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Themen
Cover der Zeitschrift Geistige Welt, Heft 5/2026 zum Thema Liebe und Gerechtigkeit Gottes
Aktuelle Ausgabe
Geistige Welt 5/2026
Liebe und Gerechtigkeit Gottes
Beschreibung

Der Heils- und Erlösungsplan gründet – so der erste Vortrag in diesem Heft – auf den geistigen Gesetzen, auf der Ordnung Gottes. Diese Ordnung ist entstanden aus der Liebe und der Gerechtigkeit Gottes. Sie gilt für jedes Geschöpf und gibt allen gefallenen die Möglichkeit, den Weg des Aufstiegs zu gehen und zum Vater heimzukehren.
Gerechtigkeit und Liebe Gottes finden sich in der Seele eines jeden Menschen. Es sind wunderbare unvergängliche Quellen, die den ganzen Menschen erfassen und nach aussen dringen möchten. Doch die Menschen leben heute in einer gehetzten Zeit und finden von sich aus kaum die Möglichkeit, dieses Unvergängliche nutzbar zu machen. Es ist, so ein weiterer Vortrag in diesem Heft, der von Christus verheissene Geist der Wahrheit, der dem Menschen die wahre Liebe und Gerechtigkeit lehren kann – wenn dieser bereit ist, ihn anzunehmen.

Themenheft 5/2026: Liebe und Gerechtigkeit Gottes

Inhalt
Gottes Ordnung hält die Welt zusammen

Lene, 20. Februar 1980

Gottes Ordnung hält die Welt zusammen

Der Heils- und Erlösungsplan gründet auf den geistigen Gesetzen, auf der Ordnung Gottes. Diese Ordnung ist entstanden aus der Liebe und Gerechtigkeit Gottes. Die geistigen Gesetze gelten für jedes Geschöpf – keines hat einen Vorzug. Durch die Gerechtigkeit und Liebe Gottes ist allen die Möglichkeit gegeben, den Weg des Aufstiegs zu gehen und zum Vater heimzukehren.

Lene: Gott zum Gruss. Meine lieben Geschwister, ich hoffe, ich werde von allen meinen Zuhörern verstanden. Wohl habe ich Freunde, die im Laufe der Jahre zu geistigen Erkenntnissen gekommen sind; sie haben die Geisteslehre kennengelernt und verstehen die geistige Sprache. Diese geistige Sprache ist eben so ganz anders als die Sprache der Menschen, die sie auf dieser Erde reden. Die Auffassungen sind anders, und ich kann mir auch vorstellen, dass es nicht für ein jedes leicht ist, wenn es sich aus dem materialistischen Denken lösen und so plötzlich in das geistige Denken hinüberschwenken muss, wenn es sich vom Weltlichen abwenden und in das Geistige hineintreten muss, wo manches eine so ganz andere Bedeutung hat. Dies ist eben für jene, die die geistige Lehre nicht kennen, nicht so leicht, und es fällt ihnen schwer, das Vorgetragene zu begreifen. Freilich habe ich die Möglichkeit, in einer einfachen Art und Weise zu euch zu reden, sodass es alle begreifen und verstehen. Aber ich glaube doch auch, auf dieser Stufe, auf der man angelangt ist, weiterfahren zu können. Wir muten euch zu, heute doch manches verstehen und begreifen zu können.

So sage ich jetzt zu euch: Die Menschen, sie besitzen nichts. Auch ihr vermeintliches Gut, das sie haben, ihr vermeintlicher Besitz, auch das gilt nichts, ist nichts. Sie haben nichts. Der Mensch hat überhaupt nichts. Er hat keinen Besitz, er hat gar nichts. Was hat er denn schon? Er hat ja nicht einmal seinen Geist gemacht. Also nicht einmal der Geist gehört ihm – er hat ihn ja nicht gemacht. Was hat er denn schon? Er hat gar nichts. Der Künstler mit seinen Talenten: Auch diese Talente gehören ihm nicht. Er hat sie nicht gemacht. Diese Talente sind von Gott und von der Natur. Auch höheres, göttliches Denken, das ein Mensch erworben hat oder erworben zu haben glaubt – auch das gehört ihm nicht, denn es ist vom Geist Gottes. Der Geist Gottes hat es in sein Bewusstsein lenken lassen, der Geist Gottes hat es seinem Denken offenbart. Er hat es empfangen von Gottes Geist. Gott hat es ihm gegeben. Alles, alles ist und kommt von Gott, und keiner hat einen Besitz.

Diese Welt wird von der Gerechtigkeit und Liebe Gottes in Ordnung gehalten. Ich kenne nun eure Gedanken, und ihr oder manche von euch haben Mühe, das zu verstehen. Doch es ist so: Die Welt wird von der Liebe und von der Gerechtigkeit Gottes in Ordnung gehalten. Es gibt eine weltliche Ordnung, und es gibt eine göttliche Ordnung; es gibt eine weltliche Gerechtigkeit; es gibt weltliche, menschliche Liebe, und es gibt eine wahre, reine, göttliche Liebe. Zwischen dem Weltlichen und dem Göttlichen sind grosse Unterschiede. Der Mensch ist verpflichtet, in seinem menschlichen Dasein diese göttliche Liebe zu leben, sie zu verwirklichen; es wird von ihm auch die göttliche Gerechtigkeit verlangt, er muss auch diese göttliche Gerechtigkeit verwirklichen können. Aber wie soll er das? Es ist schwer für ihn, denn er lebt ja in einer materialistischen Welt mit ihrer eigenen Ordnung, mit ihren Gesetzen, mit ihrer Liebe.

Aber betrachten wir einmal die Liebe des Menschen. Im grossen Ganzen ist diese Liebe der Menschen auf Vorteile aus. Egoistisch ist sie, sie will ihre Vorteile haben, ihre Rechte besitzen. Sie ist anspruchsvoll, sie verlangt etwas vom Mitmenschen. Diese Liebe mag eben auf den Menschen zugeschnitten sein, aber sie ist nicht die wahre Liebe, sie kann nicht die wahre Liebe sein. Eine Liebe, die auf Vorteile, auf Bequemlichkeit aus ist, ist kein Vergleich zur wahren, göttlichen Liebe. Und doch mag diese menschliche Liebe ihre Vorteile haben für den Einzelnen oder für den Nächsten, aber sie ist eben unvollkommen. Sie ist nicht vollkommen. Und wenn der Mensch nach wahrer Liebe verlangt und sie für sich in Anspruch nehmen möchte, wenn er in diese wahre, göttliche Liebe hineinkommen will, dann muss er dafür Zinsen zahlen. Er bekommt sie nicht umsonst. Er bekommt diese wahre, göttliche Liebe nicht geschenkt, er muss dafür bezahlen.

Ähnlich verhält es sich mit der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit der Menschen ist dehnbar. Mancher eignet sich ein Recht an und pocht auf dieses Recht und findet, das wäre alles gerecht. Menschliche Gerechtigkeit ist also wahrhaftig dehnbar. Aber auch die Gerechtigkeit der Menschen muss sich entfalten können, auch diese unvollkommene Gerechtigkeit muss zum Zuge kommen.

Ich habe erwähnt: Die geistige Gerechtigkeit und die geistige Liebe halten die Ordnung dieser Welt zusammen. Unter der geistigen Gerechtigkeit ist eben etwas ganz anderes zu verstehen als unter der menschlichen Gerechtigkeit. Denn die göttliche Gerechtigkeit kann man nicht auseinanderdehnen. Sie ist in ihrer Wahrheit, sie ist wirklich gerecht. Es ist eine geistige Ordnung da, und diese geistige Ordnung ist entstanden aus der göttlichen Liebe und aus der göttlichen Gerechtigkeit.

Wenn man diese göttliche Liebe und diese göttliche Gerechtigkeit in die jenseitige Welt hinüber verlegt, begreift man das eher – man denkt oder ihr Menschen denkt: “Ja dort in der jenseitigen Welt müssen die wahre Liebe und die wahre Gerechtigkeit vorhanden sein und wirken.” Diese wahre Liebe und diese wahre Gerechtigkeit, die auch die geistige Ordnung zusammenhalten, sind doch von Gott aus gekommen. Sie sind von Gott aus an Christus weitergegeben worden. Als Christus ins menschliche Dasein kam, musste er für diese wahre, göttliche Liebe und für die wahre Gerechtigkeit sein Leben hingeben. Er brachte das grosse Opfer, um für diese Welt diese wahre Liebe und wahre Gerechtigkeit zustande zu bringen, damit die Ordnung dieser Welt gesichert ist.

Nun muss man dieses Wort “Ordnung” auch richtig verstehen können. Es geht nicht nur darum, dass jedes Ding seinen Platz hat oder einnimmt. Unter dieser Weltordnung sind eben wahre, geistige Gesetze zu verstehen. Diese geistigen Gesetze spielen für die Ordnung eine Rolle; in ihnen kommt die Gerechtigkeit zum Ausdruck. Damit in dieser Welt alles verwirklicht werden kann, wie es im [Heils- und Erlösungs-]Plan Gottes vorgesehen ist, damit sich alles wieder dem Vollkommenen zuwenden kann, müssen eben Gerechtigkeit und Liebe diese Ordnung zusammenhalten.

Ihr sollt jetzt nicht an die menschliche Ungerechtigkeit denken und an die menschliche Liebe, sondern an Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeit. Und ihr sollt an euch selbst denken: Ihr müsst versuchen, diese göttliche Liebe für euch zu beanspruchen, und wenn ihr auch noch so viel zahlen müsst dafür. Auch die göttliche Gerechtigkeit müsst ihr für euch in Anspruch nehmen, mag sie euch kosten, was sie will. Und wenn von Bezahlung und von Zinsen gesprochen wird, ist damit nicht euer Geld und sind nicht die Abgaben für die Gelder gemeint, die ihr entliehen habt, sondern alles ist geistig gemeint. Geistige Liebe kostet etwas, und dafür zahlt der Mensch. Denn mit dieser geistigen Liebe sind Opfer verbunden, ist Hingabe verbunden. Es wird von Menschen etwas verlangt, und zwar werden Dinge von ihm verlangt, die ihm eben Mühe machen. Es ist mühevoll, diese wahre göttliche Liebe zu leben, und es wird ihm nicht immer gelingen. Im Laufe seines Lebens mag er immer wieder Vorsätze fassen. Durch die geistigen Erkenntnisse, die er durch Gottes Kraft empfangen hat, wird ihm manches erleichtert und ermöglicht, sodass er dereinst nicht so viel an Schulden abzuzahlen hat. Denn tritt der Mensch von dieser Welt ab, kommt er ins Reich Gottes, wo Liebe und Gerechtigkeit walten. In seinem Leben ist manches geschehen, was in Ordnung gebracht werden muss – und nicht nur in seinem letzten irdischen Leben, sondern überhaupt im Laufe seines Daseins als geistiges Wesen. Es sind Lasten auf die Seele gelegt worden. Man hat versucht, Liebe zu entleihen. Man hat auch versucht, Gerechtigkeit zu entleihen. Und man hat – und dies ist geistig gemeint – von geistiger Seite ein Darlehen erhalten. Aber nicht umsonst. Von geistiger Seite aus wurden Ansprüche dafür gestellt. Die geistige Welt will einen Zins, wenn ich es in eurer Sprache ausdrücken darf. Das, was man in seinem menschlichen Dasein zu diesem höheren geistigen Leben entliehen hat, muss mit Zinsen zurückbezahlt werden.

Die Himmelswelt – und damit meine ich die dienende Geisterwelt Gottes – ist bereit, dem Menschen zu geben. Aber sie gibt nichts umsonst. Und wer nun etwas von seinen Schulden aus seiner vorgeburtlichen Zeit abzahlen möchte, der hat wahrlich genug mit sich zu tun, um alles wieder ins Lot zu bringen. Denn was weiss der auf Erden lebende Mensch überhaupt über sich? Nichts weiss er über sich. Er hat auch kein persönliches geistiges Eigentum. Ich betonte es schon: Nicht einmal sein Geist, der aus ihm heraus wirkt, ist sein Eigentum. Er kann nicht sagen: “Dieser Geist gehört mir.” Nein, er gehört Gott. Denn jeder Mensch ist Gottes Eigentum, er ist Geschöpf Gottes. Er wird aber wieder zum Erben Gottes. Er wird wieder in die grosse göttliche Familie zurückkommen. Gott ist eines jeden Vater, eines jeden. Jeder ist gleich, jeder ist Geschöpf Gottes. Und das, was ihn umgibt, in welchem Glanz er auch lebt, gehört nicht ihm; es gehört Gott. Auch alles, was noch in den niederen Stufen ist, ist Eigentum Gottes. Alles Geschaffene, überall, wo es auch ist, gehört Gott. Folglich kann nur er darüber bestimmen, was mit ihm geschieht.

Doch die Liebe Gottes und die Gerechtigkeit Gottes sind so wunderbar und in alle Einzelheiten ausgearbeitet. In Gottes Liebe ist Gnade eingewoben. Wenn einer dafür würdig geworden ist, kann er Gnade empfangen. Das liegt in der Liebe und in der Gerechtigkeit Gottes. In diesem Gesetz ist die Gnade festgehalten. Liebe und Gerechtigkeit sind eins im Göttlichen. Und keiner, der in die göttliche Welt zurückkommt, erlebt eine Ungerechtigkeit.

Stellt euch diese vielen Menschen vor, die auf dieser Welt leben und die je auf ihr gelebt haben und die noch kommen werden: Wie verschieden sind ihre Gesinnung und ihr Handeln! Der eine tut Gutes, der andere viel Böses, bei einem andern hält sich beides die Waage, und wieder ein anderer ist immer wankelmütig. So verschieden sind die Menschen in ihrer Gesinnung, und sie alle kommen nach ihrem Tode in die jenseitige Welt – ob reich, ob arm, ob einer Ansehen hatte unter den Menschen oder ob er unbeachtet blieb, es ist ganz egal. Besitzen tut er nichts, haben tut er nichts; das, was er hat, gehört Gott, ist Gottes Eigentum.

So wird nach der Ordnung, nach dem Gesetze Gottes geurteilt, beurteilt, was man mit dem gemacht hat, was Gott gehört. Gott hat es gegeben; er hat von seinem Licht einen winzigen Funken gegeben, der Leben erweckte. Dieser Funke mag noch so klein sein, doch er kann, wenn er in seinem wirklichen Glanze ist, ein ungeheures Licht ausstrahlen. Dieser winzig kleine Funke könnte in der Nacht weit mehr als eure ganze Stadt hell erleuchten. So vermögt ihr euch vielleicht eine Vorstellung von diesem Gottesfunken im Menschen zu machen, von der Reinheit und vom Glanz des Lichtes, das von Gott gekommen ist. Gott hat diesen Funken gegeben, und in diesem Funken, der so winzig klein ist, ist alles enthalten. Durch Gottes Willen, durch den Geist Gottes wird es dem Menschen offenbar. Dieses Licht in ihm ermöglicht es dem Menschen, den Weg zurück an seinen Ursprung zu finden. Doch dieser Funke im Menschen, der so winzig klein ist, strahlt noch nicht in seinem reinen Glanz, noch ist er getrübt. Noch ist er nicht in jener Klarheit, dass man ihn als einen aus Gottes Licht abgesplitterten Funken erkennen könnte. Bis dieser Funke diese Reinheit, diese Klarheit erreicht hat, braucht es viel. Da braucht es für einen aufsteigenden Geist noch manches Mal den Weg ins Erdendasein, und jedes Mal entleiht er etwas von diesen hohen Werten und ist bereit, dafür zu zahlen.

Betrachten wir einmal die Verhältnisse bei euch Menschen: Wenn ihr etwas ganz Bedeutungsvolles oder etwas für euch Lebenswichtiges anschaffen möchtet, und ihr habt die Mittel nicht dafür, dann müsst ihr diese auch entleihen, um zu dem Besitz zu kommen, der euer Leben erleichtert oder schöner gestaltet oder der für euch lebensnotwendig ist. Wenn ihr aber etwas entleiht, müsst ihr dafür auch Zinsen zahlen; ihr habt auch eure Abgaben zu entrichten. Und so ist es in der göttlichen Welt. Man entleiht etwas von dieser wunderbaren Liebe. Und wenn ich von diesem Entleihen spreche, dann ist damit ja nichts anderes gemeint als das Bemühen des Menschen, sein Eifer, der dahin gelenkt wird, das in Besitz zu bekommen, was ihn geistig fördert und nach dem es ihn verlangt. Es verlangt ihn nach wirklicher Gerechtigkeit; es verlangt ihn nach höherer geistiger Liebe, und es verlangt ihn nach Entfaltung. Hat er sich als Mensch auf diese Weise dem Göttlichen zugewandt und haben sich seine Mühen gelohnt, dann hat er durch diese Gerechtigkeit und diese Liebe ganz bestimmt etwas abgetragen. So wird er, wenn er in die Geisteswelt zurückkommt, einen schöneren, einen besseren oder würdigeren Platz erhalten.

Er trägt nur ab. In der Jenseitswelt gibt es kein Geld, man zahlt niemandem etwas in dieser Art und Weise, wie es bei den Menschen üblich ist. In der Jenseitswelt wird das Ganze auch viel genauer betrachtet. Hat man etwas Gutes getan, nur um daraus Vorteile zu bekommen, oder hat man es aus der Gesinnung heraus getan, einen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen, dann zählt es nicht. In der geistigen Welt ist alles so exakt und genau.

Wer ist es denn überhaupt, der dieses Erdenleben auf sich nehmen muss? [Es sind die einst aus dem Himmel gestürzten Geschöpfe, die nun in ihrem Aufstieg von Leben zu Leben ihrer Heimkehr entgegengehen.] Das Erdenleben ist doch eine Bürde für einen jeden. Der eine trägt schwerer an dieser seiner Lebensbürde, ein anderer vermag es leichter zu tragen. Aber diese Bürde kommt ihm zu Recht zu. Er hat eine Schuld auf sich geladen, und er muss nun alles wieder in Ordnung bringen können. Er muss versuchen, alles so zu gestalten, dass er doch mit der Zeit wieder eingefügt wird in die wahre Liebe und in die wahre Gerechtigkeit Gottes.

Und wie schwer und wie lang ist der Weg des Menschen! Da lebt einer mit Sorgen und Problemen; wie manches macht er falsch, wie oft strauchelt er in seinem Leben, wie oft ist seine Gesinnung falsch, wie oft spricht Neid aus ihm, Geiz sogar, Stolz, Unbescheidenheit, Rechthaberei – und wie diese Untugenden alle heissen mögen. Das alles ist eine Belastung für die Seele und erfordert die Wiedergutmachung, die Reinigung.

Kommt der Mensch zurück ins geistige Reich, wird er empfangen von jenen, die ihm zugeschrieben oder zugetan sind, in deren Welt er gehört, in deren Kreis, in deren Familie er eingegliedert ist; von jenen Wesenheiten wird er empfangen, von Angehörigen, die ihn vorübergehend begrüssen dürfen, die vorübergehend eine Zeit mit ihm verweilen und ihm die Himmelswelt erklären. Der Unwissende und Ungläubige wird über diese Gotteswelt ins Staunen geraten. Er muss einsehen, wie besitzlos er ist und wie schwer er sich belastet hat. Es ist für ihn nicht besonders erfreulich, in diese neue Welt einzutreten, wenn er erkennen muss, dass er so vieles falsch gemacht hat. Schwer wird es sein für jene, die – und jetzt meine ich das wörtlich in eurem Sinne – ein schönes, bequemes Leben gehabt hatten, sich vergnügten, ein schönes Haus und alles, was sie sich wünschten, besessen hatten. In der jenseitigen Welt sind sie getrennt von alldem und von jenen Freunden, mit denen man sich so gut verstanden hatte, weil sie einen in den Ansichten unterstützten, weil sie in derselben Gesinnung waren. Nun sind sie nicht da, diese Freunde; sie sind noch im Menschenkleid – welche von ihnen mögen auch schon in der Jenseitswelt sein, aber man begegnet ihnen nicht. Man ist in einer fremden Welt; fremd ist sie einem, und man vermisst den Besitz, von dem man glaubte, dass er einem gehöre. Ich sagte: Nichts besitzt der Mensch, auch nicht das Vermeintliche, von dem er meinte, sagen zu können: “Das ist mein.” Nein, nichts ist mehr da; irdische Materie nimmt man nicht in die geistige Welt hinüber, irdische Materie wird nicht zu geistiger Materie in dem Sinn. Nur das, was sich aus dem Gottesfunken im Menschen heraus entfalten und verwirklichen kann, wird seinen Bestand haben. Nur das wird sichtbar werden, was man im menschlichen Leben geistig verwirklicht hat. Doch das, was man im menschlichen Leben geistig verwirklicht, sieht man meistens nicht. Man sieht nicht die Güte, die Aufopferung eines Menschen.

Der Mensch ist sich gewohnt, mit seinen irdischen Augen die Dinge zu betrachten. Er ist sich gewohnt, die Sachen zu betasten, zu besitzen, Besitz zu ergreifen davon. Nach seiner Einkehr in die Jenseitswelt ist nun plötzlich nichts mehr von alldem vorhanden. Vielleicht erhält er einige trostvolle Worte von erhabenen Wesenheiten, die ihn wegen eines guten Werkes oder wegen mehrerer guten Werke rühmen und ihm voll Freude erklären: “Du wirst den wahren Glanz erleben dürfen. Noch geht es eine Zeit. Noch hast du einiges in Ordnung zu bringen. Noch hast du in der Jenseitswelt einiges zu erarbeiten, etwas von deiner Schuld abzutragen, etwas von dem, was du dir geliehen hattest, zurückzugeben, indem du dich geistig betätigst.”

Nun kommt es auf die Führung der göttlichen Wesen an. Es kommt auf die geistige Verwandtschaft an, die man hat, und auf die geistigen Freunde – nicht die menschlichen Freunde, sondern die geistigen Freunde aus früheren Leben, aus dem Zusammenleben in der Geisteswelt, mit denen man Freundschaft geschlossen hatte, weil man sie als Angehörige aus der eigenen [geistigen] Familie wiedergefunden hat und sich mit ihnen zusammentun darf. Wie wertvoll ist es, wenn diese wahren geistigen Freunde und Angehörigen schon näher dem Lichte stehen und dem Zurückgekehrten Ratschläge und Hilfe geben können, wenn sie sich bereit erklären, zu ihm hinabzusteigen, und gemeinsam mit ihm eine Arbeit auszuführen beginnen, ihm bei dieser Arbeit helfen und auf diesem Wege auch versuchen, ihm etwas von den Gesetzen Gottes und überhaupt etwas von der Himmelswelt darzulegen und zu erzählen.

Wie wertvoll ist es für einen Zurückgekommenen, wenn seine Angehörigen und Freunde solche göttlichen Wesen sind, die bereit sind, mit ihm in sein Gemeinschaftshaus zu treten, wo so viele beisammen sind, die in gleicher oder ähnlicher Art belastet sind und jeweils genau zur selben Zeit das Haus verlassen und ihrer Tätigkeit im geistigen Reiche nachgehen müssen. Wie wertvoll ist es für einen Zurückgekommenen, wenn diese göttlichen Wesenheiten bereit sind, das einfache Geistesleben mit ihm zu teilen, und mit ihm auch dorthin gehen, wo es weniger angenehm und weniger schön ist, wo die Arbeit beschwerlich ist, und sie versuchen, diese mit ihm zu vollbringen. Welch ein Trost und welche Gnade für einen Zurückgekehrten, der diesen Beistand erleben darf! Dies alles liegt in der Gerechtigkeit, und keines kann sagen: “Warum wird diesem diese Hilfe zuteil, und mir wird sie versagt?” Die Gerechtigkeit und das Gesetz wird gleich offenbar werden, man wird ihm den Grund sagen: “Du hast die Gnade nicht verdient. Du bist nicht würdig dafür geworden. Hättest du in jenem Falle anders gehandelt, dann hättest du etwas von der Gnade erworben; du hättest etwas erreicht, um Beistand zu bekommen. Aber so, wie du gehandelt hast, darfst du es leider nicht erhalten.” Einem jedem wird genau das gegeben, was ihm gehört. Keiner hat zu Unrecht zu leiden oder zu lange in der Läuterung zu verweilen, keiner. So mächtig und so gewaltig sind Gottes Liebe und Gerechtigkeit.

Von jedem, der sich um den Aufstieg zu diesen Höhen bemüht, wird doch verlangt, von einem Leben zum andern grössere Leistungen zu vollbringen. Vielleicht besteht für einen die Möglichkeit, sich in der Jenseitswelt aufwärtszuentwickeln; vielleicht öffnet man ihm dort eine Tür zu jenen himmlischen Ebenen, wo die Wesenheiten in ihrer Entwicklung so weit sind, dass sie nicht mehr ins Erdenleben treten müssen, aber doch noch der weiteren Belehrung und Läuterung bedürfen. Dort [in der geistigen Parallelstufe zur Erde] leben auch welche, die sich beim Abfall nicht so verschuldet hatten und nie in ein menschliches Dasein treten mussten. Sie dürfen ihren Aufstieg in der geistigen Welt machen, aber ihr Aufstieg in der Jenseitswelt dauert länger. Das Leben in jenen geistigen Ebenen kann auch sehr hart und schwer sein, auch wenn man nicht ins menschliche Dasein treten muss. Das Leben dort ist ebenso vielschichtig wie auf Erden, und auch dort walten Gerechtigkeit und Liebe. Keiner hat aus irgendeinem Grunde einen Vorzug. Gnade wird gegeben, wo es verdient ist. Wer würdig geworden ist, vermag Gnade zu erhalten. Auch in jener Welt ist also Gerechtigkeit.

Menschen, die ein Wissen darüber haben, dass es die Möglichkeit einer Aufwärtsentwicklung in der Jenseitswelt gibt, denken oftmals, dass dies doch angenehmer wäre, als in ein irdisches, menschliches Dasein treten zu müssen; sie würden doch lieber im Himmelreich bleiben. Dem ist entgegenzusetzen: Ein Mensch vermag in einem Erdenleben mehr zu erreichen als einer in der Geisteswelt in derselben Zeit – wenn ich einen Zeitvergleich machen darf, so braucht einer in der geistigen Parallelstufe etwa zwei- bis dreihundert Jahre, um denselben geistigen Punkt zu erreichen wie ein Mensch in einem einzigen Erdenleben. Ein Mensch hat es in seinem irdischen Dasein schwerer, aber dafür ist ihm die Möglichkeit des schnelleren Aufstiegs gegeben.

Um nicht falsch verstanden zu werden, sagte ich, dass jene geistige Welt so vielschichtig ist. Kehrt da ein Mensch aus seinem Erdenleben zurück, so kann ihm eine Tür aufgetan und erklärt werden: “Jetzt kannst du hier in der Geisteswelt verweilen, du brauchst nicht mehr in ein menschliches Dasein zu treten. Du kannst den Rest deines Aufstiegs bis zu deiner Vollkommenheit hier in der geistigen Welt durchschreiten.” Das kann möglich sein. Doch alles geschieht in gerechter Art und Weise.

Wie leicht neigt der Mensch dazu, sich zu überlegen und zu denken, dass er in einen Vorzug kommen könnte, wenn er dieses oder jenes tun würde; oder er lebt in der Vorstellung: “Das, was ich jetzt tue und sage, ist Gott gefällig und führt mich in die nächste Nähe Gottes.” Nein – hier haben Menschen nichts zu befehlen. Denn was ist denn schon der Mensch? Er befiehlt nicht. Man soll sich doch einmal diese Unendlichkeit vorstellen. Kommt einer aus dem Erdenleben zurück, kommt er in diese Unendlichkeit hinein – aber er hat seinen Platz, er ist nicht vergessen. Denn er ist Eigentum Gottes. Keiner geht verloren, keiner geht vergessen, denn er gehört Gott und nimmt in dieser Unendlichkeit seinen Platz ein.

Wie viele göttliche Wesen bemühen sich doch um den einzelnen Menschen hier in seinem Erdendasein. Mancher Geist bemüht sich um einen Menschen, und neigt dieser dem Göttlichen zu, dann hat er den Beistand des Göttlichen. Wendet er sich vom Göttlichen ab, wenden sich auch die göttlichen Wesen von ihm ab. Aber es ist doch wunderbar und trostvoll für den Menschen, zu wissen, dass er ein so kostbares Eigentum Gottes ist und dass er nicht vergessen und nicht verlassen wird und dass es viele Wege gibt, auf denen man es ihm ermöglichen kann, ins Vaterhaus zurückzufinden.

So könnt ihr euch auch eine Vorstellung machen von der grossen Tätigkeit dieser göttlichen Wesen, wenn sie sich mit allem befassen müssen: mit dem Aufstieg des Menschen, der da lebt, mit der Natur, die schläft, und mit der Unterwelt. Sie haben dafür zu sorgen, dass trotz allem Leid, trotz allem Weh dieser Welt die geistige Ordnung zusammenhält. Und die geistige Ordnung hält zusammen durch die Gerechtigkeit und durch die Liebe. Denn aus Liebe kam Christus in dieses menschliche Dasein, um den Menschen zu retten. Und Gerechtigkeit – die geistige Gerechtigkeit – ist überall gegeben und wird überall ausgedehnt. Denke nicht menschlich, denke nicht an das, was dir durch andere an Unrecht zugefügt wurde. Nicht davon rede ich, sondern von der wahren Gerechtigkeit Gottes, die auch zu dir und zu jedem Einzelnen gekommen ist. Denn diese Liebe und diese Gerechtigkeit hat einen jeden lebenden Menschen erfasst. Denn ein jeder ist durch Gottes Willen in dieses Dasein gekommen, und Gottes Geist und seine heilige Kraft ermöglichen ihm das höhere Denken. Durch Gottes Kraft, durch seinen Geist wird das höhere Denken im Menschen offenbart. Bei allem Guten, das er tun will und von dem er weiss, dass es seine Christenpflicht ist, es zu tun, wird er gestärkt von dieser Kraft Gottes; sein Wille zum Guten wird gefördert durch die Kraft Gottes, damit sich das entfalten und offenbaren kann, was in Gottes heiligem Willen ist.

Wenn da ein Mensch zu uns zurückkommt, der ganz ohne Gottesglauben von der Welt abgetreten ist, und in seinem früheren Dasein war er gläubig gewesen, er war vielleicht sogar in einem Kloster gewesen, doch in seinem darauffolgenden Leben hatte er keinen Glauben mehr – auch bei ihm muss doch alles genau gesondert und betrachtet werden. Der Betreffende wird in die Welt hineingeführt, die ihm gehört; und zwar wird es eine einsame Welt und eine einsame Zeit sein, die er zu erleben hat. Diese jenseitige Welt in ihrer Unendlichkeit ist kaum zu beschreiben. Ich kann sie euch nicht beschreiben, ich kann nur darauf hindeuten, dass ein solcher Zurückkehrender in eine geistige Einsamkeit, in eine geistige Wüste geführt wird, und er hat Hunger und Durst und macht sich auf die Wanderschaft. Er sucht nach andern, und er findet auch andere und tut sich mit ihnen zusammen. Dies allein ist schon eine grosse Gnade. Denn indem er andere findet und mit solchen ins Gespräch kommt, die schon länger in dieser neuen Welt sind, mag er durch diese doch manche Klärung erhalten. So kommt er schneller zur Auffassung, dass es hier eine Herrschaft gibt, der man sich zu fügen hat, und dass diese Herrschaft Gott heisst. Im Gespräch miteinander vermag man dann einander gegenseitig etwas aufzuklären und einander zu helfen, um diese Zeit der Bedrängnis zu kürzen. Aber er muss seine Last abtragen; denn er hat sich eine grosse Schuld aufgebürdet, und für diese Schuld hat er seinen Zins zu zahlen.

Der Gläubige soll sich darüber freuen, wenn er in einem tiefen Gottesglauben ist und Gottes Gerechtigkeit durch sich wirken lässt und selber auch göttliche Liebe auszuströmen vermag, göttlich lebt, so gut es ihm gelingt. Es lohnt sich. Der Zins, den er zahlen muss, wird geringer werden. Denn er hat ja Liebe nur entliehen, und auch Gerechtigkeit hat er – wenn er sie zum Ausdruck brachte – nur entliehen. Er selber hat ja nichts; Gott vermag es ihm zu geben. Aber jeder zahlt seinen Zins dafür. Der eine viel, der andere hat das Glück, weniger zahlen zu müssen, weil Liebe und Gerechtigkeit ein Stück von seinem Leben waren.

So, meine lieben Geschwister, habe ich für heute genug zu euch geredet, und ihr vermögt über all diese Worte nachzudenken, euch eure Gedanken darüber zu machen und euch zu fragen: “Wer bin ich denn?” Ja: Wer bin ich? Geschöpf Gottes, Eigentum Gottes. Gott ist der Herr über einen jeden. Über jeden wird Recht gesprochen, und wer es verdient hat, dem wird ein geistiges Leben voller Freude zukommen. Wer andern Freude bereitet, wer andere glücklich macht, dem wird auch Freude bereitet und der wird auch glücklich gemacht. Das ist Gottes Gesetz, das ist Gottes Ordnung. Und diese Ordnung sollte eben jedem Menschen in dieser Welt klar werden, denn das ist es: Durch die Ordnung Gottes wird die Welt zusammengehalten. Denn überlegt euch, wie sie aussehen würde, wenn jeder in dieser Welt machen könnte, was er wollte, wenn es so gelenkt würde, dass jeder tun könnte, was er wollte. Es ist noch genügend Einfluss des Bösen auf die Menschen da. Aber seid froh, denn alles muss seiner geistig höheren Entwicklung entgegengehen, und mag es noch so lange dauern: Die Ordnung Gottes hält die Welt zusammen, so wie sie ist.

So, liebe Geschwister, macht euch eure Gedanken darüber. Aber wendet euch dabei dem Göttlichen, dem Geistigen zu und nicht allzu sehr dem Menschlichen. So trete ich zurück, ich verlasse euch noch nicht. Ich habe meine Begleiter bei mir, und ich sende sie aus zu euch, damit sie euch begleiten und euch sicher nach Hause führen. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 20.2.1980 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Jeder Mensch ist Träger göttlicher Werte

Lene, 22. November 1978 (Ausschnitt)

Jeder Mensch ist Träger göttlicher Werte

Gerechtigkeit liess Gott walten seit Anbeginn. Im Schöpfungsplan, im Heils- und Erlösungsplan – überall sind die geistige Gerechtigkeit und Liebe Gottes zu erkennen.

Lene: Gott zum Gruss. Meine lieben Geschwister, ich begrüsse heute ganz besonders all jene, die von weit her angereist sind und sich auf diesen Abend vorbereitet und sich sehr darauf gefreut haben. Nun, ich versuche von der Gotteswelt aus meine Sprache zu sprechen und hoffe, dass ich von euch verstanden werde. Ich versuche mich einzufühlen in euch Menschen, dies ist eine Bedingung; wir müssen doch versuchen, den Menschen zu verstehen. Ich lebe in einer andern Welt, unter anderen Voraussetzungen, anderen Bedingungen; und so ist es nicht immer leicht, das andere zu begreifen und zu verstehen, das eben unter andern Bedingungen lebt und andere Voraussetzungen hat, und sich ihm verständlich zu machen. Darum sage ich auch: Ich spreche die Sprache des Geistes oder der Geister.

Nun, ich versuche eure Herzen zu erfüllen. Und ich möchte darauf hinweisen, dass es doch Menschen gibt, bei denen man sagen darf: Das ist ein herzensguter Mensch. Wenn man dieses von einem Menschen sagen darf, dann ist er doch wohl ein besonderer Mensch, oder es ist doch etwas Besonderes an ihm, er ist anders als die Mitmenschen im Allgemeinen. Denn so häufig sind sie ja gar nicht, diese herzensguten Menschen; aber es gibt sie, und sie zeichnen sich aus eben durch ihre Herzensgüte, ihre Herzenswärme, ihre Liebenswürdigkeit. Es sind tugendhafte Menschen, solche, die den Frieden lieben, die wohlwollend dem andern gegenüber sind, die immer Entschuldigungen haben für die Fehler der andern. Eben: Es sind liebenswürdige, herzensgute Menschen, die anders sind als die Menschen im Allgemeinen. So gibt es welche, von denen man dies sagen darf.

Wenn ich aber vom Menschen rede, von dieser Herzensgüte, die er hat, dann spreche ich den äusseren Menschen an; ich sage ja: Er ist ein herzensguter Mensch. Aber dieser herzensgute Mensch hat noch etwas: Er hat doch eine lebendige Seele. Und nun muss auch diese Seele diese Güte haben wie der äussere Mensch, der vergänglich ist. Ich rede jetzt vom inwendigen Menschen, ich spreche das Unvergängliche in ihm an, die Seele. Und die Seele kann ebenso gut sein wie der äussere Mensch; es kann dies ein seelenguter Mensch sein. Damit meint man auch einen friedfertigen Menschen, einen liebenswürdigen, wohlwollenden Menschen. Seelengüte, Herzensgüte – diese beiden Dinge verbinden sich miteinander. Spricht man vom herzensguten Menschen, dann spricht man den an die Welt gebundenen Menschen an. Spricht man vom seelenguten Menschen, dann spricht man das Inwendige an, das Lebendige Gottes, das Unvergängliche im Menschen.

Die Herzensgüte ist etwas, was vom Mitmenschen erlebt und geschätzt werden kann. Dieser weiss aber auch: Wenn der Herzensgute wie jeder Mensch einmal abtritt, dann wird er nicht mehr da sein. Seine Herzensgüte wird man vermissen, man wird ihn als Mensch überhaupt vermissen. Er ist vergänglich; dieses Vermissen des Menschen kann eine Zeit gehen, dann wird er auch vergessen werden. Vergessen werden wird das, was man einst sagte von seiner Güte des Herzens. Er hatte ja in einer Welt gelebt, die der Vergänglichkeit gewidmet ist, in der alles vergänglich ist. Spricht man aber das Lebendige an, dann überwindet man diese Vergänglichkeit; man macht einen Schritt in eine andere Welt hinein, in eine Welt, die man mit dem menschlichen Auge im üblichen Sinne nicht wahrnimmt, aber von der man ahnt, dass es sie gibt. Und wenn von der Seele gesprochen wird, muss sich ein jeder immer fragen: “Wie steht es um meine Seele, welche Werte habe ich wohl in meiner Seele?” Wir bezeichnen die Seele als einen Tempel Gottes, als einen Altar Gottes. Wir machen symbolische Vergleiche. Wir heben diese Seele dem Göttlichen entgegen, denn die Seele ist ja göttlich und hat Ewigkeitswert.

Den Sinn des Lebens muss man kennen, oder man muss sich nach ihm erkundigen. Hat man den Sinn des Lebens erfasst, dann weiss man auch, dass man noch für etwas anderes zu wirken hat als für diese vergängliche Welt – für etwas, was darüber hinaus Bestand haben wird. Man hat nicht nur seine Pflicht im täglichen Leben, seien es die Pflichten, die Eltern haben, oder seien es die Pflichten, die die Kinder gegenüber den Eltern haben. In der Seele ist etwas so Wunderbares, und wenn man sich darüber klar wird, erkennt man, dass man diese Werte erweitern und sie aufbauen kann, dass es aber wahrhaftig Werte sind, die man aus dem Innersten der Seele hervorholen kann.

Heute leben die Menschen in einer gehetzten Zeit. Sie finden kaum die Möglichkeit und die Ruhe, um das Innere zu erfassen, um nach innen zu leben, oder ich kann da sagen: um zu meditieren. Aber dieses “Meditieren” ist heute ein Wort, das – ich könnte fast sagen – missbraucht wird. Das übliche Meditieren im Allgemeinen, von dem heute gesprochen wird, hat mit dem wahren Sinn – so wie ich die Vorstellung habe, dass der Mensch meditieren soll – nichts zu tun. Will man sein höheres Ich erleben, ja dann muss man versuchen, einen Schritt in diese Ewigkeit, in das Unvergängliche hinein zu tun. Man muss versuchen, das Geistige zu erkennen, die geistigen Werte, die man hat; und man muss die Antwort oder die Möglichkeit finden, diese Werte zu nutzen.

Diese Werte, die in der Seele sind, sollten in der Schöpfung Gottes dem Mitmenschen zugutekommen. Darauf zielt eine höhere Meditation hin, würde ich sagen. Meditieren, nur um zu versuchen, seine äussere Persönlichkeit zu heben, das hat mit geistigem Wirken nichts zu tun. Hier versucht man in erster Linie für sich selbst etwas zu erreichen. Man will über sich selbst hinaustreten und den Blick haben in die Weite. Aber es geht mehr um Egoismus, um die eigene Persönlichkeit; man glaubt dann, damit anderes besser zu verstehen. Es mag vielleicht für den einen ein kleiner Fortschritt sein, wenn er seinen inneren Frieden findet in dieser Art Meditation. Man sollte sich aber immer fragen: “Was und wem nützt das, was ich tue? Nützt es nur mir selbst, um meine Persönlichkeit zu heben, oder kann ich mit diesem höheren Denken und mit diesem höheren Bewusstsein meine Umwelt erfassen, meine Mitmenschen verstehen? Kann ich meinem Leben einen höheren Sinn geben und aus dieser Erkenntnis heraus einen grösseren Nutzen für die Mitmenschen erzielen?” Wenn man versucht in die Weiten zu denken und sich zu entfalten, wird man unwillkürlich auch selbst davon profitieren.

In der Seele, so sie geöffnet ist, sind – und dieses sage ich symbolisch – wunderbare Quellen, Quellen, die fliessen. Aber es kann auch so sein, dass die Seele des Menschen nicht geöffnet ist. Das heisst, es strahlt aus dieser Seele, aus dieser Person keine Kraft, kein Licht heraus. Die Lebendigkeit der Seele sollte auch den äusseren Menschen erfassen und sollte mit ihm verbunden sein. Das Innere soll so stark sein, dass es auch das Äussere erfasst. In einer solchen Meditation kann man versuchen, solche Quellen zu erfassen.

Eine wunderbare Quelle ist die Quelle der Gerechtigkeit. Ehe man versucht, das zu begreifen oder zu verstehen, muss man sich darüber im Klaren sein, dass man in sich diesen göttlichen Funken hat, dass man etwas von Gott in sich hat, Träger von der Göttlichkeit ist. Wenn ihr versucht, im Geiste Gott in seiner Weisheit, in seiner Grösse, aber auch in seiner Gerechtigkeit, in seiner Liebe, in seiner Güte zu erfassen, dann muss es euch ganz klar werden, dass auch ihr Träger davon seid. Ein kleiner Funke ist den Geschöpfen gegeben worden, Gott schuf sie zu lebendigen Seelen; die Lebendigkeit kommt von Gott. Und diese Werte, von denen ich rede, diese Quellen, die in der Seele sind, müssen zum Fliessen gebracht werden.

Gerechtigkeit – Gott ist gerecht, er gab Gesetze. Und der Mensch hat die Möglichkeit, diesen Gesetzen nachzuleben. Dann erfüllt er auch Gerechtigkeit und kommt Gott näher. Gott hat es ermöglicht. Gerechtigkeit liess Gott walten seit Anbeginn. Wenn euch der Schöpfungsplan, der Heils- und Erlösungsplan bekannt ist, werdet ihr überall die Gerechtigkeit erkennen können. Gott wirkte und war schöpferisch tätig, schöpferisch wirksam aus seiner Gerechtigkeit heraus. Alles sollte diesen Atem der Gerechtigkeit in sich haben, überall. Bewusst wird ja diese Gerechtigkeit erst dem menschlichen Wesen, dem Wesen, das nach Gerechtigkeit verlangt und sich über Unrecht beklagt. Gerechtigkeit ist eine Quelle in der Seele eines jeden Menschen; denn er trägt von Gott den Funken in sich, der so klein ist, aber in seinem Leuchten von solcher Durchschlagskraft, was ihr kaum erfassen könnt. Denn Gott ist Licht, Gott ist Geist, aber er strahlt in seinem Lichte. Und dem Menschen sind doch weitere Möglichkeiten zur Entfaltung seines höheren Lebens gegeben. Er muss sich nach innen wenden, dem Ewigen zu. So ist es diese Gerechtigkeit, die wohl zum Bedeutendsten gehört in dieser Menschheit.

Aber es gibt weitere Quellen, und eine dieser weiteren Quellen, die von ebenso grosser Bedeutung ist und über die man zu meditieren hat, ist Dienst, ist Hilfsbereitschaft. Darin eingeschlossen sind Gnade, Verständnis, Barmherzigkeit – Verständnis für die Not des andern, Verständnis für das andere oder für das Leben des andern, den man zu begreifen und dem man den Beistand zu geben versuchen muss. Gott gab den Beistand, er gab ihn in der Zeit [nach dem Abfall], als die Wesen in grosser Not waren. Und dieser Beistand hiess Trost, Zuversicht. Man hatte zu ihnen von einer besseren Zukunft gesprochen, von Hilfe, die man geben würde.

Es mag sich nun der eine oder andere hier Anwesende seine Gedanken machen über diese Hilfe, über diese Bereitschaft. Gemeint ist immer der Dienst im höheren Sinne. Gott gab diese Hilfsbereitschaft, und diese Hilfe hiess doch: Erlösung, Befreiung aus der Not. Das sollte aber nicht bedeuten, dass dieses etwa von einer Stunde zur andern hätte erfüllt werden müssen. Gerechtigkeit steht in erster Linie, und die Gerechtigkeit hat auch die Strafe in sich. Was der Mensch falsch getan hat im Leben, kann nicht ungestraft bleiben; es wird die Strafe über ihn kommen, das ist in der Gerechtigkeit. Es soll aber eine Strafe sein, die dazu dient, seiner Seele oder seinem höheren Leben Besserung und Gewinn zu bringen – nicht Strafe aus Rache, nicht Strafe aus Boshaftigkeit und Vergeltung, sondern Strafe, die Heilung bedeutet, die Einsicht bringt mit der Zeit. Das ist etwas, was Menschen oft nicht begreifen und verstehen können: Gott straft nicht aus Rache. Nein, die Strafe, die dem Menschen zukommt, hat einen Sinn. Sie dient dazu, seine Seele zu heilen, ihn zu höheren Erkenntnissen zu bringen. Darin ist eine grosse Vielfalt, darüber liesse sich so vieles erklären und sagen – was damit gemeint ist mit dieser Gerechtigkeit, mit dieser Strafe, die verdient ist. Was der Mensch in seinem Leben falsch macht, unrecht tut, muss er wiedergutmachen. Es muss eine Wiedergutmachung geben. Wo wäre die Gerechtigkeit Gottes, wenn Menschen auf dieser Welt tun könnten, was sie wollten, wenn sie dem andern Schaden zufügten bei jeder Gelegenheit und ungestraft davongingen? So mögen Menschen denken, die nicht an eine Ewigkeit glauben, die meinen, man könnte in dieser Welt Dinge tun, die ungestraft blieben. Würden sie die Gesetze Gottes kennen und seine Gerechtigkeit, würde manches nicht getan werden.

Es ist doch gut, so zu Geschwistern reden zu können, ihnen zu erklären, welche Werte in der Seele sind und worauf in der Gotteswelt geachtet wird, was von Menschen gefordert wird. Wenn ihr an Christus denkt, wird es euch doch klar, dass er gerecht war und sich opferte. Er gab Beistand den Geschöpfen, damit sie wieder ein besseres Leben erhalten und zurückkehren in die Ewigkeit. [...]

Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 22.11.1978 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Der Geist der Wahrheit kündet von der Gerechtigkeit und der Liebe Gottes

Josef, 25. September 1971

Der Geist der Wahrheit kündet von der Gerechtigkeit und der Liebe Gottes

Es sind die von Christus ausgesandten Geister der Wahrheit, die den Menschen den Willen Gottes kundtun und sie über die geistigen Gesetze des Aufstiegs unterrichten. Sie erklären, was unter der Ordnung Gottes zu verstehen ist und warum zu seiner Liebe und Gerechtigkeit auch die Strafe gehört.

Josef: Gott zum Gruss. Meine lieben Geschwister, mancher hat sich schon gefragt, wie es denn möglich ist, dass der eine eine besondere Neigung zum religiösen Leben hat, während der andere ungläubig ist. Wieso neigt der eine zum Religiösen, und der andere will von Gott nichts wissen?

Die Antwort habe ich schnell gesagt, aber sie wird von euch nicht so schnell verstanden. Wenn ich darauf die Antwort gebe, lautet sie: Das ist eine Sache der inneren, geistigen Entwicklung. Das ist eine kurze Antwort, doch sie wird von euch eben nicht verstanden. Wenn ihr religiösen Menschen begegnet, dann erwartet ihr von ihnen, dass sie geistig gehoben sind, dass sie durch ihre Religiosität Gott und seiner heiligen Geisteswelt näherstehen, als dies ungläubige Menschen tun. Dazu muss ich folgende Erklärung geben: Wenn von Entwicklung gesprochen wird, so sind damit verschiedene Stufen gemeint. In jeder geistigen Entwicklungsstufe kann es Wesen, Menschen geben, die ein grosses Verlangen nach dem religiösen Leben haben. Sie haben in sich eine Neigung zum Religiösen. Das religiöse Leben hat seine Entwicklungsstufen; das erlebt ihr ja unter euch Menschen selbst. Ihr kennt fromme, gottausgerichtete Menschen edlen Sinnes, und ihr kennt solche, mit denen ihr trotz ihrer religiösen Einstellung nichts zu tun haben möchtet.

Die Antwort, dass es eine Sache innerer, geistiger Entwicklung ist, ist sehr bedeutungsvoll, denn es gibt nur einen Geist der Wahrheit. Das ist eine ganz einfache Antwort. Aber es ist schwer, diesen Geist der Wahrheit zu bejahen, ihn anzunehmen, an ihn zu glauben. Denn aus Gott kommt dieser Geist der Wahrheit, und in diesem Geist der Wahrheit ist die wahre, echte Liebe, die Gerechtigkeit. Das alles ist im Geiste der Wahrheit, und er kann dem Menschen gegeben werden, wenn der Mensch bereit ist, ihn anzunehmen. Doch der Mensch hat dazu so viele Einwendungen zu machen. Sein menschliches Denken hindert ihn daran, diesen Geist der Wahrheit zu bejahen. Denn er hat seine eigenen Vorstellungen vom religiösen Leben, von Gott selbst. Wie viele Menschen glauben, nur für sich allein Gott in Anspruch nehmen zu dürfen. Es gibt religiös ausgerichtete Menschen, die nicht das Gleichgewicht des Glaubens besitzen, die kein abgeklärtes Wesen haben, weder innerlich noch äusserlich. Sie leben in einer von ihnen selbst aufgestellten Vorstellung und richten sich nach ihren selbst aufgestellten und ausgedachten Bedingungen aus, die allgemein für alle Gläubigen verbindlich sein sollten. Kurz gesagt: Unter gläubigen Menschen gibt es doch auch fanatische, einseitig ausgerichtete Menschen. Das könnt ihr immer wieder erleben. Und die Vergangenheit hat es euch mehr als genug gezeigt, dass man sich in der Religion nicht nach dem Geist der Wahrheit ausgerichtet hat. Denn wenn es einen Geist der Wahrheit gibt und man ihn bejaht, dann kann es nur einen Weg geben; dieser Weg ist klar und deutlich für jeden Menschen, und darin ist die wahre Gerechtigkeit und die wahre Liebe Gottes enthalten.

Auch religiöse Menschen beschäftigen sich zu wenig mit dem Geist der Wahrheit. Was ist denn gemeint mit dem Geist der Wahrheit? Es sind die Geister Gottes, die dem Menschen versprochen sind, dass sie sich ihm offenbaren, ihm den Willen Gottes kundtun. Aber der Mensch ist auf seine äussere Welt und deren Herrschaft ausgerichtet und will eben von dieser göttlichen Herrschaft, von dem Geist der Wahrheit nichts wissen. Die Menschen haben von der Liebe Gottes und seiner Gerechtigkeit ihre eigenen Vorstellungen. Dabei gibt es nur eine Liebe und eine Gerechtigkeit.

Es fällt ganz besonders in der Christenheit den Menschen schwer, zu glauben, dass man schon mehrere Male das menschliche Leben gelebt hat. Man will es einfach nicht glauben. Was sind die Gründe, die den Menschen dazu bewegen, es nicht zu glauben? Der Mensch ist es, der einfach sagt: “Das gibt es nicht, das glaube ich nicht.” Was hat denn der Geist der Wahrheit dem Menschen noch zu sagen, wenn der Mensch ihm vorschreiben will, was Wahrheit ist? Kann man es dann endlich begreifen, warum der Geist der Wahrheit sich nicht in dem Masse offenbaren kann, wie er es gerne möchte – weil es der Mensch eben gar nicht will? Er will den Geist der Wahrheit ja gar nicht hören. Er will in vielen Dingen klüger sein. Das sollte man doch auch berücksichtigen in der Religion, was Menschen Gott sozusagen vorschreiben.

Die Wissenschaft ist sich gewohnt, zu forschen, abzuwägen, zu messen und immer wieder zu prüfen. Und wenn es um religiöse Dinge geht, glaubt man, mit denselben Mitteln prüfen und abwägen zu können, wie man es bei den weltlichen Dingen tut. Doch das ist etwas, was sich die göttliche Welt nicht gefallen lässt. Ganz einfach, weil diese beiden Dinge nicht zusammenpassen – weil man nicht auf diesem Wege seine Seligkeit findet, indem man glaubt, genau zu überprüfen und abzuwägen. So soll man doch über diese Dinge etwas nachdenken, ob Gott sich gefallen lassen muss, den Menschen gefällig zu sein und sich auf die Art erkenntlich zu zeigen, wie der Mensch es ihm vorschreibt. Dabei lebt doch der Mensch im täglichen Segen Gottes. Ohne diesen Segen Gottes kann er nicht leben. Gott gibt ihm so viel an Bewundernswertem, an Herrlichkeit, dass es ihm zur Gewohnheit geworden ist und es ihm nichts mehr bedeutet.

Man muss den Geist der Wahrheit erflehen. Dieser Geist der Wahrheit erfüllt den Willen Gottes und nicht den Willen und die Wünsche der Menschen. Wenn es nun so vielen Christen schwerfällt, zu glauben, dass man schon mehrfach im Erdenleben weilte und seine Schulden und Lasten daraus mit in die jenseitige Welt hinübergenommen hat – warum wollen sie es nicht glauben? Denn dies ist sozusagen etwas Grundsätzliches im religiösen Leben des Menschen. Würde doch der einzelne darüber nachdenken, warum er dieses oder jenes Problem oder die Sorgen in seiner Familie oder mit sich selbst zu bewältigen hat. Er kann nur auf diesem Wege Antwort bekommen. Er muss also versuchen, diesen Geist der Wahrheit zu bejahen, und dann wird man auch in diese göttlichen Gesetze hineingeführt und lernt sie zu verstehen. Man lernt das Schicksal der Menschen zu verstehen, und man wird sich im Leben mehr Mühe geben, um es besser zu machen. Man wird nach dem hohen Sinn des Lebens trachten, weil man weiss, das Leben hier auf dieser Erde ist von grösster Kostbarkeit und von grösster Bedeutung. Das Leben jedes Menschen ist so etwas Kostbares, und jeder hat auf seine Art und Weise irgendwo etwas wiedergutzumachen. Denn wohl kaum einer ist so vollkommen und ausgeglichen in seinem Wesen. Wenn ich nun versuche, euch zu erklären, was es bedeutet, wiedergeboren zu werden, damit man es in einem zukünftigen Leben besser gestaltet, möchte ich dies an einem Beispiel tun. Wenn ein Mensch auf der Erde das vergnügliche Leben kostet, sich von Gott abwendet, so kann er seiner Seele nicht die Reife zuführen, die sie doch brauchen würde. Das menschliche Leben dient zur geistigen Reife. Diese geistige Reife erhält man von einem Leben zum nächsten. Lebt man hier auf der Erde und belastet sich und kommt man wieder zurück in die göttliche Welt, empfangen einen die Engel und stellen fest, es ist nichts Besonderes an Fortschritt geleistet worden. Was geschieht mit ihm? Zuerst wird man sich nach seinem Willen erkundigen und sich fragen, ob er guten Willens ist oder ob er in sich eine Boshaftigkeit besitzt. Ist jener, der in die geistige Welt zurückkommt, bösen Willens und hat er das, was er im menschlichen Leben als Belastung auf seine Seele geladen hat, aus Bosheit getan, dann wird es ihm nicht so gut ergehen. Er wird nach seiner inneren geistigen Reife, nach seiner geistigen Entwicklung, eingestuft. So nimmt er in seiner Welt seinen Platz ein. Was kann diese Welt einem bieten, der sich mit viel Boshaftigkeit durchs Leben geschlagen und belastet hat, der nur die Herrschaft der äusseren Welt anerkannt hat, der sich nicht nach der göttlichen Herrschaft erkundigt hat? Ein solcher hat sich – wie jener, von dem ich euch erzähle – eben belastet. Hatte er in seinem menschlichen Leben ein gesundes Denken, war seine Intelligenz so weit, dass man von ihm hätte erwarten dürfen, dass er sich auch mit andern Dingen befasse als nur mit den weltlichen – wenn man erkennt, dass es diesem Heimgekommenen nur darum ging, sein äusseres Leben zu leben und sich äusserlich zu bereichern –, dann wird man es ihm klarmachen: “Du wirst einen Weg vor dir haben, auf dem man dir die Möglichkeit gibt, dich um die göttliche Herrschaft zu kümmern.” Man wird ihm erklären, dass es eine Gerechtigkeit gibt, dass das Böse bestraft wird, dass die Gesetze Gottes so ausgerichtet sind, dass es den Geschöpfen Gottes ermöglicht wird, sich aufwärtszuentwickeln. Man wird ihm auch erklären, dass es für den einen wie für den andern gut ist, wenn man hart in sein Leben eingreift, damit er schneller vorwärtskommt.

So war es in diesem Falle mit diesem Menschen, der sich im Leben nicht bewährte. Ihm erklärte man in der geistigen Welt: “In deinem nächsten Leben wirst du behindert sein, du wirst nicht sprechen können, du wirst nicht gehen können wie andere. Dein Geist kann denken und überlegen, ist aber deiner Sinne nicht mächtig, und er kann nicht wie andere so im Leibe wohnen – er soll behindert sein und dadurch gedemütigt werden. Im Geiste aber wirst du alles mit anhören, was die Menschen von dir halten, was sie über dich reden. Du wirst mit den geistigen Wesen ins Gespräch kommen. Diese geistigen Wesen werden dir Belehrungen geben, sie werden dich aufmuntern, dir zusprechen. Du kannst erkennen, dass du im Geiste mit dem Geistigen verbunden bist, dass du einen Körper zu tragen hast, der dir eine Last ist, dessen du nicht mächtig bist. Doch weil du nicht als ganzer Mensch unter die Herrschaft der Welt kommst, wird dein Geist die Möglichkeit haben, sich mehr mit dem Geistigen zu befassen. Dein Geist wird das Schwere ertragen müssen, und mit der Zeit wird es ihm gelingen, es mit einer Erhabenheit zu tragen, weil der Geist Sinn und Zweck dieses Lebens kennt.”

Ist nun dieser Geist guten Willens, so wird er die Unterstützung von den geistigen Wesen erhalten, und er wird den Trost annehmen und bejahen. Befindet sich hingegen in der Tiefe seiner Seele Boshaftigkeit, Neid, Eifersucht, so werden diese Untugenden durch den Geist wirken können, und etwas von diesen Untugenden dringt durch den ganzen Menschen. Denn der Mensch kann sich den andern Menschen trotzdem verständlich machen. Er kann seine Ungeduld zum Ausdruck bringen, seine Unzufriedenheit. Doch trotz seiner Beschwerden, trotz seines Leidens kann er eine gewisse Güte zum Ausdruck bringen, eine gewisse Geduld, sogar Verständnis für sich selbst, für sein eigenes Leiden. Das alles ist eben die geistige, innere Entwicklung, die zum Vorschein kommt. Wenn nun dieser Mensch versucht, mit viel Geduld zu ertragen und anzunehmen, was ihm aufgebürdet ist, wird sein Geist dadurch etwas wiedergutmachen können. Dies wird ihm sozusagen immer wieder erklärt: “Vermagst du nun, deine schwere Aufgabe durchzustehen, wirst du dereinst wiedergutgemacht haben, womit du dich belastet hast.” So versucht man, mit dem Menschengeist zu reden.

Wenn man also einem Menschen begegnet, der auf diese Art und Weise belastet ist, so hört der Geist dieses belasteten Menschen wohl, was man ihm sagt. Er nimmt die Erniedrigungen an und erträgt sie, wenn er sich innerlich auf dem Wege zur geistigen Reife befindet. Ist er aber immer noch mit sich selbst in Unzufriedenheit, im Widerspruch, dann vermag er nichts zu bejahen und zeigt diese Boshaftigkeit.

Auch sind solche Menschen jenen Einflüssen ausgesetzt, die die Macht besitzen, über sie zu herrschen und über sie zu regieren. Ihr Geist sieht also niedere, böse Geister. Diese erkennen einen Menschengeist, der nicht voll und ganz Besitz nehmen darf von seinem irdischen Leibe, der nicht Macht hat darüber, und sie versuchen, ihn als Werkzeug zu benutzen. Aber dies kann nicht einfach aufs Geratewohl geschehen. Über Menschen, die auf eine solche Art und Weise belastet sind im Leben, stehen auch Geister Gottes und wachen über sie. Es kann sein, dass für jene belasteten Geister so gesorgt ist, dass sie nicht von niederen Wesen umfangen und als Werkzeug benutzt werden. Wenn im Plane solcher Menschen steht, dass das schwere Los, das sie zu tragen haben, für sie eine Läuterung sein muss und zugleich ein Gnadenakt, dann werden auch sie behütet und beschützt. Denn ein solcher Menschengeist soll einzig und allein beweisen, dass er fähig ist, die Erniedrigungen zu tragen, und dass er fähig ist – abgewandt von der irdischen Macht – sich auf diesem, seinem eigenen Wege Gott zu nähern. Die weltliche Macht ist an solchen Menschen nicht sehr interessiert. Ein solch beschränkter Mensch kann die Macht dieser Welt nicht auskosten, kann nicht in das vergnügliche Leben hineingehen, sondern er hat zu überwinden und zu verzichten.

So gibt es auf diese Art und Weise Läuterungen, Bestimmungen. Beim einen heisst diese Bestimmung: “Du sollst erniedrigt werden, aber du sollst behütet und beschützt sein.” Man wird Wache halten über ihn. Und ein anderer hat es nicht verdient, dass man ihn behütet und beschützt. Er ist jenen niederen Geistern ausgesetzt. Man kann einen solchen Menschengeist als williges Werkzeug benutzen. So sind es Bestimmungen und Bedingungen, die erfüllt werden.

Wenn man nun weiss, dass man solches in einem zukünftigen Leben zu erwarten hat, so wäre es doch sicher gut, wenn man für das höhere geistige Leben vorsorgen würde. Denn nach dem Tode wird der irdische Körper abgelegt, aber der Geist lebt weiter und tritt ein in die Ewigkeit. Er nimmt das in Empfang, was er sich in seinem letzten menschlichen Leben selbst zusammengestellt hat. Wenn man in einem Leben die Möglichkeit hat, sich nach dem Geist der Wahrheit auszurichten, so sollte man sich doch Mühe geben. Man sollte meditieren, und man sollte doch nach dem Willen Gottes fragen, nach seinen Wünschen. So betet doch jeder, der gläubig ist: “Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden” (Mat. 6, 10). Er bestimmt ja sogar selbst im Gebete zwei Örtlichkeiten: Himmel und Erde. Überall soll der Wille Gottes geschehen. Aber er widerspricht dem doch, wenn er sagt: “Das glaube ich nicht, und jenes glaube ich auch nicht.” Dann kann doch der Wille Gottes nicht geschehen.

So sollte es doch die Aufgabe eines religiös ausgerichteten Menschen sein, das Gleichgewicht in der Wahrheit zu finden. Der Geist der Wahrheit sollte ihn so umfangen, dass er verstehen lernt, was mit der wahren Liebe Gottes und seiner Gerechtigkeit gemeint ist. Denn gerade diese wahre Liebe Gottes straft. Die Gerechtigkeit Gottes ist es, die dem einen wie dem andern diese Schicksale zuführt, weil es zu seinem eigenen Heile ist. Immer soll man sich überlegen: “Was bringt mir die Zukunft, wenn ich mich auf diese oder jene Weise ausrichte?” Denn der Mensch lebt ja hier in einer Welt, in der er auf der einen Seite unter der Herrschaft dieser Welt steht, und auf der anderen Seite gehört er gesinnungsmässig dem Reiche Christi an. Dem Reich Christi angehören heisst den Geist der Wahrheit entgegennehmen, dem Geist der Wahrheit sein Ohr schenken, denn er hat wahrhaftig einem jeden vieles zu sagen.

Jeder Mensch denke über sein eigenes Leben, das er lebt, nach, wie tief seine Religiosität ist, welche Stufe er einnimmt. Ist er ein fanatisch religiöser Mensch? Ist er ein Mensch, der Gott die Bedingungen vorschreibt, was er der Menschheit zu geben hat, wie er sein soll, wie die geistigen Gesetze sein sollten? Es gibt doch so viele Gläubige, die diese Meinung haben und die von sich aus ihren eigenen Weg gehen und behaupten. Das ist nicht der Geist der Wahrheit, der auf ihnen ruht. Denn der Geist der Wahrheit ist harmonisch, er ist ausgeglichen, er ist gerecht.

Der Geist der Wahrheit muss verstanden werden. Man muss nach ihm suchen. Im Allgemeinen hat er sich zurückgezogen, denn man will ihn ja nicht. Ihr seid auch nicht davon begeistert, wenn ihr einem Mitmenschen eine Erklärung gebt, die auf Wahrheit beruht, und er diese Wahrheit leugnet und entsprechende Äusserungen macht. Was macht ihr? Vor solchen Menschen zieht ihr euch zurück. Ihr wollt mit ihnen so wenig wie möglich zu tun haben, denn sie schenken euch kein Gehör. Sie leugnen die Wahrheit, die ihr sprecht. So ist es mit der Geisterwelt Gottes. Was hat sie unter der Menschheit zu suchen, wenn man sie leugnet, wenn man sie verleugnet? Da hat sie nichts zu suchen. Sie wendet sich gerne jenen Menschen zu, die ihre Herzen und ihre Seelen für den Geist der Wahrheit öffnen. Es gibt nur einen Geist der Wahrheit, weil es nur einen Gott der Liebe und nur einen Gott der Gerechtigkeit gibt. So richtet sich alles auf diesen allerhöchsten Geist aus. Deshalb solltet ihr, liebe Geschwister, versuchen, euch nach dem Geiste der Wahrheit auszurichten, ihn zu erflehen. Man muss manchmal lange darum bitten, bis der Geist der Wahrheit mit seiner ganzen Kraft die eigene Seele erleuchtet.

Nun, liebe Geschwister, habe ich euch diese Stunde genug erklärt. Versucht, diesen Geist der Wahrheit zu erflehen, und vergesst nicht, dass es nur einen Geist der Wahrheit gibt. Dieser Geist der Wahrheit enthält Gottes wahre Liebe und wahre Gerechtigkeit. Sie strömt über die ganze Geisterwelt Gottes aus und umfasst die ganze Geisterwelt Gottes. Aus Gott strahlt sie aus, diese Liebe, diese Gerechtigkeit, und in dieser Wahrheit wirken die ihm ergebenen Geister. In dieser Wahrheit versuchen sie, sich euch zu nähern. Denn sie möchten euch führen in die Himmel hinein, und sie möchten euch nicht sagen müssen: “Ein schweres Leben wird dir bevorstehen. Ich werde im nächsten Leben mit dir eine schwere Aufgabe zu erfüllen haben.” Nein, erhabene Worte sollen an euer geistig Ohr klingen, wenn ihr dereinst zurückkommt. Man soll euch loben um eurer Tapferkeit willen, eurer Ehrlichkeit willen, eurer wahren geistigen Grösse willen. Dann soll sich niemand vor jener Stunde ängstigen. Wir wollen uns mit euch freuen, denn eine schönere Zeit kann beginnen – kann beginnen, wenn man zu Lebzeiten als Mensch die Vorbereitungen getroffen hat für das wahre, religiöse Leben, das in Harmonie auf Gott ausgerichtet ist und das in der Harmonie die Gerechtigkeit, die Demut, die Bescheidenheit kennt. Denn ohne sie gibt es keine göttliche Hingabe.

Nun, liebe Geschwister, haben doch sehr viele von euch eine erbauliche Woche vor sich, und so werdet ihr von den göttlichen Wesen begleitet zu diesem Orte hin [Meditationswoche 1971 in Flims Waldhaus]. Sie werden euch helfen, euer Innerstes zu erbauen, damit ihr gestärkt wieder zurückkehren könnt. Aber ihr müsst schon heute mit den Vorbereitungen beginnen und euch abwenden von all dem, was euch an die Welt bindet und das Leben schwer gestaltet. Erhebt euch im Denken mit eurem Herzen, mit eurer Seele in eine andere Welt hinein – in eine Welt, die versucht, euch zu verstehen und euch Trost zu spenden; in eine Welt, die euch den Weg zeigen will für das zukünftige Leben. So möge der Segen Gottes euch alle begleiten, behüten, beschützen und stärken. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrer Josef vom 25.9.1971 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Fragen und Antworten

Fragebeantwortungen aus den Jahren 1950, 1951, 1952 und 1958

Fragen und Antworten

Lieber Josef, man sagt: “Gott ist ein Gott der Liebe”, und doch steht in der Schrift: “Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen” (Heb. 10, 31).

Josef: Meine lieben Freunde, niemand, der seine Aufgabe im Leben erfüllt hat, braucht davor Angst zu haben, sondern nur eine Seele, die schuldbeladen in die geistige Welt eingeht. Für sie ist es das einzig Richtige, dass sie in die Hände des lebendigen Gottes kommt, weil durch diesen Gott der Liebe und der Gerechtigkeit über jede einzelne Seele die wahre Gerechtigkeit ausgegossen wird. Denn jede Seele wird das zu ertragen und gutzumachen haben, was sie wahrhaftig verschuldet hat. Darüber richtet nur unser gütiger Gott, der übrigens nie in der Weise über den Menschen urteilt, wie er es wirklich verdient hätte.

Hier könnt ihr sehen, wie die Menschen sofort geneigt sind, diesen gütigen Gott nicht als gütig zu betrachten. Dies tun sie, weil sie den Heilsplan Gottes nicht kennen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Menschen die Belehrungen, die sie erhalten, in sich aufnehmen. Es ist sozusagen auch eine Bedingung, dass der Mensch das Karma anerkennen und wissen muss, dass er nicht ungestraft von dieser Welt wegzieht, wenn er solche Schulden hinterlässt. Alles muss gutgemacht werden, und jeder Seele ist Gelegenheit gegeben, in einem weiteren Leben wiedergutzumachen. Dies kann nur von einem gerechten und gütigen Gott befohlen werden. (1.6.1952)

Lieber Freund Josef, im Evangelium nach Matthäus gab Jesus das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberge (Mat. 20, 1–16). Danach vergleicht Christus das Himmelreich mit einem Hausvater, der zur dritten, zur sechsten und zur neunten Stunde ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg zu mieten. Am Abend erhielten aber alle denselben Lohn. Es scheint mir der sozialen Gerechtigkeit zu widersprechen, dass die Arbeiter, welche die Last des ganzen Tages getragen haben, nicht mehr erhalten. Es befriedigt mich nicht ganz, wenn der Hausvater sich einfach auf seine Güte beruft. Kannst du dazu etwas erklären?

Josef: Ja, liebe Freunde, dies ist euer aller materielle Einstellung. Diese Bilder, die Christus gab, sind wirklich Bilder mit geistiger Bedeutung. Ihr aber betrachtet und empfindet sofort materiell. Es ist aber ein geistiges Bild, das bedeutet, dass auch derjenige, der zur letzten Stunde kommt und den Weg zu Gott findet, dementsprechend Aufnahme und Erhörung findet. So ist dieses Bild nicht im materiellen, sondern im geistigen Sinne zu erfassen. Denn ihr vergesst in eurem materiellen Denken, dass alle Menschen Kinder Gottes sind und dass Geister Gottes auf jeden Menschen dieser Erde warten – ganz gleich, was er für ein Leben führt – und dass sie sich freuen, wenn einer noch zur letzten Stunde den Weg zu Gott findet, und dass Gott bereit ist, ihm sogar in der letzten Stunde zu verzeihen.

Das heisst aber nicht, dass dieses Vergelten immer in gleicher Weise geschehen wird, sondern in allen Dingen sind die Liebe und Güte Gottes einer jeden Seele gegeben, auf welcher Stufe sie sei, auf welchem Wege sie geht, welche Arbeit sie tut. Für jeden sind Liebe, Güte und Gnade bereit. So wisst ihr auch, dass jede Seele gemäss ihrem Lebenswandel dann alles zurückzuzahlen hat, was sie verschuldet hat, und dass ihr dieses Bild in geistiger Weise verstehen müsst. Das heisst, dass Gott bereit ist, seine Liebe und Gerechtigkeit einer jeden Seele zu geben. (1952)

Lieber Bruder Josef, in der Bibel steht: “Im Himmel wird mehr Freude sein über einen, der Busse tut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Busse nicht bedürfen” (Luk. 15, 7). Nun glauben wir aber, dass auch die Guten ihr Leben lang dem Bösen ausgesetzt sind und dagegen ankämpfen müssen. Uns scheint es da nicht ganz gerecht, dass über jene mehr Freude sein soll, die ihr Leben lang nichts Gutes getan haben und erst im letzten Moment Busse tun.

Josef: Mein lieber Freund, dies mag eine Auffassung von euch Menschen sein. Ich kann nur sagen: In der geistigen Welt ist eine solche Gerechtigkeit und Ordnung, dass die Freude über eine gute Seele, die das ganze Leben hindurch gekämpft und viel überwunden hat, doch auch gross ist und dass einer solchen Seele grosser Jubel gegeben wird.

Nun, meine Freunde: Wenn eine Seele in Disharmonie lebt und wohnt, das heisst, dass in ihr wirklich die Hölle ist und um sie die Hölle für die Menschen, wenn also im Ausdruck eines solchen Menschen die Hässlichkeit und die Hölle sind, da er doch von Gott so weit entfernt und eine tüchtige Kraft dieser düsteren Mächte ist, fähig, so viele andere zu umgarnen – wenn nun ein solcher Mensch plötzlich umkehrt und zur Einsicht kommt, dass sein ganzes Leben eine grosse Sünde war, und er wirklich reuig zu Gott geht – hört, meine Freunde: wirklich und wahrhaftig reuig zu Gott geht –, dann ist dies etwas Grosses. Denn mancher Mensch glaubt, reuig zu sein, aber die Reue ist doch nicht so gross.

Denn Gott wird solche Menschen unbedingt prüfen, ob sie wirklich standhaft sind, ob sie ihm nun wirklich die Treue halten werden. Ist diese Prüfung dann bestanden, so ist wahrhaftig grosse Freude im Himmel über einen solchen Menschen, der Busse tut. All die Engel in der geistigen Welt, die dies erkennen können, sind von grosser Freude erfüllt, wieder eine Seele gewonnen, wieder eine Seele den Klauen dieser düsteren Mächte entrissen zu haben.

So könnt ihr diese wahre Gerechtigkeit und Liebe erkennen, die in der geistigen Welt herrschen und die erkannt werden von allen Wesen in den geläuterten Sphären. Sie haben grosse Freude, dass ein solches Wesen in das Haus Gottes, in die geistige Welt, einkehren kann.

Ihr versteht die Worte dieser Bibelstelle eigentlich nicht ganz richtig. Es wird nicht den Wesen im Besonderen diese Ehre zuteil; es wird wohl gelobt, aber der grosse Jubel gilt nicht besonders dem Geschöpf, sondern es ist eine allgemeine Freude. Alles freut sich. Und auch dieses Wesen, das den Weg gefunden hat, freut sich mit.

Daher, liebe Freunde, sage ich euch: Die geistige Welt ist die Welt der Ordnung und der Gerechtigkeit. Keine Seele, die gut auf Erden war, kommt in ihrer Freude zu kurz. Aber die Freude über ein solches Wesen, das den Weg gefunden hat, ist unter den Engeln und im Hause Gottes überall gross.

Es ist, als wenn in einer Familie ein Kind verloren ginge, das eigentlich nicht die Freude oder der Stolz der Familie war. Doch kam der Schmerz auch zu den Eltern, als sie das Kind suchen mussten, denn es gehörte zur Familie. Denn eine wirkliche Mutter oder ein wirklicher Vater wird in seiner grossen Liebe trotz aller Fehler, die ein solches Kind oder eben ein solcher Mensch begangen hat, bereit sein, es wieder aufzunehmen, und sich freuen, es wiedergefunden zu haben. Die Freude ist gross, es wieder zu besitzen, dort, wo es hingehört. (1951)

Wenn ein Mensch Existenzen anderer vernichtet, um sich dadurch zu bereichern, wäre es da nicht besser, wenn ihn die Gerechtigkeit Gottes schon bald erreichen würde und nicht erst in einem späteren Leben? Dadurch gäbe es wohl weniger Zweifler.

Josef: Ja, liebe Freunde, dies wäre wohl besser in dem Sinne, wie du es sagst. Doch, liebe Freunde, es kommt auch vor, dass Gott einem solchen Menschen seine Jahre kürzen lässt. Aber ihr sollt wissen, dass die Stunde des Todes eines jeden Menschen festgesetzt ist, dass aber auch in diesem Plane Änderungen vorgenommen werden können und die Gnade über den Menschen kommen kann, wenn er wirklich grosse Aufgaben erfüllt. Wenn er sich dieser Gnade wirklich würdig erweist, können ihm Jahre hinzugegeben werden; denn es kann von Gott für notwendig befunden werden, dass dieser Mensch noch länger zu leben hat.

Andererseits liegt es eben in der Gerechtigkeit Gottes, dass den Menschen freie Hand gelassen wird, auch jenen, von denen ihr glaubt, es wäre besser, dass sie schnell von dieser Erde abberufen würden. Seine Nächsten haben ihrerseits zu entscheiden, ob sie seine Ideen aufnehmen und sich von ihm führen lassen wollen. Es geht also noch um mehr als nur um diesen Menschen selbst, es kann auch zur Prüfung der anderen sein.

Wenn Gott es für notwendig erachtet, dass ein solcher Mensch von dieser Erde abberufen wird, dann wird es geschehen. Es geschieht aber nur durch ein besonderes Eingreifen Gottes, und das heisst: nur dann, wenn er es für notwendig findet. Wenn ihr eure heutige Weltlage überblickt, habt ihr doch schon so oft gedacht: “Wenn nur jene und jene Menschen abberufen würden!”

Ja, liebe Freunde, das ist euer guter Wille, dass dies geschehen möge. Aber wisst ihr, Gott will diesen düsteren Mächten seine wahre Gerechtigkeit zeigen, seine wahre Liebe; er will ihnen beweisen, dass die Menschen trotz aller niederen und düsteren Einflüsse doch frei und selbstständig den Weg zu ihm finden. Und so geschieht dies auf diese Weise. (1952)

Lieber Josef, es ist als ein gewisser Widerspruch empfunden worden, dass die menschliche Seele im Jenseits für ihre Verfehlungen während ihres Erdenlebens büssen muss, dass aber trotzdem diese früheren Verfehlungen in einem neuen Erdenleben ihre Auswirkungen haben können. Kannst du uns darüber noch Näheres erklären?

Josef: Ja, meine lieben Freunde, Gott hat die Dinge so wunderbar geordnet, dass viele Dinge sich von selbst nach diesen Gesetzen erfüllen. Und wenn der Mensch glaubt, dass es ungerecht sei, wenn er eine Schuld aus einem früheren Leben zu büssen hat, indem er sie noch in sein neues Erdenleben mitnimmt, obwohl er doch in der geistigen Welt schon eine Läuterung durchgemacht hat, so ist das so zu verstehen, dass die Läuterung dazu diente, ihn seiner niederen Begierden zu entwöhnen und seine Gesinnung zu ändern. Dann wird ihm Gelegenheit gegeben, in einem neuen Leben seine frühere Schuld abzutragen. Mit jedem Leben wird der geistige Zustand des Menschen besser, er wird reiner. Durch das Wiedergeborenwerden geht der Geist der Vollkommenheit entgegen. Denn mit jedem Leben erwirbt sich der Mensch gewisse Verdienste, der eine mehr, der andere weniger.

So hat auch ein Mensch, dessen Leben keine besonderen Verdienste aufweist, in seiner Lebensweise doch vieles hinzugelernt, das ihm für sein nächstes Leben von Nutzen sein wird. Und wenn Gott es so eingerichtet hat, dass der Mensch nichts mehr weiss von seinem früheren Leben, so liegt es in seiner Gerechtigkeit, dass kein Wesen im Wissen um seine Schuld ein neues Leben beginnen und aufbauen muss. Unbeeinflusst und aus freiem Willen muss der Mensch immer wieder aufs Neue beweisen, welchen Weg er gehen und ob er Gott zustreben will.

Heisst das so viel, dass, wer sich im jetzigen Leben gegen schlechte Charaktereigenschaften wehrt, davon im nächsten Leben nicht mehr belastet wird, und andererseits, wenn man seinen Untugenden freien Lauf lässt, ihnen einfach nachgibt, sie einem dann noch in das nächste Leben nachgehen?

Josef: Ja, wenn der Mensch eine Untugend aus ganzem Herzen und mit gutem Willen bekämpft, wird ihm das angerechnet. Wenn er aber gleichgültig, wie du sagst, über diese Dinge hinweggeht und sich keine Mühe nimmt, dieses oder jenes Übel zu bekämpfen, so muss er es im nächsten Leben gutzumachen versuchen. Es wird ihm wieder Gelegenheit gegeben, dasselbe überwinden zu lernen. (1952)

Lieber Geistfreund Josef, wenn ein Mensch wiedergeboren wird, so weiss er doch selbst nichts von seinem früheren Erdenleben. Wie kann er nun vermeiden, erneut Fehler zu begehen, wo er doch im Jenseits versprochen hat, sich zu bessern?

Josef: Dass der Mensch nichts davon ahnt, liegt in der Gerechtigkeit und in der Liebe Gottes. Denn bedenkt einmal: Wüsste einer darum, dass er vielleicht in seinem letzten Leben eine ganz hohe Stellung eingenommen hatte, vielleicht ein König gewesen wäre, würde er sich in diesem Leben immer noch als dieser König aufspielen und von den Menschen verlangen, dass sie ihm diese notwendigen Ehrbezeugungen geben. Andererseits: Ist einer ein Verbrecher und ein Mörder gewesen, und die Menschen müssten dies sehen, würden sie von ihm Abstand nehmen, und er hätte als solcher nicht die Möglichkeit, sich wieder einzubringen. Und er könnte in dieser Erkenntnis sogar selbst sein Leben beenden, weil andere Menschen ihm dieses Leben so schwer machen, ihn also im geistigen Aufstieg hindern. Hier macht Gott keinen Unterschied. Ein jeder hat die Möglichkeit, in den gleichen Erkenntnissen wieder von vorn zu beginnen. Und die Lehre Christi ist so verbreitet und wird dem Menschen nahegebracht. Und wenn er hinausblickt in all dieses wunderbare Geschehen, so muss er zu der Erkenntnis gelangen, dass es einen Schöpfer gibt und dass er sich aufmachen und anstrengen muss, wieder zu ihm zu gelangen.

Wenn ihr glaubt, dass dies von Schaden wäre, weil er nichts davon wüsste, dass er Versprechen für ein besseres Leben gemacht hätte, dann lautet hier wiederum die Antwort: Jeder Mensch betet zu Gott, dass er im Vertrauen und im Glauben an ihn gestärkt und erleuchtet werde, und jedem Menschen sind die Gebote Gottes klar und deutlich vorgelegt. Nach diesen Geboten und Gesetzen soll er leben. Sie sind für ihn der Wegweiser ins Leben. Denn in diesen Gesetzen heisst es, was du tun und lassen musst, dass du an Gott glauben sollst. Und wenn einer kein Vertrauen und keinen Glauben an Gott hat, dann erfüllt er schon nicht diese geistigen Gesetze. Und Gott hat es für jeden gleich eingerichtet: Jeder, der die Gelegenheit hat, in ein neues Leben hineinzukommen, soll wiederum von Neuem beginnen können – dies gilt sowohl für denjenigen, der in seinem früheren Leben ein Verbrecher und ein Mörder war, wie für jenen, der vielleicht als angesehener oder auch als frommer und edler Mensch gelebt hat. Für beide gelten dieselben geistigen Gesetze – jeder soll wiederum von Neuem beginnen.

Nicht nur diese geistigen Gesetze sind für die Menschen von grosser Wichtigkeit, sondern sie stehen ja auch der irdischen Gesetzmässigkeit gegenüber, und sie haben auch die irdischen Gesetze zu befolgen. Sie fliessen in gewissem Sinne ineinander hinein – nur sind die geistigen Gesetze viel gewissenhafter, viel feiner ausgearbeitet, und sie stehen jedem offen vor seinem Auge. (11.7.1958)

Ich bitte dich, lieber Geistfreund Josef, um mein Seelenbild und meine Aufgabe in diesem Leben.

Josef: Ja, lieber Freund. In deinem geistigen Feld steht ein wunderschöner Becher. Er ist aber aus Lorbeerblättern geformt. Der ganze Becher ist geformt aus zarten, schönen Lorbeerblättern. Der Rand des Kelches ist geziert mit kleinen Perlen.

Nun möchte ich dir sagen, dass das, was du heute erkannt hast, dass der Gedanke oder diese Ideen, die du jetzt erkannt hast, schon weitgehend in deinem letzten Leben in dir waren und auch der Wunsch nach dem, was du nun in diesem Leben aufgebaut hast. Du hattest dieses Streben schon in deinem letzten Leben. Du bist damals aber nicht ans Ziel gekommen, denn du hast viel Kraft gebraucht, um dich in deinem Leben durchzusetzen. Du warst damals ein Mann der Gerechtigkeit. Dies ist mit dir in dieses Leben hineingegangen, und in diesem Leben hast du darauf aufgebaut.

Deine Gedanken oder Ideen und das, was du schon einmal in kleinerer Form oder in kleinerem Mass aufbauen wolltest, sind dir nun gelungen, und zwar dank deiner Gerechtigkeit. Denn es ist immer so: Wenn Menschen ein Ziel erreichen möchten für das Gute, und es gelingt ihnen nicht, ans Ziel zu kommen, so sind sie noch nicht reif, und der Weg ist noch nicht frei für sie. Aber das Gute, das der Mensch aufbaut, geht nie verloren. So werden dann die Früchte in der Zwischenzeit ausreifen, und in seinem folgenden Leben wird er auch ernten dürfen von dem, was er schon vor vielen, vielen Jahren [im früheren Dasein] ausgesät hat.

So sind dir diese Lorbeerblätter gegeben, und es wird dir Kraft gegeben, diese noch weiter auszudehnen und zu entfalten. Denn diese Kraft liegt in dir, in deiner Gerechtigkeit, die in dir ist. Sie ist so stark, dass sie alles in dir erhellt und dir auch für deinen Körper die nötige Kraft gibt. Und zwar immer wieder etwas mehr, das heisst, von Jahr zu Jahr wird dir etwas von dieser Kraft gegeben für deinen Körper, als Dank für deine geistige Arbeit. (9.4.1950)

Heft 5/2026
Preis USD 4.00
21 Seiten, 21 × 29,7 cm