wo sie wussten, da lebt eine Familie, eine Mutter allein mit den Kindern. Diese beiden gingen hin und taten, was ihnen möglich war. Ihre Hilfe, die sie darbrachten, war, an den heutigen Verhältnissen gemessen, sehr bescheiden. Man musste ein Stück Brot in viele Teile brechen. So hatten es sich diese beiden Menschen zur Pflicht gemacht, den Mitmenschen zu helfen. Sie hatten für den morgigen Tag kaum etwas übrig; doch sie vertrauten auf Gott, und es war immer so, dass sie nicht Hunger leiden mussten. Sie konnten eine Arbeit ausführen, die ihnen Verdienste brachte, und so verteilten sie das, was ihnen übrig blieb, unter den andern. Es war ihnen zur Selbstverständlichkeit geworden. Auch ihre Kinder handelten später nicht anders; sie hatten es den Eltern gleichgetan.
Der Segen Gottes ist in der Hauptsache den beiden Eltern zugekommen. Sie haben sich durch ihre Hingabe und Aufopferung grosse Verdienste für den Himmel erworben. Schon dazumal hatte es die Geisterwelt Gottes nicht als selbstverständlich betrachtet, dass man an den Nächsten denkt, dass man den Ärmsten bei sich aufnimmt. Dies war auch seinerzeit keine Selbstverständlichkeit. Es gab schon dazumal Menschen, die eine grosse Herzensgüte hatten, und solche, die kein Wohlwollen und keine Herzenswärme kannten.
Betrachten wir nun, wie es den Eltern erging, als sie das Erdenreich verlassen durften und ins himmlische Reich heimkehrten. Mit Jubel und Freude wurden sie empfangen. Ich möchte noch hinzufügen, dass zur Zeit ihres Erdenlebens die Geister Gottes sehr oft bei diesen Menschen zu Besuch waren, und diese Geister Gottes hatten in Übereinstimmung miteinander die Zukunft für dieses Elternpaar gezeichnet. Diese Zukunft sollte von Segen sein; dieser Segen sollte über sie beide und über die Nachkommenschaft kommen. Das hatte man ihnen schon zu Lebzeiten in ihr Lebensbuch gezeichnet; auch die Umrisse für das neue Erdenleben wurden schon gestaltet. So kamen sie in das Seelenreich hinein, wo sie mit Jubel empfangen wurden und wo sie einer Arbeit nachgehen durften, die ihnen Freude bereitete. Sie hatten grosse Stufen überschritten, denn sie hatten zur Gefälligkeit Gottes gelebt und viel geleistet. Sie waren im tiefen Glauben und Vertrauen auf Gott und seine Gerechtigkeit.
Nun sollten sie in der Gotteswelt belehrt werden und die geistigen Gesetze kennenlernen, den ganzen Heils- und Schöpfungsplan. Das war für sie keine anstrengende Angelegenheit, denn jedes hatte einen hohen Geist zur Seite, von dem es geführt und belehrt wurde. Sie hatten wahrhaftig ein herrliches, seliges Leben; auch neben den Aufgaben, die ihnen gestellt wurden, fühlten sie sich in einer glückseligen Welt. Die beiden hatten sich nach ihrer Heimkehr in der Seelenwelt getroffen und durften eine Zeit lang miteinander leben. Dann aber sollten sie getrennt werden, und es wurde auch ihnen klar, dass diese Bindung gelöst werden würde, dass man wieder in ein neues Erdenleben treten werde und dadurch wieder andere Bindungen entstehen werden. Man wurde sich auch klar darüber, dass man ja eine Familie bildet, sich Bruder oder Schwester ist und man mit Christus zusammen eine grosse, göttliche Familie ist. So fällt dann dem einen oder andern die Trennung leichter, und man ist nicht so traurig, denn man hat in der Gotteswelt die höheren Ziele des geistigen und des irdischen Lebens kennengelernt. Und da man bereit ist, für Gott zu leben, und man diesen Höhen entgegengehen will, will man auch alles tun, um sie zu erreichen.
Die beiden wurden dann getrennt und für das neue Erdenleben vorbereitet. Sie sollten im gleichen Land geboren werden, sich aber nicht begegnen. Der eine wie der andere Teil hatte nun die Möglichkeit, diesen grossen Segen, der gegeben wurde, weiter zu entfalten. Sie wurden also nicht wieder zusammengeführt, aber beide, sowohl der Mann als auch die Frau, trugen über sich gezeichnet diesen grossen Segen Gottes. Und dieser Segen sollte für alle unsichtbaren, göttlichen Wesen erkennbar sein. Denn über dem Haupte jener beiden war ein Lichtkranz geformt. Dieser Lichtkranz leuchtete und war für die Geister Gottes der Beweis und der Hinweis, dass diese Menschen unter dem besonderen Schutz Gottes stehen und dass ihnen zu jeder Zeit der göttliche Beistand gegeben werden muss.
Ihr wisst, die niedere Geisteswelt ist immer interessiert, wenn ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt erblickt. Sie will wissen, woher er kommt, und sie sucht in seinem Lebensplan nach den Zeichnungen. Denn die niedere Geisteswelt möchte wissen, wie dieser Mensch beurteilt worden ist, was für ein Schicksal er hat oder was für Prüfungen ihm angedeutet sind. In diesem Lebensbuch ist aber keine vollständige Zeichnung des neuen Erdenlebens vorhanden, sondern es sind die Umrisse zu sehen, und so kann zu jeder Zeit Verschiedenes anders gestaltet werden. Das geschieht aus dem Grunde, weil die Gotteswelt vom Menschen selbst wissen will, was er beabsichtigt, mit seinem Leben zu tun. Und weil eben so viele Eigenschaften im Menschen sind – es können gute oder schlechte sein –, kann er unter gute oder schlechte Einflüsse kommen. Hierüber kann die Gotteswelt im Voraus noch keinen Entscheid geben, weil ja der Mensch als Herr seines Lebens entscheidet, ob er die Kraft aufbringt, das Niedere zu überwinden und dem höheren Leben nachzugehen.
Wenn ein Mensch keine Kraft zur Überwindung aufbringt, werden seine Schwächen zum Ausdruck kommen, und dann wird eben die Geisteswelt am gezeichneten Schicksal festhalten, wenn es notwendig geworden ist. Dem Menschen ist es aber möglich, vieles in seinem Leben zu verbessern, denn in seinem Lebensbuch ist manches nur angedeutet. Wenn er mit gutem Willen, mit Gottesglauben und Gott wohlgefällig lebt, dann kann das, was in ihm angedeutet ist und ihm zur Bedrängnis werden könnte, gestrichen werden. Was in ihm angedeutet war, war also eine bedingte Verurteilung oder Beurteilung. Die Gotteswelt überlässt es dem Menschen: Je nach seinem Verhalten vermag sie ihm etwas mehr von seiner Schuld zu vergeben, oder sie zwingt ihn, die Schuld, welche auf ihm liegt, auszutragen. Dies geschieht eben dann, wenn er nicht fähig ist, den höheren Zielen nachzugehen, wenn er sich nicht bessert und er kein Verlangen hat nach den hohen Zielen des Lebens. Es ist ähnlich wie bei euch, wenn ihr gewissen gestrauchelten Menschen eine bedingte Verurteilung auferlegt. So ähnlich ist es im Geistigen.
Wenn jetzt ein Mensch gezeichnet ist durch diese grossen Verdienste aus seinem früheren Erdenleben und mit einem solch grossen Segen in dieser Welt leben darf, dann hat er schon von Kind auf einen ganz besonderen göttlichen Schutz. Die göttliche Welt hat sozusagen das Gelöbnis gegeben, diesen Menschen zu behüten und zu beschützen. Er hat so grosse Verdienste in einem früheren Leben erworben, dass man ihn jetzt vor grossen Versuchungen bewahren will. Und so versucht dann die hohe Geisteswelt, die Freundschaft dieses Menschen zu gewinnen; sie lenkt sein Denken. Denn schon von Kindheit an ist die hohe Geisteswelt bei ihm zu Besuch, und sie nimmt Anteil am Geschehen seines Lebens, an seinem ganzen Handeln. Die Gotteswelt führt und lenkt nun dieses Menschenkind im Rahmen des Erlaubten. Wenn ich sage: “im Rahmen des Erlaubten”, so soll das heissen, dass immer wieder von Zeit zu Zeit die freie Entscheidung des Menschen zum Ausdruck kommen muss und sich die hohe Geisteswelt gerade in Hauptangelegenheiten zurückzieht und das Handeln dem Menschen überlässt. Denn der Mensch trägt die Verantwortung für sein Leben; er hat den freien Willen, er muss selbst entscheiden.
Ich sprach aber vom Lenken der heiligen Geisteswelt. Wenn die heilige Geisteswelt bei einem Menschen wohnt, dann kann sie einen solchen Einfluss auf ihn ausüben, dass sein Denken und Wollen bestimmt auf Gerechtigkeit ausgerichtet ist und er nicht imstande ist, eine ungerechte Handlung auszuüben, weil dies nicht mehr in seinem Wesen liegt. Sein ganzes Wesen ist von einer solchen göttlich-heiligen Kraft erfüllt, dass er nicht mehr vom rechten Wege abkommt.
Wenn nun bei diesen beiden, von denen ich erzähle, die Möglichkeit besteht, dass dieser grosse Segen, der um sie ist, sich auch auf den Ehepartner und die Nachkommenschaft ausdehnt, so werden also auch andere mit in den Segen einbezogen. Denn Gott ist in seiner Güte, in seinem Wohlwollen so gross, und er gibt in so herrlichem Masse, wie es der Mensch nicht fassen kann. Wenn sich also der Mann oder die Frau entschliesst, einen Ehestand zu gründen, wird der Ehepartner in diesen Segen miteinbezogen. Die hohe Geisteswelt, die sich für alle wichtigen Entscheidungen dieser gottgesegneten Menschen interessiert und versucht, in ihr Leben hineinzuwirken, wird auch bei der Partnerwahl ihren Beitrag leisten. Sie wird das, was nicht zum Fortschritt ihres Schützlings wäre, das heisst einen Menschen, der sich nicht anpassen kann, von ihm wegführen und eine unpassende Verbindung verhindern. Doch auch hier spielt die freie Willensentscheidung des Menschen eine Rolle. Die Geisterwelt Gottes versucht es im Rahmen des Möglichen so zu lenken, dass der richtige Partner gefunden wird, damit die Zukunft ohne grosse Schwierigkeiten gelebt werden kann. Sie versucht also, wie ich betonte, das Denken des Menschen zu lenken. Ich könnte auch als Beispiel nennen, dass der eine oder andere Gottesgeist versucht, so Besitz zu nehmen vom Menschen, ihn so zu lenken, ihm das richtige Wort auf die Zunge zu legen, dass dieser die richtige Entscheidung trifft. In diesem Falle ist es ein gnadenvolles Eingreifen der göttlichen Welt, denn der Mensch, der mit diesem Lichterglanz gezeichnet ist, soll ein weiteres Gott wohlgefälliges Leben leben dürfen, ohne innere und äussere Bedrängnisse. [...]
Werden solche gottgesegneten Menschen zur Ehe zusammengeführt, so können sie miteinander ein Leben im inneren Frieden haben. Diese beiden werden aufeinander abgestimmt, und sie werden einander verstehen. Doch gibt es in jedem menschlichen Leben, in jeder Familie auch Stunden oder Tage, wo man Probleme hat und man nicht selber Meinung ist. Aber wenn man ein wahrhaftig geistig ausgerichteter Mensch ist, dann findet man die Kraft zur friedlichen Lösung. Man wird besorgt sein, dass der häusliche Friede in jeder Beziehung gewahrt bleibt. Die hohe Geisteswelt, die ja zu Besuch ist, übt das Mögliche aus.
Es ist etwas Herrliches, wenn ein Mensch seine irdische Behausung zu einer göttlichen Behausung machen kann. Er kann seine irdische Behausung zum Sammelplatz hoher Geister machen, denn ein solcher Mensch ist mit einem besonderen Segen gezeichnet. Es ist also ein besonderer Mensch, dessen Geist mit viel geistigen Gewinnen und geistigen Reichtümern wieder ins menschliche Leben eingekehrt ist. Wohl muss auch er allem Widerwärtigen, was das menschliche Leben bringt, gegenüberstehen, aber die Gotteswelt will versuchen, von diesem gesegneten Menschen alle Bedrängnisse nach bester Möglichkeit abzuhalten. Dieses wird möglich, weil nicht nur die persönlichen Schutzgeister und geistigen Lehrer und Führer bei diesem Menschen oder in diesem Hause ein und aus gehen, sondern weil, wie ich betonte, eine solche irdische Behausung zum Sammelplatz hoher Geister Gottes werden kann.
Hohe Geister Gottes ziehen immer durch alle Sphären. Sie nehmen Anteil am Geschick des Menschen. Sie beobachten ja die Menschen, wie sie leben; sie haben ihre Aufgaben unter den Völkern aufgeteilt. Eure irdischen Weiten sind für einen Geist kein Hindernis, man findet sich sehr rasch. Und wenn diese hohen Wesen zusammen sind, dann geben sie ihrerseits eine wunderbare geistige Kraft von sich. Und das Interesse, das sie an diesem gesegneten Menschen zeigen, ist nicht nur auf ihn begrenzt, sondern sie interessieren sich für seine Nachkommen und für jene Menschen, mit denen sie im Alltag zusammenkommen. Die heilige Geisterwelt ist nicht so engherzig, wie die Menschen es sind, die das Wohlwollen nur in der eigenen Familie haben möchten, sondern die Geister Gottes sind bemüht, dieses Wohlwollen hinauszutragen und zu entfalten. Sie interessieren sich für alle, die nun in diesem Hause ein und aus gehen. So können sich diese hohen Geistwesen manchmal für den einen oder andern Menschen besonders interessieren. Sie geben ihm ihren Schutz in der Zeit von Bedrängnis, sie stehen ihm bei. Der Mensch ahnt nicht, dass er durch diese oder jene Person oder durch eine Familie zu solch grossem geistigen Vorteil gekommen ist. Diese Entfaltung an Segen und Liebe ist eben im Himmel vorhanden. Die Menschen haben davon keinen Begriff, denn sonst würden sie mehr an dieser Liebe und an diesem Wohlwollen arbeiten und sie besser entfalten.
So könnt ihr nun sehen, dass sich Menschen durch hohe geistige Verdienste einen solchen Segen zuziehen können, dass dieser Segen auch über die Nachkommen, über Freunde und Bekannte geht, dass auch sie in dieses glückliche Feld miteinbezogen werden. Die Engel Gottes werden immer wieder in die irdische Behausung solcher Menschen einkehren, dort wohnen und die Möglichkeit haben, sich auch anderer Menschen anzunehmen. Ihr könnt auch sehen, dass die göttliche Welt etwas vom Menschen verlangt, dass sie aber ihrerseits sehr dankbar ist, wenn Menschen in einen solchen Segensstrom hineinkommen. Geister Gottes fühlen sich glücklich, wenn sie zu Besuch zu solchen Menschen gehen dürfen, denn diese Menschen tragen diesen Lichterglanz durch ihr ganzes Leben. Sie bleiben gezeichnet, und so trägt ihr Geist, wenn er den irdischen Leib abgelegt hat, noch immer diesen Lichterglanz über seinem Haupte. Und bei seiner Heimkehr in die göttliche Welt werden auch jene Geister Gottes zu seiner Freude da sein, die jeweils von weit her gekommen waren und diesen Menschen in seinem Hause besucht haben und sich hier mit andern hohen Geschwistern besprochen haben – auch sie werden zur Freude des Heimgekehrten da sein, und es wird lauter Jubel und Freude sein.
So, liebe Geschwister, habe ich euch heute Einblick gegeben in das Leben eines verdienstvollen Menschen, der während seines ganzen Lebens gezeichnet ist mit dem Lichterglanz des Segens, der von den Geistern Gottes erkannt und in ihre Obhut genommen wird. So ist es unser Wunsch, dass auch ihr bemüht seid, euer Leben Gott wohlgefällig auszurichten, damit der Segen über euch und euren Nachkommen walten darf, über Freunden und Bekannten. So soll der Segen Gottes euch begleiten und bewahren vor Not und Bedrängnis. Gott zum Gruss.
Vortrag von Geistlehrer Josef vom 24.4.1965 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)
Lene, 15. Januar 1969
Geistlehrerin Lene vergleicht in diesem Vortrag die Seele des Menschen mit der Rose. So wie sich die Königin der Blumen mit ihren Dornen zu schützen weiss, so ist dem Menschen Vernunft und Verstand gegeben, um seine kostbare Seele zu schützen. Er hat auch die Möglichkeit, im Gebet Gott zu bitten: “Gib mir doch etwas Weisheit; gib mir doch etwas klare Einsicht, dass ich richtig denken, schalten und walten kann. Ein gesundes Denken schenke mir, o Gott.”
Lene: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, ich möchte in dieser Stunde euer Denken beeinflussen. Ihr sollt euch zu Gott erheben, aber dazu müsst ihr euer Denken ganz auf das Geistige ausrichten. Ihr müsst mir zuhören und euch von den äusserlichen Alltagsdingen abwenden; ihr sollt nicht zwischendurch andere Dinge denken. Ihr müsst versuchen, es fertigzubringen, euch in einer solchen Stunde wirklich zu erheben und nichts anderes zu denken, nichts anderes zu wollen als das, was euch hier erklärt wird. Dies ist auch eine Übung für euch, ihr stärkt euch in eurem Willen, wenn ihr das fertigbringt. Denn ich weiss, dass zwischendurch beim einen oder andern seine Gedanken wieder fortwandern und er sich, sei es auch nur vorübergehend, anderen Dingen zuwendet. Will man aber geistig gekräftigt werden, muss man ganz dabei sein. Wenn man einen Nutzen von einer solchen Stunde haben will, muss man mitmachen.
Es heisst: “Nicht vom Brote allein lebt der Mensch” (Mat. 4, 4). So ist es. Es gibt Menschen, die reich an irdischen Gütern sind und trotzdem unglücklich sind. Es ist also nicht so, dass irdischer Besitz, irdischer Reichtum, den Menschen haben können, einem jeden das vollkommene Glück brächte. Das wirkliche Glück, die innere Freude und Seligkeit, bekommt man nur vom Geiste her. Also muss man sich dem Geiste zuwenden, dann erhält man auch die geistigen Kräfte.
Es gibt reiche Menschen, die alles besitzen, was sie sich wünschen, aber innerlich frieren und hungern sie. Sie hungern nach geistiger Wärme, nach geistiger Speise. Doch diese kann ihnen ein materialistisch eingestellter Mensch nicht geben. Diese geistige Wärme, diese geistige Speise kann man nur vom geistigen Reiche erhalten. Anderseits gibt es Menschen, die arm an irdischen Gütern sind, die aber eine innere Wärme haben, die es verstehen, aus dem Geistigen zu schöpfen und geistige Speise zu geniessen. Es gibt also nach euren Begriffen arme Menschen, die innerlich sehr reich sind, denn sie sind in ihrer Seele froh – sie haben einen inneren, geistigen Reichtum, der alles überragt.
Nun, der Mensch muss doch versuchen, seiner Seele edle und vornehme Gefühle zuzuführen; denn die Seele prägt ja den äusseren Menschen. Was inwendig im Menschen ist, kommt beim äusseren Menschen zum Vorschein. Wenn ihr beispielsweise Mitmenschen betrachtet, seht ihr beim einen seine Untugenden, bei einem andern seine Tugenden. Woher kommen diese eigentlich? Tugenden oder Untugenden kommen sicherlich nicht aus dem Fleisch oder dem Blut des Menschen. Vielmehr ist es die Seele, die solches enthält; in der Seele sind die Tugenden oder die Untugenden. Die Seele kann eine Kälte in sich haben, dann hungert und friert sie, und diese Kälte prägt den ganzen Menschen. Hier spricht man von Herzenskälte; man könnte aber sagen, die Kälte ist in der Tiefe der Seele. Bei einem andern kommt Wärme aus der Tiefe seiner Seele, und diese Wärme prägt auch den ganzen Menschen.
Wenn ihr einen Menschen beurteilen wollt, dann beurteilt ihr ihn nach seinem inneren Wert. Inwendig im Menschen, in der Seele des Menschen also, liegt entweder Edles, Vornehmes oder Böswilliges, Bösartiges.
Nun, liebe Geschwister, ich möchte doch mit euch meditieren. Ihr sollt versuchen, mir mit eurem Denken zu folgen, und darüber eure Überlegungen anstellen. Ich möchte die Seele mit etwas Wunderbarem vergleichen. So sagte ich euch auch schon, ich vergleiche die Seele mit einem kostbaren Gefäss oder mit einem Tempel. Ich kann aber der Seele auch die Königin der Blumen gegenüberstellen. Und die Königin der Blumen ist die Rose – sie möchte ich als die Königin der Blumen ansprechen. Wenn ihr diese Blume in ihrer Pracht und in ihrem Dufte wahrnehmt, wie schön sie ist, seht ihr anderseits, dass sich diese herrliche Blume vor aller Oberflächlichkeit zu schützen weiss. Sie hat Dornen – der Zugriff zu ihr wird also nicht leicht gemacht. Die Rose als Königin der Blumen hat Dornen, und diese können die Hand des Menschen verletzen, wenn man unvorsichtig ist. Also schützt diese wunderbare Blume ihre eigene Schönheit.
Auch die Seele des Menschen hat die Möglichkeit, sich zu schützen. Denn die Seele selbst ist ja auch etwas Kostbares, sie ist etwas Göttliches, etwas Vornehmes, Edles. Doch diese Vornehmheit kann nur dann wirksam sein, wenn die Seele auch ihren Schutz hat, wenn sie geschützt ist. Auf wunderbare Art und Weise hat die Seele ihren Schutz. Es müssen nicht Dornen sein wie bei dieser wunderschönen Blume. Schmerzhaft aber kann es für den Menschen im Umgang mit andern auch werden. Dabei wird nicht etwa seine Hand verletzt, sondern sein ganzes Wesen kann durch einen Mitmenschen verletzt werden, wenn in seinem Leib eine Seele ist, die sich ungeschützt entfaltet.
Jede Seele hat ihren Beschützer oder ihre Beschützer, wenn der Mensch das Glück hat, sagen zu können: “Ich bin gesund, ich habe ein gesundes Denken.” Nun wisst ihr, was ich mit diesen Beschützern der Seele meine: Es sind dies Vernunft und Verstand. Vernunft und Verstand müssen angewandt werden, müssen zur Geltung kommen, wenn man das Vornehme, das in der Tiefe der Seele liegt, einerseits schützen und anderseits entfalten will. Vernunft und Verstand des Menschen sind seine wertvollsten Beschützer.
Man darf nicht oberflächlich denken, nicht oberflächlich handeln. Man muss Vernunft und Verstand so walten lassen, dass es zur Gesundung der Seele dient – so wie sich die Rose mit ihren Dornen vor der Oberflächlichkeit der Menschen schützt, die sie pflücken wollen. Eine grosse Aufgabe obliegt dem Denken des gesunden Menschen. Er muss sich die Dinge gut überlegen. Er hat auch die Möglichkeit, im Gebet Gott zu bitten:
“Gib mir doch etwas Weisheit; gib mir doch etwas klare Einsicht, dass ich richtig denken, schalten und walten kann. Ein gesundes Denken schenke mir, o Gott.”
Man darf seinem eigenen Denken gegenüber kritisch sein. Man soll gut überlegen, ob das, was man denkt, wohl richtig ist. Man muss sich also bewusst sein, was für ein Beschützer das vernünftige Überlegen ist: Es ist ein ganz kostbarer Beschützer. Denn je nach dem Denken kann man sich verfehlen, belasten und fügt so seiner Seele Schaden zu; dann ist die Seele ohne Schutz. Darum ist es wichtig, zu überlegen, was man spricht, was und wie man sprechen soll. Denn das äussere Wesen des Menschen wird auch durch Äusserlichkeiten beeinflusst.
So mag die Tiefe der Seele manche kostbaren Dinge enthalten, und doch können sie nicht hervorkommen, können sich nicht entfalten, haben keine Ausdrucksmöglichkeit. Denn sie sind eingeschlossen, weil man ihnen den Weg nicht frei gemacht hat, weil Vernunft und Verstand fehlen und so der Weg erschwert, ja versperrt wird. So hat das, was in der Tiefe der Seele liegt und im Verlangen ist herauszukommen, keine Möglichkeit zu entweichen.
Darum hat der äussere Mensch eine grosse Verantwortung. Im Grunde genommen möchte doch der inwendige Mensch das ganze Wesen des Menschen in seiner vollkommenen Weise prägen. Das Schöne, das Gute, das inwendig im Menschen ist, möchte das Denken und die Vernunft des Menschen beeinflussen, damit er so handelt, wie es das Verlangen seiner Seele und seines Geistes ist. Denkt also daran, dass es in euren Händen liegt, euer inneres Wesen zu beeinflussen, es zu fördern für das Gute.
Anderseits ist es aber so: Wenn der Mensch keine Kraft hat, seine Vernunft und seinen Verstand so zur Geltung, zum Ausdruck zu bringen, wird er gänzlich von seinen inneren Begierden beeinflusst. Begierden, Unebenheiten sind in der Tiefe der Seele; sie müssen durch den Menschen im Leben überwunden werden. In der Tiefe der Seele liegt eben nicht nur das Verlangen nach dem hohen Leben, das Verlangen nach den göttlichen Tugenden, sondern daneben liegt auch das andere Wesen des Menschen. Denn man ist ja Mensch geworden, damit die in einem noch verbliebenen Unebenheiten ausgeglichen werden. Also denkt daran, haltet euch vor Augen, dass durch diese Wächter das Inwendige des Menschen zum Heil veranlasst wird oder aber zum Unheil.
Wir möchten jedoch vielmehr vom geistig vornehmen Leben des Menschen sprechen. Hat man sich Jahre hindurch bemüht, uns zuzuhören, so wird einem auch klar, was zu dieser geistigen Erhabenheit gehört und was zu tun ist, um die Seele zur Vollkommenheit zu führen, ihr den Weg zu dieser Vollkommenheit zu zeigen, und was es braucht, um das Denken und Wollen zu beeinflussen, und dass die Möglichkeiten dazu vorhanden sind.
Die Rose bedarf ihrer Pflege, ja sie ist in ihrer Pflege sogar anspruchsvoll. Sie muss, damit ihr Wachsen und Gedeihen gefördert wird, sorgsam behandelt werden; denn sie hat ihre Schwächen. Nun betrachtet eure eigene Seele. Auch eure Seele will ihre Behandlung haben, will sorgfältig gepflegt sein, wenn es zu einem Gedeihen kommen soll. So wie man der Blume die notwendige Nahrung für ihr Gedeihen gibt und sie von Menschen gehegt und gepflegt wird, so muss auch die Seele des Menschen ihre Nahrung haben; auch sie muss gehegt und gepflegt werden.
Diese Pflege erhält die Seele in erster Linie von der Geisterwelt Gottes, vom Reiche Gottes selbst, ist doch der Mensch durch den Willen Gottes hier auf dieser Erde. So ist es im Verlangen und Willen Gottes, dass der hier lebende Mensch sich zum Göttlichen entfaltet; ein göttliches Wachstum soll er zeigen. Die Kraft zu diesem göttlichen Wachsen kann er nur von göttlicher Seite erhalten; vom Reich Gottes empfängt er die notwendige Kraft zu seinem Leben. Es sind die Engel Gottes, die ihn im Leben begleiten, die für ihren Schützling besorgt sind. Es ist die Kraft Gottes, die die ganze Natur durchzieht, von der der Mensch abhängig ist; und es gehört zu seiner geistigen und leiblichen Nahrung, diese Kraft in sich aufzunehmen, um leben zu können. Das Reich Gottes umsorgt den Menschen, sodass er die Möglichkeit hat, für seinen geistigen Fortschritt das Seine zu tun; von der Gotteswelt wird er gehegt und gepflegt.
Obwohl es Menschen gibt, die weder an eine Geisterwelt Gottes noch an ein Weiterleben nach dem Sterben noch an einen Gott glauben, sind sie dennoch alle von dieser grossen Liebe umfangen und werden trotz ihres Unglaubens, trotz ihrer Schwäche auch gehegt und gepflegt; denn sie vermöchten sonst nicht zu leben. Man gibt ihnen die Möglichkeit, ihre geistigen Aufträge auszuführen, ihre Probleme und Belastungen zu lösen. Die Möglichkeit zu geistigem Wachsen und geistigem Fortschritt ist ihnen gegeben. So liegt es an der Erkenntnis des Menschen, nun Gebrauch zu machen von diesem Hegen und Pflegen göttlicherseits.
Wie es ein solches Hegen und Pflegen gibt, das für jeden Menschen bestimmt ist, weil es zur Notwendigkeit seines Lebens gehört, so gibt es auch eine ganz besondere Hingabe, die Engel Gottes einem Menschen schenken können. Denn die Engel Gottes sind es, die den Willen Gottes ausführen und den Heilsplan in Erfüllung bringen müssen, der nun festgezeichnet ist. Der Anfang zu dieser Erfüllung ist gemacht.
Es ist aber nicht allein die Geisterwelt Gottes, die den Menschen hegt und pflegt – auch der Mensch selbst kann sich durch sein Gebet vermehrte Kraft zuführen. Durch seinen festen Glauben, durch seine Hingabe an das vollkommene, göttliche Leben kann er in seinem geistigen Stande gehoben werden.
Wenn nun der Mensch seinerseits alles dazu beiträgt, um im göttlichen Willen zu leben und zu wirken, dann wird auch die göttliche Welt mit ihrem Einfluss, den sie auf den Menschen hat, ihn auf eine ganz besondere Weise zeichnen und zusätzlich beeinflussen. Denn durch das gehobene Denken des Menschen an das Göttliche wird nun auch sein göttlicher Funke in ihm erhellt werden. Der Mensch selbst schafft durch sein Denken und Wollen die Möglichkeit zum geistigen Gehobenwerden. Er drängt sich ans Licht und wird vom göttlichen Licht umfangen, sodass es in diesem eine Vereinigung gibt, ein Verschmelzen mit dem göttlichen, harmonischen Licht.
Menschen, die sich durch eine solche Harmonie des Lichtes auszeichnen, zeichnen sich auch in ihrem ganzen menschlichen Wesen durch Harmonie aus; denn von dieser göttlichen Harmonie wird der ganze Mensch beeinflusst. Ein solcher Mensch findet unter Mitmenschen Bewunderung. Nach diesem harmonischen Menschen haben sie ein Verlangen; denn wer möchte nicht Angenehmes, Wohltuendes, Herrliches in seiner nächsten Nähe haben? Die Harmonie, die von einem solchen gehobenen Menschen ausgeht, beeinflusst auch seine Umgebung. Es ist genau wie bei der Rose: Wenn sie sich ganz entfaltet hat und so in ihrer Pracht ist, findet sie ihre Bewunderer.
Im Menschen ist stets ein Verlangen nach dem Schönen, von diesem Besonderen mehr zu besitzen, es zu eigen zu haben. So bewundert ihr in der Natur das Schöne, das euch durch Gottes Willen gegeben worden ist. Doch ebenso gut wäre es, man könnte die Mitmenschen bewundern, man könnte einander gegenseitig Bewunderung aussprechen. Es sollte nicht so sein, dass man sich von Mitmenschen distanziert, weil es ihnen an innerer Harmonie fehlt, weil ihre Wächter nicht zum Zuge kommen, weil weder Verstand noch Vernunft ihren Auftrag erfüllen. Wie wohltuend ist es für einen Mitmenschen, jemanden zu seiner Seite zu haben, der in grossem Verständnis lebt und die Bewunderung der göttlichen Wesen hat.
Der Mensch muss also das Seine dazu tun, er muss seine Seele pflegen; denn die Seele ist empfindsam, die Seele eines jeden Menschen. Und es besteht die Möglichkeit, der Seele jene Kraft zuzuführen, dass sie stark wird nach aussen und nach innen. Daher sollte man sich viel mehr nach dem Wesen Gottes ausrichten.
Wenn man betet und Gott bittet, er möge doch dieses und jenes geben, er möge dem Menschen Schutz verleihen – warum kann man dann nicht sein Denken so weit emporheben und sich das göttliche Leben vorstellen: die grosse, unfassbare Liebe Gottes, das grosse Verständnis, das Gott hat, und die Güte, die aus ihm kommt? Warum kann der Mensch nicht etwas von dieser Güte, etwas von diesem Verständnis seinen Wächtern übertragen? Warum kann er nicht Güte und Liebe mit der Vernunft paaren? Warum versteht er es nicht, wenn doch Gott so viel Toleranz zeigt, wenn er so barmherzig ist, voller Milde und Nachsicht? Warum kann sich diese Milde und Nachsicht nicht mit seinem Verstand paaren?
Das ist möglich, das kann man. Gott hat ja dem Menschen Verstand und Vernunft gegeben. Ein jeder sollte sich daher klar darüber werden, dass er die Achtung und den Respekt seiner Mitmenschen besitzen muss. Denn achtlos, respektlos wird an einem Menschen vorübergegangen, wenn er seine Seele nicht gepflegt hat, wenn Vernunft und Verstand nicht die Aufgaben erfüllen, wie sie eigentlich sollten.
Die Rose – sie weiss sich zu schützen, sie will nicht leichthin gepflückt werden. Und der Mensch? Er kann sich auch schützen. Er soll seine eigene Seele schützen, damit sie sich zu Gott erheben kann. Göttliches soll im Innern des Menschen sein, damit sich seine Seele wieder mit dem Göttlichen vereinen kann. Wer aber nichts Göttliches, sondern nur Verwerfliches in seinem Innern hat, der kann sich nicht mit dem Göttlichen vereinen.
Wenn ihr dann wieder Gelegenheit habt, die Blumenpracht zu bewundern, so denkt daran, wie gross die Vielfalt in der Natur ist und welche Sprache sie spricht. Die Blume oder die Rose hat ihre stillen Worte. Und auch die Seele hat ihre stillen Worte; sie hätte bestimmt diesem oder jenem Menschen – dem äusseren Menschen, meine ich – vieles zu sagen. Aber die Seele bleibt stumm, stumm, ist sie doch von der Nahrung abhängig, die man ihr gibt. Die Seele braucht Nahrung, um leben zu können; um sich zu entfalten, braucht sie mehr als das Übliche. Die Nahrung, die die Seele will, ist göttliche Speise. Es ist nicht das irdische Brot, von dem ihr lebt – ein anderes Brot ist notwendig, um das Seelisch-Geistige zu stärken.
Die Seele kann auch hungern und frieren; dies tut sie, wenn die Wächter nicht ihres wirklichen Amtes walten können. Die Seele hungert und friert, wenn sie keine geistige Nahrung erhält. Und diese geistige Nahrung kommt nur von oben; sie vermag dann den ganzen Menschen zu stärken; sie kann den Menschen glücklich machen. Sie gibt ihm Kraft, seine Probleme zu bejahen und mit den Problemen, die er hat, glücklich zu sein.
Man sieht darin eine göttliche Handlung, ein Eingreifen Gottes, mit dem man sich befassen muss. Man lässt sich also trotz Problemen und täglichen Sorgen, die der Alltag mit sich bringt, seine Harmonie und seinen inneren Frieden nicht nehmen. Dieser innere Friede und diese Harmonie können im Menschen unabhängig von solchen Äusserlichkeiten walten. Allein, auch dieses ist eine Erkenntnis, die man erringen muss.
Bei euch geht es doch nun darum: Ihr möchtet euch im Geiste stärken, ihr möchtet näher zu Gott herankommen. Ihr könnt es. Auf welche Art und Weise ihr es tun sollt, wird euch immer wieder von uns erklärt.
So hat die Seele ihre Sprache, ihre stillen Worte – so wie die Blumen ihre stille Sprache haben. Doch sorgt dafür, dass das Wort der Seele zum Ausdruck kommt, dass es laut vernehmlich ist, das göttliche Wort. All das sollt ihr in eurem Innern fördern. Stellt euch dabei Gottes Erhabenheit vor. Wollt ihr da als seine Kinder so rückständig sein und ihm nicht gleich werden, nicht gleich sein? Wie viel Verständnis schenkt doch Gott den Geschöpfen!
Darum ist es Pflicht des Menschen, auf diesem Weg der Vollkommenheit zu schreiten, Gott entgegenzugehen und von dieser göttlichen Liebe aufzunehmen. All das kann man in das Inwendige des Menschen bringen und es aufbauen, damit es bewunderungswürdig wird. Denkt daran: Von innen nach aussen wird der Mensch geprägt, aber auch von aussen nach innen wird das Seelisch-Geistige beeinflusst.
Erhebt euch empor zum Göttlichen, und euch wird die Nahrung gegeben, die ihr für euer jetziges Leben braucht und auch dereinst, wenn ihr euren irdischen Leib abgelegt habt. Auch dann ist die geistige Speise eine Notwendigkeit. Denn wenn man sich im Geistigen befindet – ich meine in der geistigen Welt –, kann man diese geistige Speise wirklich geniessen. Sie stärkt den Geistesleib und den Seelenleib, damit man den Anfangsstrapazen besser gewachsen ist. Manchem tut es gut, eine solche Erlabung zu bekommen.
Ihr sollt nicht glauben, es genüge, für Verstorbene nur den Segen Gottes auszusprechen, wodurch es ihnen dann gut ergehe. Es gibt das Gesetz von Ursache und Wirkung; es ist in der geistigen Welt genauso zu befolgen. Wer sich um diese geistige Speise verdient gemacht hat, wird sie zu seiner persönlichen Kräftigung erhalten. Und wer es verdient hat, einen rechten Fürsprecher zu bekommen, der wird ihn erhalten. Doch wehe denen, die weder Speise noch Fürsprecher haben.
So, liebe Geschwister, könnt ihr euch zu Hause Zeit dafür nehmen, über all das nachzudenken. Es wäre wahrhaftig für manchen gut, sich das Leben Gottes wirklich vorzustellen – wie Gott die grosse Güte und Liebe ist. Ist es doch des Menschen mindeste Aufgabe, ihm einigermassen nachzuleben, wenn er die Ehrfurcht von der Geisterwelt Gottes und die Achtung der Mitmenschen haben will.
Liebe Geschwister, versucht darüber nachzudenken. Wir sind bereit, dem einen und andern, der guten Willens ist, einen Geist Gottes zu geben, auf dass dieser sein Denken lenkt und ihn durchs Leben führt. Wer sich zu Gott erhebt, der wird auch geführt werden. Wer seine Hände nach den Engeln des Himmels ausstreckt, den werden sie festhalten. Doch die Geister Gottes halten sich an den Willen des Vaters, an seine Gesetze, die er aufgestellt. Alles geschieht nach den Gesetzen Gottes, alles nach seinem Willen.
So möge Gottes Wille mit jedem hier geschehen. Möge Gott jedem gnädig sein. Möget ihr im täglichen Leben durch Engel Gottes geführt und inspiriert werden. Möget ihr euch so öffnen, dass ihr die Kraft bekommen könnt, die für euch, für euer Leben notwendig ist. Gott zum Gruss.
Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 15.1.1969 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)
Lene, 23. September 1968 (Ausschnitt)
Der Mensch ist aufgerufen, in allen Lebenslagen Vernunft und Verstand anzuwenden. Dies gilt im Besonderen für gläubige, geistig ausgerichtete Menschen, die sich mit der übersinnlichen Welt befassen. Denn ein Glaube ohne Vernunft und Verstand birgt die Gefahr des Fanatismus und des Übereifers.
Lene: [...] Liebe Geschwister, das Reich Gottes komme zu euch. Gott hat dem Menschen auch geistige Wächter für die Seele gegeben. Diese geistigen Wächter heissen Verstand und Vernunft, Gläubigkeit, Mut, Kraft und Ausdauer und gute Gesinnung. Das sind geistige Wächter. Auch darüber kann man meditieren, denn Vernunft und Verstand kann der gesunde Mensch im täglichen Leben anwenden. Vernunft und Verstand schützen und behüten ihn vor Unglück, vor unangenehmen Dingen. Sie schützen und behüten auch die Seele vor Belastungen. Bildlich gesprochen sind Vernunft und Verstand wundersame Wächter. Man soll also auch darüber meditieren – sich wahrlich seine Gedanken darüber machen. Ich habe euch ja gestern [am ersten Abend der Meditationswoche 1968] darauf aufmerksam gemacht, dass es uns daran gelegen ist, den inneren Menschen zu wandeln. Man soll sich nach innen ausrichten, nach innen leben und nicht allzu sehr die äusseren Dinge betrachten und beurteilen. Ja, die äusseren Dinge betrachtet und beurteilt man eben mit dem menschlichen Verstand und mit seinem Gefühl.
Der Verstand ist nicht bei einem jeden Menschen gleich scharf. Der eine ist sehr kritisch und sehr geübt im Denken, im klaren Denken, während ein anderer ganz oberflächlich ist. Darum sage ich, dass es wertvolle Wächter sind, die dem Menschen zur Verfügung stehen. Es gilt, Vernunft und Verstand walten zu lassen und anzuwenden, in allen Lebenslagen. Dieses ist notwendig bei geistig ausgerichteten Menschen, die sich mit dieser unsichtbaren Welt, der geistigen Welt, befassen. Denn es drohen manchmal gewissen Menschen Gefahren, wenn sie sich mit dieser übersinnlichen Welt befassen. Gefahr droht dann, wenn der menschliche Verstand und die Vernunft nicht auch zu ihrem Recht kommen. Denn Gott hat das zum Ausgleich gegeben; er hat es gegeben, damit in allen Dingen Mass gehalten wird.
Mass halten in allen Dingen ist für den geistig ausgerichteten Menschen notwendig, denn es gibt geistig ausgerichtete Menschen, die fanatisch sind, die einen Übereifer haben. Fanatismus und Übereifer sind unharmonisch und nicht gottgefällig. Was nicht ausgeglichen, nicht ebenmässig ist, ist Gott nie gefällig. Nur Ausgeglichenes, Ebenmässiges ist Gott und seiner heiligen Geisterwelt gefällig. Denn man muss sich immer vorstellen: Gott ist die Harmonie und kennt keinen Fanatismus. Gott ist nicht fanatisch; dieses erwähnte auch schon euer Bruder Josef. Meditiert doch einmal darüber, wie die Welt aussehen würde unter einem solchen Fanatismus! Es genügt, wenn solche Menschen in diesem Fanatismus, in ihrem Übereifer leben und damit da und dort Unfrieden verursachen. Das ist nicht gut. Unharmonisches kann keine gute Entfaltung bringen wie das gottgefällige Harmonische. Deshalb ist es notwendig, euch dieses zu sagen, weil uns ja daran gelegen ist, dass ihr euch mehr nach innen ausrichtet. Darum sagen wir euch nochmals: Steht mit beiden Füssen fest auf dem Boden. Gott hat euch auf diese Erde gesandt, und auf diesem Boden müsst ihr arbeiten, euer Brot verdienen, eure Aufgaben erfüllen. Trotz eures Geistesglaubens sollt ihr fest auf dem Boden stehen, merkt euch das!
Ebenmass halten in allen Dingen, das ist für den Geistesmenschen notwendig; denn gerade er soll sich dadurch den Respekt verschaffen, dass er sich in seinem täglichen Leben bewährt und beweist, dass er der Welt, dem Mitmenschen dient – und auch der Geisterwelt Gottes. Man wird mit Respekt zu einem solchen Menschen aufblicken; man wird Achtung vor ihm haben, wenn man erkennt: “Dieser Mensch steht fest auf dem Boden der Wirklichkeit. Er verliert sich nicht, er ist zu bewundern. Es muss daran etwas Wertvolles sein, die Wahrheit muss er doch haben – wie kann er sonst so fest auf dem Boden stehen.” Das ist für geistig ausgerichtete Menschen sehr, sehr notwendig. Wenn man sich diesen Respekt und diese Achtung vor den Mitmenschen erwerben möchte, muss man in der Welt, wo man steht, seine Aufgaben erfüllen. Man darf durch seine Wirkweise dem andern auf keinen Fall lästig werden.
Die geistigen Erkenntnisse, die ihr erworben habt, sind etwas so Wertvolles. Ihr kennt den Ausspruch Christi von den Perlen (Mat. 7, 6). Werft sie nicht fort; bewahrt sie, pflegt sie. Alles zu seiner richtigen Zeit und an seinem richtigen Ort, das hat seine Wirksamkeit. Das gilt für die geistig ausgerichteten Menschen und für alle meine Freunde.
Auch von einem medial veranlagten Menschen verlangt man dasselbe. Wenn man einen medialen Menschen ernst nehmen will, dann muss er leben können wie ein normaler Mensch. Er soll sich in seinem Äusseren nicht unterscheiden von irgendwelchen andern Menschen. Er soll kein besonderes Getue an sich haben, um seine Medialität zeigen zu wollen, denn das wäre nicht ebenmässig. Er muss harmonisch, ausgeglichen sein. Und so ist es für einen medial veranlagten Menschen notwendig, immer dafür besorgt zu sein, dass er von seiner Umwelt geachtet und geschätzt wird; dass man ihn ernst nimmt und nicht sagt: “Jener Mensch schwebt ja in den Lüften, er lebt nicht auf dieser Welt”, oder sogar: “Er ist irre.”
Die Geisterwelt Gottes, das muss auch ich betonen, will mediale Menschen nur dann unterstützen, wenn sie in ihrem Wesen ausgeglichen sind, keinen Fanatismus, keine hysterische Veranlagung aufweisen noch irgendwelches nervöses Getue an sich haben, denn solches eignet sich nicht für die Geisterwelt Gottes. Es ist doch notwendig, das auch einmal zu wissen. Wenn irgendjemand glaubt, solche medialen Gaben zu besitzen, dann soll er wissen, dass er, wenn er diese Gabe ausübt – in welchem Sinne er es auch tut –, Gott verantwortlich ist für jedes Wort, für all sein Tun. Ist sein Tun nicht gottgefällig, wird er, wenn er zurückkommt, zur Rechenschaft gezogen und hart bestraft werden. Darüber herrscht strenges Gesetz, denn durch eine solche unebene Handlungsweise darf dem Gläubigen oder dem leichtgläubig veranlagten Menschen nicht Schaden zugefügt werden. Das ist eine grosse Not, die da und dort zu erleben ist.
Daher gehe ein jedes mit sich selbst streng ins Gericht. Jeder mediale Mensch muss vor Gott verantworten, was er tut und auf welche Art und Weise er es tut. Diese Erklärung scheint uns notwendig, denn wir beschäftigen uns doch mit dem Geistigen. Wir möchten das geistige Gut nicht der niederen Welt überlassen, die ungeordnet, uneingereiht ist, sondern dieses geistige Gut muss auf eine hohe Stufe gehoben werden. Es soll nur zum Heil und Segen der Menschen dienen. Vielleicht versteht man jetzt etwas besser, wenn ich sage: Gott hat dem Menschen einen Wächter gegeben, der heisst Vernunft und Verstand. Also wende man Vernunft und Verstand in allen Dingen an, ausnahmslos, jeder gesunde Mensch. [...]
Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 23.9.1968 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner anlässlich der Meditationswoche 1968 in Flims Waldhaus (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)
Josef, 26. April 1970 (Ausschnitt)
Wenn es um irdische, finanzielle Belange geht, sind sich Menschen gewohnt, Vernunft und Verstand walten zu lassen. Doch wie steht es im Bereich des Glaubens? Während Jahrhunderten hat man in der Christenheit unvernünftige Dogmen aufgestellt und die Wahrheit verdrängt.
Josef: Gott zum Gruss.
Gott, blicke mit Wohlgefallen auf die Deinen nieder. Gib allen Deinen Segen. Segne diese Stunde. Amen.
Meine lieben Geschwister, auf Wunsch meiner treuen Freunde spreche ich hier zu euch [Einführungsvortrag für neue Zuhörer in Bern]. Selbstverständlich muss ich zu euch anders reden, als wenn ich mich mit meinen treuen Freunden unterhalte. Spreche ich zu ihnen, dann erkläre ich etwas Bestimmtes, und beim nächsten Mal gebe ich zu dieser Erklärung eine Fortsetzung. Ich habe ja treue, bekannte Freunde hier, und sie möchte ich besonders begrüssen. Es sind aber auch Zuhörer hier, die zum ersten Mal gekommen sind und die noch wenig von dieser Art der Verbindung zur andern Welt gehört haben. Auch sie nenne ich meine Freunde – ich möchte eigentlich in dieser Stunde um ihre Freundschaft werben; ich möchte auch ihre Freundschaft gewinnen.
Dem einen und andern mag es unverständlich sein, was hier vor sich geht. Nun, in allen Einzelheiten vermag ich es jetzt nicht zu erklären, doch in grossen Zügen hat der Vorredner [in seiner Begrüssung] euch darüber unterrichtet. Es geht mir darum, euch nun die christliche Lehre etwas näherzubringen. Wir werden uns mit dieser christlichen Lehre auseinandersetzen.
Wenn ich sage, ich möchte die Freundschaft von euch, dann will ich gleich am Anfang sagen: Erwartet nicht, dass euch in dieser Stunde eine besondere Frömmigkeit gelehrt würde. Denn unter einer wirklichen Frömmigkeit verstehen wir Jenseitigen eigentlich etwas anderes als die Menschen im Allgemeinen. Von uns aus gesehen kommt eine wahre Frömmigkeit aus der Tiefe der Seele. Diese Frömmigkeit kommt nicht in ständigen Ermahnungen beim Mitmenschen zum Ausdruck und nicht in ständigem Wiedererwähnen von Bibelsprüchen. Man muss dem andern nicht immer sagen, wie er zu leben habe, wie es Gott gefalle. Für uns ist es keine Frömmigkeit, wenn ein Mensch ständig den Namen Gott im Munde führt. Das ist geistig gesehen eine Oberflächlichkeit, so wie heute eben der christliche Glaube oberflächlich ist, weil er an Stärke verloren hat. Die wirkliche Frömmigkeit des Menschen liegt also in der Tiefe der Seele, und diese Frömmigkeit kann nicht ohne Weiteres herauskommen. Sie bleibt bei den meisten eben in der Tiefe der Seele eingeschlossen. Sozusagen bei jedem Menschen liegt eine gewisse Frömmigkeit in der Tiefe seiner Seele; aber da sie eingeschlossen ist, vermag sie nicht herauszudringen.
Die Umwelt verunmöglicht es dem Menschen, die Türe zu seinem Innersten zu öffnen. Es sind die weltlichen Erlebnisse, die ihn hindern, die Tiefe seiner Seele zu öffnen. Er wird vom Weltlichen derart beeinflusst, dass es eben unmöglich ist, die Tiefen zu ergründen. Damit meine ich, dass diese wahre Frömmigkeit bei einem Menschen zum Ausdruck kommen und sich entfalten kann, wenn er sein Innerstes in der Tiefe seiner Seele öffnet. Ich möchte ergänzen, dass man von aussen die Möglichkeit hat, diese Türe zu öffnen, um in das Innerste der Seele zu dringen. Wenn man von der wirklichen, wahren Frömmigkeit reden will, braucht es Anstrengung, und man muss sich bemühen; denn so leicht wird es dem Menschen nicht gemacht. Eine oberflächliche Frömmigkeit kann man hingegen bald erreichen.
Wenn jemand nicht gewohnt ist, streng gewissenhaft zu denken, exakt zu denken, wenn er leicht beeinflussbar ist, dann spricht er schnell nach und glaubt, was man ihm sagt. Wenn man dann einem Menschen, der leichtgläubig ist, noch mit Drohungen kommt und sagt, dass er, wenn er nicht glaube, in die Hölle komme, oder sonst etwas, was ihm Furcht einflösst, nimmt er schnell das an, was der andere ihm sagt, und lässt sich überreden. Vielleicht soll auch gesagt sein, dass solche Menschen, die sich so überreden lassen, nicht besonders intelligent handeln. Nun wird der eine oder andere sich denken: “Du machst ja dasselbe”, und meint mich damit, denn ich wolle ja auch überreden. Das stimmt aber nicht; ich überrede niemanden, gar niemanden. Daran liegt mir gar nichts, denn Menschen, die man überreden muss – sie sozusagen mit sanfter Gewalt auf etwas aufmerksam macht und zum Glauben zwingt –, finden doch keinen aufrichtigen Glauben. Nein, das möchte ich nicht tun; keiner wird gezwungen zu glauben. Es soll ihn von innen heraus drängen, das hier Gehörte näher zu betrachten und ihm nachzusinnen. Er soll durch eigene Erkenntnis zum Glauben kommen und selbst entscheiden, ob er zu dem Ja sagen kann. Ich möchte ihm raten, er soll, wenn er religiös ist, Gott bitten:
“Zeige mir den Weg, den ich gehen muss; gib mir Beweise dafür, Beweise für mich persönlich, damit ich es verstehen kann. Gib mir auf meine Weise die Antwort, damit ich es verstehen kann.”
Nicht der Nachbar muss die Antwort hören – für dich selbst musst du um Antwort bitten und darum, dass du auf diesen Weg geführt wirst. Denn schliesslich trägt jeder Mensch selbst die Verantwortung für seinen Glauben oder Nichtglauben. Keiner kann dereinst, wenn er zu uns in die geistige Welt einkehrt, sagen: “Ich wurde eben so gelehrt.” Das wird ihm nichts helfen, denn man wird ihm sagen: “Aber höre doch, Gott gab dir Vernunft und Verstand. Warum hast du sie nicht angewandt? Du hättest Vernunft und Verstand anwenden sollen, du hast den freien Willen gehabt. Warum hattest du in dieser Beziehung deinen freien Willen nicht gebraucht und zugleich Vernunft und Verstand zu Hilfe genommen? Warum liessest du andere für dich denken?” Und schon erlebt man dann die erste Enttäuschung und will es nicht fassen, wenn man erleben muss, dass man sozusagen ein ganzes Leben lang auf dem falschen Weg gestanden ist und eben auf die andern hörte, die in dieser Beziehung die Vernunft und den Verstand nicht angewandt hatten.
In materiellen Dingen, wenn es um Besitz oder Verlust geht, versteht man es doch gut, die Vernunft und den Verstand anzuwenden. Dann sind bei den meisten Menschen der Verstand und die Vernunft gross genug. Dann können sie überlegen, nachdenken und sich Zeit lassen, ehe sie sich für eine wichtige Sache entscheiden. Und diese Dinge, die für euch wichtig sind, sind natürlich vom geistigen Standpunkt aus für uns nicht wichtig; denn alles, was auf dieser Welt ist, ist vergänglich. Und leben soll man nicht für die Vergänglichkeit, sondern für die Ewigkeit.
Nun versetzen wir uns in die Zeit zurück, als Christus lebte und wirkte. Versucht darüber nachzudenken, wie die christliche Lehre zu jener Zeit aussah und wie die Verhältnisse waren, als die Apostel die christliche Lehre verkündeten. Ich will euch auf Folgendes aufmerksam machen: Christus lehrte in einer so einfachen Sprache. Seine Worte waren ganz einfach und konnten von den Ungebildeten verstanden werden. Ja die Ungebildeten verstanden die Sprache besser als die Gebildeten; die Gebildeten verstanden sie nämlich nicht. Und das waren jene, die Christus die “Natternbrut” nannte (Mat. 3, 7): die Pharisäer und Schriftgelehrten – sie wollten von dieser Lehre nichts wissen. Und seine Apostel, seine Jünger, waren doch ganz bescheidene, ungebildete Menschen. Diese einfachen Menschen waren dafür auserwählt, die christliche Lehre zu verbreiten. Dazumal gab es nämlich in der christlichen Lehre keine Wissenschaftler, keine studierten Seelsorger, Theologen, wie sie heute für die Christenheit notwendig geworden sind. Als Christus lebte, war doch der Quell der christlichen Lehre da, und man sollte meinen, am Quell selbst sei das Wasser am reinsten, die Lehre am klarsten. Was ist denn heute aus dieser einfachen Lehre geworden, die den Menschen den Weg zu Gott zeigte?
Christus betonte: “Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen; ich werde euch den Geist der Wahrheit senden, und dieser Geist oder die Geister werden euch dann über das Nähere unterrichten.” Christus hat nicht von Theologen gesprochen, nicht vom Studieren, sondern er sprach vom Geist der Wahrheit, den er aussenden werde (Joh. 14, 16–17 und 15, 26). Gerade jetzt steht ihr ja so nah an Pfingsten, und das Pfingstfest erinnert doch die Christenheit daran, dass Geister Gottes die Apostel inspirierten. Diese Apostel, diese Jünger, die nach dem Weggang Christi mutlos und ängstlich wurden, hatten sich eingeschlossen – und plötzlich wurden sie von einem heiligen Geist erfüllt. Sie erhielten Kraft, Mut und wurden stark. Ihre Erkenntnisse wurden durch den Einfluss der Geister Gottes gross, und so verkündeten sie damals die Lehre Christi.
Ihr werdet in den nächsten Tagen [Auffahrt und Pfingsten] besonders an diesen Geist der Wahrheit erinnert. Ihr werdet auch daran erinnert, dass Christus vor den Augen seiner Jünger zum Himmel emporfuhr. Menschen sagen manchmal: “Es ist noch keiner vom Jenseits zurückgekommen und hat gesagt, wie es ist.” Das ist falsch. Wenn man der christlichen Lehre angehört, weiss man, dass Christus nach seinem irdischen Tode zurückgekommen ist und sich den Seinen gezeigt hat. Nicht allein Christus hat sich den Seinen gezeigt, es hat auch noch andere gegeben und gibt auch noch andere, die die Möglichkeit haben, sich zu zeigen und von sich hören zu lassen.
Wenn man Vernunft und Verstand hat, muss man doch überlegen und sich sagen: Der Körper ist der Vergänglichkeit gewidmet. Also muss danach das in Erscheinung treten, was unvergänglich ist, wie es in der christlichen Lehre festgehalten ist: das ewige Leben, das Unvergängliche. So wie Christus sich den Seinen zeigte und bewies: “Seht, ich bin da, ich lebe, obwohl ich am Kreuz gestorben bin – ich lebe. Da, wo ich nun hingehe, werdet auch ihr hinkommen. Ich gehe zum Vater, und ich werde für euch eine Wohnung bereiten.” (Vgl. Luk. 24, 39; Joh. 14, 2–3.) Christus hatte es gesagt und erklärt; aber das erscheint eben der heutigen Christenheit viel zu einfach, viel zu banal, viel zu gewöhnlich. Man will in einer anderen Sprache reden und hat aus dieser christlichen Lehre etwas ganz anderes gemacht als diese einfache Lehre, die dazu bereitet war, um selbst dem einfachsten und ungebildetsten Menschen den Weg zu Gott zu zeigen. Es braucht zur Verbreitung des Wortes Gottes in der Weise, wie es Christus und wie es die Apostel getan hatten, keine studierten Menschen. Christus hat nicht gesagt: “Ihr müsst hohe Schulen besuchen.” Er war nicht gut zu sprechen auf die Schriftgelehrten und die Pharisäer – ich habe euch gesagt, wie er sie nannte.
Was ist aus dem Christentum gemacht worden? Muss sich denn die Christenheit wundern, wenn heute besonders die heranwachsenden jungen Menschen nicht mehr in die Kirche gehen wollen, weil sie einfach nicht glauben können? Es fehlt ihnen in diesem Glauben das Fundament. Wenn man jenen Menschen eine Predigt hält, ihnen erklärt und erzählt, wie man leben muss, genügt das nicht mehr. Und wenn in diesen Predigten von den Evangelien irgendetwas verkündet wird und man sie auseinandernimmt, genügt das ihnen auch nicht, denn es ist für jene Menschen kein Fundament vorhanden. Die christliche Lehre will das wahre Fundament haben. Nur was aus diesem Fundament kommt, kann seine Gültigkeit, seine Kraft, seine Vielfalt haben. [...]
Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrer Josef vom 26.4.1970 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im Saal der Schulwarte am Helvetiaplatz, Bern (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)
Josef, 16. April 1963 und 13. Juni 1959 (Ausschnitte)
Josef: Gott hat dem Menschen den freien Willen gegeben, damit er ihn anwende. Man erwartet, dass die Menschen diesen freien Willen in vernünftiger Art und Weise ausüben. Gott hat nämlich den Menschen auch Vernunft und Verstand gegeben. Vernunft und Verstand muss in diesem freien Willen die allergrösste Bedeutung spielen. Mit diesem freien Willen, den der Mensch hat, kann er ja Unmögliches tun; er kann sich belasten und seine Umwelt schädigen. Also muss – gerade wenn man sagt: “Du hast den freien Willen” – dieser freie Wille unbedingt durchdrungen werden von Vernunft. Es muss Vernünftiges aus den freien Handlungen der Menschen kommen. Diese freien Handlungen sollen nicht zum Nachteil, nicht zum Ärgernis des andern werden. Denn oftmals versuchen Menschen, sich zu behaupten, indem sie sagen: “Ich habe meinen freien Willen”, vergessen aber, dass sie mit ihrem freien Willen andere Menschen in Unfreiheit bringen und dass dieser freie Wille eben nicht gut ist, weder für sie selbst noch für die andern – und zwar dann nicht, wenn sie die Vernunft nicht beigezogen haben. Das ist etwas sehr Bedeutendes.
Wenn ihr wieder in die Lage kommt, dass ihr irgendetwas zu entscheiden habt, muss immer Vernunft und Verstand eine Rolle spielen. Die Vernunft sagt: “Ich muss Rücksicht nehmen auf diesen oder jenen Menschen.” Dann ist dieser freie Wille, den man ausübt, etwas Schönes, etwas Herrliches; dann kann man von einem wunderbaren Geschenk Gottes reden und sagen: “Gott hat wohl jedem das schönste Geschenk gegeben: den freien Willen.” So werdet also auch ihr auf diesem Gebiete aufgefordert, das Eurige dazuzutun, um diesen freien Willen in Vernunft einzukleiden. Dann werdet ihr beliebte Menschen werden, und das ist auch unser Wunsch: Wir möchten, dass jeder Mensch vom andern geachtet und geschätzt wird. (16.4.1963)
Josef: Ich möchte besonders darauf hinweisen, dass Gott dem Menschen diese Freiheit im Denken und Wollen gegeben hat. Aus seinen freien Willensentscheidungen heraus gelingt es ihm, Angenehmes, Unangenehmes zu bewirken, seien es Überraschungen oder auch Enttäuschungen. Das geschieht aus den Handlungen aus seinem freien Willensentscheid. Es gibt Freunde, die glauben, behaupten zu dürfen, wenn ihnen eine Entscheidung im Leben gelinge, dann wäre es das Verdienst der guten Geister; misslingt eine Entscheidung, dann wären die bösen Geister am Werk gewesen. Dem möchte ich hier ganz energisch entgegentreten: Man soll nicht immer glauben, alle Dinge, die geschehen, wären den Geistern zuzuschreiben. In erster Linie wird von einem Menschen ein gesundes Denken verlangt; er soll überlegen und handeln, denn er ist selbst verantwortlich für sein Tun. Ihr könnt auch nicht die Geister zur Rechenschaft ziehen, die euch inspiriert haben; ihr könnt sie nicht vor eure Mitmenschen stellen und ihnen sagen, dass die Schuld am Misslingen jenen zuzuschieben sei. Nein, dies liegt gar nicht im heiligen Willen Gottes.
Der Mensch muss handeln können, frei sein in seinem Denken und Wollen und so seine Entscheidungen treffen. Wenn Entscheidungen zu treffen sind, soll er vorher klug überlegen, was ihm schaden könnte, dann wird er vorsichtig sein in seiner Handlungsweise. Hat er dann irgendeine Handlung vollzogen, können die Geister an ihn herantreten – aber erst dann, wenn diese Handlung vollzogen ist. Dann wird immer noch die Gesinnung des Einzelnen eine bedeutende Rolle spielen: Ist er edelster Gesinnung, so werden die guten Geister versuchen, ihn zum Guten zu lenken. Sie werden ihn inspirieren und versuchen, ihn von unglücklichen Handlungen abzuhalten – ich betone, sie werden es versuchen. Der Mensch steht in erster Linie da und hat das Recht zu sagen: “Ich will es so haben, ich will das glauben, das tun.” Das ist des Menschen Recht. Wenn nun die Gesinnung eines Menschen schlecht und er weit von Gott entfernt ist, dann werden sich seine Gesinnungsfreunde bei ihm einfinden. Das sind dann die schlechten Geister; diese finden in einem solchen Menschen ein Werkzeug, sie möchten ihn für sich gewinnen. (13.6.1959)
Josef, 8. Januar 1972; Lene, 20. September 1972 und 18. Oktober 1961 (Ausschnitte)
Josef: Wenn ihr Menschen miteinander redet, versucht ihr, ins Herz des Nächsten zu dringen. Wenn es euch ehrlich darum geht, mit dem andern ins Gespräch zu kommen, möchtet ihr auch sein Herz mit dabei haben, ihr möchtet sein Herz ansprechen. Aber dieses allein kann niemals genügen, denn überall, wo das Herz spricht, muss auch der Verstand des Menschen mitsprechen. Wenn der Verstand verloren geht, kann das Herz niemals in dieser Lebendigkeit zum Ausdruck kommen und kann man niemals diese geistige Sprache verstehen noch kann der Mensch sie sprechen, wenn nicht beide, Herz und Verstand, zusammen eins geworden sind. Es gibt nämlich Menschen, gläubige Menschen, sie glauben, dass sie das Herz sprechen lassen können zur gegebenen Zeit, und wenden niemals den Verstand mit an. Die Welt, in die der Mensch hineingestellt worden ist, braucht aber auch eine vernünftige Lebensweise – in jeder Beziehung muss der gesund denkende Mensch eben seinen Verstand mit zu Hilfe nehmen. Das gilt nämlich ganz besonders auch für den religiös ausgerichteten Menschen. Ich möchte sogar behaupten, dass er wie kein Zweiter es nötig hat, Verstand und Herz miteinander zu paaren. Gerade unter den religiös ausgerichteten Menschen kommt sehr oft eine Einseitigkeit, eine Rechthaberei vor. Man masst sich Dinge an, die nun wirklich nicht richtig sind, bei denen ein vernünftig denkender Mensch sich sagen muss: Das ist geistige Überheblichkeit, geistiger Stolz. Man sollte also auch in dieser Beziehung das Gleichgewicht finden.
Wir sprechen bei jeder Gelegenheit vom Einswerden mit dem Göttlichen, vom Einswerden mit Gott. Ja, in Gott ist Vollkommenheit. Vom Menschen kann die Vollkommenheit nicht erwartet werden. Er muss sie anstreben, diese Vollkommenheit, und er muss dafür besorgt sein, dass er in keiner Beziehung Ungeschicklichkeiten macht. Er muss also wirklich auch mit dem Verstand leben. Wenn er das Glück hat, einen gesunden Verstand zu haben, soll er Gott dafür dankbar sein. Dann soll ihm das auch etwas Heiliges sein. Ist es denn wahrlich so selbstverständlich für den Menschen, dass er ein gesundes Denken hat, dass er gesund denken darf, wenn man doch die Kenntnis davon hat, dass es Karma und Schicksale gibt, mit denen man ohne klaren Verstand, ohne vernünftiges Denken ins menschliche Leben eintreten muss? Wenn man sich dieses überlegt und sein persönliches Leben betrachtet und schaut, was man im Leben überhaupt erreicht hat, dann sollte man selbst doch zur Überzeugung kommen, dass man wirklich dem Schöpfer dankbar sein muss und dass es einem auch etwas Heiliges sein soll, mit dem Verstand zu leben. Herz und Verstand, beide Dinge gehören zusammen. Ein gutes Herz haben und eine geläuterte, geklärte Seele – das wäre das vollkommene Bild, wie wir es uns vorstellen, wie es uns erfreuen könnte. (8.1.1972)
Lene: Der Mensch hat die Möglichkeit, sich geistig zu erheben und sich geistig zu bilden. Dieses Erheben und Bilden geht aber zuerst über den Verstand, über das Denken. Das Denken des Menschen und sein Herz spielen doch eine bedeutende Rolle im äusseren Leben des Menschen: der Verstand, kluges, geschicktes Überlegen einerseits, und mitspielen soll das Herz, das Güte gibt, wenn Güte am Platz ist, und Gerechtigkeit, wenn sie am Platz ist. Verstand, Vernunft und Herz müssen zusammen eins werden. Und das ist etwas, was viele nicht begreifen können. Sie können es nicht begreifen, weil ihnen der kluge Verstand fehlt, wenn ich es so sagen darf. Nicht jeder Mensch darf sich glücklich schätzen, vernünftig und klug zu denken. Bei jenen, die es nicht können, ist ihr Inwendiges auch miteinbezogen und schuld daran, dass man dieses kluge Denken nicht hat, weil die ganze Geistesentwicklung jene Ebene nicht erreicht hat.
Es gibt Menschen, die mit Herz und Verstand alle Dinge gut zu überlegen vermögen. Wenn ich vom Herzen des Menschen rede, könnte ich auch von der Güte seiner Seele sprechen. Es gibt aber auch kluge Menschen, bei denen das Herz nie mitspricht und die sehr hart sein können. Das ist natürlich nicht das, was ich meine; ich meine, dass das Herz, der Verstand und die Vernunft, dass alles miteinander abgeklärt sein soll. Man kann etwas dazulegen, um diese Klarheit und diese Ausgeglichenheit zu bekommen; aber es braucht immer ein höheres Denken, und dieses höhere Denken muss stets gepflegt und angeregt werden.
Man darf nicht vergessen, dass man etwas Höherem dienen soll; denn dieses höhere Denken und dieser Verstand, diese Vernunft, dieses gütige Herz, das möchte ich dem Menschen so darlegen, als wäre es der Vorhof zum Himmel. In diesem Vorhof des Himmels bereitet man sich auf das noch Höhere vor, man trifft Vorbereitungen, man verhandelt, man spricht. Dieser Vorhof des Himmels muss vom Menschen gepflegt werden. Er muss sich also klar darüber werden – ich kann es auch nur wieder so darlegen, indem ich symbolische Beispiele gebe, denn alles Mystische muss mit Symbolen untermauert und erklärt werden –, dass man, wenn man die höchste Ebene des Himmels erreichen möchte, dieses Hohe doch eben nicht ohne Weiteres erreicht und dass man eine grosse, ausgedehnte Vorbereitung braucht, um in diese Vollkommenheit einzugehen.
Wenn man sich aber im täglichen Leben klar darüber wird, dass man Herr seiner selbst sein kann und sich glücklich schätzen darf, gesund zu denken, so soll man sein Denken eben so gestalten, dass man sich sagt: “Mein Denken und Wollen soll der Vorhof zum Himmel sein, in den ich eingehen werde.” (20.9.1972)
Lene: Nun, es scheint uns für den heutigen Menschen auch eine grosse Notwendigkeit zu sein, um einen Geist Gottes zu flehen, der die Aufgabe hat, über Vernunft und Verstand zu walten. Bittet darum: “Heiliger Geist des Himmels, komme hernieder, stärke und entfalte mich.” Ein Geist der Vernunft – ihr sollt nicht annehmen oder glauben, so etwas gebe es nicht. Geister ganzer Legionen sind dafür bestimmt, Verstand und Vernunft des Menschen zu schärfen. Und das ist es, um was man flehen soll. Man soll ihn sehen, diesen heiligen Geist der Vernunft, wie er kommt und wie er geht, und es erleben. Er soll bei einem zu Gaste sein. Denn ein Geist der Vernunft ist gleich dem Altar der Kirche Gottes, auf den Gaben gestellt werden, wo man niederkniet und betet. Bittet darum, dass Vernunft und Verstand geschärft werden, nach dem heiligen Willen Gottes, nach den heiligen Gesetzen Gottes. Lasst ihn nahe an euch herankommen, und bittet: “Erfülle mich mit deiner heiligen Kraft.” Bittet immer darum. Es gibt Menschen, die es erleben, dass sie bis in ihr hohes Alter hinein klaren Denkens sind. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass der Mensch einen scharfen Verstand hat, dass er ein rechtes Denken hat. Auch hier muss man darum flehen. (18.10.1961)