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Themen
Wer seinem Bruder nicht vergibt: Auswirkungen eines geistigen Gesetzes – “Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern” – Erdnahe geistige Stätten der Begegnung und der Versöhnung
Cover der Zeitschrift Geistige Welt, Heft 5/2018 zum Thema Kraft der Vergebung
Geistige Welt 5/2018
Kraft der Vergebung
Beschreibung

“Was du auf Erden bindest, bleibt auch im Himmel gebunden, und was Du auf Erden löst, ist auch im Himmel gelöst.” Geistlehrer Josef erklärt in diesem Heft das göttliche Gesetz, das für die geistige Aufwärtsentwicklung eines jeden Menschen von grösster Bedeutung ist. Am Beispiel zweier verfeindeter Brüder zeigt er auf, wie Unversöhnlichkeit Menschen auch nach dem Tode bindet und im Aufstieg hindert.
In einem weiteren Vortrag geht Josef auf die Bitte im Vaterunser ein: “Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern”, und schildert das jenseitige Erleben eines Menschen, der seinem Schuldner auf Erden zwar die Hand zum Frieden gereicht hatte, innerlich aber stets nachtragend blieb.
Ferner berichtet Josef von besonderen geistigen Stätten der Begegnung und Versöhnung, wo Heimgekehrten die Möglichkeit gegeben wird, verstorbene Angehörige und Freunde zu begrüssen und sich, wenn notwendig, mit ihnen auszusöhnen.

Themenheft 5/2018: Die Kraft der Vergebung

Inhalt
Wer seinem Bruder nicht vergibt – Auswirkungen eines geistigen Gesetzes

Josef, 14. Juni 1975

Wer seinem Bruder nicht vergibt – Auswirkungen eines geistigen Gesetzes

“Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; und was du auf Erden binden wirst, das wird in den Himmeln gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird in den Himmeln gelöst sein” (Mat. 16, 19). Geistlehrer Josef erklärt in diesem Vortrag ein göttliches Gesetz, das für die geistige Aufwärtsentwicklung eines jeden Menschen von entscheidender Bedeutung ist. Am Beispiel von zwei verfeindeten Brüdern wird aufgezeigt, wie Unversöhnlichkeit zwei Menschen aneinander bindet und an ihrem weiteren Aufstieg hindert.

Josef: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, die christliche Lehre verkündet: “Was auf dieser Erde gebunden ist, bleibt auch in der Ewigkeit gebunden; was hier auf Erden gelöst ist, ist auch im Himmelreich gelöst” (vgl. Mat. 16, 19). Ich möchte aber noch Folgendes dazu erwähnen, und zwar komme ich auf das Gebet zurück, das die Christen täglich beten. Hier betet man, wie Christus gelehrt: “Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern” (Mat. 6, 12). Damit soll doch erklärt werden, dass einem die Schuld vergeben wird, so man auch bereit ist, seinem Mitmenschen die Schulden oder die Schuld zu vergeben. Nun beten dies die Christen, aber nur wenige denken an den tiefen Sinn, dass, so sie Gott bitten, er möge ihnen vergeben, auch sie dem Mitmenschen vergeben müssen. Sie vergessen auch, dass Gott der Vater aller ist und nicht nur der Vater des Bittenden; er ist auch der Vater des Schuldners. Und wer sich nun in Liebe mit Gott vereint wissen will, der muss sich darüber im Klaren sein, dass alle Menschen in Liebe mit Gott in Verbindung treten müssen. So muss es auch zu einer Selbstverständlichkeit werden, dass man dem Nächsten vergibt, da er ja auch Kind Gottes ist. Es soll selbstverständlich sein, dass man vom gütigen Vater nicht nur erwarten kann, er solle jetzt einem die Schuld vergeben, die man auf sich geladen, sondern man soll selber auch bereit sein, dem andern zu vergeben. Man will doch eine Einheit sein in der Liebe mit Gott. Also sollte man solches tun.

Was nun hier auf Erden gebunden ist, bleibt auch in der göttlichen Welt gebunden. Die Christenheit hat ihre besondere Auffassung von diesem Gebundensein und Gelöstsein. Was gebunden bleibt und was gelöst werden darf oder kann und was auch im Himmelreich gelöst ist, das können doch Menschen nicht entscheiden. Menschen, so sie geistige Erkenntnisse haben, können wohl ahnen, wann ihnen eine Schuld, die sie auf sich geladen haben, vergeben worden ist. Und sicherlich ist es so, dass doch da und dort ein Mensch diese oder jene Schuld auf sich geladen hat, dann aber zu besseren und höheren Erkenntnissen gekommen ist und es ihm in der Tiefe seiner Seele leidtut. Tut es ihm wirklich leid und fängt er an, anders zu denken, so wird ihm Gott bestimmt seine Schuld vergeben. Ist aber ein Mensch nicht bereit und nicht fähig, auf dieser Welt einem Mitmenschen eine Schuld zu vergeben und ihm zu verzeihen, wenn dieser ihm Sorge bereitet oder etwas zuleide getan hat – kommt er also nicht zu dieser höheren Erkenntnis, dann ist er bestimmt auch in der Jenseitswelt als Geist nicht fähig, dem andern zu vergeben. Und so wird eben diese Schuld bei ihm bleiben, und darüber hinaus ist er dann auch durch ein geistiges Band verbunden mit seinem Schuldner oder mit seinen Schuldnern, denn manchmal sind es ja nicht nur einzelne, sondern sogar mehrere Menschen, denen man nicht verzeihen will, mit denen man sich nicht einigen kann in der Zeit des menschlichen Lebens.

Man wird mir vielleicht entgegnen: “Ja, ich selbst bin ja schon bereit zu vergeben, aber der andere ist nicht bereit dazu.” Hier möchte ich doch einmal versuchen, euch auch eine geistige Aufklärung zu geben, wie die Gesetze gehandhabt werden und wie es in Erfüllung geht, dass einerseits etwas gebunden bleibt und anderseits etwas gelöst werden kann und auf welche Art und Weise. Auch hier möchten wir euch aber wie immer sagen: Man soll Dinge, die wir euch erklären, nicht einfach verallgemeinern, denn alles muss immer im Einzelnen und auf das Genaueste abgeklärt werden; es muss von allen Seiten geprüft und durchdacht werden, aus welchem Grunde dieses oder jenes getan worden ist und was es diesem Menschen unmöglich gemacht hat, sich im Leben anders zu verhalten. Bei einem heimkommenden Menschen ist also auch ein geistiger Fürsprecher da, der versucht, für diesen Verstorbenen so viel wie möglich an Erleichterungen zu erwirken.

Aber nun möchte ich durch ein Beispiel euch einmal vor Augen führen, wie solches vor sich gehen kann. Und so will ich jetzt von zwei Brüdern sprechen, die miteinander in Streit geraten waren. Ich brauche nicht zu erwähnen, auf welche Art und Weise, doch kam es zu einem Auseinanderleben, und der Hass wurde auf der einen Seite ganz besonders gross. Der eine von den beiden war bereit, zu verzeihen und zu vergessen. Er sagte: “Er ist mein Bruder, und ich will nicht mehr daran erinnert werden; ich werde ihm alles vergeben, was er an mir falsch getan hat.” Das war seine Meinung, und er sagte dies auch aus innerer Überzeugung. Sein Bruder aber konnte seinen Hass nicht überwinden. Er glaubte, von seinem Bruder angeschuldigt und betrogen worden zu sein, und er konnte nicht vergeben. Und so blieb dieser Hass in ihm.

Nun wollen wir einmal sehen, wie es diesen beiden in der Jenseitswelt ergangen ist. Der eine war also bereit zu vergeben, doch der andere nicht – und beide waren durch diese familiäre und verwandtschaftliche Bindung aneinandergeknüpft. Der Verzeihende, der als Erster in die Geisteswelt hinüberkam, hatte nach der Betrachtungsweise der Geister Gottes in seinem Leben einen Schritt aufwärts getan und brauchte im Grunde genommen nicht mehr an den Ort zurückzukehren, von dem aus er vor seinem letzten Erdenleben ausgegangen war; eine bessere Welt hätte ihn aufgenommen. Er war nun aber gebunden an den Hass seines Bruders, und diese bessere und schönere Welt blieb für ihn verschlossen. Wie ich in der letzten Zeit des Öftern erklärt habe, gibt es in der jenseitigen Welt Zwischenstationen, wo man Verstorbene hinführt, bis diese oder jene Dinge abgeklärt sind. So geschah es auch mit diesem Bruder. Ich möchte aber auch noch deutlich zum Ausdruck bringen, was ich öfters schon betont habe: Jede Ebene hat verschiedene Stufen. Es sind verschiedene Orte, wo Geistwesen hingeführt werden, wo nun das eine ein schöneres Dasein erleben kann, und ein anderes lebt in einer grösseren Bedrängnis. Doch alle diese Orte gehören in ein und dieselbe Ebene oder Sphäre.

So geschah es mit diesem Bruder. Er sollte ausserhalb dieser Ebene stehen, bis nun sein Bruder bereit war, ihm zu vergeben. Denn so lange waren sie durch dieses Band der Zusammengehörigkeit aneinandergebunden. So lebte er in dieser Zwischenebene, und von hier aus verrichtete er seine Arbeit, die ihm aufgetragen wurde. Er nahm seine Belehrungen auf, wurde so von den Geistern Gottes geführt, und es wurde ihm erklärt, weshalb er nun hier zu warten habe. Nun hatte er ja auch Eltern, die in der geistigen Welt waren. Es kam der Vater und es kam die Mutter zu diesem heimgekommenen Sohn. Und sie bedauerten, dass die beiden Brüder es nicht fertiggebracht hatten, im menschlichen Leben diese Sache zu bereinigen.

Warum sie es nicht fertigbrachten, diese unangenehme Angelegenheit zu bereinigen, beruht in erster Linie darauf, dass man ja gar nicht ernstlich an das Weiterleben nach dem Tode glaubt, dass man sich gar nicht ernstlich mit dem Nachher beschäftigt und so eben keinen tiefen Glauben hat. Würden nämlich die Menschen auf dieser Welt in ihrem Innersten wirklich überzeugt sein von all dem, was mit ihnen nach dem irdischen Tode geschehen kann, so würden sie ganz bestimmt manches noch zu Lebzeiten bereinigen. Würden sie erkennen, dass dieser Hass ihnen keinen Vorteil bringt oder, besser gesagt, dass dieses Auseinanderleben ihnen in der Geisteswelt zum Schaden werden kann, würden sie ganz bestimmt in ihrem menschlichen Leben solches bereinigen. Daran liegt es eben: Die Menschen haben die Ewigkeit nicht so wahrhaftig vor ihren Augen, wie sie wahrlich ist. Dies ist für uns immer das Bedauerliche. Menschen beten zu ihrem Gott und erwarten seine Hilfe; sie kümmern sich aber gar nicht darum, wo Gott ist und auf welche Weise diese Hilfe zu ihnen kommen könnte. Sie machen sich gar keine Vorstellungen davon und haben auch gar keine besonderen Wünsche, sondern sie beten einfach oberflächlich, so wie sie es gelehrt worden sind. Das ist doch alles ein Zeichen eines schwachen Glaubens und von fehlender wahrhafter Überzeugung. In der Christenheit ist es in dieser Beziehung doch eben sehr schlimm bestellt. Man feiert die Festtage zur Erinnerung an Christus, aber man denkt nicht daran und glaubt nicht ernstlich daran, dass es wirklich geschehen ist und dass Christus lebt und sich um die Menschheit auf dieser Erde kümmert. Man glaubt auch nicht daran, dass die eigenen Angehörigen wahrhaftig weiterleben. Dieses ist doch eine grosse Lücke, und es lässt sich doch einfach nicht vereinbaren: Einerseits betet man zu Gott, bittet ihn um Hilfe, anderseits denkt man nicht daran, näher über ihn nachzudenken.

Mit diesen beiden Brüdern war es nun genauso, beide hatten gebetet: “Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.” Nun, der eine hat dem andern vergeben, aber der andere dachte nicht daran, seinem Bruder die Schuld zu vergeben oder dies zu bereinigen. So musste unser Bruder, der zu verzeihen bereit war, eben in dieser Vorebene oder Vorstufe verweilen. Die Mutter ihrerseits konnte diesen Sohn nur trösten und sich im Weiteren darum kümmern, auf welche Weise sie vielleicht doch etwas zur Auflösung dieser unangenehmen Angelegenheit beitragen könnte. Doch beim andern Sohn, der noch auf der Erde lebte, gelang es ihr nicht. Er trug seinen Hass in den Tod hinein, und mit diesem Hass in der Seele wachte er auf in der geistigen Welt. Dementsprechend wurde er auch in seine Welt geführt. Und hier muss man sich über Folgendes klar werden: Es kann doch möglich sein, dass ein Heimkehrender in einem vorherigen Leben grosse geistige Verdienste erworben und eigentlich Anrecht auf einen schönen Himmel hat. Nun wäre es aber wohl nicht ganz in Ordnung, wenn er in den schönen Himmel wieder eintreten könnte, obwohl er sich im letzten Leben zutiefst in der Seele belastet hat. Folglich hat man draussen zu warten, bis einem die Tür zu dieser schönen Welt aufgetan wird – man verbleibt also in einer Vorstufe derselben Ebene. Diese Ebene ist so gross und hat so viele Möglichkeiten, alle diese Heimkehrenden aufzunehmen und jedes an seinen verdienten Platz zu weisen.

Nun, so war es mit diesem Bruder. Der Verzeihende war bei seinem Empfang dabei und wollte ihm die Hand zum Frieden bieten. Denn wohl wusste er: “Ich bin an meinen Bruder gebunden, wenn er nicht bereit ist, mir zu vergeben.” Auch die Mutter war da und wollte dementsprechend ein gutes Wort einlegen und den Ankommenden bitten, er möge doch jetzt endlich einmal seinen Zorn ablegen. Aber er tat es nicht. Ist man nämlich im menschlichen Leben in seinem Innersten so von Hass erfüllt, dann ist man, wenn man seinen Leib abgelegt hat, auch nicht fähig, so schnell umzudenken. Er hatte also immer noch das Gefühl, es wäre ihm Unrecht geschehen und er wäre zu Schaden gekommen durch seinen Bruder. Er blieb unversöhnlich, obwohl nun auch göttliche Wesen versuchten, ihm zuzusprechen und ihm sagten: “Es ist nicht gut für dich, wenn du jetzt noch immer nicht bereit bist, deinem Bruder die Hand zum Frieden zu bieten.” Doch er konnte es nicht, und so erfüllte sich dieses Wort: “Was auf Erden gebunden bleibt, ist auch im Himmelreich gebunden.” Auch als Geist vermochte er nicht, aus eigener Kraft seine Hand zum Frieden zu bieten. Er lebte noch in derselben Ansicht und Gesinnung wie in seinem menschlichen Leben, und so sollte es seine Zeit dauern, bis er zu besserem Denken kam.

Dass die Geisteswelt Gottes ihn auf die göttliche Ordnung aufmerksam gemacht hat, ist euch wohl begreiflich. Sie konnte ihn auch in die Ordnung einreihen, da er ja ein gläubiger Christ war. Aber trotz dieses Glaubens, den er auf seine Weise im menschlichen Leben gehabt hatte, vermochte die Geisteswelt nicht auf ihn einzuwirken. Denn diese neue Welt war für ihn wirklich fremd, und er kam auch als ein geistig Schuldiger zurück. Nach den göttlichen Gesetzen war er ein Schuldner und sollte es doch für eine unbestimmte Zeit auch bleiben, da er ja nicht willens war zu vergeben. Es ist eine falsche Ansicht von Menschen, wenn sie glauben, jeder Verstorbene wäre in der Geisteswelt sofort bereit, zu besserer Erkenntnis zu kommen, weil er erkenne, dass Gott der Herrscher über alle Dinge und man ihm untertan ist. Nein, dem ist nicht so. Es braucht seine Zeit, man muss umdenken lernen; denn dieser Unwille kann nicht einfach von einem Erlebnis in der Geisteswelt ausgelöscht werden.

So musste dieser Bruder auch in seine Läuterung geführt werden, und er nahm diese auf sich; trotzdem aber glaubte er, dass sein Bruder ihm so grosses Unrecht angetan hätte, und er konnte ihm einfach nicht vergeben. Die Mutter, die diese Trennung ihrer einstigen Söhne doch miterleben musste, sann darüber nach, auf welche Art und Weise sie es wohl ermöglichen könnte, dass es doch zu einem Frieden käme. Nun, nach eurer menschlichen Zeitmessung muss ich schon von mehreren Jahrzehnten sprechen, die es gedauert hat, bis durch die Bitte der Mutterseele die Gotteswelt einen neuen Entschluss fasste und dieser zur Ausführung kam. Ich habe euch schon Ähnliches dargelegt und erklärt, wie solches geschieht. Die Mutter versuchte also ihrerseits, ausfindig zu machen, wie es ihr doch möglich würde, diese beiden einstigen Brüder in ihrem geistigen Aufstiege zu fördern; denn es war jetzt doch für beide zu einem geistigen Stillstand gekommen.

So versuchte nun diese Mutterseele, mit den Engeln Gottes ins Gespräch zu kommen und sie zu bitten, dass eine Versöhnung auf folgende Art und Weise möglich würde: Sie bat darum, dass man diese beiden in einem neuen menschlichen Leben zusammenbringe und beide in gegenseitiger Liebe voneinander abhängig mache.

Nun, solches kann nicht einfach von einer Seele erbeten werden, und die geistige Welt erfüllt es ohne Weiteres. So muss diese Mutterseele ihrerseits etwas Zusätzliches leisten, muss selbst für den Himmel etwas wirken, damit man die Aufmerksamkeit auf sie lenkt und bereit ist, ihrer Bitte nachzukommen.

Die Mutterseele weiss genau um die Möglichkeit, dass der eine Bruder in ein neues menschliches Dasein treten kann, während der andere noch in der Geisteswelt zurückbleibt. Würde nun der versöhnliche Sohn ins Erdenleben treten, würde der andere, der noch in der Geisteswelt verbleibt, doch Vergeltung üben wollen; er würde an ihm Rache nehmen wollen für die, wie er immer noch meint, Ungerechtigkeit, die jener an ihm verübt hatte. Dieses würde er ihm jetzt zurückzahlen wollen in dessen menschlichem Leben, sofern er dann die Möglichkeit hat, sich als Geist so frei zu machen und diesen Menschen im Leben zu belasten oder ihm lästig zu werden. Und die Geisteswelt Gottes greift in solchen Fällen nicht ein, weil sie die Möglichkeit sieht, dass der andere, der seinerseits ja auch verschuldet ist, dies auf solche Weise wiedergutzumachen hat, indem sein Geist erniedrigt und gedemütigt wird. Womöglich könnten aber auch sonstige familiäre Schicksalsschläge an einen solchen Menschen herankommen und ihm das Leben schwer machen. Geistig unwissende Menschen ahnen nicht, auf welche Art und Weise solche Schicksale zustande kommen. Wir selbst bedauern nur immer, dass Menschen so wenig Erkenntnis haben und sich nicht um höheres Wissen bemühen. Denn würden sie sich um diese höheren Erkenntnisse bemühen, könnten sie ihr gegenwärtiges wie dann auch ihr zukünftiges Leben viel besser und angenehmer gestalten.

Aber nun wieder zurück zu dieser Mutterseele. Sie hatte ihrerseits etwas geleistet, was ihr gutgeschrieben wurde und um dessentwillen man auf sie hörte. Und nun bat sie, man möge doch den versöhnlichen Sohn ins menschliche Dasein führen und den andern, der nicht vergeben konnte, der unversöhnlich war, dann als einzigen Sohn in seine Familie hineingeboren werden lassen. Und sie bat weiter darum, man möge die Liebe zwischen dem Vater und seinem einzigen Sohn so gross werden lassen, dass es zu einer innigen Zusammengehörigkeit dieser beiden Menschen kommen werde. Dank der Fürbitte der Mutter wurde es von den Engeln Gottes so geführt und überwacht, dass es auf diese Weise geschah. So wurde der unversöhnliche Bruder als einziges Kind in diese Familie hineingeboren. Er wurde nicht nur im Besonderen vom Vater geliebt, sondern auch von der Mutter. Und so trug die grosse Aufmerksamkeit und die grosse Liebe dieser Eltern dazu bei, das Inwendige des heranwachsenden Menschen zu beeinflussen und ihn in Liebe mit seinen Eltern zu verbinden. Zusammengeknüpft waren sie einmal durch das Band irdischer Zusammengehörigkeit, und zusammengeknüpft wurden sie durch das Band gegenseitiger Liebe.

Dass diese Möglichkeit geschaffen und dem einst unversöhnlichen Bruder diese Nachsicht gegeben werden konnte, hatte seine Ursachen und Gründe. Er hatte sich in seinem früheren menschlichen Dasein neben der grossen Belastung, die er sich gegen seinen eigenen Bruder aufgeladen hatte, weiter nicht besonders belastet; und da er in früheren Leben Verdienste erworben hatte, hatte er sich im Geiste doch auch auf eine erhöhte Stufe gestellt. Er war also nicht ein Geist, der einer ganz niederen Geistesstufe angehörte und der nicht fähig war, sich in seinem menschlichen Leben höheres Denken anzueignen. Er war zum Guten hin beeinflussbar und wurde nun in der Familie seines einstigen Bruders mit Liebe und Aufmerksamkeit erzogen. So entfaltete sich zwischen den Eltern und ihrem Sohn eine grosse Liebe, eine grosse gegenseitige Abhängigkeit, und das wurde nun dem einst Verschuldeten zu seinem grossen Vorteil. Das Dunkle, das seine Seele belastet hatte, löste sich auf, denn er wurde von Liebe umhüllt und mit Sorgfalt erzogen. Und auf diese Art und Weise wurde er zu einem verständigen und liebevollen Menschen, der es auch verstand, seinen Mitmenschen beizustehen und zu helfen.

Nun muss ich einen grossen Schritt vorwärts tun. Die Eltern, die als Erste in die geistige Welt zurückkamen, waren doch in Liebe mit dem zurückgebliebenen Sohn verbunden wie auch wieder mit seiner Familie. Die Liebe, die sie ihrem Sohn gegeben, hatte es doch zustande gebracht, diese Fesseln des Hasses zu sprengen, und der Vater, der zurückgekommen, wusste und ahnte nicht, wer sein Sohn einst gewesen war. Ist durch ein menschliches Leben so lange Zeit verstrichen, werden in der Geisteswelt die Bande, die einst Menschen und auch geistige Wesen zusammengeknüpft haben, wieder gelöst, weil das eine oder andere wiederum ganz andere Interessen zeigte und sich diesen zuwandte.

So kann sich dann eine solche Bindung verlieren, man weiss nichts mehr davon. Und dieses ist etwas Wichtiges, denn nur auf besondere Veranlassung hin oder bei besonderer Notwendigkeit wird den Heimkommenden erklärt, woher sie einst gekommen sind, mit wem sie zusammengelebt haben und welche gegenseitigen Bindungen sie zueinander hatten. Das kann erst später erklärt werden. Denn kommt einer zurück in die Jenseitswelt, so ist er nicht imstande, zu fragen: “Warum musste ich mit diesen oder jenen zusammenleben?”, sondern er beschäftigt sich mit sich selbst, hat mit sich selbst so viel zu tun und ist froh um jede Hilfe, die ihm dargeboten wird. Erst später, wenn die geistigen Belehrungen beginnen, kann die Möglichkeit bestehen, dass man aufgeklärt wird. Dies geschieht aber nur dann, wenn es die Geisteswelt Gottes für notwendig erachtet.

So wurde nun in dem Falle, von dem ich jetzt erzählt habe, der Hass des einen überwunden. Als auch er zurückkam, wurde er von seinen Eltern empfangen, und sie begrüssten ihn mit grosser Freude und waren glücklich über seine Rückkehr. So war auch der Sohn beglückt, und er dankte es seinen Eltern, dass sie sich seiner im Leben so besonders angenommen hatten. Er wusste nichts mehr vom Hass, den er einst gehabt hatte. Durch die Hilfe seiner einstigen Mutter war es möglich geworden, diese Bande zu lösen. Auf der Erde, im gemeinsamen Zusammenleben, wurden diese Bande des Hasses gelöst, und Bande der Liebe wurden zueinander geknüpft. Diese Bande der Liebe, sie verbinden Jenseitige mit den Menschen auf dieser Erde, und sie verbinden Geistwesen mit Geistwesen. Durch die Bande der Liebe fühlt man sich dem andern gegenüber verpflichtet, das Seinige für ihn zu tun. Auf diese Art und Weise hat es die göttliche Welt in ihren Händen, ihren aufsteigenden Geschwistern die Hilfe anzubieten, indem sie Menschen gegenseitig voneinander abhängig macht, wie es in diesem Falle geschehen ist, wo man einem Vater durch die Geburt eines Kindes eine besondere Freude und Gefühle der Zusammengehörigkeit verschaffte. Und dies alles geschah durch die Bitte eines Geistes in der Jenseitswelt – jener Mutterseele war es zu verdanken.

Wenn wir nun das Leben oder die Leben der Menschen im Allgemeinen betrachten, sehen wir die vielen Zusammenhänge, die zustande gekommen sind durch die Führung der Geisterwelt Gottes. Wir sehen aber auch viel Eigensinn des Menschen, wir sehen viel eigenes Verschulden des Menschen, indem er sich einfach nicht führen und nicht belehren lässt. Manches Ungeschick könnte verhütet werden, würde man auf Mitmenschen hören, die in der Lage sind, wirkliche Ratschläge zu geben. Hier kommen eben die Persönlichkeit und der eigene Wille des Menschen zum Ausdruck. Aus eigenem Willen entscheidet er, was ihm gefällt und was nicht. Für uns geistige Wesen ist es sehr oft betrüblich, zu sehen, wie Menschen so eigenwillig sind und sich nicht belehren lassen.

Nun möchte ich aber noch auf etwas anderes zurückkommen, das für den christlichen Glauben oder für den Geistesmenschen im Besonderen von Wichtigkeit ist und auch mit dem zusammenhängt, was man im Vaterunser betet: “Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.” Doch zunächst möchte ich erklären: Wenn ein Mensch im täglichen Leben in irgendwelchen Problemen steht – es ist ganz gleichgültig, welcher Art diese Probleme sind – und im Gebet um Hilfe bittet, so müssen es Dinge sein, die aus den geistigen Gesetzen heraus auch möglich sind zu klären; es muss nach den geistigen Gesetzen möglich sein, dem Bittenden beizustehen. Der Mensch kann in seinem Leben nämlich auch um Dinge bitten, die ihm einfach nicht erfüllt werden können, weil es entweder nach den geistigen Gesetzen oder nach den irdischen Gesetzen nicht möglich ist, ihm zu helfen. Auch solches muss in Betracht gezogen werden. Aber die Geisteswelt kann in den meisten Fällen da und dort dem Menschen Erleichterung bringen, Erleichterungen dadurch, dass er die Probleme oder die Schicksale, die er zu tragen hat, besser versteht und leichter erträgt. Sie hilft ihm tragen, sie stützt ihn im Leben. Dass Geister Gottes auf diese Weise den Menschen ihren Beistand geben, ist auch etwas Bedeutungsvolles. Ein Mensch, der irgendwelche Probleme oder ein Schicksal zu tragen hat, kann Gott bitten:

“Vergib mir alles, was ich an Unrecht in meinem Leben getan habe, vergib mir meine Schulden. Stütze mich durch Deine heilige Geisteswelt, und lass es mir verständlich werden, was Dein heiliger Wille ist. Ich will bereit sein, allen zu vergeben, die in irgendeiner Weise an mir ein Unrecht getan oder sich an mir auf irgendeine Weise belastet haben. Ich will mit allen Menschen in göttlicher Liebe verbunden sein.”

Kann ein Mensch solches aus der Tiefe seiner Seele erflehen und ist in ihm wahrhaftige Reue, so wird ihm entweder geholfen, sein Schicksal zu tragen, oder es wird ihm das Schicksal erleichtert oder, wenn es irgend möglich ist und die Umstände oder das Gesetz es erlauben, aufgehoben. Wenn sich Menschen auf diese Weise Gott zuwenden, kann manchem geholfen oder Erleichterung in sein Leben gebracht werden. So muss zuerst einmal der Mensch, der hier in seinem Leben eine grosse Prüfung zu bestehen hat, diese Prüfung eben bestehen, indem er seine Zugehörigkeit zu Gott zum Ausdruck bringt und bereit ist, nach Gottes Willen zu leben, und sich mit ihm verbindet und eins wird mit ihm. Das Einswerden mit Gott muss verstanden werden. Denn Gott ist der Verzeihende, er verzeiht ja jedem; er verzeiht auch dem Schuldner, wenn er sich aus tiefer Reue zu ihm wendet, sofern sein Verschulden nicht in einem solchen Ausmasse ist, dass er es in einer bitteren Bedrängnis wiedergutzumachen hat. Denn meistens ist es so: Wenn Menschen sich auf das Allerschwerste belastet haben, sind sie auch nicht fähig, einzusehen, was sie falsch gemacht haben. Sie fühlen sich über alles erhaben. Sie erheben sich über Gott und seine Gesetze. Wenn Menschen in ihrem Leben so grosse Verfehlungen auf sich laden, sind sie doch weit von Gott entfernt. Und so mögen es nur Ausnahmen sein, wo Menschen wirklich erkennen, was sie falsch gemacht haben, und sich in tiefer Reue Gott zuwenden. Was eine schwere Belastung und ein schweres Vergehen im menschlichen Leben ist, das könnt ihr Menschen nicht beurteilen. Diese Beurteilung liegt in den Gesetzen Gottes; in ihnen ist festgehalten, was auf welche Weise bestraft wird. Mancher hat irgendetwas im Leben getan und glaubt, in grosse Schuld gekommen zu sein und dass Gott ihn verstossen würde, obwohl er sein ganzes restliches Leben hindurch täglich Gott bittet, er möge ihm vergeben. Hat er diese Bitte aus der Tiefe seines Herzens und seiner Seele des Öftern schon nach oben gerichtet und ist er zur Einsicht gekommen, so hat ihm Gott auch ganz bestimmt vergeben.

Aber ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass Menschen es nicht wissen können, was Gott als schweres Verschulden eines Menschen betrachtet. Es sind oftmals Dinge, die für den Menschen überhaupt keine Verfehlungen sind; er glaubt, es sei ihm erlaubt, auf diese Weise zu wirken und zu leben. Dabei ist es dann gerade so, dass seine Seele sich damit aufs Schwerste belastet. So werden dann eben manche Überraschungen erlebt in der göttlichen Welt. Der eine ist überrascht, dass Gott ihm so gnädig ist, ein anderer ist überrascht, dass er nicht auf eine hohe Ebene gestellt und geehrt wird, und findet da seine grosse Enttäuschung und Bitternis. Alldem könnte man entgegenwirken, würde man in der Christenheit die geistigen Gesetze so kennenlernen, wie sie wahrhaftig sind, und sich nach dem Willen Gottes ausrichten.

So ist doch dem Menschen zu empfehlen, so er an Gott glaubt und an seine Güte und Gerechtigkeit, dass er eben eins wird mit Gott. Denn Gott blickt ja auf alle Menschen nieder und will jeden, auch den letzten, wieder zurückhaben. So ist Gott auch bereit, von seiner Seite her durch seine heiligen Geister den Menschen die Dienste zu geben, um ihnen den Lebensweg zu erleichtern. Und so versucht die Geisteswelt, den Menschen beizustehen. Menschen aber müssen bereit sein, sich nach den hohen, göttlichen Zielen führen zu lassen und ein hohes, göttliches Leben zu verwirklichen. Und das ist wohl nicht leicht für einen Menschen, sich in jeder Lebenslage nach den hohen, göttlichen Zielen auszurichten.

Wer in seinem menschlichen Leben zu diesen höheren Erkenntnissen kommt, wird in der Jenseitswelt froh sein um das Errungene. Denn so schnell sind die Jahre des Menschen dahingegangen, und so schnell ist er wieder zurückgekehrt in die göttliche Welt. Und so sollte es doch sein, dass er aufsteigen darf, höher hinauf, und er nicht zu warten braucht, bis ein anderer ihm seine Schulden vergibt. Er selbst soll zu Lebzeiten das Seinige beitragen und versuchen, den Willen Gottes kennenzulernen, nach dem Willen Gottes sich auszurichten. Und so er die wahre Verbindung zur Gotteswelt hat, wird er in seinem Leben so geführt werden, dass er stets am richtigen Ort das Richtige tut und das richtige Wort ausspricht. In eine solche Verbindung, in ein solches höheres Leben sollte man kommen; und es ist möglich, es zu erreichen, wenn man willens ist, nach den geistigen Höhen zu streben.

So, liebe Geschwister, habe ich versucht, euch auf diese Weise wiederum göttliche Gesetze darzulegen und zu erklären. Und dies alles soll für euer menschlich Leben von grossem Nutzen sein und euren geistigen Aufstieg beschleunigen.

Nun, liebe Geschwister, möge Gottes Segen euch in aller zukünftigen Zeit durch euer Leben begleiten, möget ihr beschützt und behütet sein, und möget ihr gesunden, wer da krank ist, sei es an Leib oder Seele, im Vertrauen, im Glauben, in der gemeinsamen Liebe zum gemeinsamen Vater aller. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrer Josef vom 14.6.1975 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

“Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern”

Josef, 26. Juni 1965

“Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern”

Ob man einem Nächsten ein Unrecht wirklich vergeben hat, zeigt sich nicht an äusseren Worten oder Zeichen. Es kommt auf die innere Gesinnung, auf den guten Willen an. Geistlehrer Josef berichtet in diesem Vortrag vom jenseitigen Erleben eines heimgekehrten Menschen, der gegenüber seinem Schuldner nachtragend blieb, obwohl er ihm offiziell die Hand zum Frieden gereicht hatte.

Josef: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, die Geisterwelt Gottes ist daran interessiert, dass der Glaube an den himmlischen Vater, an den Erlöser Jesus Christus und an die ganze Geisterwelt Gottes sich mehrt und immer mehr entfaltet. Auch der religiöse Mensch ist heute von dieser nüchternen, technisierten Welt beeinflusst und vermag sich keine richtige Vorstellung zu machen von der Jenseitswelt, von der Welt des Geistes. Er kann es nicht verstehen, dass diese Welt des Geistes ihre Formen und ihre Lebendigkeit besitzt; er glaubt nicht, dass dieses Jenseitsleben so viel Verwandtes, so viel Ähnlichkeit hat mit seiner irdischen Welt.

Streift man aber den irdischen Leib ab, so tritt man schon in das Reich des Geistes hinüber. Der im Jenseits Erwachende ist sich jedoch noch nicht bewusst, dass er wirklich im Reich des Geistes ist – derjenige ist sich dessen nicht bewusst, der zeit seines Lebens mit Leib und Seele an die irdische Welt gebunden war. Er vermag nicht in erster Linie das Reich des Geistes zu erkennen, denn er hat ja seinen Leib, er kann denken, und so glaubt er, dass das Leben weitergeht. Er ist sich also nicht bewusst, dass der irdische Tod vorüber ist und er nun im Reich des Geistes weiterlebt. Es braucht seine Zeit, bis er zu dieser Erkenntnis kommt, bis er einsieht, dass er in einer andern Welt weiterlebt und sein geistiger Leib nicht derselbe ist wie der zu seiner menschlichen Zeit, dass seine Glieder geistiger Art sind und er nun mit seinesgleichen weiterleben muss. Er darf aber auch erkennen, dass ihm von der Gotteswelt Hilfe zuteilwird und man ihn darüber unterrichtet, dass er gestorben ist und nun in der jenseitigen Welt weiterlebt.

Nun aber, liebe Geschwister, versuche ich euch wiederum einen Erlebnisbericht zu geben und einen Unterschied zu zeigen zwischen jenen Menschen, die bereit sind, die göttlichen Gesetze anzunehmen, nach ihnen zu leben und Gott näherzukommen, und jenen, die das nicht tun. Ich möchte dabei aber auch darauf hinweisen, dass der gute Wille des Menschen eine bedeutende Rolle in seinem Leben spielt; er ist sehr wichtig für seine ganze Aufwärtsentwicklung. Ich möchte aber auch vorausschicken, was die gute Geisteswelt unter diesem guten Willen versteht.

Wenn beispielsweise zwei Menschen miteinander im Streit lebten und der eine dem andern die Hand zur Versöhnung nicht zu reichen vermochte, dann fehlt es ihm aus unserer Sicht am guten Willen. Auch wenn er in die Jenseitswelt kommt, wird dieser gute Wille noch nicht vorhanden sein. Man soll nämlich nicht annehmen, dass man gleich zu höherer Erkenntnis kommt, wenn man die Schwelle zum Jenseits überschritten hat.

So möchte ich euch ein Beispiel geben und von zwei Menschen berichten, die im Streit miteinander gelebt hatten, sich schliesslich aber die Hand zur Versöhnung reichten. Zwischen ihnen bestand aber ein grosser Unterschied: Der eine hatte nach menschlicher Art und Weise vergeben, indem er bei der nächstbesten Gelegenheit wieder vom Geschehenen erzählte, klagte und so zum Ausdruck brachte, dass er ja dem andern die Schuld gar nicht vergeben hatte. Er erzählte bei jeder Gelegenheit, was er mitgemacht hatte, was er ertragen musste. Ja er war durch diese Erklärungen imstande, bei den Menschen einerseits Mitleid hervorzurufen, anderseits sich selbst zu rechtfertigen. Im Weiteren hatte er auch versucht, seinerseits dem andern Schaden zuzufügen, Vergeltung zu üben. Er übte diese Vergeltung auf “diskrete Art”, wie er es zu den Seinen sagte – offiziell aber hatte er die Hand zur Versöhnung gegeben. Der andere, er hatte auch die Hand zur Versöhnung gereicht, doch dieser andere, der den Streit eigentlich verschuldet, hatte aus ganzem Herzen bereut. Er hatte Gott gebeten, er möge ihm vergeben. Und er hat nichts mehr von dieser Uneinigkeit erwähnt. Für ihn war es in Ordnung, er hatte die Hand zur Versöhnung gereicht.

Nun, liebe Geschwister, betrachten wir einmal das Leben dieser beiden in der Geisteswelt. Denkt dabei an euer eigenes Leben, an Dinge, die sich im Laufe eures Lebens bei euch ereignet haben, und zieht so die Lehre aus diesem Erlebnis, das euch jetzt dargelegt wird.

Zuerst trat jener ins geistige Reich ein, der die Schuld nicht vergeben konnte. Als die Geister Gottes ihm begegneten, sagten sie ihm: “Du hast dem andern die Schuld nicht vergeben.” Er aber erwiderte: “Doch, ich gab ihm die Hand zur Versöhnung.” Die Geister Gottes antworteten ihm: “Du hast ihm die Schuld nicht vergeben; so bleibt die Schuld gebunden auch in der Welt des Geistes, Gott hat dir die Schuld auch nicht vergeben.” Er behauptete aber, offiziell die Hand zum Frieden gereicht zu haben, und die Geister Gottes sagten ihm: “Wie oft hast du darüber gesprochen, dass du vom andern so viel Ungerechtigkeit ertragen musstest? Du hast ihm übel nachgeredet, du hast ihm ja Schaden zugefügt. Du wolltest damit Vergeltung üben für die Ungerechtigkeit, die er dir angetan hatte. Das hast du nach der Versöhnung getan; du hast also nicht die Hand zur Versöhnung gereicht.” Dies sprach der Engel Gottes, der ihm gegenüberstand, und er erklärte ihm: “Auch Gott hat dir die Schuld nicht vergeben.” Und so wurde ihm weiter eröffnet: “Es sei dir gesagt, dass diese Schuld dir in das Buch des Lebens geschrieben wird und dass dir in einem neuen Erdenleben die Möglichkeit zur Wiedergutmachung gegeben wird.” Dann wurde er in seine Welt hineingeführt. Sein Geist war von Dunkelheit umgeben, und er lebte in seiner Welt mit seinesgleichen, die alle in ähnlichster Art und Weise belastet waren.

Nun, dieser Geist änderte sein Denken nicht, obwohl dieser Engel ihn darauf aufmerksam gemacht und es ihm anempfohlen hatte. Er haderte weiter. Jeder, der mit ihm zu tun hatte, musste hören, was er im menschlichen Leben ertragen musste, auf welche Art und Weise ihm Ungerechtigkeit zugefügt worden war. Jedem erzählte er es, aber er erzählte nicht, dass er dem andern offiziell die Hand zum Frieden gegeben hatte und er ihm nach diesem Akt des Friedens Schaden zugefügt, Vergeltung geübt hatte. Aber im Buch des Lebens stand es geschrieben, es war sichtbar für alle Geister des Himmels, die je diese Unseligen aufsuchten und ihnen Trost spendeten. Bei einem jeden konnte man die Schuld im Buch des Lebens sehen. Auch bei diesem Geist war die Schuld festgezeichnet, und es blieb ihm auch nicht verheimlicht, auf welche Art und Weise er im nächsten Leben die Schuld wiedergutzumachen haben würde. Man sagte ihm: “Du wirst einer Tat bezichtigt, die du nicht begangen hast. Dann sollst du beweisen, ob du in der Geisteswelt etwas gelernt hast, ob Demut, Bescheidenheit dich erfüllt. Auf diesem Wege musst du wiedergutmachen. Du wirst im neuen Leben erniedrigt werden, und dann wird es darauf ankommen, in welcher Art und Weise du dieses Schicksal zu tragen vermagst. Kannst du das Schicksal tragen, ist dir dadurch die Gelegenheit gegeben, in deiner geistigen Entwicklung einen grossen Sprung aufwärts zu machen. Kannst du deine Aufgabe aber nicht erfüllen, kehrst du wieder an denselben Punkt zurück und wirst dasselbe Schicksal so lange wieder erleben müssen, bis es ein Gelingen gibt.”

Nun, diese Seele oder dieser Geist konnte die hier waltende Gerechtigkeit und Güte Gottes nicht verstehen. So wie er als Mensch im Leben gehadert hatte und unzufrieden war, so war er es auch als Geist in der jenseitigen Welt. Er war nicht bereit, sich zu wandeln, er hatte nicht die Kraft dafür. So unterhielt er sich mit seinesgleichen, und jeder erzählte sein Schicksal, und jeder glaubte, ihm werde Ungerechtigkeit zuteil.

Da brachte man diesem Geist plötzlich die Kunde vom Eintritt jenes Nachbarn, mit dem er in Streit gelebt hatte, und ausgerechnet er wurde nun aufgefordert, diesen Heimkehrenden abzuholen; er sollte bei seiner Begrüssung dabei sein. Die Geister Gottes holten ihn, und so sollte er die Worte mit anhören, die jenem gegeben wurden, jenem, der sich damals bei diesem Streit mehr verschuldet hatte als er, der aber im Gegensatz zu ihm vergeben konnte. Er musste nun den Tadel der göttlichen Welt mit anhören, der beim Empfang diesem Bruder gegeben wurde für sein Straucheln im täglichen Leben. Der Geist Gottes aber, der dem Heimgekommenen gegenüberstand, sagte zu ihm: “Du hast einst im grossen Streit mit deinem Nachbarn die Hand zum Frieden gegeben. Du hast aus ganzem Herzen Gott gebeten, er möge dir deine Schuld vergeben. Und du hast alle Widerwärtigkeiten, die man dir vonseiten jenes Bruders angetan hatte, vergeben. So hat Gott dir deine Schuld vergeben.” Dies sprach der Geist Gottes zum Heimgekehrten, und der andere musste es mit anhören.

Der Geist Gottes holte nun aber diesen andern Bruder zu sich heran und sprach zu ihm: “So höre denn: Christus ist zur Erlösung der Menschheit gestorben. Er wurde ans Kreuz geschlagen. Christus hat für die Menschheit den Weg zum Vater frei gemacht, und Gott hat die grosse Sünde des Abfalls von seinen Kindern genommen. Er hat das Opfer seines Sohnes zur Erlösung angenommen, und der Weg zum Vater ist frei geworden. Gott hat seinen Kindern nicht ständig Vorwürfe gemacht wegen ihres Abfalls, wegen dieser Trennung – die Gesetze haben alles geordnet, und Gott hat den Weg zu ihm ebnen und bestehen lassen. Trotz schwerer Verschulden der Völker der Erde hat Gott diesen Weg der Heimkehr offengelassen. Er hat sein Wort gehalten, er hat seinen Kindern vergeben. Und Gott und seine heilige Geisteswelt sind nur daran interessiert, wie sie schneller heimkehren können. Er ist ihnen gegenüber nicht nachtragend. Er hat ihnen den Weg offengelassen und lässt ihnen noch heilige Geister als tröstende Wesen, als Helfer, als Führer und Lehrer entgegensenden, damit ihr Leidensweg nach oben verkürzt, beschleunigt werden kann.”

So musste der Bruder, der nicht vergeben konnte, die kurze Belehrung dieses göttlichen Wesens mit anhören – der Geist Gottes sagte es zur Belehrung beider. Der eine hatte im menschlichen Leben vergeben, und man sprach zu ihm: “Da du vergeben hast, hat Gott auch deine Schuld vergeben. Du hast dem andern vergeben, so soll auch dir vergeben sein.” Der andere aber konnte nicht vergeben, und so vergab Gott ihm auch nicht. Und der Geist Gottes mahnte diesen Schuldbeladenen weiter: “Du hast ja in deinem Leben im täglichen Gebet gesprochen: ‘Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern’ – doch du hast nicht vergeben.”

Es sollte diesem Bruder erklärt werden: Wer guten Willens ist, der vermag die Schuld des andern zu vergeben; wo aber Böswilligkeit in der Tiefe der Seele liegt, vergibt man nicht. Durch diese Boshaftigkeit entfernt man sich von Gott, und Gott vergibt einem auch nicht.

So liess Gott die Zeit heilsam werden für diesen belasteten, uneinsichtigen Geist, während der andere aufsteigen konnte. Auch dieser musste in die Welt der Läuterung geführt werden für sein menschliches Straucheln. Aber da er voll guten Willens war, konnten ihm Aufgaben übertragen werden. Er war willens, sich zu wandeln, und so konnte er seine Aufgaben im Himmelreich erfüllen. Er war bereit, mitzuhelfen, den Willen Gottes zu erfüllen im Reiche des Geistes wie unter den Menschen im irdischen Reich. Man konnte ihn höheren Aufgaben zuführen. Sogar diesem Geist, der im menschlichen Leben eine schwere Schuld auf sich getragen hatte, vergab Gott, weil er wahrhaftig reuig war. Und in der Geisteswelt wurde nicht mehr weiter über diese Schuld gesprochen. Er war reuig. So wurde er von der guten Geisteswelt aufgenommen, und ihm wurde erklärt: “Du hast die Möglichkeit, die Welt der Seligkeit, des Glücks und der Freude zu erobern, wenn du die Arbeiten ausführst, die man dir überträgt, wenn du die Prüfungen erfüllst, die wir dir auftragen.”

In seinem Wesen war der gute Wille, er lag in der Tiefe seiner Seele. Seine Gefühle waren von diesem guten Willen durchdrungen und liessen so seinen Geist in ein Licht hineinführen, während der andere durch seinen Unwillen, durch Uneinsichtigkeit, Böswilligkeit sich in ein Dunkel hüllte und sich dadurch von Gott entfernte. Der Gutwillige vermochte Gott näherzutreten, weil er guten Willens war, weil dieser gute Wille auch in seinem menschlichen Leben vorhanden war; denn es ist für die ganze Geistesentwicklung von grosser Bedeutung, was für einen Willen man hat. Da er im menschlichen Leben jenem Straucheln unterworfen war und eine verwerfliche Tat ausgeübt hatte, hatte er sich vorübergehend belastet. Er war aber zur Einsicht gekommen und reuig geworden, so hat ihm Gott die Schuld vergeben. In seinem menschlichen Leben sollte er aber keine ähnlichen Schulden mehr auf sich laden dürfen. Und das hatte er auch nicht getan. So hat die gute Geisteswelt diesen Belasteten aufgenommen, denn Gott hatte ihm vergeben, und man sprach nicht mehr über diese Schuld. Man gab ihm in der Geisteswelt Gelegenheit, das Weitere zu seiner Vorwärtsentwicklung zu tun, und die Geister Gottes nahmen sich seiner besonders an.

Der andere aber blieb uneinsichtig. Und was musste die hohe Geisteswelt tun? Sie bereitete ihn auf das neue Erdenleben vor; sie wollte ja seinen Aufstieg beschleunigen und ihm im neuen Erdenleben Gelegenheit geben abzutragen.

Machen wir nun den zeitlichen Sprung in das neue Erdenleben dieses Wesens. Im Buch des Lebens stand sein Schicksal festgeschrieben. Niemand konnte daran rütteln, kein Geist Gottes konnte dieses Schicksal aufheben. Es war vom Betreffenden selbst in das Buch des Lebens geschrieben worden, und es konnte nicht mehr ausgelöscht werden; die Geisteswelt Gottes hatte es bestätigt. So blieb es festgezeichnet in ihm, wie ich es euch sage, im Buch seines Lebens. Ich könnte aber auch sagen: Ein Geist Gottes erkennt dieses Schicksal auch dann, wenn er nicht das Buch des Lebens sehen würde; er könnte das Schicksal erkennen, wenn er nur die Hand des Menschen sehen würde. Denn auf der Hand geschrieben steht sein Schicksal, das der Betreffende unweigerlich zu erleben hat. Es ist aber nicht etwa die Hand allein, die das Schicksal gezeichnet hält; es ist auch die Stirn, es sind die Wangen, es ist der ganze Leib des Menschen: Überall kann ein Geist Gottes das Schicksal lesen.

In diesem neuen Erdenleben sollte sich nun dieses Schicksal erfüllen. Auf welche Art und Weise dies geschehen werde, war nicht auf das Genaueste festgelegt worden; aber es stand fest, dass er zu Unrecht angeschuldigt werde. Ob er eines Diebstahls beschuldigt oder ob ihm die Schuld zugewiesen werde, den Tod eines Menschen verursacht zu haben, das spielte für die Geisteswelt keine Rolle. Sie sollte sich dann in das Leben des Betreffenden einmischen, je nach der Möglichkeit, die sich ihr bieten würde; je nach seinem Leben überhaupt würde sie das Schicksal eröffnen.

Und so geschah es mit ihm. Als er im Erdenleben herangewachsen war und mit einem Freund auf eine Bergtour ging, da geschah es: Sein Freund stürzte zu Tode. Nun gab man ihm die Schuld am Sturze seines Freundes. Er war unschuldig. Doch er wurde angeklagt und wurde von den Menschen für schuldig befunden. Dabei war dieser Sturz für den Verunglückten selbst sein eigenes Schicksal, das für ihn festgezeichnet war, und für den andern war es Schicksal, für dieses Unglück verantwortlich gemacht zu werden – sie beide waren zusammengeführt worden.

Nun lastete diese Schuld das ganze Leben auf diesem Menschen. Er selbst wusste, dass er unschuldig war. Gott wusste es auch, aber die Menschen glaubten es nicht. Nun, was sollte dieser Mensch jetzt für eine Stellung einnehmen in Bezug auf das Geistesleben? Er war zu einem gläubigen Christen erzogen worden – würde er nun mit Gott hadern, würde er Gott anklagen, ihn der Ungerechtigkeit bezichtigen, dass er es nicht ermöglichte, Licht in dieses Dunkel zu bringen? Gott hätte dies doch tun können. Nun kam es auf die Kraft seines Glaubens an, auf sein ganzes, wahres Wesen, darauf, was für ein Geist in diesem irdischen Leibe war.

Er aber konnte zum Schicksal nicht Ja sagen. Er haderte weiter gegen die Menschen, gegen Gott. Ungerechtigkeit wurde ihm zuteil, und er klagte die Menschen an und Gott. Er hatte nichts erreicht. Und als er wieder ins geistige Reich kam, da sagte man ihm nach seinem Empfang – denn die Gotteswelt sah es ja, was er im menschlichen Leben dulden musste –: “Wir wissen wohl, dass du schuldlos warst. Aber du hättest Sühne leisten sollen; das menschliche Leben hat dir Gelegenheit gegeben zu dieser Sühneleistung. Du hast aber diese Sühne nicht vollbracht, wie wir sie von dir erwartet haben. Daher wirst du in einem nächsten Leben den Rest der Schuld gutzumachen haben. Diese Wiedergutmachung wird nicht mehr in dieser Härte sein, aber noch hart genug für ein Menschenleben.”

Er musste nun in der jenseitigen Welt an denselben Ort zurückkehren, von dem er ins Erdenleben ausgegangen war; aber er vermochte jetzt etwas anders zu denken. Obwohl er ja noch von Unwillen und Hassgefühlen erfüllt war, war er doch eher bereit, einem Geist Gottes die Hand zu geben, der ihn führen sollte. Er bat darum: “Nehmt mich an, gebt mir die Kraft, dass ich verstehen und überwinden kann.” Er war doch etwas bereit, diesen Geistern Gottes entgegenzugehen. Auch wenn er noch nicht wirklich von gutem Willen durchdrungen war und zeitweise doch wieder in diese Gefühle zurückkam, es sei ihm so viel Ungerechtigkeit widerfahren, so war er doch bereit, sich führen zu lassen.

Die Geisterwelt Gottes nahm ihn dann nach einer bestimmten Zeit der Bedrängnis aus jener Ebene heraus und führte ihm jene göttlichen Wesen zu, die ihm Belehrungen zuteilwerden liessen. Er sollte ja wieder in ein neues Leben kommen, und sein Schicksal musste wieder gezeichnet werden, bestätigt von den Geistern Gottes. Aber dieses Mal, für dieses neue Erdenleben, sollte es in folgender Weise sein: Er sollte auch wieder zu Unrecht angeschuldigt werden, aber später sollte seine Unschuld bewiesen werden und ihm Gerechtigkeit zuteilwerden. Auf diese Weise konnte seine Einstellung auch wieder geprüft werden, wie stark er im Glauben sei.

Doch noch ist er in der Geisteswelt. Noch wird er belehrt, noch führt man ihn zu den Menschen hin – an ihnen soll er lernen. Er soll sehen, wie es andern Geschwistern ergeht. Er soll etwas vom hohen Ziel des Lebens hören. Er soll sich bewusst werden, was das menschliche Leben für einen Sinn hat. Er muss sich klar darüber werden, dass jeder Geist den Höhen entgegengehen muss. So wird er in den Gesetzmässigkeiten unterrichtet, und die heilige Geisteswelt will annehmen, dass sein nächstes Erdenleben doch den Erfolg bringt. Er wird, wenn er stark im Glauben ist und sein Wille gut geworden ist, auf die Hilfe der Geister Gottes zählen dürfen. Denn die Geister Gottes werden versuchen, ihm die Kraft zur richtigen Einstellung im Leben zu geben. Doch dazu braucht es seinen guten Willen. Ohne diesen guten Willen vermag die hohe Geisteswelt beim Menschen nichts zu tun.

So, liebe Geschwister, wird jeder Mensch, der im Leben eine grosse Schuld auf sich geladen hat, es wiedergutmachen müssen. Und das sollte man sich doch wirklich merken. Man sollte sich doch darüber klar werden: Wenn man den irdischen Leib abgelegt hat, ist das Leben nicht vorbei; das Leben geht weiter, und so schnell ändert man in der andern Welt sein Wesen nicht. Wer im menschlichen Leben hilfsbereit, liebenswürdig, verzeihend, gut ist, der ist es auch im Jenseits. Wo Härte aus dem Menschen spricht, wo man unverzeihlich, egoistisch ist, da nimmt man diese Fehler auch in die Jenseitswelt. So schnell ändert sich das Wesen nach dem irdischen Tode nicht. Der irdische Leib nur ist abgestreift; nicht abgestreift ist aber das Ich, das, was ich auf Erden war, was ich auf Erden tat – mit dem Ich ist der Geist gemeint. Beim Sterben ist alles von diesem Geist an sich gezogen worden, in ihn hineingedrungen; die ganze Persönlichkeit, die man im Leben als Mensch zum Ausdruck brachte, bringt man nun auch in der andern Welt als Geistwesen zum Ausdruck. Es ist dieselbe Persönlichkeit.

So, liebe Geschwister, möge der Segen Gottes euch alle durchdringen, möget ihr alle die richtige Einstellung zum Leben finden. Möget ihr alle eure Hände ausbreiten, damit ihr von den Engeln des Himmels geführt werden könnt, damit ihr gesegnet bleibt und behütet vor Not und Bedrängnis. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrer Josef vom 26.6.1965 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Erdnahe geistige Stätten der Begegnung und der Versöhnung

Josef, 2. März 1974

Erdnahe geistige Stätten der Begegnung und der Versöhnung

Wo Heimgekehrten die Gelegenheit gegeben wird, verstorbene Angehörige und Freunde zu begrüssen und sich, wenn notwendig, mit ihnen auszusöhnen.

Josef: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, es kommt vor, dass Zuhörer das Gesagte nicht ganz richtig verstehen – man kennt sich doch nicht aus in allen Teilen der göttlichen Gesetze und ihrer Ordnung. So macht man dann auch seine Bemerkungen, oder man ist enttäuscht, weil man dieses oder jenes nicht richtig versteht. Nun möchte ich aber sagen: Uns geht es auch so. Wir sind nämlich sehr oft über euch enttäuscht. Im Laufe der Jahre habt ihr viel von der Ordnung und von den Gesetzen Gottes erfahren sowie vom Heils- und Erlösungsplan, und wir glauben, man sollte wissen, was man tun und was man lassen muss. Nun scheint es aber nicht so zu sein. Man weiss es nicht, man will es nicht wissen. Wir aber sind ebenso enttäuscht über die Menschen, denn sie haben ja ihre Gebote, und diese machen deutlich, was man tun und was man lassen muss. Also weiss man im Grunde genommen, was man nicht tun darf – und man tut es doch. So haben auch wir Grund, oder wir haben Grund, enttäuscht zu sein, wenn man nicht weiss, was man tun und was man lassen muss.

Nun ist es ja so, dass die Untugenden, die ein Mensch hat, auch nach dem Tode noch vorhanden sind. Und wenn dem Verstorbenen die Möglichkeit gegeben wird, sie auszuleben, wird er es eben tun. Ich gebe euch diese Erlebnisberichte doch deshalb, weil es für euch so besser möglich wird, diese andere Welt zu verstehen. Man erfährt gerade aus dem Ergehen jener Heimgekehrten, dass man für falsches Tun bestraft wird und dass einer, der das Gute tut, die Belohnung bekommt. Wenn man in seinem Leben doch einigermassen höhere Erkenntnisse besitzt, so sollte man sich nach diesen höheren Erkenntnissen ausrichten. Dann hätte man auch den Vorzug dieses Wissens, wenn man in die Geisteswelt hinüberkommt. Ihr wisst ja, dass man auf Heimgekehrte, die höhere Erkenntnisse besitzen, besonderen Wert legt und ihnen weitere Belehrungen gibt, die Fortsetzung von dem, was sie hier vernommen haben.

Ich will nun in dieser Stunde wiederum einen solchen Erlebnisbericht geben, und ich möchte wiederholen, was euch auch schon dargelegt wurde. In eurem Luftraum sind geistige Ebenen, und diese geistigen Ebenen unterscheiden sich voneinander. Es gibt also ganz bescheidene Dörfer, Täler und sogar Städte, und es gibt solche, die zum Bewundern sind – und beides in Erdnähe. Es gibt hier geistige Ebenen, die nur von hohen göttlichen Wesen bewohnt werden – auch dieses in Erdnähe. Es ist im Allgemeinen so, dass Verstorbene in diese erdnahen Ebenen einkehren und in der ersten Zeit hier verbleiben, weil es für sie entweder Durchgangsstationen sind oder weil es einen Vorhimmel bedeutet für sie, weil sie noch zu sehr an das Irdische gebunden sind und es ihnen noch nicht möglich ist, in die höheren Ebenen aufzusteigen; so bleiben sie in dieser Erdnähe gebunden.

Geister Gottes aber, die in diesen schönen erdnahen Tälern und Dörfern wohnen, wollen in der Nähe des Menschen sein. Obwohl die Distanz im Geistigen keine Rolle spielt, hat es seinen Grund, wenn solche Ebenen in ihrer Pracht und Herrlichkeit auch in der Nähe des Menschen sind. Jene geistigen Wesen, die sich um die Menschen kümmern und um ihr Wohl besorgt sind, treffen sich hier mit andern hohen Geistgeschwistern, die sie als Gäste in ihr Haus geladen haben. Man geht also zu diesem oder jenem Geist Gottes vorübergehend zu Besprechungen, man verweilt bei diesen göttlichen Wesen eine gewisse Zeit. Es gibt doch wahrlich viel, was zu beraten und zu besprechen ist. Besonders gläubige Menschen möchten doch von der Gotteswelt gesehen werden; sie möchten auch, dass ihre Gebete gehört werden. Die göttlichen Wesen sind also auch näher bei den Menschen; sie sind, wenn es notwendig wird, in kürzester Zeit bei ihnen.

So sind diese herrlichen Täler und Dörfer eine wunderschöne Welt. Und nicht weit von dieser schönen Welt entfernt kann ein ganz bescheidenes Dorf sein. Da können sich Örtlichkeiten befinden, wo sich nur Geistwesen aufhalten, die in keiner Ordnung sind. Dieses stört die Gotteswelt nicht, denn ihr Ort, ihr Dorf, ihre Stadt oder ihr Tal, was es auch sein mag, ist abgegrenzt. Es bestehen keine Möglichkeiten, dass jene aus den angrenzenden Orten in diese schönen Ebenen hineinkommen. Da sind grosse Hindernisse vorhanden, die es unmöglich machen, da hineinzugelangen. Es gibt aber solche herrlichen Orte, in die man von Weitem einen Blick hineintun kann – es ist nur ein Schauen in eine weite Ferne. Und so weiss man, dass dort höhere Engel ihren Wohnsitz haben. In der Regel ist es ja so, dass in dieser Erdnähe sich solche Geistwesen aufhalten, die noch so an das Menschliche, an das Weltliche und Vergängliche gebunden sind. Und wie ich gesagt habe, unterscheiden sich diese Ebenen voneinander. Es gibt also ganz niedere und es gibt höhere Stufen, und diese Orte werden als Übergangsorte betrachtet, als Vorhimmel, als Begegnungsstätten.

Und nun möchte ich euch eine Erklärung geben und einen Erlebnisbericht. Von einem Menschen möchte ich zuerst sprechen, der sich im Laufe seines Lebens ständig der Lüge bediente. Er hatte immer so viel gelogen, er kannte die Wahrheit sozusagen nicht. Er hatte, ich darf wohl sagen, keine Beziehung zur Wahrheit, so bediente er sich bei jeder Gelegenheit der Lüge. Und dazu gehörte es auch, dass er andere Menschen übervorteilte, andere beschuldigte. So war es bei diesem Menschen nun so, dass er sich auf diese Art und Weise sehr belastete bei seinen Mitmenschen, mit denen er zu tun hatte. Da war nun ein Mann, bei dem er sich ganz besonders belastete, denn er hatte ihn in einer Angelegenheit beschuldigt, und dieser andere wurde dafür bestraft – zu Unrecht. Nun war dieses nie ans Tageslicht gekommen, aber in der geistigen Welt sollte alles offenbar werden.

Ich habe gesagt, dass es Begegnungsstätten gibt, geistige Ebenen in Erdnähe. Ich will damit erklären, wie gross Gott und Christus sind in ihrer Barmherzigkeit, in ihrer Güte und in ihrem Wohlwollen, dass sie den Heimgekommenen – wenn es [nach dem Gesetz] irgendwie möglich und gestattet ist – die Gelegenheit geben, ihre Fehler einzusehen und zu besserer Erkenntnis zu kommen. Was ich euch jetzt erkläre, ist aber nicht etwas Selbstverständliches. Es ist etwas, was jenen zugutekommt, bei denen man erwartet, dass daraus etwas Besseres gestaltet wird, dass es einen Vorzug gibt und dadurch die Aufwärtsentwicklung des einen wie des andern beschleunigt werden kann. Nun wurde dieser Mann, der sich sein Leben lang der Lüge bedient und damit seine Seele sehr belastet hatte, nach seinem Tode von der Engelswelt in diese Begegnungsstätte geführt. Jetzt möchte ich aber auch erwähnen, dass sich diese Begegnungsstätte nicht im Besonderen durch Schönheit auszeichnete. Sie diente ja einerseits jenen, die von oben nach unten zu gehen hatten, und andererseits den sehr Belasteten, um in eine andere Ebene hinüberzuschreiten.

Dieser verstorbene Mensch hatte, ehe sich sein Geist ganz vom irdischen Leib gelöst hatte, mit seinen geistigen Augen seine Eltern gesehen. Sie waren ihm entgegengegangen, und diese Erinnerung ging mit ihm in die andere Welt hinüber.

Unterlassen habe ich zu sagen, dass dieser Mann jeweils so tat, als wäre er ein frommer Mensch und sehr religiös. Er hatte einen Glauben. Es war eben bei ihm genau so, wie ich anfangs erwähnte: Er kannte die Gesetze Gottes und wusste, was man tun und was man lassen muss, aber obwohl er es wusste, tat er doch das, was ihm Vorteile brachte, was ihm gefiel. Er kümmerte sich also nicht um diese Gebote, er setzte sich nicht mit ihnen auseinander, dachte nicht Weiteres – nahm sie im Grunde genommen nicht ernst.

Jetzt war er in der geistigen Welt, in einer Ebene, die ihm fremd war. Er war da in diese Begegnungsstätte geführt worden. Da war ein grosses Treiben, ein grosser Platz, und es waren viele Geistwesen da. Er hatte gleich das Gefühl, dass auch andere auf der Suche waren nach Bekannten oder Freunden; denn es ging ihm ja ebenso, er wollte ja auch seine Eltern suchen. Er hatte sie kurz gesehen, aber sie waren wieder vor seinem Auge entschwunden. Doch die Erinnerung war da, er wusste: “Ich habe sie gesehen.” Es war ihm aber noch nicht ganz verständlich, auf welche Art und Weise es möglich wäre, ihnen zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Man hatte also diesen Geist in diese Begegnungsstätte geführt, ohne ihm besondere Aufklärung zu geben. Er musste sich nun seinen Weg selbst bahnen. Nun wollte er ja seine Eltern suchen, denn es war ihm sogleich klar geworden, dass das irdische Leben beendet war und jetzt sein geistiges Leben begonnen hatte. Er war aber unbekümmert, denn er fühlte sich nicht verlassen. Da waren ja so viele, und so tröstete er sich mit den andern. Er hoffte auch auf Anschluss, wenn er seine Eltern nicht finden würde. Und so tat er, was die andern auch taten: Er ging auf und ab. Er sah geistige Wesen, die ihm fremd waren. Er stand da und dort stille und hörte dem Gespräch zu, das da geführt wurde. Und dann musste er die Feststellung machen, dass es eben hier Begegnungen gab mit Bekannten oder sogar Verwandten. Er durfte es erleben, wie andere ihre Angehörigen begrüssten.

Nun fand er vorerst seine Eltern nicht. Aber dann, als er sich längere Zeit in dieser Begegnungsstätte aufgehalten hatte, erkannte er plötzlich solche Verstorbene, die am gleichen Ort gelebt hatten wie er. Und er musste die Feststellung machen, dass die einen nicht willens waren, mit ihm zu reden, und davongingen. Und da war auch jener dabei, an dem er sich ganz besonders belastet hatte, den er so betrogen und belogen und angeschuldigt hatte. Dieser war auch in die geistige Welt hinübergerufen worden und stand nun vor ihm. Jetzt wollte er von diesem nichts wissen, und er versuchte, durch die Reihen davonzugehen, denn jetzt hatte er doch ein schlechtes Gewissen. Es wurde ihm nun ganz verständlich, dass er von diesem andern zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Und so war es. Dieser kam zu ihm, hielt ihn auf und sagte ihm: “Du hast an mir schlecht gehandelt, weisst du das? Weisst du, dass ich bestraft wurde für etwas, was ich gar nie getan habe? Und weisst du, dass du bekannt warst für dein Lügen? Gott wird dich dafür strafen.” Doch er nahm diese Worte nicht ernst und versuchte wieder davonzugehen, und er tat es auch. Der andere aber war in besserer Erkenntnis der Dinge, die da kommen sollten. Man hatte es ihm gesagt: “Diese Stätte gibt die Möglichkeit, jenem andern zu begegnen, die ganze Sache zu klären und ihm darzulegen, was er falsch gemacht hat. Man wird mit ihm ins Gericht gehen.” Das wusste er, und so konnte er warten.

In der Zwischenzeit hatte sich dieser Schuldige nach andern Bekannten umgesehen, an denen er sich nicht belastet hatte. Nun musste er aber die Feststellung machen, dass unter diesen vielen Wesenheiten sich welche aufhielten, die kleine Geschenke darboten. Und dieses waren Engel Gottes. Die einen hatten sehr schöne, geistig kostbare Blumen, andere hatten irgendwelche Gefässe und Gegenstände wie Schnitzereien, die in den geistigen Werkstätten verfertigt wurden; es waren allerlei kleine Dinge. Und man konnte sich eines solchen Geschenkes bedienen, das heisst, man fragte: “Darf ich eine Blume haben? Oder darf ich diesen oder jenen Gegenstand haben?” Dieser Gegenstand oder diese Blume sollte dazu dienen, den gesuchten Freunden oder Angehörigen eine Freude zu bereiten, eine Überraschung zu geben. So bedienten sich weibliche Geistwesen meistens der Blumen, während sich männliche Geistwesen andere Gegenstände aussuchten, um ihren Angehörigen eine Anerkennung zu geben, eine kleine Freude zu bereiten zu diesem Anlass, zu dieser Begegnung.

Nun war es aber so, dass man zu einem solchen Engel hingehen und ihn fragen musste: “Darf ich etwas davon haben?” Der Engel betrachtete dann mit offenen Augen das ganze Geistwesen, das vor ihm stand, und bejahte oder verneinte. Nun, bei diesem Bruder wurde es eben verneint. Er wollte auch so einen kleinen Gegenstand, um ihn seinen Eltern übergeben zu können zur Erinnerung an diese Begegnung. Nun gab es ja eine ganz ordentliche Anzahl von solchen Engeln, die Geschenke darboten; denn in dieser Stätte der Begegnung hatte es viele geistige Wesen, die auf der Suche waren nach Verwandten, Angehörigen und Freunden. Und dieser belastete Geist – oder dieser Bruder, wie ich ihn nennen möchte – machte natürlich die Runde bei diesen Engeln und glaubte, doch zu irgendeinem kleinen Gegenstand zu kommen. Er ging zu den Engeln mit den Blumen wie zu jenen, die die verschiedensten Gegenstände hatten. Aber er wurde von jedem gleich betrachtet, und jeder gab das Nein. Er bekam nichts. Er hatte auch nichts verdient. Da diese Stätte ja dazu dienen sollte, die Begegnung mit den erwähnten Geistgeschwistern zustande zu bringen, hatte dieser belastete Bruder natürlich keine Freude daran, dass man es ihm nicht gestattete, so einen Gegenstand entgegenzunehmen.

Er begegnete nun einem weiteren Bekannten, und dieser Bekannte war sehr gut angezogen. Im menschlichen Leben war er bescheiden gewesen, kaum geachtet von der Umwelt, aber er war ein frommer und gerechter Mensch; er tat im Stillen Gutes, und so hatte er eine wenig belastete Seele. Er aber hatte in dieser Stätte ja auch eine Aufgabe zu erfüllen. Nun, da sich mit dem belasteten Bruder keiner seiner anderen Bekannten unterhalten wollte, versuchte er das Wort an diesen zu richten, den er im Leben wohl gesehen, aber auch nicht geachtet hatte. Nun sagte er zu ihm: “Du bist so schön gewandet. Dir würde es bestimmt nichts ausmachen, wenn du mir deinen Rock geben würdest.” Dieses Geistwesen war aber nicht einverstanden, ihm den Rock zu geben. Der belastete Bruder war aber so aufdringlich und sagte: “Es macht dir bestimmt nichts aus, wenn du mir deinen Rock nur vorübergehend leihst.” Doch auch damit war jener nicht einverstanden. Nun wurde der belastete Geist böse, und er versuchte es mit Gewalt und wollte dem andern den Rock ausziehen. Als er dies versuchte, stand ein göttliches Wesen da, nahm ihn an der Hand und führte ihn weg. Es erklärte ihm, dass dieses nicht der Sinn wäre – dies wäre eine Stätte der Begegnung und der Versöhnung; hier würde den heimgekehrten Geistgeschwistern die Gelegenheit gegeben, miteinander ins Gespräch zu kommen und eine Versöhnung zu erreichen, wenn man in Streit gelebt oder sich in Unfrieden getrennt habe. So wäre es seine Aufgabe gewesen, sich mit jenem andern wie mit allen andern auszusöhnen. Er hätte nämlich zu ihnen hingehen und sie um Vergebung bitten sollen. Und dieses wollte er nicht, folglich führte man ihn von dieser Stätte der Begegnung weg, an einen andern Ort hin. Zugleich wurden aber alle andern, die im Leben einmal etwas mit ihm zu tun gehabt hatten, auch an jenen Ort hingeführt.

Jetzt stand er allen gegenüber. Sie alle, die er betrogen, die er belogen hatte, hielten in ihren geistigen Händen ein solches Geschenk. Sie hatten es bekommen. Diese Geistgeschwister wollten ja auch eine Begegnung mit ihren Angehörigen finden, und wenn es notwendig gewesen wäre, wenn sie mit jemandem im Streit gelebt hätten, dann hätten sie auch das Gespräch gesucht mit den Betreffenden und hätten sich ausgesöhnt. Aber keiner von ihnen hatte dieses Verlangen, denn es war auch keine Notwendigkeit da. So waren sie auf der Suche nach ihren eigenen Angehörigen.

Nun waren sie aber da hinausgeführt worden an diesen Ort, wo die Begegnung mit dem belasteten Bruder stattfinden und er zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Das geschah vor zwei gestrengen Engeln Gottes. Jetzt gab es keine Lüge mehr. Nun wurde das Vergangene in jene geistige Gegenwart geführt. Alles, was dazumal in Wirklichkeit geschah, wurde jetzt vor die geistigen Augen aller geführt. Und so sah man die Wahrheit, wie sie wirklich war. Und dieser Bruder, tief beschämt, musste nun eingestehen, dass er gelogen hatte. Er musste eingestehen, dass er so falsch gehandelt hatte an seinen Mitmenschen. Und die andern wurden gefragt: “Könnt ihr ihm vergeben, was er an euch getan?” Und sie alle waren damit einverstanden; sie wollten alles in die Hände Gottes legen, und sie selbst wollten keinen Groll gegen dieses Wesen haben.

So wurden sie entlassen, und sie gingen wieder zurück in diese Begegnungsstätte, um nach ihren Angehörigen zu suchen. Sie haben sie dann auch gefunden, und man tauschte gegenseitig diese kleinen Geschenke aus, die man mit sich nimmt in seine eigene Welt, in das Haus, in dem man leben wird. Man hält diesen kleinen Gegenstand in Ehren, man freut sich darüber, dass der andere in Liebe und Aufmerksamkeit an einen gedacht hat. Hier möchte ich den Vergleich machen mit euch selbst: Geht ihr fort und bleibt eine Zeit lang weg, möchtet auch ihr euren Angehörigen eine kleine Erinnerung mitbringen, und so sind es oft auch Geschenke verschiedener Art. Man will den Mitmenschen erinnern, dass man ihn nicht vergessen, dass man ja an ihn gedacht hat, und man will auch ein Stück von der Freude, die man selbst erlebt hat, mitbringen aus Genugtuung oder Dankbarkeit. So versucht man, seine Angehörigen zu überraschen und zu erfreuen. Es gibt ja nichts bei euch, was im Geistigen nicht auch vorhanden wäre und das man nicht auch auf diese Art und Weise tun würde. Es ist ja eine Freude, eine Überraschung, ein Zeichen der Liebe. Und in der geistigen Welt schätzt man auch diese Aufmerksamkeiten, die man den Angehörigen schenkt, und bewahrt sie auf. Denn das, was man erhalten hat an geistigem Gegenstand, ist verfertigt worden in diesen geistigen Werkstätten, ist mit geistigen Händen geschaffen worden. Es ist in der Schule hergestellt worden, wo ein grosser Meister wirkt und seine Schüler unterrichtet und lehrt.

So sind es Gegenstände, die dort im Kleinen angefertigt werden von geistigen Wesen, die sich in ihrer Arbeit auf diese Art und Weise betätigen. Man wird in der geistigen Welt nicht gleich an grosse Werke herangeführt, sondern es werden auch viele kleine Dinge angefertigt. Diese aber sind nicht Eigentum des Schaffenden, sondern es ist Eigentum Gottes. So freut sich ein jeder Schaffende, dass er etwas vollbracht hat, denn er weiss, dass seine Arbeit andern Geistgeschwistern Überraschung und Freude bereitet. Es ist eine kleine Bereicherung des geistigen Lebens. Und er freut sich, zu wissen, dass das, was durch seine geistigen Hände entstanden ist, einmal von einem Geistwesen geschätzt wird. Es bestehen auch Möglichkeiten, dass solche Besitzer ganz kleiner wertvoller Gegenstände in späteren Zeiten mit jenen Kunstschaffenden zusammenkommen, die sich in der Zwischenzeit vom Gesellen zum Meister emporgearbeitet haben. Dieses alles sind auch Überraschungen, die man in der himmlischen Welt erlebt und die zur grossen Freude werden. Dieses nebenbei etwas exakter erklärt.

Nun zurück zu unserem Bruder, der da von diesen Engeln Gottes zur Rechenschaft gezogen wurde. Es wurde ihm klargemacht, dass ihm eine harte Läuterung bevorstehe, dass er seine Seele so belastet habe und man ihm Gelegenheit gebe, etwas davon wiedergutzumachen. So wurde er abgesondert und hatte einmal eine harte Strafe entgegenzunehmen für alle Ungerechtigkeiten, die er den Mitmenschen zugefügt hatte. Und dann wurde er auch dafür gezeichnet, dass er in einem folgenden Leben wiedergutzumachen habe und es in seiner Seele festgezeichnet sei, dass auf irgendeine Weise, je nach seinem Leben, in das er dann hineingeführt werde, das geeignetste Karma für ihn ausgesucht werde, das er durchzustehen habe – dies zur Strafe, zur Wiedergutmachung seiner grossen Schuld.

Davon möchte ich aber nicht näher sprechen, sondern ich möchte noch einige Worte sagen über die Begegnungen der Geistwesen in dieser Begegnungsstätte. Da ist ja die Möglichkeit vorhanden, dass man jemanden findet, mit dem man sich im Leben nicht gut verstanden hat, und nun gibt es die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Heimgekehrten werden von der Gotteswelt auch aufgefordert, dieses zu tun. Unter ihnen sind viele helfende Geistgeschwister, die sich ihrer annehmen. Die, die da auf der Suche sind in erster Linie nach ihren Angehörigen, sollen diese finden, aber sie sollen auch die andern finden, die eine Rolle in ihrem Leben gespielt haben; sie sollen sich auch mit jenen zusammenfinden, an denen sie sich belastet haben. Man soll sich aussprechen. Man soll sich gegenseitig aussöhnen.

So dauert der Aufenthalt in dieser Stätte eine bestimmte Zeit, die von der Gotteswelt dafür gezeichnet ist. Dann werden diese geistigen Wesen aufgefordert, diese Stätte zu verlassen, und sie werden dahin geführt, wo sie ihrer Entwicklung gemäss hingehören. Es ist also nicht so, dass sie einfach hier verbleiben könnten, solange es ihnen beliebt, und sich entfernen könnten, wann es ihnen beliebt – es ist eine geschlossene Stätte der Begegnung. Und so wird jedem Gelegenheit gegeben, etwas für seinen geistigen Aufstieg zu tun. Und diese Begegnung kann ja nur geschehen aus der grossen Güte und Barmherzigkeit Gottes heraus – dass er es diesen und jenen Geistwesen gestattet, sich auf diese Weise zu finden, sich auszusöhnen, miteinander Frieden zu schliessen, damit dann jeder seinen eigenen Weg des geistigen Aufstiegs tun kann. Es ist dies doch wohl ein grosses Entgegenkommen der Gotteswelt, dass eine solche Möglichkeit geschaffen wird. Dies aber ist nicht etwas Alltägliches, etwas Selbstverständliches – das habe ich bereits betont. Die Heimgekehrten werden dafür ausgesucht; es wird jenen Gelegenheit gegeben, in diese Stätte zu kommen, bei denen man erwartet, dass daraus etwas Besseres gestaltet wird, dass dadurch die Aufwärtsentwicklung des einen wie des andern beschleunigt werden kann. Diese Begegnung muss einen Sinn haben. Und wer diese Gelegenheit zur Aussöhnung nicht wahrnimmt, der hat eben dann eine harte Läuterung vor sich.

Nun gibt es auch Geistwesen, liebe Geschwister, denen auf eine andere Weise die Möglichkeit gegeben wird, mit andern zusammenzukommen, das heisst nicht in einer solchen grösseren Stätte, die speziell für diese Begegnungen gezeichnet ist, sondern man schafft auch Möglichkeiten im kleineren Rahmen. Und so kommt es auch vor, dass die Gotteswelt Heimgekehrte in einem Haus zusammenführt, sie sozusagen in einen Raum einschliesst und sie für eine bestimmte Zeit zusammenlässt. Hier haben sie sich auszusprechen, und die Gotteswelt wartet auch auf eine Versöhnung. Wenn zwei auf diese Weise zusammengeführt werden, braucht aber kein Geist Gottes dabei zu sein. Die beiden sind allein, sie müssen ohne Beistand, ohne Aufmunterung, wie sie in der Stätte der Begegnung gegeben werden, den Weg zueinander finden, den Weg zur Versöhnung.

Es freut sich die Gotteswelt, wenn diese Versöhnung zustande gekommen ist, und man ist betrübt darüber, wenn es nicht gelungen ist. Und es ist auch hier nicht etwa so, dass man die Betreffenden unbegrenzte Zeit zusammenlässt, sondern es gibt auch eine geistige Zeit. Sie ist zum Voraus bestimmt, und ist diese Zeit abgelaufen und ist die Versöhnung nicht zustande gekommen, so wird jeder für sein Unrecht seine gerechte Strafe empfangen, und es wird jeder in seine Läuterung geführt. Jedem wird klargemacht, dass er so vieles verpasst hat: Es sei ihm die Möglichkeit gegeben worden, sich zu versöhnen und die Last seiner Seele abzulegen. Dass er nun die Gelegenheit nicht wahrgenommen habe, sei zu seinem eigenen Schaden. So braucht es mehr der Belehrung und der strengeren Läuterung.

So wird es in der Gotteswelt je nach Einzelfall gehandhabt. Es kommt auch vor, dass man zwei Heimgekehrte, die sich miteinander aussöhnen sollten, im Beisein eines göttlichen Wesens einander gegenüberstellt. Unter seinem Beistand soll eine Aussöhnung stattfinden; denn es versucht, den Betreffenden zuzureden, einzugreifen und ihnen klarzumachen, dass es eine Notwendigkeit ist, sich zu versöhnen. Man soll aber nicht glauben, dass es eine Ungerechtigkeit wäre, wenn dem einen gestattet ist, einen Beistand der göttlichen Welt zu haben. Dieser Beistand ist für beide da. Er erklärt die Gebote Gottes, er erklärt beiden, was Recht und was Unrecht ist, aber er sagt ihnen nicht im Voraus, was ihrer wartet, wenn sie sich nicht versöhnen. Er spricht von der Liebe Gottes, und er spricht von der Liebe, die Christus der Menschheit geschenkt hat, und versucht sie auf diesem Wege zu belehren. Hilft dieses nicht, dann geht jeder seiner eigenen Strafe entgegen.

Hat man keine höhere geistige Erkenntnis von dieser himmlischen Welt, so schätzt man einen solchen Geist Gottes gar nicht. Man hört gar nicht auf das, was er zu sagen hat. Anders ist es aber bei verstorbenen Menschen, die in ihrem Leben gläubig waren und zur Erkenntnis gekommen sind, dass es eine gerechte, göttliche Welt gibt und dass Gott Gerechtigkeit fordert. Solchen Heimgekehrten werden die Gebote Gottes bewusst, wenn ein Engel Gottes es ihnen vorsagt, was man tun und was man lassen muss, und wenn er ihnen das Vaterunser vorbetet und die Bedeutung der Worte darlegt. Der Gläubige fängt an, zu überlegen und zu denken, und er ist schneller bereit, dem andern die Hand zur Versöhnung zu geben. Und das sind jene Vorteile, von denen ich manchmal rede, die man aus einem geistigen Wissen heraus haben kann. Denn keiner von euch weiss ja, wohin er dereinst geführt wird, wo er sein geistiges Auge auftun wird; keiner weiss es in seinem Leben, wo die erste Begegnung im Geiste stattfinden wird. Hat man aber solche Erkenntnisse auch nur im geringen Masse, so sind sie doch von grossem Nutzen; wenn all das, was gesagt wurde, auch in der Tiefe der Seele erfasst worden ist, ist es für jeden von Nutzen.

Nun, liebe Geschwister, möchte ich euch allen den Segen Gottes überlassen. Dieser Segen Gottes soll euch behüten und beschützen auf all euren Wegen. Und die sich krank fühlen, sollen unter diesem Segen Gottes gesunden, gesunden an Leib und Seele. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrer Josef vom 2.3.1974 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Fragen und Erläuterungen

Fragebeantwortungen aus den Jahren 1953, 1958 und 1961

Fragen und Erläuterungen

Lieber Josef, wie verhält es sich, wenn man jemandem etwas zu vergeben hat? Spielt es da eine Rolle, wenn man lange Zeit braucht zum Überwinden und Vergeben?

Josef: Natürlich ist das von grosser Bedeutung – das heisst, je länger man mit dem Vergeben wartet, weil man die Zeit zum Vergeben nicht findet oder weil man noch nicht überwunden hat, desto länger geht es, bis Gott dir vergibt. Es ist ein grosser Nachteil für denjenigen, der so lange Zeit dafür benötigt, andern zu vergeben. Ihr sollt doch zu jeder Zeit vergeben können, damit auch euch auf dem schnellsten Wege vergeben werden kann.

Ihr wisst doch, dass einer sich selbst eine Schuld auflädt, wenn er einem andern nicht vergibt. Dann bleibt das bestehen, was man selbst an Unrecht verübt hat. Solche Lasten der Seele lösen sich oftmals als Krankheit aus. Deshalb ist es so gut, immer wieder Rückschau zu halten und allen Menschen zu vergeben, sodass man keinem etwas Böses nachsagt und nichts Böses wünscht. Das gehört auch zur Vergebung.

Man kann dem Menschen wohl nicht zumuten, dass er mit überschwänglichen Gefühlsausdrücken zu seinem Nächsten geht und ihm so verzeiht, denn das wäre wieder nur Schein. Vielmehr soll man ihm von ganzem Herzen verzeihen, wozu es keiner besonderen Komplimente bedarf. Ich möchte sagen, man muss die Kraft haben, von innen heraus jedem zu vergeben. (1953)

Lieber Freund Josef, eine Frage lautet: Muss man im Jenseits persönlich um Verzeihung bitten bei denjenigen Menschen, denen man zu Lebzeiten unrecht getan oder Schmerz bereitet hat?

Josef: Ja, dies kann möglich sein, aber vielleicht auch nicht. Es ist dann möglich, wenn einer, dem man das Leid zugeführt hat, nicht verzeihen will, dass man dann zu ihm hingeführt wird, bei ihm Abbitte leisten und so lange vor ihn hintreten muss, bis er einem vergibt.

Es ist aber auch so, dass in der Zeit, wenn der Leib ruht und der Geist austritt, man sich miteinander verbindet. Man kommt dann zum Beispiel mit einem Geiste zusammen – ich möchte es deutlich sagen, man kommt mit einem Menschengeiste zusammen, dem man ein Leid angetan hat, wo aber der andere Geist einem nicht böse ist, einem nichts nachträgt und erklärt: “Dies ist eben aus dem Geschehnis entstanden. Es hat sich aus den Schwächen und diesen vielen Umständen ergeben, die der Mensch in seinem Leben hat.” Der Geist ist eben viel einsichtiger – zum grössten Teil, aber nicht immer. Geht ein Groll oder ein Hass so tief in den Einzelnen hinein, dann ist dieser Groll und dieser Hass auch im Geiste. Dann kann es geschehen, dass man zu ihm hingeführt wird und Abbitte leisten muss.

Es gibt hier verschiedene Möglichkeiten. Es kommt ganz auf die geistigen Führer und Lehrer des Menschen an, wie sie es für gut befinden und wie sie den Menschengeist lenken. So können diese Menschengeister untereinander schon längst Frieden geschlossen haben – vielleicht aber auch nicht. (11.7.1958)

Lieber Josef, du hast uns schon gesagt, dass keinem Menschen Unrecht geschehe. Wie ist das zu erklären bei dem vielen oftmals offensichtlichen Unrecht, das man auf dieser Erde überall sehen kann?

Josef: Liebe Geschwister, wenn ich euch sage, keinem Mensch wird unrecht angetan, so ist das in erster Linie von der göttlichen Seite aus gemeint. Der Mensch selbst muss nicht eine Ungerechtigkeit von der Geisteswelt Gottes auf sich nehmen. Sie wird nicht ungerecht an ihm handeln. Sie wird ihn nicht ungerecht verurteilen. Ihr müsst einen grossen Unterschied machen, was von Gott geistig weit weg stehende Menschen alles fertigbringen durch ihre eigene Unvollkommenheit des Herzens und der Seele. Durch ihre neidischen Gefühle vermögen sie dem Mitmenschen Schaden zuzufügen. Das ist nun eben Ursache und Wirkung unter den Menschen.

Ein gehobener Mensch wird niemals einen andern Menschen in irgendeiner Art und Weise beleidigen oder ihm wehtun. Es kann Momente geben, wo er vielleicht in Nervosität einmal ein Wort zu schnell sagt oder irgendwelche abschätzige Bewegungen oder dergleichen macht. Er wird sich aber gleich bewusst, was er gesagt hat, und wird versuchen sich auch gleich zu verbessern oder zu entschuldigen. Das ist der geistig gehobene Mensch. Der niedere Mensch verbreitet Übel. Hier kann man nicht die Geisteswelt Gottes dafür zur Rechenschaft ziehen und sagen: “Niemand hat Unrecht zu leiden”; das wäre nicht richtig, und man müsste wegen dieser Menschen Unrecht ertragen. Ihr bewegt euch in dieser Welt, umgeben von geistig niedrig stehenden und geistig gehobenen Menschen. Es ist also ein buntes Durcheinander. Unweigerlich sind eben diese Untenstehenden die Sorgenkinder, die Unangenehmes verbreiten.

Wenn man glaubt, von einem Menschen beleidigt worden zu sein, hat man das Recht, diesen Menschen zu stellen, um ihm die Meinung zu sagen. Das ist euch schon öfters erklärt worden. Man soll den Nächsten fragen, was er von einem hält. Ihr könnt sagen: “Was denkt ihr von mir, wie bin ich?” Aber es sind ja wenige Menschen, die die Wahrheit vertragen können.

Nun aber zurück: Wenn man glaubt, dass man beleidigt worden ist oder dass andere einem wirklich sichtbaren Schaden zufügen: Der Mensch hat das Recht, sich zu wehren gegen das Unrecht, das ihm angetan wird. Er muss nicht einfach alles über sich ergehen lassen und sagen: “Ja, ich bin geistig eingestellt, ich lasse mir das einfach gefallen – ich sage nichts.” Das kann auch seine Grenzen haben. Man kann, sagen wir, bei nichtigen Sachen so denken: “Das geht vorüber, und das berührt mich nicht.” Sind es aber bedeutungsvolle Angelegenheiten, die dem andern zu Unrecht angetan werden, dann darf der andere sich auch wehren. Er darf seine Meinung sagen. Wehrt er sich nämlich nicht, so wird in gewisser Beziehung der andere immer frecher, um es in eurer Sprache auszudrücken. Er erlaubt sich immer mehr.

Die göttliche Welt bannt ja diese Geister auch, die sich nicht in eine Ordnung fügen. Sie macht es ihnen dann unmöglich, sich weiter zu betätigen. Sie werden also abgesondert. So hat auch der Mensch in gewisser Beziehung sein Recht dafür. Doch soll es nicht wegen irgendwelcher kleiner Dinge geschehen. Es muss schon etwas Bedeutungsvolles sein. Dann ist es besser, wenn der Betreffende, der glaubt, dass ihm Unrecht geschehen ist, in sich kehrt und Gott bittet: “Zeige mir den rechten Weg, wie ich mich diesem Menschen gegenüber verhalten muss.” Er soll nicht spontan handeln, sondern er soll öfters darum beten. Dann hat die geistige Welt die Möglichkeit, vielleicht das, was uneben ist, wieder eben zu machen. Wenn man so darum bittet, kann die gute Geisteswelt, was in ihrer Macht steht, schlichten. Sie kann so vielleicht eine Versöhnung herbeiführen. Man beurteilt auch immer von Fall zu Fall. Daher soll man die Geisterwelt Gottes bitten: “Schafft Klarheit. Zeigt mir den Weg.” Aber man soll nicht seinen eigenen Weg selbst zeichnen und sich selbst sagen: “Das ist mein Weg”, sondern man soll ihn sich von der Geisteswelt Gottes zeigen lassen. (4.10.1961)

Heft 5/2018
Preis USD 4.00
25 Seiten, 21 × 29,7 cm