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Cover der Zeitschrift Geistige Welt, Heft 1/2026 zum Thema Tugenden – Kostbarkeiten der Seele
Geistige Welt 1/2026
Tugenden – Kostbarkeiten der Seele
Beschreibung

Wie wunderbar ist es, wenn ein Mensch das kostbare Gut der Tugenden, die Gott einem jeden gegeben hat, aus der Tiefe seiner Seele entnehmen und sie im Alltag ausschenken kann. Es genügt indes nicht, einseitig nur eine Tugend zu entwickeln, um Gott wieder näherzukommen; sondern der Mensch muss, wie Geistlehrer Josef erläutert, sich ständig und auf allen Gebieten zu veredeln suchen. Sonst ist es eine Unvollkommenheit, die Gott dargebracht wird – gleich wie wenn man jemandem statt einer schönen Blume nur eines ihrer Blätter schenken würde.
Der Weg zu dieser Vervollkommnung steht einem jeden offen, doch leicht kann er nicht begangen werden. Bemüht sich ein Mensch aber, ein wahres christliches Leben zu leben und die Tugenden zu pflegen, ist er auch von himmlischen Boten umgeben. Denn unter den Geistern Gottes gibt es, wie Geistlehrerin Lene schildert, Spezialisten in allen Tugenden, die von ihrer Kraft dem Menschen übertragen möchten. Lene gibt in diesem Heft auch konkrete Hinweise, wie man sich Tag für Tag auf eine bestimmte Tugend konzentrieren kann, um diese ganz bewusst zu pflegen.

Themenheft 1/2026: Tugenden – Kostbarkeiten der Seele

Inhalt
Kostbarkeiten der Seele

Josef, 22. November 1952

Kostbarkeiten der Seele

Zu den Lebensaufgaben des Menschen gehört es, sich um die Veredelung seiner Seele zu bemühen. Geistlehrer Josef erklärt in diesem Vortrag, welche Rolle dabei die Pflege der Tugenden spielt. Sie sind ein kostbares Gut im Innersten der Seele, das es in seiner Gesamtheit zu entfalten gilt. Denn nur auf diesem Weg gelangt man in die Harmonie und kann Gott wieder nahekommen.

Josef: Gott zum Gruss. Meine lieben Freunde, Gott hat dem Menschen Aufgaben und Pflichten in sein Leben hineingegeben. Gott hat die irdische Welt so gestaltet, dass dem Menschen so viele Möglichkeiten offenstehen, seine Aufgaben und Pflichten zu erfüllen. Gott wünscht, dass der Mensch arbeitet. Gott wünscht aber auch, dass der Mensch in der Erfüllung seiner Pflichten ihn nicht vergisst. Es darf aber nicht sein, dass er einseitig nur in Anbetung Gottes verharrt und dabei seine täglichen Pflichten und Aufgaben vernachlässigt. Der Mensch wohnt auf dieser Welt und hat folglich auch seine irdischen Aufgaben zu erfüllen. Und so schwer fällt ihm das oft, dass er sagt: “Ich habe so viel zu arbeiten, dass mir fast keine Zeit mehr für mein geistiges Wirken übrig bleibt.”

Meine lieben Freunde, ich betone: Es ist Gottes Wunsch, dass der Mensch seine Pflichten und Aufgaben im täglichen Leben erfüllt und ihn dabei doch nicht vergisst. Oft fragen Menschen nur nach ihren geistigen Aufgaben und glauben, nur dann geistige Aufgaben zu erfüllen, wenn sie auf einem ganz besonderen Posten stehen. Wie wunderbar aber ist es für einen Menschen, der erkennt, dass er sich selbst beglücken kann, wenn er das köstliche Gut aus der Tiefe seiner Seele entnimmt und es in seinem Alltag ausschenkt. Und was ist dieses köstliche Gut? Es sind die Tugenden, die der Mensch alle in erster Linie in seiner Seele entfalten muss; er soll und darf nicht einseitig nur eine Tugend von sich geben. Wie oft aber ist es so, dass ein Mensch im Besonderen nur zu lieben vermag, der andere sich nur in der Freigebigkeit auszeichnet und wieder ein anderer nur in der Barmherzigkeit. Es ist dies noch eine Unvollkommenheit, die Gott dargebracht wird, gleich wie wenn euch, meine lieben Freunde, statt einer ganzen Blume nur eines ihrer Blätter geschenkt würde. Wohl würdet ihr die einzelnen Blumenblätter auch bewundern ob ihrer schönen Form und Farbe. Aber was nützte es euch, wenn euch nur ein Teil der Blume, vielleicht der leere Stiel, einzelne Blätter oder etwa nur die Dornen einer Rose, geschenkt würden? Es wäre eine Unvollkommenheit. Und so sieht es aus mit den Tugenden der Menschen; wo nur eine oder einzelne Tugenden in der Seele des Menschen sind, ergibt dies ein unvollkommenes Bild.

Wie wunderschön dagegen ist eine Seele in ihrer Vollkommenheit, in der alle Tugenden vereinigt sind. Meine lieben Freunde, glaubt mir, dass dies wunderbare und edle Menschen sind, nach denen so viele ihrer Freunde begehren, die von ihrer Kraft aufnehmen wollen; denn sie fühlen die wunderbare Kraft und das Verständnis, das aus einem Menschen dringt, bei dem die Tugenden alle vollkommen vereinigt sind. Glaubt, dass es etwas Wunderbares wäre, wenn der Mensch danach trachten würde, all die Tugenden in sich zu vereinen, um auf diese Weise seine geistigen Aufgaben voll und ganz zu erfüllen. Dazu aber müssen den Menschen von den Engeln Gottes die Erkenntnisse übermittelt werden, die sie dazu benötigen, und so wird jeder einzelne ein wirksamer Diener im Heilsplane Gottes. Denn nicht nur zum eigenen Vorteil erwirbt er all diese Tugenden; sondern er zählt darum zu den treuesten Dienern im Heilsplane Gottes, weil durch solche guten und edlen Seelen eine Harmonie verbreitet wird, ein solch köstliches Gut, nach dem so viele Menschen dürsten.

Ja man soll nicht glauben, dass man seine Aufgaben nur in einem Punkt erfüllen müsse und die vielen schönen Dinge daneben ausser Acht lassen könne. Der Mensch muss sich ständig veredeln. Er muss sich in eine solche Harmonie hineinbegeben, dass er ganz beglückt wird von all der Herrlichkeit, die ihm dank seiner Mühe, seiner Aufopferung und seines guten Willens von der geistigen Welt übermittelt wird. So möchte ich wieder all meinen Freunden empfehlen, sich in allen Tugenden zu üben, nicht nur einseitig; denn viele Tugenden sollen eure Seele zieren.

Dazu möchte ich euch, liebe Freunde, ein ganz besonderes Bild geben. Engel Gottes ziehen durch eine irdische Stadt und suchen sich jene Menschen aus, die sie für würdig befinden. Und das geschieht in jenen Stunden, wo der Körper dieser Menschen ruht. So werden die Geister dieser liebenden und frommen Menschen von Engeln Gottes in einen Garten hineingeführt, wo sie von einem Engel Gottes weiter unterrichtet und für ihre Liebe gelobt und wo sie aufgemuntert werden, ihr Leben in dieser Weise weiter in wahrer Liebe und Frömmigkeit zu gestalten. Andere Engel Gottes geleiten jene Menschen, die kummervoll nach Trost suchen, zusammen in ein weites Feld hinaus, um sie dort zu trösten und zur Geduld zu ermahnen. Schon aber dringt, aus dem Reich Luzifers kommend, ein niederer Geist ebenfalls in diesen Garten ein und spricht zu den Engeln Gottes: “Was macht ihr euch für Mühe? Es ist doch der Mühe nicht wert, die ihr aufbringt für diese Menschen.” Und eiligst geht er von dannen, um auch jene weiteren Engel in dem freien Felde zu besuchen, um die noch mehr Menschengeister versammelt sind. Auch dort macht sich dieser niedere Geist an die Engel heran und spricht zu ihnen: “Eure Mühe ist doch umsonst! Was plagt ihr euch für diese Menschen hier? Lasst dies doch meine Arbeit sein.” Und eiligst geht er wieder von dannen, in das Dunkle einer Vergnügungsstätte hinein, um sich dort in allen Leidenschaften auszuleben.

Zur Erklärung dieses Bildes möchte ich hinzufügen, dass die Engel Gottes alle Menschen, die sie für würdig halten, im Geiste zusammenbringen, in eine Familie hinein. Wie oft aber gehen auch die düsteren Mächte an wahrhaft gute und edle Menschen heran und versuchen sie zu inspirieren, ihren Einfluss geltend zu machen. Wie wenig Aussicht hat aber ein solcher Teufel auf einen wahrhaft würdigen Menschen. Denn durch seine Einstellung und seine reinen Gedanken schafft dieser Mensch den tiefen Mächten keinen Platz; doch versuchen sie immer wieder vorzudringen, an jeden Menschen. Hat nun der Mensch genügend Kraft in sich, sie fernzuhalten? Der Mensch hat die Kraft, wenn er sich stets bemüht, all die Tugenden zu pflegen; denn ohne die Pflege der Tugenden wird er niemals fähig sein, auf dem Wege der Vollkommenheit zu schreiten. Wer aber die vielen Tugenden in sich vereint, schreitet auf dem Wege der Vollkommenheit. Dies heisst nun nicht, dass er ganz vollkommen sei, aber dass sein Weg der Weg der Vollkommenheit ist.

Nun, meine lieben Freunde, wie leicht aber haben es die düsteren Mächte gerade bei jenen armen, unglücklichen, Hilfe und Trost suchenden Menschen, Einlass zu erhalten! Darum sind die düsteren Mächte so oft um solche Menschen bemüht und versuchen sie auf ihre Weise zu trösten. Wie schwer ist es deshalb in so vielen Fällen, diesen Menschen in Liebe zu begegnen, denn sie sind doch so sehr beeinflusst von den düsteren Mächten. Aber auch für diese armen Menschen ist so viel Hilfe Gottes da, und auch sie werden von Engeln Gottes getröstet. Es kommt aber dabei ganz auf die Einstellung und Überzeugung des Menschen an und darauf, ob er nun willig ist, das Gute aufzunehmen, oder ob er selbst darauf beharrt, ein unglücklicher Mensch zu sein, dem nichts im Leben gelingen will. Ja, dies ist dann der Trost der teuflischen Mächte.

Der Mensch muss aber auch selbst erkennen können, dass Gott ihn prüft, und er muss willig sein, das Gute wieder zu tun, den Weg wieder zu finden. Glaubt mir, es gibt mehr solcher Menschen, die von den Boten Gottes getröstet werden, als dass liebende und fromme Menschen im Geiste zusammengeführt werden. Wie ist es doch oftmals schwer für solche verzweifelten Menschen, zu unterscheiden und den richtigen Weg zu finden. Ich sage aber, dass im Menschen so viel Wunderbares liegt, womit er seinen ganzen Lebensweg beglücken kann, indem er die feinsten Gefühle sich entfalten lässt, die im Grunde seiner Seele ruhen.

Und so, meine lieben Freunde, hat jeder Mensch in seiner Art und Weise Pflichten und Aufgaben zu erfüllen und ausserdem seine Prüfungen zu bestehen. Ich aber kann euch nur immer wieder an die Blumen erinnern – wie schön sind sie doch in ihrer Vollkommenheit. Und wie unzufrieden wärt ihr, wenn man euch nur zerzauste Blumen schenken würde oder solche einzelnen Blätter. So wäre es etwas Unvollkommenes. Daher soll jeder Mensch nach dieser Vollkommenheit trachten, denn der Weg der Vollkommenheit steht jedermann offen. Doch leicht kann er nicht gegangen werden. Viel Überwindung und Demut braucht es oft dazu. Doch dies verschönert den Glanz einer Seele, und die Boten Gottes freuen sich, einst solche Seelen begrüssen zu dürfen.

Einst lebten zwei Brüder in Frieden und Harmonie nebeneinander. Der ältere wurde zuerst in die geistige Welt abberufen, und erst viel später folgte ihm sein jüngerer Bruder. Auf der irdischen Welt waren sie beide gute Menschen gewesen, sodass sie eine schöne Sphäre erleben durften. Der jüngere Bruder wollte nach seinem Erwachen in der geistigen Welt vieles von seinem Bruder erfahren, da dieser schon so lange in der geistigen Welt lebte, und er bat ihn: “Führe mich doch nun durch diesen Himmel. Ich möchte diese Herrlichkeiten so gerne auch erleben.” Sein Bruder aber sprach: “Gott hat mir befohlen, hier zu bleiben. Ich kann dich nicht durch den Himmel führen; mein Platz ist hier.” Da fragte der jüngere Bruder: “Gott hat dir befohlen? Hast du denn Gott gesehen? Denn du sprichst, Gott habe es dir befohlen.” Und sein Bruder antwortete: “Nein, Gottes Antlitz habe ich nicht gesehen. Aber Gottes Allmacht spüren wir alle, und die erhabensten Engel Gottes führen die Befehle Gottes aus. So leben wir alle in dieser Herrschaft Gottes und erkennen alle den Willen Gottes.” Meine lieben Freunde, auch in dieser Hinsicht herrschen oft Unsicherheit und Zweifel bei den Menschen. Schon so oft habe ich euch aber erklärt, dass die vielen Engel Gottes in Chöre und Stufen eingeteilt sind und dass sie alle ihre Befehle von Gott und Christus erhalten. Und so erfüllen alle Engel den Willen Gottes, indem sie seine Befehle ausführen, überall.

Nun von einer lieben, guten Seele, die auf dieser Welt alle Tugenden in ihrer Vollkommenheit in sich vereinte: Diese Seele wurde in der geistigen Welt mit grosser Freude begrüsst. Wunderbare Gewänder wurden ihr überbracht, und des Weitern wurde sie noch geschmückt. Auch wurde ihr von einem wunderschönen Engel Gottes ein Becher überreicht, den sie, umgeben von vielen Engeln Gottes, in einen Tempel hineintragen durfte, um die Kraft aus ihrem Becher durch diesen Tempel fliessen zu lassen. Das ist eine wunderbare Belohnung für eine Seele. Hernach durfte sie wieder mit ihrem gefüllten Becher reich an Kraft durch verschiedene geistige Sphären wandern und jenen Seelen, die ihr Mitleid erregten und die sie würdig fand, ihren Becher reichen. Sie ging aber auch in Begleitung der Engel Gottes in die Tiefen, um leidende Geister zu trösten. Wenn einem Geist eine solche Aufgabe zugeteilt wird, meine lieben Freunde, so müsst ihr euch vorstellen, dass er als Mensch ein gutes und gerechtes Leben geführt haben muss.

Aber ich möchte betonen, dass es auch Menschen gibt, die als solche edlen Seelen in der stillen Stunde in diese himmlischen Herrlichkeiten hineingeführt werden können. So möchte ich euch immer wieder ermahnen: Werbt doch um dieses geistige Glück; versucht euer Leben mit reinen Freuden zu beglücken. Der Mensch muss die wahre Fröhlichkeit in sich tragen und seine Freude und wahre Frömmigkeit zum Ausdruck bringen. Denn ein Mensch, der in dem göttlichen Strome geht und sich nicht allzu sehr an diese Welt binden lässt, ist glücklich. Versucht es. Wunderbare Aufgaben stehen euch bevor, wunderbare Erlebnisse; viel könnt ihr tun für eure Nächsten, und eure Erkenntnisse werden wachsen in mannigfacher Weise.

Meine lieben Freunde, noch einmal möchte ich zurückkommen auf jene stillen Stunden, da der Körper des Menschen ruht. Da werden von den Engeln Gottes die Würdigen, das heisst deren Geist, zusammengeführt, um unterrichtet zu werden. Der Mensch kann es sich tagsüber erbitten, dass er in seinen stillen Stunden da- oder dorthin geführt werde, wo er auch geistige Aufgaben erfüllen kann. Nicht jedem Menschen aber, der darum bittet, wird sein Wunsch erfüllt; denn nur jenen geht er in Erfüllung, die dabei keine egoistischen Ziele verfolgen, sondern deren innerster, reinster Wunsch es ist, Diener Gottes zu sein und im Heilsplane mitzuwirken. Dieser Wunsch muss aus der Tiefe der Seele kommen und darf nicht nur oberflächlich sein. Nur dann werden sie nach ihrem Wunsche geführt, um vieles zu erleben im Geiste – ohne es hernach als Mensch zu wissen.

So möchte ich aber sagen, dass ein Freund unter euch jeweils nach seinem Wunsche von seinem Schutzgeist und seinen Führergeistern in die Tiefen geleitet wird; denn das ist sein inniger Wunsch. Und wie wunderschön ist es auch, zu erleben, wie dieser Geist in seiner Weise so findig ist und den ärmsten der armen Seelen immer etwas an Geschenken mitzubringen weiss. Er betet im Geiste mit den Ärmsten und tröstet sie auf wunderbare Weise. Und diese Seelen erfreuen sich dieser Gnade und warten, warten, bis der Geist dieses Menschen wieder mit diesem Lichte zu ihnen dringt. Das soll meinem Freunde eine Bestätigung sein für seine grosse Mühe, für sein unaufhörliches Bitten.

Ich möchte ein solches geistiges Wirken aber auch allen Freunden empfehlen. Es muss nicht auf diese Weise sein. So viele Möglichkeiten stehen offen, wo der Geist in stiller Stunde wirken kann. Der Mensch kann darum bitten, in ein Spital oder Sanatorium geführt zu werden, wo er die Seelen dieser kranken Menschen trösten kann. Und noch viele, viele solcher Aufgaben gibt es. Er kann wirklich darum bitten, dass ihm in diesen und jenen Dingen ganz besondere Kenntnisse übermittelt werden. Aber ich betone: Nicht der Mensch bestimmt, wohin sein Geist geführt werden soll, sondern die Engel Gottes führen den Geist eines solchen Menschen seinen Verdiensten gemäss. Sie führen würdige Menschen zum Ziel ihrer Wünsche, auf dass sie all das erleben.

Meine lieben Freunde, ein Engel Gottes, umgeben von vielen Begleitern, ist zur Stunde in diesem Raume. Dieser eine Engel Gottes trägt wiederum ein Licht. Ihm folgt ein weiterer Engel, gleich an Schönheit. Er aber trägt in seinen Händen eine kostbare Schale, und sie ist leer. Er wünscht, dass sie gefüllt werde von euch, dass ein jeder Freund hier ihm ein geistiges Geschenk überreiche. Und er schreitet durch die Reihen und ist bereit, von euch geistige Geschenke zu empfangen. Und ich überlasse es euch – ich brauche euch nicht erst darauf aufmerksam zu machen, was unter geistigen Geschenken zu verstehen ist; das solltet ihr heute wissen. Doch eines möchte ich sagen: Eure frommen Wünsche legt mit in diese Schale hinein, damit sie mit in den geistigen Tempel eurer Gemeinschaft getragen werden.

Wie immer sind hier auch solche Geister, die euer Gebet wünschen, die euch auch begleiten und von euch lernen möchten. Dies soll euch anspornen, ihnen ein gutes Beispiel zu sein. Ihr sollt euch stets bewusst sein: Nie seid ihr allein! Was immer ihr tut, ihr sollt nicht glauben, dass es von niemandem gesehen würde. Immer sind Geister um euch. Tut das Gute, liebe Freunde, auf dass diese Geister von euch lernen können. Und ihr sollt dereinst als wahrhaftig gute, edle Seelen in die geistige Welt eingehen können. Ihr sollt in euren Tempel geführt werden, und höchstes Glück soll euch gegeben sein, wenn ihr würdige Menschen seid und euch stets bemüht, eure Tugenden zu mehren, auf dass ihr immer weiter auf dem Wege der Vollkommenheit schreitet.

Nun, meine lieben Freunde, empfanget alle den Segen Gottes, alle, welche Gedanken auch bei euch sein mögen, welche Zweifel bei dem einen noch sind. In diesem Tempel sind auch diese Freunde von Boten Gottes umgeben, und auch ihnen wird der Segen übermittelt. Denn man wünscht, dass keines verloren gehe und jeder Menschenseele mit Liebe und Sorgfalt begegnet wird. So walte der Segen Gottes mit euch allen. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrer Josef vom 22.11.1952 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Erstveröffentlichung in der Zeitschrift “Geistige Welt”)

Engel Gottes möchten den Menschen im edlen Denken und Tun unterstützen

Lene, 3. Oktober 1956

Engel Gottes möchten den Menschen im edlen Denken und Tun unterstützen

Am Frageabend vom 3. Oktober 1956 meldete sich nach Geistlehrer Josef zur Überraschung der Zuhörer auch Geistlehrerin Lene zu Wort und ermunterte sie, den Weg der Vervollkommnung zu beschreiten, auf dem die Tugenden geübt und das wahre christliche Leben gelebt wird. Pflegt ein Mensch die Tugenden, ist er von himmlischen Boten umgeben, die ihn entsprechend unterstützen. Es gibt unter den Geistern Gottes Spezialisten in allen Tugenden, die von ihrer Kraft dem Menschen übertragen möchten.

Lene: Gott zum Gruss. Ich bin eure Schwester Lene. Ich bin gekommen, um zu eurer Erbauung beizutragen. Dazu möchte ich erwähnen, dass ich nicht allein hier bin mit meinem Bruder [Josef]. Noch viele sind mit mir, die dem geistigen Bereich dieser Gemeinschaft angehören. Wir haben sie auf diese Stunde aufmerksam gemacht und eingeladen. Aber es sind auch Wesen hier, die mit euch hergekommen sind.

Es ist schon eine längere Zeit her, seit ich zu euch gesprochen habe und euch sagte, ich werde wieder kommen. So möchte ich euch erklären, dass von unserem geistigen Bruder Linus eine leuchtende Flamme mitten in diesen Raum gebracht wurde und er mich damit beauftragt hat, von eurem Licht hinzuzufügen, auf dass dieses Feuer gross werde und sich alle daran wärmen können. Nun ist es so: Das gute, edle Denken des Menschen formt im Geistigen einen Lichtstrahl, während das boshafte Denken düstere Formen, wie dunkle Wolken, erzeugt. Die Feuerzungen, die aus dem edlen Denken entstehen, werden eingesammelt und an ganz bestimmte geistige Orte gebracht. Darum möchte auch ich von einem jeden eine geistige Flamme empfangen – es ist, sagen wir, eine Tugend von euch. Jeder kennt ja seine guten Seiten. Beim einen ist es die Bereitschaft, und in Gedanken vertieft erkennt er nun dieses Flämmchen und trägt es selbst im Geiste hin zu dieser grossen Flamme. Ein anderer weiss, dass er friedsam ist, und er trägt auch sein Flämmchen hin. Wieder ein anderer zeichnet sich aus durch seine Treue oder durch eine andere Tugend.

Ihr seid so viele Freunde hier; jeder kennt seine guten Seiten, und so sind viele Tugenden hier vereint. Darob ist dieses Feuer gross geworden und leuchtend, und seine Kraft steigt auf, strahlt aus, hüllt euch ein und bringt euch ins Gleichgewicht. Die euch noch fehlenden Tugenden kommen in eure Nähe, und dies bringt euch Heil für Leib und Seele. So wichtig ist das edle Denken und Tun des Menschen. Beides zusammen gibt eine lebendige, kraftvolle Form; denn wenn er die gute Tat nicht nur denkt, sondern auch ausführt, hat er doch das Denken vollendet, und die Formen sind deutlicher. Welche Kraft und welch ein Segen breitet sich dadurch aus, und die heilsamen Kräfte, in deren Genuss solche Menschen kommen, werden lebendig. Es ist so schön, dieses Feuer zu betrachten und zu sehen, wie seine Wärme, seine Strahlen von einem zum andern fliessen.

Nun denn, meine lieben Freunde, der Mensch kann sich in den untersten Ebenen bewegen, in den Sphären, die der Erde am nächsten liegen. Es sind die Sphären der Leidenschaften, die viele, viele Menschen durchschreiten. Über dem Erdenreich liegen ineinander, übereinander ungezählte geistige Sphären. Damit meine ich alle, angefangen von den Sphären der Leidenschaften bis zu den höchsten Höhen, die durchschritten werden müssen. Für viele gibt es ein Stillestehen in den Sphären der Leidenschaften sowie in den verschiedenen Stufen des Aufstiegs. Das Aufwärtsschreiten aber soll in schnellem Schritte gehen, und ich möchte euch empfehlen, erst auf jener Stufe anzuhalten, wo die Vergöttlichung beginnt, wo das vollkommene Leben beginnt, wo die Tugenden geübt und das wahre christliche Leben gelebt wird – wo jeder alles Gott zu Gefallen tut. Auf jener Stufe mag der Mensch stillestehen und von dort aus wirken.

Es ist so, dass jeder Mensch die seinem Wesen entsprechenden Geistwesen anzieht. Lebt er in diesen Tugenden, dann ist er von himmlischen Boten umgeben, die für ihn die wunderbarsten Quellen bereitgestellt haben in jenen Ebenen, wo das vollkommene Leben beginnt. Es wurde euch schon durch unseren Bruder erklärt, dass die Engelscharen unter sich die verschiedensten Eigenarten haben, dass sie zum Beispiel Spezialisten in der Liebe sind oder in der Treue oder im Verbreiten des Friedens. Bei diesen geistigen Quellen halten sich jeweils solche herrlichen Engelwesen auf, die in einer ganz besonderen Richtung wirken.

Kann nun ein Mensch ehrlich bekennen, dass er eine besondere Tugend hat, dann soll es ihm bewusst sein: Er hat sie vielleicht durch eine schwere Prüfung errungen; anderseits ist es ihm aber durch den Einfluss seiner geistigen Freunde gelungen, sie zu entfalten, und er ist umgeben von jenen besonderen Geistwesen, die über diese eine Kraft verfügen, die in ihm diese Tugend auslöste. So steht er gewissermassen in Verwandtschaft zu diesen Geistern Gottes, die diese Tugend haben. So soll es doch eine Freude sein für euch, zu erkennen, dass Engelwesen aus höheren Welten in eurer Nähe stehen und euch führen möchten, auf dass ihr eure Aufgaben immer noch besser erfüllen könnt. Der Einzelne kann auch andere Kräfte anstreben, sodass er von der heiligen Kraft aller Tugenden zu spüren bekommt. Denn es werden den Freund jene Engelwesen finden, nach denen er verlangt, je nach seinem Denken und Wünschen. Wir wollen mit euch nicht auf den Stufen der Leidenschaft verweilen, sondern auf jenen, wo das vollkommene Leben beginnt, auf jener Stufe, wo die Engel Gottes so grosse Möglichkeiten haben, auf euch einzuwirken. Das aber ist nur möglich, wenn ihr dafür die Schwingung schafft durch euer edles Denken und Tun.

Von den so verschiedenartigen wunderbaren Quellen und Ebenen tragen die Engelsboten jene reingeistige Kraft aus, die ihre Geschwister auf Erden benötigen; denn sie haben die Möglichkeit, diese Kraft zu übertragen. Jedes Engelwesen hat in seiner himmlischen Welt seine besondere Quelle, und zwar sind es Quellen, die vorab für die irdischen Geschwister bestimmt sind. Dann gibt es aber auch Quellen ganz anderer odischer Kräfte für die Geistwesen, die noch im Aufstieg sind, die der Hilfe der höheren Geister bedürfen. Auch ihnen wird von dort geistige Nahrung übermittelt. All diese Kräfte entnehmen die himmlischen Boten diesen geistigen Quellen, aus ihren Gärten und göttlichen Auen. Denn wie sich aus euren guten Gedanken Feuerflammen bilden und aus den bösen wolkenähnliche Formen, so bauen sich diese himmlischen Herrlichkeiten auf. Jedes kleine Flämmchen trägt zum Gedeihen und Wachsen bei.

Ihr sollt nicht in oberflächlicher Art über das hinweggehen, was euch gesagt wird. Auch wenn es euch oft unmöglich ist, all das Geistige bildlich zu erfassen, so glaubt doch, liebe Freunde, es ist so. Alles, was ihr hier auf Erden besitzt, haben wir im geistigen Reich in den reingeistigen Formen. Es steht nicht nur uns Geistern zur Verfügung, sondern wir tragen diesen geistigen Reichtum aus unter unsere Geschwister, die ein heilvolles Leben führen. So hat in gewissem Sinne jeder Mensch seinen geistigen Meister, seinen Führer, der ihn jeweils zu diesen göttlichen Quellen hin begleitet. Je mehr sich der Mensch anstrengt, das höhere Leben zu gewinnen, desto mehr wird er in den Besitz dieser reinen göttlichen Kräfte gelangen. In den himmlischen Welten sind die wunderbarsten Brunnen, die wundersame, heilende Kräfte für die Menschen enthalten. Die Engel, die die Fähigkeit haben, diese herrlichen Kräfte zu übermitteln, tragen sie zu den Menschen – selbst in der Zeit deren Schaffens; denn ihr Zugang zu den Menschen ist so zart, so fein, dass ihr es kaum wahrnehmen könnt. Da und dort können sie sich euch jedoch besser nähern, wenn ihr in der Ruhe seid. Dann führen sie die Schale mit der heilsamen Kraft an eure Lippen, oder sie halten ihre wundersam heilenden Hände über euer Antlitz, dass sich die wunderbare Kraft wie Tau darauf herabsenkt. Das alles aber erlebt man erst von jenen gewissen Stufen an, und so ist es unser ganzes Trachten, euch dahinauf zu führen. Ihr werdet diese Höhen erreichen, wenn ihr tut, wie unser Bruder euch lehrt: durch das Wirken und Dienen am Nächsten.

Zu eurer Freude ist einem jeden hier ein kleines geistiges Geschenk überreicht worden. Ich verrate euch nicht was. Bemüht euch, es im Geiste zu erkennen. Das eine und andere hat es schon erkannt, denn es ist in jener Ebene angelangt und hat jene Schwingung erzeugt, durch die es dieses Geschenk erkennen kann. Wir kommen nicht mit leeren Händen, wenn wir zu den Menschen gehen. Wir bringen ihnen viel Heilsames für Leib und Seele. Wir bringen ihnen Nachricht und Neuigkeiten vom geistigen Aufstieg und den Veränderungen eurer Lieben im geistigen Reiche, was sich in beschleunigter Weise ergeben hat durch eure Verbindung mit ihnen. Auch teilt man es euch mit, wenn ihr eine Aufgabe an einem Wesen erfüllt habt, das euch zur Seite gegeben wurde, dem ihr ein Lehrmeister wart. Doch hören und ahnen kannst du es nur, wenn du diese Höhen erreicht hast.

Viel Wunderbares ist möglich zu gewinnen. Aber nicht auf dieser Erde kann man das erleben; erleben kann es nur, wer aufwärtstrachtet und das Ziel, das Vaterhaus, kennt, wer aber auch weiss, was notwendig ist, um es zu erreichen. Um ins Haus Gottes zu gelangen, muss ein Wesen alle Tugenden in sich vereinen. Es kann ein Spezialist sein besonderer Art und in eine bestimmte Gruppe eingeteilt sein, wo sein grösstes Können zur Geltung kommt, aber die Tugenden übt es alle aus.

Eine wundersame Quelle ist in jenen Welten zu finden, wo Engel Gottes Fürbitte leisten für die Menschen. Jeder Mensch braucht die Fürbitte eines göttlichen Wesens, seines Schutzgeistes, und in Sicherheit und Geborgenheit gehüllt soll er sich fühlen, wenn höhere Wesen sich seiner annehmen und ihn dereinst zu diesen Höhen begleiten. Es wurde euch auch schon mitgeteilt, dass Engel Gottes euch in jeder Beziehung beistehen und alles Gute an euch hervorheben, wenn sie hingehen, um für euch zu vermitteln, damit ihr glückselig werdet.

Dies, meine lieben Freunde, wollte ich euch mitteilen zu eurer Erbauung und zur Hebung eurer Seele. Wenn ihr euch heute zur Ruhe niederlegt, dann sollt ihr noch immer dieses Feuer in lebendiger Weise vor euch haben und noch mehr von seiner Wärme an euch ziehen. Ihr sollt auch darin eine Gleichmässigkeit zu erreichen suchen, das heisst: nicht einseitig leben, sondern versuchen, auf verschiedene Weise zu wirken, wenn es euch möglich ist.

Auch haben die Engel Gottes, die sich für euch so geschmückt haben, euch eine geistige Speise mitgebracht. Sie soll euch kräftigen und ermutigen, damit ihr auf dem Weg nicht stehen bleibt. Ihr sollt nicht stillestehen, nicht zweifeln. Stillestehen sollt ihr erst auf jenen geistigen Höhen. Ihr sollt tun, was eure Seele hebt und erbaut. Nach allem andern fragt nicht. Tut das Sinnvolle; das bringt euch Heil und Gesundheit.

Ausführungen von Geistlehrerin Lene durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner anlässlich eines Frageabends vom 3.10.1956 im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Erstveröffentlichung in der Zeitschrift “Geistige Welt”)

Der Weg der Vollkommenheit umfasst alle Tugenden

Josef, 3. Februar 1968

Der Weg der Vollkommenheit umfasst alle Tugenden

Um ins Haus Gottes zu gelangen, muss ein Wesen alle Tugenden in sich vereinen. Wohl kann es ein Spezialist sein auf einem besonderen Gebiet, wo sein grösstes Können zur Geltung kommt, aber die Tugenden übt es alle aus. Geistlehrer Josef zeigt im folgenden Erlebnisbericht, wie die Gotteswelt ihren aufsteigenden Geschwistern hilft, diese Gleichmässigkeit zu erreichen. Er berichtet vom Entwicklungsweg eines Mannes, der die Tugend der Liebenswürdigkeit besass, aber auf anderen Gebieten noch rückständig war.

Josef: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, der geistgläubige Mensch spricht eine andere Sprache als der nicht geistgläubige. Der Geistgläubige hat eine besondere Beziehung zur Geisterwelt, zu Christus und zu Gott. Der Nichtgeistgläubige hat nicht diese innige Bindung, er kennt nicht diese persönlichen Beziehungen zur Geisterwelt Gottes, er kennt auch nicht die geistigen Gesetze, ihre Ordnung, so wie sie ist, und er weiss über die Herrschaft Gottes nicht in dem Sinne Bescheid wie der Geistgläubige.

Der Nichtgeistgläubige kann auch ein frommer Mensch sein. Er hat aber seine besondere Vorstellung vom Himmel oder vom Leben nach dem Tode. Vielleicht glaubt er, dass es einen Jüngsten Tag gebe, an dem er dereinst auferweckt werde. Er weiss über die geistigen Gesetze, über die Ordnung und die Herrschaft Gottes sehr wenig oder überhaupt nicht Bescheid. Denn sonst würde er nicht denken, dass man an einem Jüngsten Tag auferweckt würde. Er kann auch nicht erklären, welches denn dieser Jüngste Tag sein soll. Er stellt sich einfach vor, dass eine Zeit kommen würde, wo alles seine Erlösung, seine Erfüllung finde und man dann wieder zum Leben erweckt würde. Er denkt nicht so weit, dass ja der irdische Leib entweder dem Feuer oder der Erde zurückgegeben und zu Asche und Staub werden wird und dass dieser Staub und diese Asche nicht mehr zu einem Leibe aufgebaut werden können. Man kann daraus erkennen, dass diese Menschen nicht fähig sind, nach der Wahrheit zu suchen; sie machen sich einfach selber eine Vorstellung und behaupten, ihre Auffassung wäre die richtige.

Dabei wäre es ein Leichtes, etwas in die Vergangenheit zurückzublicken, in der Vergangenheit zu suchen und gerade die Lehre Christi etwas näher zu betrachten – wie er gelehrt, was er vom Vater erzählt hat. Würde man verschiedene Dinge dieser Lehre genauer betrachten, könnte man unwillkürlich auf einen andern Weg kommen, und so würde beim Einzelnen der Glaube an diese andere Welt stärker werden, er würde sich von dieser andern Welt eine Vorstellung machen.

Über diese andere Welt, in die man nach dem irdischen Tode eintreten muss, machen sich wenige Gläubige ihre Gedanken. Das ist so schade; denn die Festigkeit des Glaubens und den Halt für den Glauben bekommen sie, wenn sie sich damit beschäftigen, was in dieser andern Welt geschieht, welche Gesetze dort gelten, wie das Leben dort gelebt wird. Darüber Bescheid zu wissen, könnte so manchem Menschen Trost, Hoffnung und Zuversicht geben.

Der Gläubige ist sich ja der grossen Liebe Gottes bewusst. Er stellt sich auch vor, dass in diesen Himmeln eine Herrlichkeit ist; Pracht und Herrlichkeit sollen den ganzen Himmel umgeben. Er macht sich aber keine Gedanken darüber, wie es möglich ist, dass eine geistige Pracht und Herrlichkeit zustande kommen und wirksam sein kann. Auch der christgläubige Mensch macht sich keine grossen Gedanken darüber, wie Christus nun lebt, welches Interesse er an der Menschheit hat und was er willens ist, für sie und ihren geistigen Aufstieg zu tun. Man macht sich darüber keine Gedanken; man lebt in der Hoffnung, dass man von Christus wohlbehütet ist und dereinst von ihm empfangen werde.

Wie schwer ist es doch, ein geistiges Gespräch zu führen mit Menschen, die über die geistige Gesetzmässigkeit, über die Ordnung und Herrschaft im Himmel nicht Bescheid wissen. Das könnt ihr wohl aus eigener Erfahrung bestätigen. Versucht man mit solchen Menschen ein Gespräch anzuknüpfen, muss man vorsichtig sein; man tastet ab, wie weit sie wohl in ihrer geistigen Einstellung sind. Und so wird man recht bald feststellen, dass diese lieben Mitmenschen sich keine besonderen Gedanken über jene so bedeutungsvolle Welt machen; und so kann man doch nicht dieselbe Sprache sprechen, man muss zurückhaltend und vorsichtig sein.

Wie wohltuend ist es aber, wenn man offen dieselbe Sprache zum Ausdruck bringen und Gedanken austauschen kann; welche Erlabung ist es für einen geistgläubigen Menschen, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben und sich mit ihm auszusprechen. Er fühlt sich in einer andern Welt, wenn er mit solchen Menschen reden kann. Das ist auch wirklich so. Denn wir versuchen jeweils, euch von dieser andern Welt Erklärungen, Belehrungen zu geben; wir erzählen euch, wie man dort lebt, was für Herrlichkeiten dort vorhanden sind und wie man sich diese Herrlichkeiten vorstellen muss.

Heute, nach so vielen Jahren, sind meine treuen Freunde davon überzeugt, dass das, was ihnen erklärt wird, Wirklichkeit ist. Denn sie finden in geistiger Literatur doch die Bestätigung dafür, und sie selbst finden auch von innen heraus die Bestätigung dafür. Denn wir versuchen jeweils, jedem ernsthaft geistgläubigen Menschen die Bestätigung zu geben; wir suchen den richtigen Moment, um es ihm zu beweisen. Doch die Menschen sind zu sehr an das Verdichtete ihrer Welt gekettet und verstehen diese Sprache viel besser; und so vermögen sie nicht immer diese Feinfühligkeit aufzubringen, um diese geistige Sprache, die wir zu ihnen sprechen, zu verstehen. Wir Geistwesen versuchen auch oft, uns den Menschen in der Weise zu nähern, dass wir uns selbst von dieser verdichteten Materie etwas anlegen, um uns verständlicher zu machen, um eher begriffen zu werden. Wir haben also verschiedene Möglichkeiten, uns den Menschen verständlich zu machen.

Es ist für mich jeweils eine besondere Freude, wenn ich etwas von der Herrlichkeit der himmlischen Welt erzählen darf. Aber ich kann nicht immer von dieser himmlischen Herrlichkeit erzählen, während ihr Menschen euch im Schatten eurer Welt betätigt, sodass manchmal so wenig Licht an den Menschen herankommt und er so wenig von diesem Licht durchströmt und erwärmt wird. Da ist es für uns nicht immer leicht, ihm von dem Schönen zu erzählen, ihm das Schöne klarzumachen, wenn er sich viel mehr im Unschönen bewegt.

Nun ist man sich ja einig darüber, dass in den höchsten Himmeln wohl Glanz und Herrlichkeit in vollkommenster Weise vorhanden ist. Dieser Glanz und diese vollkommene Art, die man in den höchsten Himmeln in jeder Beziehung erleben kann, beruht ja nicht nur auf der äusseren Pracht, die den Himmel als solches ausmacht. Sondern zum Glanz, zur Herrlichkeit und zur Vollkommenheit gehört die persönliche Herrlichkeit des einzelnen Wesens – Gott in seiner Pracht, Christus in seiner Herrlichkeit. So muss auch die Persönlichkeit der einzelnen Geistwesen in einer Vollkommenheit sein, um in dieser herrlichen Welt, in diesem Licht zu leben. Die Person selbst muss in all ihren Tugenden vollkommen sein. So wird aus diesen Persönlichkeiten oder aus der einzelnen göttlichen Person jener vollkommene Glanz und jenes vollkommene Licht herausströmen. Denn im Inwendigen eines Wesens ist diese Göttlichkeit, ist dieser Kern, dieses Urlicht der Herrlichkeit; und dazu gehört die Ausdrucksweise, die Wesensart dieser Göttlichkeit, dieses Vollkommene, das da im Wirken eines Geistwesens zum Ausdruck kommt.

Es ist also nicht allein die wunderbare göttliche Liebe, von der so viel gesprochen wird. Es gibt unendlich viele Tugenden, die bei den Engeln Gottes vorhanden sind und zum Ausdruck kommen. Auch sie besitzen doch wohl Bedeutendes an Vollkommenheit. Sie bringen eine Liebenswürdigkeit zum Ausdruck, und durch diese Liebenswürdigkeit, die sie in ihrem ganzen Wesen haben, strömt ein Licht aus ihnen heraus. Dazu gehört das grosse Entgegenkommen, das Verständnis, das diese Wesenheiten zum Ausdruck bringen, diese feinen, hohen, edlen Gefühle – Feinheit in allen Dingen, Liebenswürdigkeit, Taktgefühl und eine grosse Toleranz. Ich könnte noch viele Tugenden aufzählen, die ein solches Wesen in seiner Vollkommenheit zeichnen. Es ist also das Innere der Person, das in seiner Vollkommenheit, in seinem Glanz und seinem Lichte sein muss. So wird es möglich, die Umgebung in ihrer Herrlichkeit zu besitzen. Zuerst ist es aber im Inwendigen dieser göttlichen Wesen, dieses wunderbare Licht, das die ganze Umgebung beleuchtet, erwärmt und das Wesen selbst in seiner Pracht erstrahlen lässt. Das ist das Licht Gottes, das von innen heraus aus dem Wesen strahlt; es ist die Herrlichkeit, die in ihm ist, die allgrosse Güte und Liebe. Es sind alle Tugenden, die die Schönheit seines Wesens bedeuten.

Und so muss es bei den aufsteigenden Geistgeschwistern werden: Sie müssen vollkommen werden. Sie müssen nach diesem Weg suchen. Und der Anfang zu diesem Suchen, zu diesem Weg nach den Höhen beginnt in einem menschlichen Leben. Im menschlichen Leben kann man ebenso diese Liebenswürdigkeit zum Ausdruck bringen, dieses Taktgefühl, diese Toleranz – das sind herrliche Eigenschaften, das sind geistige Schönheiten, die inwendig in einem Menschen wohnen können.

Es gibt Menschen, die sich um ihren geistigen Aufstieg bemühen. Es sind jene gottgläubigen und frommen Menschen, die im Leben das Verlangen haben, es besser zu machen, es gut zu tun, um in Gottes Nähe zu kommen. Der eine oder andere hat in irgendeiner Art und Weise auch eine solche geistige Schönheit in seiner Seele, und dann und wann kommt diese geistige Schönheit in seinem täglichen Leben zum Ausdruck. Dass dieses möglich ist, dass er ein so wunderbares göttliches Geschenk in sich trägt, ist ein Beweis dafür, dass er eben ein Geschöpf Gottes, ein Kind Gottes ist – dass er seinen geistigen Funken, der in ihm ist, aus Gott hat, aus dem Lichte Gottes; er trägt einen winzigen Funken von diesem Glanz, von dieser geistigen Schönheit in sich – sei es eben diese Liebenswürdigkeit.

Ich möchte euch nun erzählen, wie die geistige Welt jeden Heimkehrenden im Aufstieg zu fördern versucht, wie sie ihm bei Gelegenheit die Belohnung, die er sich in seinem menschlichen Leben verdient hat, öffentlich zum Ausdruck bringt; das heisst, dass andere es miterleben dürfen, wie er von den Geistern Gottes für seine guten Werke gelobt wird. Aber auch umgekehrt können andere es mit anhören und miterleben, wie man getadelt wird für das, was man falsch gemacht hat. Denn Geister Gottes, die in der Ordnung Gottes eingereiht und bemüht sind, ihre Geschwister aufwärtszubringen, sie werden sich Dinge aussinnen, womit sie wirklich Sinnvolles zum Heil ihrer Geschwister leisten können.

So möchte ich von einem verstorbenen Menschen erzählen, der in seinem Leben eine sehr grosse Liebenswürdigkeit besass. Liebenswürdige Menschen – dies sei nebenbei erwähnt – sind unter den Mitmenschen sehr beliebt, denn sie zeigen da eine geistige Grösse, und man fühlt sich um liebenswürdige Menschen wohl. Dass es aber mit dieser Liebenswürdigkeit allein nicht getan ist und dass eine Liebenswürdigkeit allein den Weg zu diesen Höhen nicht ebnet, das möchte ich euch erklären. Dieser Mensch, der in seinem Leben so liebenswürdig war, hatte unter den Mitmenschen Erfolg; er war auch begehrt, man liebte eben diese Freundlichkeit. Aber er hatte auch seine grossen Fehler: Neben dieser Liebenswürdigkeit übervorteilte er seine Mitmenschen und konnte sie sogar betrügen – in aller Liebenswürdigkeit.

Nun machen wir einen grossen Schritt in die geistige Welt. Als dieser Mensch in die Geisteswelt heimgekehrt war, musste er hier doch seine Fehler wiedergutmachen. Er kam in die Läuterung mit andern zusammen, die auch auf irgendeinem Gebiete grosse Fehler gemacht hatten. Nun musste dieser so liebenswürdig Veranlagte mit andern zusammenleben. Er war aber im Grunde genommen gläubig, er war bemüht, sich zu verbessern, und er hat sich durch seinen Fleiss und durch seinen guten Willen in seinem Bemühen um den Aufstieg auch einiges verdient.

Als dann die schlimmste Zeit seiner Läuterung vorüber war und er eingeteilt wurde zur gemeinsamen Arbeit, empfing er von der Geisterwelt Gottes eine Belohnung, ein Zeichen zu seiner Aufmunterung. Er war aber nicht allein, als er diese Belohnung erhielt; andere durften zuhören und zusehen, als der Geist Gottes ihm diese Belohnung gab und zu ihm sagte: “Du hast es verdient, du warst nun” – damit war die Zeit in der geistigen Welt gemeint – “eifrig in deinem Lernen, du warst um den Aufstieg bemüht. Du hast eine Belohnung verdient. Und da müssen wir zurückgreifen in dein Erdenleben: Du warst immer freundlich zu allen Menschen. Du hast dich aber trotz deiner Freundlichkeit auch belastet. Doch diese Belastung musstest du ja wiedergutmachen; du hast sie zum Teil wiedergutgemacht, und einen weiteren Teil wirst du in einem folgenden Leben wiedergutzumachen haben.” Man wollte aber zum Ausdruck bringen, dass es lobenswert sei, wenn einer diese Freundlichkeit hat. Dabei wurde auch den andern klargemacht, dass man solche Eigenschaften, die man als Mensch gehabt habe, auch noch im Geiste habe, dass diese gute Eigenschaft auch in der geistigen Welt wirksam sei. Denn dieser Bruder hatte in der geistigen Welt als Geist noch dieselbe Freundlichkeit, und diese Freundlichkeit gefiel manchem seiner Mitgeschwister.

Man gab ihm jetzt einen kleinen Garten, und diesen kleinen Garten durfte er pflegen in jener Zeit, in der er nicht seine allgemeine Arbeit ausführen musste. Aber da war neben ihm noch ein weiterer Garten, der einem Mitbruder gegeben wurde, mit dem er seine Tätigkeiten in der geistigen Welt ausüben musste und mit dem er sich ganz besonders gut verstand. Denn dieser Bruder hatte in seinem menschlichen Leben auch eine solche kleine geistige Schönheit, und diese geistige Schönheit war das Taktgefühl, das er als Mensch überall zum Ausdruck bringen konnte. Auch diese geistige Schönheit war bei ihm in der jenseitigen Welt wieder offenbar geworden. In der Zeit der Läuterung, der Bedrängnis, hatte er sein Taktgefühl bei seinen Mitbrüdern und -schwestern zum Ausdruck bringen können, wie der andere seine Liebenswürdigkeit zum Ausdruck brachte.

So waren diese beiden kleinen Gärtchen nebeneinander. Sie unterschieden sich aber in ihrer Gestaltung sehr voneinander. Während der Liebenswürdige in seinem kleinen Garten nichts anderes als Sträucher hatte, die er pflegen und umsetzen konnte, wie er wollte, hatte der mit dem feinen Taktgefühl einen Garten mit lauter Blumen. Jeder freute sich an seinem Garten.

Nun kam der Liebenswürdige – nennen wir ihn jetzt so – auf den Gedanken, dass sein Garten sicher schöner aussehen würde, wenn es auch einige Blumen darin hätte. Und so wurden sich die beiden bald einig im Handel: Der mit dem Taktgefühl war bereit, dem andern einen Strauss Blumen abzutreten gegen einige Sträucher, denn er selber hatte keine Sträucher. Nun ging man daran, jeder ging in seinen Garten. Nun, der Liebenswürdige holte ein kleines Sträusschen von den Zweigen seiner Sträucher – nur weniges war es. Der mit den Blumen kam dagegen mit einem ordentlichen Blumenstrauss und überreichte ihn ihm. Etwas enttäuscht nahm er den kleinen Strauss von Zweigen entgegen und setzte sie gleich in seine Blumenbeete, während der andere mit Freude die vielen Blumen entgegennahm und sie in seinem Garten einsetzte. Der Bruder mit dem Taktgefühl schien doch etwas enttäuscht zu sein; aber er hatte zu viel Takt, er war zu vornehm in seinem Wesen, als dass er irgendeinen Tadel ausgesprochen oder seine Enttäuschung zum Ausdruck gebracht hätte – nichts dergleichen tat er. Man musste dann wieder gemeinsam zur Arbeit gehen, denn dieser Garten wurde ihnen ja zur Freude, als Belohnung gegeben; sie sollten sich darin nur aufhalten, wenn sie nicht arbeiten mussten, wenn ihnen die Möglichkeit der Ruhe gegeben war.

Nun möchte ich aber auch die Arbeit schildern, die diese beiden miteinander ausgeführt hatten. Und da hoffe ich, dass ich mit dieser Erklärung wohl auch verstanden werde. Ich möchte aber nicht unterlassen zu erwähnen: Alles, was in der geistigen Welt vorhanden ist, ist feinstofflicher Art; und alles, was die Menschen besitzen und haben, war ehedem im geistigen Reich vorhanden.

Nun, diese beiden gehörten einer Gruppe arbeitender Geistgeschwister an, die im Tierreich ihre Tätigkeit ausüben mussten. Da war ein sehr grosses Feld, und dieses Feld war voll mit Schafen – ein sehr grosses Gebiet war es, voll mit diesen Tieren. Unter ihnen waren aber verschiedene Rassen, und diese Tiere waren nach ihrer Rasse eingeteilt und abgegrenzt. Es waren viele Geistgeschwister, die an diesen Tieren ihre Arbeit auszuüben hatten, denn ich betone: Dieses Tierreich mit dieser Art Tieren ist sehr gross, und alle sind nach ihrer Rasse, nach ihrer Grösse eingezäunt. Und so mussten diese beiden Geistbrüder zusammen ihre Arbeit bei diesen Tieren ausüben, indem sie jeweils unter diesen vielen Tieren jene zu suchen hatten, die ein ganz besonders schönes geistiges Wollkleid besassen – diese Tiere mussten sie wegführen. Von einem höheren Geist bekamen sie jeweils die Anweisungen; denn diese Tiere, die eingekreist und genau bezeichnet waren, hatten ihre Namen, und diese Geistbrüder mussten die Tiere mit den entsprechenden Namen holen. So bestand also die Arbeit der beiden darin, unter diesen gewaltigen Mengen die schönsten Tiere jeweils nach den Namen zu suchen und wegzuführen. Andere Geister Gottes waren dann bereit, die weitere Arbeit an diesen Tieren auszuführen.

So bestand also die Tätigkeit der beiden nur darin, in diesem grossen Felde immer auf die Suche zu gehen nach solchen Tieren, die ein ganz besonders schönes geistiges Wollkleid hatten. Andere Geistgeschwister hatten wiederum ihre eigenen Aufgaben. Tiere wurden weggeführt, sie kamen nicht wieder zurück, und andere Tiere kamen immer wieder neu dazu. Es gab also viel zu tun in diesem Tierreich, allein unter diesen Tieren. Und so hatten diese beiden Geistbrüder ihre Freude daran. Wohl äusserten sie auch den Wunsch, doch aufsteigen zu können und eine bedeutendere Aufgabe auszuüben. Zwar gefiel ihnen ihre Tätigkeit, und sie fühlten sich zufrieden; aber sie mussten ja auch in ihre Schulen gehen und wurden da über Dinge belehrt, womit sie sich lieber beschäftigt hätten. Man sagte ihnen aber, dass ihre Tätigkeit noch eine gewisse Zeit daure und sie diese eben noch so lange ausüben müssten, wie es für sie bestimmt sei.

Nun kam wiederum ihre Zeit der Ruhe, wo sie sich in ihren Garten zurückziehen durften. Und so ging jeder voller Erwartungen und voller Freude in seinen Garten. Nun musste aber der Bruder, der nur Sträucher im Garten gehabt hatte und von seinem Nachbarn doch einige Blumen hatte in Empfang nehmen dürfen, zu seinem Entsetzen feststellen, dass alle seine Blumen verschwunden waren, während dem andern die Sträucher geblieben waren. Nun war er enttäuscht darüber und fragte ihn: “Was glaubst du, wie ist es möglich, dass diese Blumen aus meinem Garten gekommen sind?” Sie waren sich nicht einig darüber, wie so etwas möglich sei.

Während sie so eifrig im Gespräch waren und der eine ganz besonders enttäuscht war, kam ein Geist Gottes dazu und fing an, sich für das Gespräch zu interessieren. Er hörte und erlebte die Enttäuschung, die nun dieser Bruder zum Ausdruck brachte, und der Engel Gottes sagte ihm: “Du brauchst nicht enttäuscht zu sein, ich habe dir die Blumen entfernt.” Nun wollte der Bruder wissen warum, man hätte ihnen doch den Garten gegeben, und sie dürften selbst darüber entscheiden. Nun musste der Engel Gottes sie belehren, und er sprach: “Ja, hättest du Blumen verdient, dann hätten wir sie dir gleich von Anfang an gegeben. Du warst ja wohl liebenswürdig in deinem menschlichen Leben, aber mit deiner Liebenswürdigkeit hast du andere Menschen auch betrogen, übervorteilt; du hast sie enttäuscht, du hast ihnen viel genommen. Und nun haben wir auch dir etwas genommen, das dir lieb und wert war. Denn so ist es: Wer im Leben viel gibt, erhält viel von der Geisterwelt Gottes zurück. Du hattest aber mit einer Tugend, die du hattest, Menschen enttäuscht; und nun habe ich dich enttäuscht.”

Der Bruder wollte nun wissen, was er denn tun müsste, um wieder in das Gleichgewicht zu kommen. Und der Engel Gottes sagte ihm: “Du musst dich üben in den andern Tugenden. Du sollst nicht nur deine Liebenswürdigkeit zum Ausdruck bringen, sondern du sollst auch bereit sein, dem andern von Herzen etwas geben zu können; du sollst dich auch freuen am Besitz des andern, du sollst Verständnis haben für den andern und nicht zu egoistisch sein. Es gibt noch viele Tugenden, die du dir zulegen musst, und du hast noch vieles gutzumachen.”

Der Bruder war bereit, sich um die weiteren Tugenden zu bemühen, und der Engel Gottes sagte ihm: “Ich werde dir Gelegenheit dazu geben. Du sollst nun diesen Ort deiner Tätigkeit verlassen; deine Arbeit, die du bis anhin im Tierreich ausgeführt hast, wird ein anderes aufsteigendes Geistwesen übernehmen. Ich will dir Gelegenheit geben, zu beweisen, dass du imstande bist, andern Geschwistern Tugenden zu übertragen, dass du bereit bist, mitzuhelfen an der Entfaltung der Tugenden – ich will dir Gelegenheit dafür geben. Aber ehe du diese Tätigkeit ausüben kannst, musst du zuerst durch eine Schule gehen, du musst zuerst von einem Geist Gottes geführt werden.” Und da es diesem aufsteigenden Geistbruder wirklich daran gelegen war, sich zu verbessern, nahm sich ein weiteres Engelwesen seiner an und erzählte ihm von den Tugenden, von den Schönheiten des Geistes und wie der Himmel sich durch die Schönheiten des Geistes in seiner Pracht entfalte – dass jeder, der in die geistige Welt heimkomme, seinen Teil zu dieser Pracht mitzubringen habe, um sie erleben zu können.

So führte ihn dieses Engelwesen zuerst im Reiche des Geistes zu jenen armen Seelen hin, die des Trostes bedurften. Hier hatte er sich in verschiedenen Tugenden zu üben; hier musste er auch Mitleid zeigen, sein Mitleid sollte geweckt werden. Er musste bereit sein, den andern aus der Not herauszuführen. So gab ihm die Geisterwelt Gottes Gelegenheit, in jenen Sphären des Aufstiegs bei den Unseligen tätig zu sein, um ihnen Trost zu bringen und Hilfe und ihnen ihr Los zu erleichtern. Der Engel Gottes erklärte ihm: “Versuche doch, etwas von der Not des andern auf dich zu übertragen; versuche, dich in diese Not hineinzuleben, so kannst du dem andern etwas Erleichterung in seiner Bedrängnis bringen; hilf ihm, trage etwas von seiner Last, dann lernst du auch etwas von den Tugenden.” Und so tat er es.

Es kostete ihn anfangs Überwindung, die Lasten dieser schwer belasteten Geister abwechslungsweise auf seine geistigen Schultern zu nehmen und sie zu tragen. Aber es bereitete ihm Freude, zu sehen, dass es dem anderen Erleichterung gab; so konnte er sich stärken. Wenn einer hoffnungslos in einer Bedrängnis war, schaffte er ihm Erleichterung, sodass in diesem wieder Hoffnung aufkam. Und so erlebte er die Freude des andern; er erlebte es, was es bedeutete, dem andern in seiner Not beizustehen und mit dem andern das Glück und die Freude der Erleichterung teilen zu dürfen – denn auch er musste vorübergehend die wirklichen Beschwerden des andern auf sich nehmen.

Auf diese Weise wurde er von den Geistern Gottes geschult. Und der Geist Gottes nutzte die Möglichkeit, er machte sich das Verlangen des Bruders zunutze, in seinem Garten nicht nur Sträucher, sondern auch Blumen zu besitzen. Denn dieser Liebenswürdige war nicht fähig gewesen, einen Arm voll von seinen Sträuchern zu geben; er hatte es eng bemessen, nur ein kleines Sträusslein war es, das er gegeben hatte – vom andern hatte er viel verlangt, doch er selbst konnte nicht viel geben.

Die Geisterwelt Gottes wollte nun diesem Bruder den Weg zeigen, war er ja guten Willens, das Richtige zu tun. So sollten nun seine edlen und feinen Gefühle geweckt werden, damit er sie nun wirklich zum Ausdruck bringen und die Schönheiten des Geistes in sich aufbauen konnte. Auf diesem Wege führte ihn die Geisterwelt Gottes aufwärts. So konnte er diesen Höhen entgegengehen und sich im Geiste bereichern.

So, liebe Geschwister, ist die Geisterwelt Gottes tätig in der jenseitigen Welt. Sie nimmt sich jedes Einzelnen an und führt jedem das zu, was er braucht zu seinem Heil. Für den einen mag es vorübergehende Bedrängnis und Not bedeuten, aber es wird für ihn die Zeit kommen, wo er dafür dankbar ist. Ein anderer ist froh, wenn ihn ein Geist Gottes auch etwas hart anfasst, damit er den Weg nach oben findet und dem Ziel entgegengeht, das er vor seinem geistigen Auge hat.

So, liebe Geschwister, gab ich euch wiederum Einblick in diese andere Welt. Möge der Segen Gottes euch behüten und beschützen. Möget ihr gesunden an Leib und Seele, die ihr krank seid. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrer Josef vom 3.2.1968 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Übung macht den Meister – praktische Anleitung zur Pflege bestimmter Tugenden

Lene, 21. Oktober 1959

Übung macht den Meister – praktische Anleitung zur Pflege bestimmter Tugenden

“Glaubt etwa ja nicht, man könnte so leicht durchs Leben gehen und sich die Tugenden erwerben, ohne dass man sich anstrengt. Auch hier muss man sich immer wieder üben, wenn man ein Meister werden will.” Geistlehrerin Lene gibt in diesem Vortrag konkrete Tipps, wie man sich jeden Tag abwechslungsweise auf eine bestimmte Tugend – beispielsweise auf die Sanftmut – konzentrieren kann, um sie ganz bewusst zu pflegen.

Lene: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, die Seele des Menschen gleicht einem Garten. Wird er gepflegt, ist er bewunderungswürdig; gibt man ihm diese sorgfältige Pflege nicht, dann wächst Unkraut, und alles kommt durcheinander. Wenn ihr eure Gärten und Wiesen pflegt, bedeutet das, dass man ihnen immer in gewissen Abständen die notwendigen Essenzen zuführt. Tut man das nicht, wird die Erde müde oder lahm, und es kann nicht zu einem Gedeihen kommen, das bewunderungswürdig ist. Man muss dem irdischen Boden also schon die notwendige Nahrung geben, wenn man mit einer Ernte rechnet. Der Boden der Seele will auch genährt werden. Wird dies nicht getan, dann ist die Fruchtbarkeit nicht in dem Masse vorhanden, wie wenn der geistige Boden eben gepflegt wird. So muss also auch der Seele immer wieder etwas zugeführt werden zu ihrer Pflege, zum Gedeihen und Wachsen. Es nützt euch Menschen nichts, wenn ihr einen Baum oder irgendwelche Pflanzen in eine Erde bringt, die nicht gut ist. Auch wenn alle äusseren Umstände geeignet wären, sie zu einem Gedeihen zu bringen – ist die Erde schlecht, darf man kein Gedeihen erwarten. So ist es mit dem Boden der Seele. Wenn der Boden – ich meine, der geistige Garten – nicht gut ist und die geistige Erde nicht immer wieder gepflegt wird, vermag er keine Früchte zu bringen, auch wenn alle äusseren Umstände günstig sind; damit meine ich dieses Mal die Menschen, mit denen man zusammenkommt, und das, was man alles erleben darf. Die geistige Erde muss fruchtbar werden, und sie wird es nur, wenn ihr diese Essenzen auch gegeben werden. Natürlich könnt ihr eurem geistigen Garten oder eurer Seele nicht irgendwelche materiellen Stoffe zuführen. Aber es sind jene Essenzen, die man Tugenden nennt. Sie machen den geistigen Boden fruchtbar; auf sie kommt es so sehr an. Und dann, wenn die äusseren Umstände günstig sind, gibt es ein noch besseres Gedeihen, wenn der geistigen Erde immer die notwendige Kraft zugeführt wird. Ihr versteht mich, was ich damit meine.

Ihr pflegt mit mir jeweils in die Meditation zu gehen. Ich freue mich, und alle meine Freunde, meine geistigen Begleiter, freuen sich, dass ihr euch die Mühe nehmt, hierherkommt und euch führen lasst. Die Anstrengung, die ihr unternehmt, ist nicht umsonst. Ihr werdet von innen heraus gedrängt; ihr habt ein Verlangen, näher, enger verbunden zu werden mit der andern Welt, besseren Kontakt zu finden. Man will alles tun, um sich emporzubringen, oder man versucht, besonders in dieser Stunde das zu erhalten, was den geistigen Boden fruchtbar machen könnte. Man kann über vielerlei Dinge meditieren und auf verschiedene Art und Weise – ich habe es euch schon vorgeführt. Wenn ich heute vom schönen geistigen Garten eurer Seele sprechen darf, möchte ich dieses gerne tun, und ich möchte euch so gerne den Weg zeigen, wie euer geistiger Garten gepflegt wird, wie er zu einem wunderbaren Aussehen kommt, das bewundert wird – genau wie man bei euch Menschen in eurem Erdenreich einen schönen, gepflegten Garten bewundert und bei einem, der voll Unkraut ist, achtlos vorübergeht; ja bei einem solchen neigt man eher dazu zu spötteln. Der gepflegte geistige Garten des Menschen vermag ja vom blossen Menschenauge gar nicht gesehen zu werden. Man muss schon ganz nahe an ihn herankommen, in gewissem Sinne in Kontakt kommen mit dem betreffenden Menschen – dann wird man eine Ahnung erhalten, wie es in der Seele dieses Menschen aussieht oder was für einen Garten er hat, ob er wirklich bewunderungswürdig ist oder ob er nicht gepflegt wird und es besser ist, wenn man sich fernhält.

Von der Pflege eures geistigen Gartens will ich ja sprechen und heute einmal dem Wort “Sanftmut” etwas näherkommen; wir wollen im wahren Sinn des Wortes darüber meditieren. Sanftmut ist etwas Notwendiges für das Gedeihen des geistigen Gartens. Betrachtet euch selbst in eurem Gehetze; die Sanftmut kann nicht zum Vorschein kommen. Es ist aber eine Notwendigkeit, es zu versuchen, sich jeden Tag zu üben; es geht nicht, wenn man nicht immer übt – genauso wie der grösste Künstler seine Stimme oder ein Instrument immer wieder üben muss, wenn er nicht aus seiner Rolle fallen will. Nur durch die Übung ist er zum Meister geworden. So ist es auch mit den Tugenden. Glaubt etwa ja nicht, man könnte so leicht durchs Leben gehen und sich die Tugenden erwerben, ohne dass man sich anstrengt. Auch hier muss man sich immer wieder üben, wenn man ein Meister werden will.

Bevor man morgens aus dem Haus hinaustritt, muss man sich vornehmen, dass man gerade die Sanftmut den ganzen Tag nach bestem Willen und besten Kräften behalten möchte. Ohne diesen Vorsatz geht es nicht. Wir verlangen gar nicht vom Menschen, dass er sich sagt: “Ich muss mich unbedingt jeden Tag in allen Tugenden üben!” Das ist ausgeschlossen. Aber man kann abwechslungsweise die eine oder die andere Tugend heranziehen und versuchen, sich darin zu üben und später dann, wenn möglich, zwei, drei oder noch mehr an einem Tage zu befolgen. Aber das sind schon grosse Leistungen, denn kein Tag ist wie der andere; der eine mag beglückend sein, während der andere viel Traurigkeit und viel Sorgen bringt. Bei diesem Leben trotzdem überall die Sanftmut zu zeigen, dazu braucht es einen Meister. So soll man üben in jenen Tagen, wo es gut geht, und sich immer vornehmen:

“Ich will ruhig und gelassen allem gegenüberstehen.”

Man soll sich vornehmen, allen Menschen, mit wem man in Kontakt kommt – vielleicht sind es auch Tiere –, immer wieder mit Ruhe, Überlegtheit und Geduld gegenüberzustehen. Wenn man diese Ruhe bewahrt, dann ist eine Inspiration von unserer Seite viel besser möglich. Denn in der Hast und im gehetzten Handeln gelingt es der Geisteswelt nicht gut, sich beim Menschen bemerkbar zu machen. Der Mensch hat ja schon gehandelt, und für uns ist es schwer, immer Fehler auszubessern. Viel lieber würden wir von Anfang an die Dinge richtig machen. Darum: ganz ruhig, überlegt handeln, die Sanftmut üben. Wenn ihr nur wüsstet, welchen Vorzug dies für das geistige Aussehen eurer Seele und – im engsten Zusammenhang damit – für euren Körper und euer Leben hat! Wenn ihr nur etwas darüber nachdenken würdet, müsste es euch ganz klar werden, dass eure Gesundheit viel zu tun hat mit eurem Denken und mit eurem Handeln. Seid ihr hastig und sind eure Bewegungen, euer Sprechen und alles an euch unharmonisch, leidet nicht nur die Seele darunter, sondern auch der Körper; die Blutzirkulation wird ganz anders. Es ist aber notwendig für den Menschen, wenn er den Ausgleich sucht, dass all dies, wenn möglich, immer übereinstimmt.

Dafür gibt es doch ein Mittel, und dies braucht die Anstrengung des Menschen. So hat er am Morgen, wenn er sich übt, Vorsätze zu fassen, zu sagen:

“Heute will ich ganz ruhig sein, ich will die Sanftmut üben.”

Dabei atmet er tief, und im Geiste stellt er sich hin vor einen Brunnen und denkt, dass dieses Od, das aus diesem Brunnen strömt, für seinen Körper gut ist. Ja er muss sozusagen die Feuchtigkeit, die durch das Wasser verbreitet wird, wirklich spüren. Er muss es als Segen betrachten. Dann muss er tief atmen und sich sagen:

“Ich will mich üben in der Sanftmut, denn sie macht meine Seele glücklich, sie macht mich gesund. Mein Blut fliesst leuchtend durch alle Venen, und mein Pulsschlag ist regelmässig. Ich will mich den ganzen Tag auf die Sanftmut besinnen. Sie soll zu meiner körperlichen Ertüchtigung und meiner Gesundheit sein.”

Denn was die Seele aufbaut, wird auch vom Körper aufgebaut und aufgenommen.

Die feinen, für den Menschen unsichtbaren Kräfte aus der Seele, aus dem gepflegten Garten der Seele, strömen in den irdischen Leib hinein. Es ist für den Menschen schwer, sich eine Vorstellung davon zu machen. Aber er soll sich üben, er soll sich mit seinen Gedanken höherschwingen und sich bewusst sein, dass er in diesen Übungen der Tugend auch Gesundheit findet. Immer wieder soll man dies versuchen. Dabei muss sich der Mensch eine Vorstellung, ein Bild machen können; denn es genügt nicht, wenn man nur Worte zu ihm spricht, wenn ich nur Erklärungen gebe. Schnell ist es vergessen, und man fragt sich: “Ja wie muss ich es tun?” Wir sagen: “Auch wenn der Garten eurer Seele nicht so gross ist, hat aber unendlich vieles Platz darin, unendlich viel.” Und so stelle man sich dann in der Stunde der Meditation vor:

“Nun, damit ich es nie vergesse, damit es nie ausgelöscht werde in mir, setze ich in meine Seele, in meinen geistigen Garten, eine Gedenktafel für die Sanftmut.”

Und diese Tafel zieren wir mit einer Blume. Ganz klein muss die Tafel sein und klein die Blümchen, die sie zieren. Die Blume selbst soll dich an die Tugend erinnern. Wir nennen sie das Veilchen, so zart und schön, so klein – hat diese kleine Blume doch Platz auch im kleinsten Raum. Ziere also die Tafel, die du dir für diese Tugend in deine Seele setzt, ziere sie mit diesen kleinen Blümchen, mit dem Veilchen. Es ist ja so bescheiden, aber wie herrlich ist sein Geruch. Wie schön ist es doch in seiner Bescheidenheit. Die Sanftmut soll in dieser Weise leuchten, und du wirst es weniger vergessen. Und wenn du einmal dieser Blume irgendwo begegnest in deinem Leben, denk an meine Worte, sie sollen dich an diese Tugend erinnern. Du sollst es nie vergessen, dein ganzes Leben hindurch. So übst du dich und wirst immer wieder gemahnt. Diese Blumen mahnen dich zur Tugend. Dann sollst du es nicht einfach bejahen; du sollst dich daran erinnern, dass man sich üben muss, um ein Meister zu werden. So meditiert man auch, pflegt seine Seele. Das ist das Zuführen jener Essenzen, und alles Weitere entwickelt sich ja.

Wenn du das Gefühl hast, es wäre bei dir mit dieser Sanftmut ganz in Ordnung, oder wenn du denkst: “Ja ich möchte mich dann auch noch in anderem üben”, so möchte ich zum Ausdruck bringen, was für euch am besten ist: Am besten ist es, wenn man immer wieder, jeden Tag, versucht, sich auch im Glauben zu stärken, im Glauben Kraft zu suchen fürs Leben, im Glauben Trost zu finden, im Glauben die Gerechtigkeit zu sehen – im Glauben. Mancher hat den Glauben an sich selbst verloren, und das ist schlimm. Mancher will nicht mehr an seine Mitmenschen glauben, an ihr Wohlwollen, an ihre Gerechtigkeit, an ihre Zuneigung, an ihre Hilfe und so fort; er ist pessimistisch eingestellt, er will nicht glauben. Sein Glaube an Gott ist auch nicht gefestigt. Er kann nicht glauben, er hat zu viele Enttäuschungen erlebt. Wo der Glaube fehlt, sei es der Glaube an Gott, an sich selbst oder an seine Mitmenschen, da ist es nicht gut bestellt. So hat man sich auch im Glauben zu üben; denn der Glaube ist ein ständiger Brunnen, der immer fliesst, der nie versiegt und aus dem man immer schöpfen kann.

Aber wie soll man sich denn in diesem Glauben stärken? Der Mensch ist ja immer geneigt, nur das anzunehmen, was er sehen kann, was er fühlen kann, was in seiner Tasche bewusst sicher ist; das will er glauben. Aber etwas zu glauben, was ihm teilweise entschwebt – ja da muss man sich üben. Es ist gleich so, als wenn man auf einer Geige spielen sollte, und man hat noch nie eine Geige in den Händen gehalten, und man verlangt von ihm: “Jetzt spiele mir etwas!” Es ist ihm unmöglich, er kann es nicht, und er sagt: “Ich habe nie geübt.” Nie geübt! Auch im Glauben muss man sich üben, wenn der Glaube Berge versetzen soll. Sich üben im Glauben, im Glauben an Gott, an seine Gerechtigkeit; das Leben bejahen, glauben, glauben an die Hilfe der Menschen, glauben an ihre Güte, glauben an ihr Wohlwollen, glauben – auch wenn man schon soundso oft enttäuscht wurde. Ja, das ist etwas Schweres. Aber ich müsste sagen: Für euch Freunde, die ihr schon so lange zu mir kommt, mit uns überhaupt so eng verbunden seid, besteht die Gefahr – die Gefahr – weniger. Ich sage nicht etwa, sie bestehe überhaupt nicht, ich sage nur: weniger. Noch gibt es solche, sie können plötzlich nicht mehr glauben.

Also, ich sage jetzt: Der Glaube ist etwas Wunderbares, ein rettender Balsam in der Stunde höchster Not. Aber den Glauben zu haben, das ist die Kunst. Wenn man ihn hat, dann kann einem nichts passieren; dieser Balsam gibt einem zu allen Zeiten die Kraft und heilt die Wunden, heilt seelische, geistige Wunden, heilt körperliche Wunden – der Glaube. Auch hier bitte man morgens darum:

“Herr, stärke mich doch im Glauben an Dich, an alle meine Geschwister. Herr, gib mir die Kraft des Glaubens, gib mir Zuversicht, stärke mich.”

Auch da stehst du wieder vor einem Brunnen und spürst die Feuchtigkeit des Wassers. Du bist dir bewusst:

“Es hat eine wunderbare Kraft, dieses Wasser.”

Dies erzähle ich nicht einfach so, sondern man muss es richtig erleben, erkennen; man muss einatmen, man muss es ganz in sich einziehen, damit es den Körper erfasst, innen und aussen. Nur ein Beispiel: Ihr wisst, die geistigen Gesetze von dazumal – sagen wir zur Zeit Christi –, sie sind heute noch dieselben. Damals gab es einen Teich, und ein Engel stieg jeweils hinunter und bewegte das Wasser (Joh. 5, 1–4). Dann wurden Kranke, Gelähmte, Blinde in das Wasser gelegt, und wenn sie mit diesem heiligen Wasser in Berührung kamen, wurden sie gesund. Aber sie wussten: nur dann, wenn ein Engel Gottes das Wasser bewegte. Sie sahen die Engel nicht, aber sie wussten es, man hatte es ihnen verkündet, die Propheten hatten es ihnen gesagt: “Wenn das Wasser Wellen hat, dann ist ein Engel des Himmels hingegangen, und dann ist es heilig und heilsam, dann lege dich hinein.”

Du kannst es im Geiste tun. Stelle dich vor einen Brunnen hin, atme, und sei dir bewusst:

“So wie ich bitte und das, was ich denke und tue, das habe ich unter Anweisung getan. Geistige Wesen sind im Spiele, die es ermöglichen.”

Aber du musst es tun; du musst dich immer wieder üben bis zur Meisterschaft. So findest du Kraft für dich selbst und für deine Mitmenschen. Wenn du stark bist im Glauben, bist du eine Leuchte; denn die andern können dich deines Glaubens wegen bewundern; bewusst oder unbewusst nehmen sie bei dir etwas Besonderes wahr, und sie sagen untereinander: “Dies ist ein frommer Mensch, das ist ein guter Mensch, und ich empfinde seine Ausstrahlung als angenehm.” Das mögen Menschen so sprechen. Wenn man sich aber des Weges bewusst ist, den dieser andere geht, dann wird einem vieles klar, und man kann es ihm gleichtun.

Wie viele Menschen haben den Glauben an den Nächsten verloren. Sie glauben, dass er nur auf sich selbst eingestellt wäre und nur seine eigenen Vorteile möchte, nur für sich schaue. Ja, das kann möglich sein, aber man soll das nicht verallgemeinern. Wenn du solche Menschen siehst und ihnen begegnest oder wenn man dir von solchen spricht, so denke in deinem Herzen:

“Oh, es sind doch nicht alle Menschen so. Ich will mich an jene halten und an jene glauben, die gerecht sind und die nicht so egoistisch sind. Ich will trotz allem den Glauben an die Menschen nicht verlieren.”

Ihr seid oftmals rasch in euren Urteilen und verurteilt oft sehr schnell. Bedenkt: Wenn die geistige Welt solches tun würde? Betrachte nur einmal dich selbst: Du weisst genau, wie viele Fehler du begehst und was alles du tust, was unrecht ist. Du ahnst auch, dass die geistige Welt mit dem und dem nicht zufrieden ist. Sie kehrt sich aber nicht ab von dir – gar nicht. Sie verliert auch nicht den Glauben an dich, sondern sie kommt dir ganz nahe, denn sie will dich gewinnen, sie hofft auf dich und glaubt an dich. Dieser Glaube gibt den Geistern Gottes Mut und Freude, ihre Aufgabe zu erfüllen; denn in diesem Glauben haben sie schon eine Erfüllung. Aber sie wissen, dass sie sich anzustrengen und an der Erfüllung mitzuwirken haben, damit es zur Vollendung kommt. Die geistige Welt hat ja Einblick ins Leben des Menschen und weiss um seinen Aufstieg. Aber das verleitet Geister Gottes nicht dazu, untätig zu werden und sich zu sagen: “Der Mensch kommt ja sowieso hinauf, ich brauche mich nicht anzustrengen. Es braucht nur etwas mehr Zeit.” Nein. Freilich nehmen alle Dinge ihren Lauf, aber die Geisterwelt Gottes ist beauftragt, mit der ganzen Kraft einzustehen, um den Aufstieg zu beschleunigen und zu fördern.

Wenn sich da der Mensch etwas bewusst wird, dass er Gleiches zu tun hat, wie wunderbar findet er da Lebensfreude, Lebensmut. Die Welt sieht plötzlich ganz anders aus für ihn, und er findet sich auch notwendig auf seinem Posten. Es gibt ja so viele, die fühlen sich immer überflüssig. Überflüssig? Warum wohl? Weil sie so oft von den andern Menschen erniedrigt werden; dies nimmt ihnen die Lebensfreude und den Mut. Keiner kann bestehen, wenn er nicht den Glauben an Gott hat. Er fängt an zu zweifeln, und dann kommen die Geister der Unzufriedenheit, der Mutlosigkeit. Ihnen muss man den Weg sperren, indem man trotz allem, was geschehen ist, den Glauben an das Schöne, an das Gute, an das Wohlwollende nicht verliert. Wir wissen, es ist schwer, es ist für manchen eine Kunst. Aber ich sagte vorhin: Nicht jeder Tag bringt dir gleich viel Sorgen – der eine bringt mehr, der andere weniger, der andere überhaupt keine, sondern viel Glück und Freude. Aber wenn du in Glück und Freude bist, vergisst du, dass du auch für deinen geistigen Garten zu sorgen hast. Nicht alle Menschen vergessen es, aber man neigt gerne dazu, es zu vergessen; denn wenn man hat, was man will, fühlt man sich glücklich. Aber das Glück hält nicht immer an. Darum muss man vorsichtig sein.

Es ist eine Kunst für den Menschen, jeden Tag seinen Glauben zu stärken – am Tage des Glücks und am Tage der Bedrängnis nicht zu vergessen, um Kraft zu bitten für den Glauben, und sich zu sagen:

“Ich glaube, denn ich bin meiner so sicher. Ich glaube an Gott, an seine Gerechtigkeit, an seine heiligen Geister, die mich durchs Leben führen. Ich will glauben an die Güte des Menschen und an sein Wohlwollen.”

Wenn man ahnt, dass bei diesem oder jenem Menschen etwas nicht in Ordnung ist, muss man in gewissem Sinne versuchen, umzuwandeln, umzubrechen; man soll also nicht annehmen, dass er im Innersten seiner Seele schlecht ist. Man muss aus der eigenen Seele die wunderbare Kraft des Glaubens wie auch der Sanftmut und aller andern Tugenden in die Seele jener andern pflanzen können. Man muss gleich einem Samenträger sein und den Samen aller göttlichen Tugenden zu allen Stunden und Zeiten ausstreuen in die Herzen, in die Seelen der Menschen.

Aber wie kann das ein Mensch tun, wenn er sich nie übt darin? Ihr könnt sehen, wie schwer es ist; es ist nicht so leicht. Das Meditieren wird euch immer wieder empfohlen, und es wird von vielen überhaupt nicht angewandt. Man kommt hierher und ist bereit zu horchen, und man hat den besten Willen, gelegentlich etwas zu tun. Bei vielen bleibt es dabei – und trotzdem, wir sind ihnen nicht böse, wenn sie die Kraft nicht finden, mehr zu tun. Wir freuen uns, wenn sie immer wieder kommen und uns zuhören; denn wir warten ja nur den Moment ab, wo es uns gelingt, ihnen näherzukommen, uns wirksamer auszudrücken. Dies geschieht aber nicht immer auf angenehme Weise, wie es der Einzelne wünscht. Aber schliesslich ist der Erfolg meistens auf unserer Seite. Auch das können die Menschen nicht immer verstehen.

Aber ich möchte nicht abkommen von meinem Thema, sondern ich will euch darauf aufmerksam machen, dass es so notwendig ist, um die Kraft des Glaubens zu bitten. Keiner schwöre darauf: “Mir fehlt es nicht, ich habe Glauben genug.” Nein, man muss sich immer wieder stärken. Die Kraft zum Glauben findet man, wenn man immer näher an Gott herankommt, wenn man also auch die andern Tugenden versucht zu üben und zu befolgen. Dann kann man besser glauben. Damit du nichts vergisst, sollst auch du in der Stunde der Meditation eine kleine Tafel in deinem Geistesgarten anbringen; und wenn du nicht mehr weisst, woran du dich halten und wie du meditieren musst, so denke an sie. Wir wollen diese kleine, winzige Tafel auch bekränzen. Mit was denn wohl? Mit blühendem Klee und seinen Blättern winden wir einen kleinen Kranz um die Tafel. Blühender Klee und seine Blätter ergeben einen so schönen Kranz. Klee bedeutet in den Augen des Menschen auch Glück. Ach, für den Menschen mag er hierzu eine bestimmte Zahl von Blättern haben müssen – für uns ist das nicht so von Wichtigkeit. Nicht nur die Blätter, auch der blühende Klee ist so unscheinbar und doch so wertvoll. So ist es mit dem Glauben – er ist so wertvoll. Rahmt die kleine Tafel ein mit dem blühenden Klee.

Dann möchte ich noch etwas anderes in euren geistigen Garten setzen: die Aufopferung. Ja, darüber kann man auch meditieren. Es ist hier wiederum so: Jeder Tag mag anders sein; am einen wird viel an Opfer verlangt, am andern weniger. Die einen Menschen mögen jahrelang durchs Leben gehen, sie brauchen sich nicht besonders aufzuopfern. Dann aber können schwere Tage und Wochen an sie herankommen, und nichts wie Aufopferung, Aufopferung wird von ihnen verlangt. Da möchte ich auch von jenen sprechen, die dieser Aufopferung versuchen auszuweichen; sie können sich nicht aufopfern. Mit der Aufopferung sind Anstrengungen verbunden, und diese beziehen sich ja immer wieder auf den lieben Nächsten. Hier braucht es Aufopferung, Überwindung. Man muss oft mit einem Menschen zusammenleben, ja man opfert sich für ihn; dies mag aus verschiedenen Gründen geschehen. Viele erachten es als ihre Pflicht, sich in der Weise aufzuopfern. Aber wenn man es zu einer Tugend machen und man damit seinen geistigen Garten zieren möchte, soll man nicht sagen: “Ich tue es einfach, weil es meine Pflicht ist”, sondern man soll es vielmehr aus einem inneren Verlangen heraus tun. Man muss diese Aufopferung auch umwandeln oder umbrechen, sodass sie einen göttlichen Sinn bekommt und sie nicht als etwas Widerwärtiges empfunden wird, zu dem man sich gezwungen fühlt und das man ohne Liebe und ohne Mitempfinden tut. Auch hier kann nur von einer Tugend gesprochen werden, wenn man übt, wenn man viel tiefer geht und die Bedeutung der Aufopferung zu erfassen versucht.

Wer hatte wohl die grösste Aufopferung gebracht? Dies brauche ich euch doch nicht auseinanderzusetzen. Das grosse Opfer, die Aufopferung zur Errettung der Menschheit – hat es getan. Es war ihm nichts zu viel, er hatte die grössten Schmerzen ausgehalten. Er hatte das Opfer gebracht für den Nächsten, zu dessen Heil, zu dessen Fortschritt. Er hat über das, was man ihm angetan hat, nie geklagt. Er war jenen Menschen nicht übel gesinnt, er hat für sie gebetet: “Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun” (Luk. 23, 34).

Wenn von einem Menschen, sagen wir, ein Opfer verlangt wird, ist er schnell dabei, zu sagen: “Das habe ich nicht nötig; ich will mit dem und dem nichts zu tun haben.” Ja, solches Reden ist nicht geeignet, den Seelengarten schön zu gestalten, sondern es bringt ihm Unkraut in seinen Seelengarten. Ihr könnt also auch da wieder sehen, dass es gar nicht so einfach ist, sondern wirklich schwer: überwinden, umwandeln, umbrechen in seinem Denken. Wenn der Mensch das kann – ja, dann tut er vieles zu seinem geistigen Aufstieg, dann schmückt er auf wunderbare Weise seinen Geistesgarten.

Aufopferung findet ihre unbedingte Belohnung, besonders wenn man sie im Namen Jesu Christi übt und es aus einer Gesinnung heraus tut, das Gute zu fördern, zu verbreiten – wenn man sich also nicht aufopfert um eines irdischen Lohnes willen. Dieses würde zu keiner geistigen Belohnung führen. Stille Aufopferung findet ihre höchste Belohnung, wenn man sich darin übt und erfasst, was das Leben einem alles bietet, Angenehmes und Unangenehmes, und man sich bewusst ist:

“Ja, ich bin hier als Mensch auf dieser Erde und kann nun im Heilsplane Gottes eine wunderbare Aufgabe erfüllen, aber ich habe mich nicht nach den allgemeinen oder bequemen Gefühlen zu richten, sondern ich habe mich anzustrengen. Ich habe mich nach dem Reiche Gottes auszurichten, und ich bin mir bewusst, welches Erlösungswerk an mir vollendet wurde, dass es hier auch Aufopferung brauchte und ich nun als Mensch dasselbe in geringerem Masse tun muss.”

Man muss auch bereit sein zur Aufopferung – nicht nur bereit, sondern man muss sie auch wirklich ausüben. Kann man das, so schliesst dies so vieles ein: Liebe, Wohlwollen, Bescheidenheit, Demut, Frieden, Gerechtigkeit. Alles wird schlussendlich zusammengezogen und ist wie eine Tugend. So wird man eins, ein Glied in einer Kette.

Ja, immer wieder gilt es, sich bewusst zu sein, wie man seinen Seelengarten pflegt; das ist wichtig, dann wird man sich auch der Anstrengungen bewusst. Und damit ihr die Aufopferung nicht so leicht vergesst, sollt ihr auch das in eurem Seelengarten einlegen – wiederum mit einer kleinen, winzigen Tafel. Ihr sollt auch sie mit Blumen zieren: Diesmal sind es Mimosen. Legt diese kleinen Blümchen um die Tafel; sie haben ihre Bedeutung. Aufopferung verlangt viel. Wenn man an einen Menschen herantritt und von ihm Aufopferung verlangt, so mag er oft sehr empfindlich sein und aufbrausen, weil er glaubt, bereits genug Aufgaben zu haben, die er erfüllen muss. Darum soll auch dieses Blümchen seine Bedeutung haben. Vergiss es nie, wenn du ihm begegnest. Denke an die Aufopferung. Ihr sollt auch das andere nie vergessen: Wenn ihr dem Veilchen begegnet, soll es euch bewusst sein, dass Sanftmut eine wundersame Tugend ist. Wenn ihr Klee seht, soll es euch bewusst sein, dass euer Glaube nicht immer stark genug ist und ihr nicht vergessen sollt, immer darum zu bitten und zu versuchen, euch zu kräftigen im Glauben an Gott, an euch, an die Mitmenschen.

So haben wir für heute eure Seele geziert. Ihr sollt euch üben in diesen Tugenden, damit ihr Meister werdet. Aber ich möchte noch etwas mit euch tun. Ich möchte euch in ein grosses Bad führen. Hier sind viele Brunnen – genauer gesagt, es sind gerade so viele, wie ihr Menschen hier seid –, einer nach dem andern, und Becher liegen bereit. Diese Brunnen haben das segnende Wasser in sich, jene wunderbare Kraft. Die Engelswelt beteiligt sich an deinem Schauen und an deinem Wollen. Du nimmst nun einen Becher, der bereitliegt für dich, und trinkst und denkst:

“O heilige Kraft, stärke mich, heile mich. Kraft aus Deinen heiligen Himmeln, mache mich gesund.”

Du legst den Becher wieder hin für die andern, die nach dir kommen möchten. Dann schreiten wir aus der Halle heraus und treten in einen Tempel hinein. Beim Eingang überreicht man dir eine kleine Fackel, und du trägst sie in die Mitte. Ein grosses Becken ist bereit, und du hast die Fackel da hineinzulegen. Sie wurde von deinem Schutzgeist entzündet. Du bist durch den Tempel geschritten und hast die Fackel in die grosse Schale gelegt. Damit soll dir gesagt sein: Es ist etwas entnommen worden aus dem heiligen Feuer deiner Seele, deines Geistes. Von diesem Feuer leuchtet nun ein winziger Funke in dieser Schale. Es ist etwas von dir, es ist und bleibt und kann nicht vergehen. Kannst du mit deinen Augen diesen Funken erkennen? Es ist nicht mehr die Fackel, sie ist ausgelöscht, aber geblieben ist das, was aus dir entnommen wurde, was nicht auslöschen kann; es kommt aus deinem heiligen Feuer selbst, das dir einst gegeben wurde. Nur eine kleine Spur hast du hinterlassen durch das Wandern in dieser Stunde, und du hast diesen Funken in die Schale gelegt. Mit Wohlgefallen nimmt man sie nun aus dem Tempel heraus und trägt sie fort, dorthin, wo es wichtig ist, dass gesehen wird, was getan, wie gehandelt, wie gedacht wurde. Ein Gang von dir in einer Stunde der Meditation mit mir kann nicht ausgelöscht werden.

So versuche nun zu Hause, dich zu üben, und du findest dein Heil, Lebensmut und Lebensfreude. Die Engel können dich besser durchs Leben führen, sie schreiten dir voran und zeigen dir den Weg – und das ist doch dein Wunsch. Sie ziehen einen Schutz um dich, und so kannst du behütet werden. Der Segen Gottes begleitet dich, denn Engel des Himmels nehmen sich der Menschen an. Wie freudvoll ist es für uns, zu sehen, dass dies von den Geschwistern dankbar angenommen wird. So möge dein Weg beleuchtet sein und gesegnet. Mögest du aus deinen Bedrängnissen herauskommen, mögest du Kraft finden in allen Lagen, wo du stehst und wo du Schwierigkeiten hast. Möge Klarheit über dich kommen, Licht auf dich eindringen. Das ist das Verlangen und der Wunsch von uns. [Die Abschiedsworte von Lene sind nicht erhalten.]

Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 21.10.1959 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Tugenden als geistiger Lohn und Geschenk für ein verdienstvolles Erdenleben

Lene, 19. Juni 1963 (Ausschnitt)

Tugenden als geistiger Lohn und Geschenk für ein verdienstvolles Erdenleben

Unter den himmlischen Geschwistern gibt es Meister in den verschiedensten Tugenden. Für eine heimgekehrte Seele ist es ein besonderes Geschenk, wenn sie eine gewisse Zeit bei solchen Meistern leben und arbeiten darf. Denn auf diese Weise kann sie von deren Eigenschaften ganz erfüllt und durchdrungen werden.

Lene: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, Geld ist in eurer Welt das Zahlungsmittel. Mit Geld bezahlt man die Arbeit, und ausserordentliche Arbeit wird auch ausserordentlich belohnt. In der geistigen Welt empfängt man auch Lohn, und je grösser die Verdienste, desto grösser der Lohn. Man wird aber zum Beispiel einer verdienstvollen heimkehrenden Seele noch nicht den vollen Lohn geben, wenn sie dadurch in ihrem weiteren Aufstieg gehindert würde. Zum Beispiel wenn man sich im Leben Verdienste erworben, aber damit noch nicht die höchsten Stufen der Entwicklung erreicht hat, wird der Lohn eben der Entwicklung des Aufsteigenden angepasst sein.

Bei uns kann man Kunstgegenstände als Lohn empfangen. Die Gotteswelt kann aber auch Tugenden als Geschenk, als Lohn darbieten. Je höher ein Wesen in seinem Aufstiege steht, dementsprechend sind die Geschenke. So wie bei euch ein armer Bauer mit einem kostbaren Gemälde nichts anfangen kann, wenn er es nicht zu schätzen weiss, wird er auch kein Verlangen haben, ein solches zu erwerben. Es passt nicht zu ihm. Vielmehr wünscht er sich einen Lohn, mit dem er etwas anzufangen weiss, den er notwendig braucht. Auch im Geistigen wird man je nach der Entwicklung seinen Lohn empfangen.

So wird nicht jede Seele, die zu uns kommt, für ihr gerechtes Leben denselben Lohn empfangen. Man passt ihn ganz ihrer Entwicklung an. Aufsteigende Geschwister haben es sehr nötig, dass sie mit Tugenden beschenkt werden. Sie brauchen diese Tugenden. Wie geht das aber vor sich? Wie kann man in der Geisteswelt mit Tugenden beschenkt werden?

Es wurde euch schon erklärt, dass man einen solchen Geist zu einem Engel Gottes führt und ihn eine Zeit bei ihm wohnen lässt. Der Aufsteigende wird so erfüllt vom Wirken des Engels, und er möchte ihn nachahmen. Ob dann aber das, was man schon erworben glaubt, im Innersten wirklich fest ist, das ist die Frage. Darum wird die Geisterwelt Gottes alles ganz geschickt anordnen und jedem den Lohn geben, der ihm angepasst ist. So kann einer mit Tugenden beschert werden, während ein anderer, der zu uns kommt, gleich mit Kostbarkeiten beschenkt wird. Es kann auch sein, dass ihm sogar ein Haus dargeboten wird.

Ich möchte euch folgende Erklärung geben: Es ist doch so, dass unendlich viele Seelen im Aufstiege sind. Es geht nun darum, ihre Besserstellung zu erzielen. Es werden welche, die zu uns kommen, mit Tugenden belohnt. Das geht auf folgende Weise vor sich: Man greift ein solch gutwilliges Wesen nach seiner Läuterung und nach einer Zeit seiner Eingliederung in die Ordnung Gottes heraus und führt es einer Gruppe von Himmelsboten zu. Unter den himmlischen Geschwistern sind die einen Meister in diesen Tugenden, während es andere in anderen Tugenden sind. Bestimmte Engel üben eine ganz bestimmte Tugend aus; sie sind also Meister in dieser Tugend.

Nun muss das den Engeln zugeführte Wesen selbstverständlich lange unter ihnen bleiben, und zwar so lange, bis es eben diese Tugend erfasst hat, bis es ganz davon durchdrungen ist. Es ist, wie wenn bei euch einem Kind das Abc oder das Einmaleins gelehrt wird: Es muss sich darin vertiefen und so lange üben, bis es – wie ihr in eurer Sprache sagt – in seinem Gedächtnis sitzt. So lange wird es eben auswendig lernen und üben müssen. Denn das Gelernte soll es durchs ganze Leben begleiten.

So verhält es sich mit den Tugenden. Ein solches Wesen übt diese Tugenden mit den Engeln aus, und zwar so lange, bis es davon durch und durch durchdrungen ist, bis es kein anderes Verlangen mehr hat, als diese Tugend auszuüben. Das braucht manchmal sehr viel, denn es wird diese Tugenden immer wieder vergessen. Man soll aber nicht annehmen, dass man ununterbrochen unter diesen Himmelsboten leben könnte. Man wird wohl in dieser Tugend gelehrt, eingeübt. Danach muss man aber versuchen, das Angelernte selbstständig auszuüben. Es gibt dann oft ein Versagen, und daher wird man immer wieder von Neuem beginnen müssen.

Dafür haben alle hohen Geschwister ihre sogenannten Regeln, ein genaues Prinzip, wonach sie ihre Geschwister lehren und einüben, um ihnen dieses Geschenk darbieten zu können. Es soll also ein wirkliches Geschenk werden, das in die Tiefe der Seele eindringt. Diese Tugend soll später, wenn anderes das Leben dieses Wesens überschatten könnte, nie mehr in Vergessenheit geraten. Die Tugend ist also so eingeübt worden, dass sie im Innersten der Seele verankert ist.

Selbstverständlich, wenn man wieder ins menschliche Leben hineingeboren wird, kommen im Laufe des Lebens viele Versuchungen. Aber gewöhnlich und glücklicherweise ist es so, dass etwas, das in der Weise erworben wurde, in der Seele gefestigt ist. Man kann wohl auf anderen Gebieten Fehler begehen, aber die in der Geisterwelt erworbene Tugend, die man so als Geschenk empfangen hat, bleibt erhalten. Man darf aber nicht vergessen, dass dieses Geschenk oder dieser Lohn den Würdigen gegeben wird. Eine zu arg belastete Seele vermag man nicht mit solchen Tugenden zu beehren, denn bei ihr ist wohl die Läuterung und die Einsicht ihres falschen Lebens das Vorrangige. So wird man mit einer solchen Seele nur einen kleinen Schritt vorwärtsgehen.

Ich habe betont: Eine besondere Leistung bringt einen besonderen Lohn ein. Wenn eine Seele zu uns kommt, die im Leben Besonderes geleistet hat nebst ihren Fehlern und ihren Verfehlungen, so kann ihr dafür, wenn eine ausserordentliche Leistung hervorleuchtet, trotzdem ein ausserordentlicher Lohn gegeben werden.

Wenn ihr eure Mitmenschen betrachtet, konntet ihr selbst schon feststellen, dass der eine oder andere auf einem Gebiete grosse Stärken aufweist, während er anderseits auch grosse Schwächen hat. Seine grossen Stärken geben ihm den Ausgleich, und man muss ihn immer wieder bewundern – eben gerade wegen dieser Tugend. So kann es sehr gut sein, dass der Betreffende auf diesem Wege, wie erwähnt, zu diesem Geschenk gekommen ist.

Wenn solche Seelen wieder zurückkommen, kann es geschehen, dass ihnen zum Geschenk, das ihnen vor ihrem Erdenleben gegeben worden ist, noch Zusätzliches geschenkt wird wegen dieser Tugend, die sie im Leben ausgeübt haben. Denn durch die Anwendung dieser Tugend – es ist ganz gleich, ob es sich dabei um Grossmut, um Freigebigkeit oder um Friedfertigkeit und so weiter handelt –, das heisst, wenn diese Tugend sein Lebensweiser war, hat der Betreffende dadurch ganz bestimmt wieder grosse Leistungen vollbracht. Sagen wir, ein grosszügiger Mensch, der immer wieder ein gütiges Herz und Verständnis für die andern hat, erwirbt sich ja durch seine Tätigkeit und Einsicht für den andern ständig wieder weitere Verdienste. So hat ihm die göttliche Welt einen wunderbaren Samen in seine Seele gelegt, der immer wieder neu ausschlägt. Es bietet sich ihm also die Möglichkeit, dass er sich im Leben noch weitere Tugenden selbst erwerben kann durch dieses Geschenk, das man ihm einst gegeben hat. Und wie erklärt – wenn ein solcher zu uns zurückkommt, wird er auch wieder seinen besonderen Lohn und seine besondere Stellung einnehmen.

Geschwister, die im Aufstiege sind, leben zum grossen Teil in der Gemeinschaft mit ihresgleichen zusammen in Gemeinschaftshäusern, denn sie haben sich dort zu üben. Sie müssen selbst vieles ablegen. Sie bringen ja für die andern das Verständnis noch nicht auf; daher müssen sie das in der Gemeinschaft lernen. Wer aber diese Stufen überschritten hat, wird nicht mehr in einem solchen Gemeinschaftshaus leben müssen. Der Kreis um ihn wird kleiner, aber nicht unbedeutender sein – im Gegenteil: Der Kreis, zu dem er gehört, setzt sich ja – je nach seiner Stufe – auch aus höheren oder hohen Wesen zusammen.

In den höheren Stufen hat man grössere Freiheit. Man kann den andern auf seiner Ebene besuchen – man braucht, wenn man seine Aufgabe erfüllt, keine besondere Erlaubnis dafür einzuholen. Die Freiheit ist viel grösser, und man kann dementsprechend das geistige Leben noch viel schöner, sinnvoller und herrlicher einteilen. Man wird unabhängiger, aber diese Unabhängigkeit darf euch nicht zu falschen Schlüssen verleiten. Auch in diesen höheren Ebenen vollzieht sich diese Freiheit in einer wundervollen Ordnung.

So ist es ein wunderbares Dasein, und man kann immer wieder von Neuem Geschwister kennenlernen und zu sich einladen. Man feiert zusammen Feste, und man findet auch den Weg zu noch höheren Ebenen. Das heisst, man lässt jene Geschwister, die die höchsten Sphären bewohnen, auch zu sich bitten. Man kann also, wenn man eine gewisse Ebene erreicht hat, den Wunsch zum Ausdruck bringen, diese Botschaft so weit tragen zu lassen, dass man den Besuch eines ganz bestimmten Geistes Gottes erhalten kann.

Selbstverständlich wird der Besuch eines so hohen Wesens immer mit einer Aufgabe verbunden sein, denn man weiss durch alle Stufen empor, wie notwendig das Zusammenwirken der Geschwister ist, damit es für Diesseitige wie Jenseitige zum Vorteil werden kann. Es wird damit immer eine Aufgabe erfüllt, oder es wird in Verbindung mit einem solch hohen Wesen eine neue Aufgabe gestellt. Ein Geist, der eine gewisse Entwicklung erreicht hat, darf einem hohen Wesen ruhig eine neue Anregung unterbreiten. Das alles kann in den höheren Ebenen geschehen, während man in den unteren Stufen des Aufstieges sehr an das Gesetz und die strenge Ordnung gebunden ist.

Geister, die nicht in der Ordnung sind, dürfen wohl die irdische Welt und was ihnen dort beliebt, aufsuchen, aber es sind keine bedeutenden Wesen; sie sind im Heilsplane Gottes noch keine Persönlichkeiten. Sie nehmen sich die Freiheit auf ihre Weise. In dem Moment aber, wo sie von der Ordnung erfasst werden, haben sie sich an die Ordnung zu halten. Sie können dann ihrerseits nicht einfach bestimmen, dass sie mit diesem oder jenem Geist Gottes zusammenkommen möchten, um ihm Vorschläge und dergleichen zu unterbreiten. So etwas gibt es nicht in diesen tieferen Ebenen. Solche Geistwesen sind an ihre Ebene und deren Möglichkeiten gebunden. Ihrem Tun sind also Grenzen gesetzt.

Wohl können diese uneingereihten Geister auch ein angenehmes Leben führen, aber es ist um sie keine Herrlichkeit und nicht die freudige Stimmung wie in den weit höheren Stufen – dies zu eurer Orientierung. Je weiter oben man seinen Platz einnimmt, desto mehr steht einem das Recht zu und die Möglichkeit, sich mit höheren Geschwistern zu besprechen und neue Anregungen anzubringen.

Ihr dürft nicht glauben, dass neue Anregungen nur von den höchsten Engeln des Himmels kämen. Nein – es ist auch anderen Geschwistern gestattet, Vorschläge zu unterbreiten. Denn in diesen Höhen ist das Wunderbare, dass immer Neues geschaffen wird und ein ständiger Wechsel an Herrlichkeiten stattfindet. Ständig wird gebaut und in einer wunderbaren Vielfalt gewirkt. Und am Schluss muss doch jedes Wesen zugeben, dass es seine Kraft von Gott hat und er es ermöglicht, zu neuen Ideen zu gelangen, Neues zu entfalten – geistig zu schaffen.

Es ist für einen Geist in diesen Höhen etwas sehr Schönes, wenn er in seiner Freiheit gestalten kann, was ihm beliebt – nur mit der Bedingung, dass sein Schaffen zur Ehre Gottes und zur Ehre der ganzen Geisterwelt gereicht. Aber bis dahin führt ein weiter Weg. [...]

Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 19.6.1963 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Heft 1/2026
Preis USD 4.00
25 Seiten, 21 × 29,7 cm