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Themen
Segnend seien deine Hände, heilig die Augen, der Mund – Wenn der Geistesleib Wunden trägt; von den Folgen innerer Unruhe und Hast – Wie der Mensch zu einer beglückenden Quelle für den Nächsten wird
Cover der Zeitschrift Geistige Welt, Heft 1/2019 zum Thema Der Leib des Menschen ist ein kostbares Gefäss
Geistige Welt 1/2019
Der Leib des Menschen ist ein kostbares Gefäss
Beschreibung

Als Geschöpf Gottes trägt der Mensch Heiliges in sich. In seinem irdischen Körper wohnt sein Geist, der aus der Ewigkeit kommt und von dieser Ewigkeit zeugen will. Doch wie oft nimmt die irdische Welt mit ihrem äusserlichen Glanz den Menschen gefangen und hindert ihn daran, nach den hohen Werten der Ewigkeit zu streben. Im ersten Vortrag dieses Heftes führt Geistlehrerin Lene aus, wie vieles der Mensch mit seinen Händen bewirken und durch seinen Mund sprechen kann, sei es zum Heil oder zum Schaden für sich und seine Umwelt. Im zweiten Vortrag berichtet Lene von einem heimgekehrten Menschen, der seiner Seele durch die Hetze nach materiellem Besitz Schaden zugefügt hat und dessen Geistesleib in der Jenseitswelt gesund gepflegt werden muss. Der dritte Vortrag dieses Themenhefts gibt eine Anleitung, wie man in der Meditation darüber nachsinnen kann, auf welche Weise man aus sich selbst Heiliges hervorbringt und damit zu einer beglückenden Quelle für den Mitmenschen werden kann.

Themenheft 1/2019: Der Leib des Menschen ist ein kostbares Gefäss

Inhalt
Segnend seien deine Hände, heilig die Augen, der Mund

Lene, 3. Oktober 1975 (Ausschnitt)

Segnend seien deine Hände, heilig die Augen, der Mund

Die Gotteswelt möchte den Leib des Menschen als ein kostbares Gefäss, als einen heiligen Tempel Gottes betrachten, in dem sie Wohnung nehmen kann. Denn dieser Leib ist aus der Ewigkeit entstanden, und das Ewige ist in ihm. Wie vieles kann der Mensch mit seinen Händen gestalten, mit seinem Blick und seinen Worten bewirken – sei es zum Heil oder zum Schaden für sich und seine Umwelt.

Lene: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, die Woche [Meditationswoche in Flims] geht dem Ende entgegen, und dieses Nahekommen von uns zu euch hat doch viele hier im Besonderen gefreut und beglückt.

Im Laufe dieser Woche durfte ich euch viele Kostbarkeiten darbringen. Gerne will ich annehmen, dass man es auch verstanden hat und mit all dem, was man in die Seele hineingelegt hat, auch vermag, zu Hause darüber zu meditieren. Es ist euch also Gelegenheit dafür gegeben. Ich habe euch den Himmel weit aufgetan und habe versucht, euch von der Schwere dieser Erde emporzuheben und im Geiste euch Geistiges erleben zu lassen. So war es doch mir eine Freude, dies alles euch darzubieten.

So wie ich euch betrachte, liebe Geschwister, möchte ich euch nämlich nicht nur im üblichen Sinne als Menschen sehen, die da einverleibt worden sind; sondern ich möchte vielmehr das Geistige in euch erkennen und den Geist, den aus euch wirkenden Geist. Den Leib, liebe Geschwister, den ihr ja in dieser Welt haben müsst, in dem ihr einverleibt seid, den möchte ich als einen Tempel Gottes sehen oder als ein kostbares Gefäss. Ich möchte des Menschen Würde erleben können, und ich möchte diese Menschenwürde, die man gegenseitig einander gibt, miterleben. Ich möchte den Menschen, der ganz besonders doch mit mir oder mit uns verbunden ist, als etwas Kostbares sehen, denn er soll wahrhaftig ein kostbares Gefäss sein. Er ist aus der Ewigkeit entstanden, und das Ewige ist in ihm, und kostbar soll das alles sein, was ewig ist. Dieses Wertvolle, dieses Kostbare am Menschen möchte ich sehen. Darum möchte ich den Menschen als ein göttlich Gefäss erkennen können. Ich möchte alles, was an ihm ist, als etwas Heiliges betrachten können; ich möchte beispielsweise sagen: Die Hände des Menschen sind nicht nur dafür da, um zu arbeiten. Die Hände des Menschen sind auch dafür da, um zu segnen. Unter diesem Segen verstehe ich natürlich nicht, dass man über irgendwelche Gegenstände oder sogar Menschen das Zeichen des Kreuzes macht und dann glaubt, auf diese Art und Weise könnte man den andern segnen. Das kann man auch, es kann seine Wirkung haben – aber nur dann, wenn der, der Segen spendet, selbst Segen in sich hat. Wenn er keinen Segen und keine Heiligkeit in sich hat, dann wären es nur leere Zeichen; denn wo nichts ist, kann man nichts geben.

Darum muss sich der Mensch um diese Heiligkeit bemühen. Ich möchte so gerne, dass eure Hände nicht nur zum Arbeiten benützt werden, sondern wahrhaftig zum Segnen. Unter diesem Segnen verstehe ich, dass man seinen Mitmenschen beglückt und in eine höhere Zufriedenheit bringt und ihm etwas von der Heiligkeit, die man in sich hat, weitergibt. Jeder soll sich darüber im Klaren sein, dass eben auch diese seine Hände wirklich zum Segnen sein sollen. Denn für was alles benutzt der Mensch seine Hände! Er gibt beispielsweise eine Unterschrift unter ein Dokument, das womöglich ihm selbst Vorteile bringt und dem andern Schaden. So viel Unreines wird gestaltet durch die Hände des Menschen.

Überlegt einmal, wie kostbar sie sind, die Hände; überlegt einmal, wie es aussehen würde bei euch, hättet ihr diese Hände nicht. Wohl müsst ihr euer Brot verdienen mit eurer Hände Arbeit, dies ist alles in Ordnung; aber Gott hat sie auch zum Segen gegeben und zum Segnen deiner Umwelt, in der du lebst. Sei dir also im Klaren darüber, dass du Geschöpf Gottes bist und Gott in seiner Weisheit dir diesen irdischen Leib gegeben hat; auch dein Leib soll kostbar sein, wie deine Seele kostbar ist. So kannst du mit deinen Händen auf die verschiedenste Art und Weise Glück verbreiten. Du kannst Menschen beistehen, sie aus ihrer Not befreien. Mit deinen Händen kannst du auch geben, dem geben, der besitzlos ist in dieser Welt. Deine Hände sollen heilig sein so wie deine Seele und sollen zum Segnen bereit sein.

Nun möchte ich auch auf deine Augen hinweisen. Ich möchte auch deine Augen als ein Licht Gottes sehen, das aus dir leuchtet. Deine Augen sollen heilig und strahlend sein. Du betrachtest mit diesem deinem Heiligtum deine Umwelt. Du machst dir über das, was du siehst, deine Gedanken. So sind sie nicht immer heilig, die Gedanken, die du pflegst, weil du mit deinen Augen dieses oder jenes entsprechend betrachtest, und du lässt Unheiliges über dich kommen. Gefäss Gottes, heilig sollen sie sein, deine Augen, und du sollst dir selbst Rechenschaft darüber abgeben, zu was du verpflichtet bist, wenn du dieses und jenes erblickst – ob du verpflichtet wirst, dich abzuwenden, oder ob du verpflichtet wirst, wenn du etwas siehst, dass es gut ist, wenn du wahrhaftig deinen Blick darauf lenkst. Wende deine Augen nicht von der Not des Mitmenschen ab; hinblicken sollst du, wenn es notwendig wird, denn heilig sind sie, deine Augen. Aus deinen Augen soll etwas vom ewigen Licht strahlen, und Liebe und Freundlichkeit sollen durch deinen Blick kommen und den Mitmenschen umfangen, denn heilig ist jedes Geschöpf, von Gott und seiner heiligen Geisteswelt aus gesehen. In die Unheiligkeit hinein stürzt sich der Mensch selbst durch sein nicht gottgefälliges Leben. Nicht unheilig darf er sein; heilig soll er sein, der Mensch, der mit der Geisteslehre verbunden ist, erhaben und gehoben über viele so menschliche Dinge.

Nicht unterlassen zu sagen will ich, was die Zunge des Menschen für eine bedeutende Rolle spielt. Boshaftigkeit, Lüge kommt aus dem Munde des Menschen, und er gestaltet sich, so er solches tut, unheilig, unheilig wird er. Wir vermögen einen solchen nicht als Gefäss Gottes zu betrachten. So kann man darüber meditieren.

Auch ist es dem gesunden Menschen gegeben, zu hören, was gesagt wird in der Umwelt. Dinge wird er vernehmen, an denen er seine Freude hat, und Dinge wird er vernehmen, die er nicht hören will, weil es ihm nicht gefällt. Soll das Gefäss Gottes, mit dem der ganze Mensch gemeint ist, etwas Heiliges sein, muss sich alles im Einklang befinden; alles am Menschen muss heilig werden. Und so gibt man ihm Gelegenheit im Laufe seines Lebens, sich im Geiste höher zu entwickeln und sein Denken ebenfalls heilig zu gestalten, denn dies alles muss miteinander in dieser Heiligkeit in Einklang kommen.

Der Wille und das Denken des Menschen sind so etwas Bedeutungsvolles. Er lenkt sich sozusagen selbst, durch seinen Willen behauptet er sich. Entweder ist er imstande, seine Heiligkeit zu fördern, das Gotteslicht, das in ihm strömt, mehr zur Entfaltung zu bringen, oder er lebt auf dieser Welt als ein Unheiliger, als einer, der sich von Gott entfernt und sich nicht um die Gesetze Gottes kümmert.

Es ist für einen jeden Menschen, der hier lebt, ein grosser Gewinn, wenn er imstande ist, zu dieser höheren Erkenntnis zu kommen. Denn es ist von grosser Bedeutung, wie er einst gelebt, ob in seinem Inwendigen die Wohnung Gottes war, ob er als ganzer Mensch als ein Tempel Gottes betrachtet werden durfte. Wenn ihr glaubt: “Ja das ist wohl etwas viel verlangt”, so mag dies sein. Aber ich bin doch mit euch in der Verbundenheit, ich komme zu euch, um euch zu erklären und zu sagen, wie ihr euch in dieser Welt verhalten müsst, um dereinst das Himmelreich für euch zu gewinnen. Es ist gerade mir daran gelegen, euch in der Geisteswelt da oder dort zu begegnen. Es ist meine grosse Freude dereinst, euch dann, wenn die Zeit gekommen ist, gegenüber zu sein und euch an den Platz hinzuführen, wo ihr eure Aufgaben erfüllen könnt, die euch glücklich machen. Ihr könnt in die Geisteswelt hinüberkommen und zu einer Tätigkeit verpflichtet werden, an der ihr kein Gefallen und somit auch keinen inneren Frieden habt, oder ihr könnt in der Gotteswelt eine solche Tätigkeit ausüben, die den Heimkehrenden besonders glücklich macht. Seid ihr mit uns verbunden, finden wir für euch die Wege zum hohen Glück, so ihr würdig seid, dieses Glück zu schätzen. Wir werden auch euch zu jenen Geschwistern hinführen, mit denen ihr gemeinsam im Glücke leben dürft.

So wie ihr hier auf dieser Erde oder in euren Bereichen, wo ihr lebt und wirkt, euren freien Willen zum Ausdruck bringen dürft und frei gestalten könnt, ist euch diese Freiheit ja auch in der Gotteswelt gegeben. Sie ist euch dann voll und ganz gegeben, wenn jene Anfangszeiten der Läuterung vorüber sind. Ihr werdet die Möglichkeit haben, im geistigen Reiche auf die Suche zu gehen und mit andern Geschwistern, mit denen ihr euch in Liebe verbunden fühlt, mit denen ihr euch glücklich fühlen könnt, gemeinsam in der Gotteswelt zu wirken, auch wenn diese Gemeinsamkeit noch nicht das vollkommenste Glück ist. Das heisst also: Hat man eine erhöhte Stufe seiner Entwicklung eingenommen, muss man sich noch an vieles anpassen in dieser andern Welt. Ihr sollt nicht meinen, nur allein diese Belehrungen, die ihr von mir und von uns bekommt, würden genügen, den ganzen Himmel für euch in Anspruch zu nehmen. So ist es nicht. Man wird ein jedes, das zurückkommt, zuerst an seinen Platz führen, und es wird ihm nachher Gelegenheit gegeben, eine Arbeit aufzunehmen, eine Tätigkeit in der Schöpfung Gottes auszuführen, bei der es sich innerlich beglückt fühlt. [...]

So soll das, was hier auf dieser Erde als etwas Heiliges betrachtet wird, gefördert werden. Und wer in sich selbst zu dieser höheren Erkenntnis gekommen, der bewahre seine Heiligkeit, von der ich gesprochen, damit wir ihn als ein kostbares Gefäss betrachten. Bleibe er heilig, und trage er nichts bei, um Unheiligkeit über sich kommen zu lassen. Tue alles, um heilig zu bleiben, zu werden.

Diese Worte, liebe Geschwister, sind Worte, die ich euch als Geist Gottes gegeben habe, dass sie verwirklicht werden in euch und ihr euch mit eurem Denken und Wollen nach oben wendet und ihr im Leben nie vergesst, dass eure Hände zum Segnen sind. [...]

Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 3.10.1975 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal der Parkhotels Waldhaus, Flims (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Wenn der Geistesleib Wunden trägt – von den Folgen innerer Unruhe und Hast

Lene, 21. April 1976

Wenn der Geistesleib Wunden trägt – von den Folgen innerer Unruhe und Hast

Geistlehrerin Lene berichtet in diesem Vortrag von ihrer persönlichen Betreuung eines heimgekehrten Menschen, der seiner Seele durch die Hetze nach materiellem Besitz Schaden zugefügt hat. Lene verhilft ihm zur Gesundung und lehrt ihn, in seinem Handeln und Sprechen göttliche Werte zum Ausdruck zu bringen. Sie überträgt ihrem Schützling schliesslich die Aufgabe und Prüfung, in ein Gemeinschaftshaus zu tiefer stehenden, streitbaren Geschwistern zu gehen, mit ihnen zu leben und ihnen als ein Wesen des Friedens Frieden zu bringen.

Lene: Gott zum Gruss. Meine lieben Geschwister, ich möchte mich diesen Abend, wie gewohnt, an euer Inwendiges wenden. Euer höheres Bewusstsein möchte ich ansprechen, fördern. Ich möchte nicht in erster Linie an den äusseren Menschen herantreten, denn ich spreche die Sprache des Geistes. Ihr Menschen redet aber die Sprache der Menschen – und zwischen der Sprache der Menschen und der Sprache des Geistes ist ein grosser Unterschied. Menschen, die sich miteinander unterhalten, reden über die Gesundheit oder über Krankheiten, sie sprechen über Politik, über Sport, vielleicht über Kunst oder Ähnliches – das ist die Unterhaltung und die Sprache des Menschen.

Mit der Hilfe der Geister Gottes kann ich euch im menschlichen Dasein den Beistand fürs geistige Leben geben. Ich bemühe mich darum, Helfer an meiner Seite zu haben, die den Weg zu euch Menschen finden und euch das im Leben zuführen, was für euch gut ist, was ihr für euer Leben braucht, und weit darüber hinaus bekommt ihr noch Dinge dazu. In erster Linie geht es mir um euer geistiges Befinden, um euren geistigen Fortschritt. Darum möchten ich und meine Helfer euch im Geiste fördern und euch all das zuführen, was euren Aufstieg beschleunigt. Unsere Gesinnung euch gegenüber ist edel und gut. Wir versuchen, alles Niedere, Böse von euch abzuwenden, so gut es uns gelingt. Wir möchten euch auf eine schöne Geistesstufe heben. Ihr erkennt nun, was mein Anliegen an euch ist.

Ich kann euch nicht behilflich sein bei euren Geschäften. Wenn ihr nicht fähig seid, eure Probleme selbst zu klären, und ihr um Lösung bittet, dann werden euch geistige Wesen helfen, an ein Ziel zu kommen, wenn ihr euch mit euren Dingen auseinandersetzt. Und wenn ich nun jene Geistwesen anspreche, die sich um eure familiären Angelegenheiten kümmern: Es sind gewöhnlich Verwandte, die sich in der Jenseitswelt befinden, also solche, mit denen man auf Erden in Verwandtschaft gelebt hatte, oder vielleicht sogar nur Freunde. Solche kümmern sich viel mehr um das menschliche Wohlbefinden. Ihnen ist es gestattet, da und dort Beistand zu geben, doch alles im Rahmen des Erlaubten. Es soll so weit geholfen werden, dass nicht nur dem äusseren Menschen geholfen wird, sondern auch dem inwendigen.

Liebe Geschwister, ich möchte euch heute erzählen, wie ich einem geistigen Wesen begegnet bin, um was es mich gebeten hat und wie ich ihm meine Dienste anerboten habe. Ich zeige euch, wie ich ihm beigestanden bin und über was ich mit ihm gesprochen habe. Dies alles könnt ihr nun vernehmen. Versucht auch, das Geschilderte auf euch anzuwenden, um so euer eigenes äusseres Leben etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Bei meinen verschiedenen Besuchen begegnen mir auf den Wegen, die ich gehe, da und dort bittende Geistwesen. Die einen werden mir sogar zugeführt, andere suche ich mir selbst aus, und wiederum andere werden nicht zu mir zugelassen, man führt sie von mir weg. Also könnt ihr auch hier sehen: Wer würdig ist, dem kann geholfen werden, und dem wird auch in der Geisteswelt der Beistand gegeben, den er verdient.

Ich berichte nun von einem solchen Geistwesen, das mir zugeführt wurde. Ich bejahte es sehr, mich näher mit dem betreffenden Wesen zu unterhalten. Es war noch nicht allzu lange von dieser Welt abgeschieden und in das Geisterreich eingetreten. Die zurückgekehrte Geistesseele war etwas durcheinander und in grosser Unruhe. Nun sollte ich dem betreffenden Geistwesen seinen Weg zeigen und es in die Ruhe bringen. Ruhe sollte es erhalten. Nach der Ruhezeit, deren das Wesen bedurfte, würde nichts Weiteres mehr im Wege stehen für seinen weiteren geistigen Aufstieg. Also begrüsste ich das heimgekommene Wesen. Es stand etwas armselig und verloren vor mir. Es war auch verängstigt, ganz durcheinander und voller Unruhe. Ich fragte es: “Ist es wohl die fremde Welt, die dich so unruhig gemacht hat, oder ist deine Seele mit den Gefühlen von Unruhe durchdrungen?” Ich wusste und sah es wohl, doch fragen darf man. Es vermochte mir keine rechte Antwort zu geben. “Gut”, sagte ich, “komm mit mir, ich versuche, dir Ruhe zu bringen. Ich gebe dir die Ruhe, die du brauchst.” Dankbar nahm das Wesen mein Anerbieten an.

Dort, wo man mir diesen verstorbenen Menschen vorgestellt hatte, war der Abstand vom Erdenreich zur Geisteswelt nicht besonders gross, also sehr erdnah geschah diese Begrüssung. Ich sagte: “Gut, wir wollen nun dieser Umgebung entfliehen.” Ich nahm das Wesen mit mir, meine Begleiter kamen mit, und so entflohen wir aus dieser Umgebung. Da dieses Wesen so das Bedürfnis nach Ruhe hatte, sagte es mir: “Gebt mir Ruhe. Nur wenn ich Ruhe habe, finde ich Gott und alles, was mich glücklich macht. Ich bin bereit, dem Gott zu dienen, der der Schöpfer aller Dinge ist. Doch bringt mich nun in die Ruhe ...” Diese Worte vermochte mir das Wesen zu geben. “Gut”, sagte ich ihm, “wir gehen jetzt in ein Tal der Ruhe.” Wir nennen es “Tal der Ruhe” oder “Land der Ruhe”; es ist vom Leben der Menschen etwas weiter entfernt. Wir gingen also etwas höher, etwas weiter, um dieses Land der Ruhe zu finden. Es begleiteten uns helfende Geistwesen, die jetzt aber für meinen Schützling nicht sichtbar waren, denn er war zu aufgeregt und so voller Unruhe.

Ich wählte also ein Tal der Ruhe, das ich für eure Vorstellung so beschreibe: Da war eine Kette von Bergen, die in gedämpftem Licht dalag. In dieser Umgebung, in der Dämmerung erkannte man die Bergkette, die Spitzen dieser Berge. Es sah aus wie ein Schatten, den man so von Weitem erkennt. In diesem Tal war auch ein See, nicht überaus gross, und in der Nähe dieses Sees befand sich ein kleiner Wald. Die Dämmerung, das gedämpfte Licht, die Ruhe spielte in diesem Tal eine besondere Rolle.

Ich führte nun meinen Schützling an diesem See vorbei und machte ihn auf die herrliche Bergkette aufmerksam. Wir fanden unseren Platz mitten in diesem kleinen Wald. Für alles ist ja längst vorgesorgt worden, denn nicht nur ich allein bin schon dort gewesen. Vor mir waren unzählige göttliche Wesen mit diesem oder jenem Heimgekehrten dort, mit dem man eben alleine sein muss. In diesem kleinen Wald mit verschiedenen Arten von Bäumen in verschiedenen Grössen war in der Mitte ein freier Platz. Nicht nur ich empfand die angenehme Atmosphäre, gebildet vom Ausströmen der besonderen Kraft dieser Bäume, des Wassers und sogar der Berge. So gab es eine wundersame Ruhe. Mein Schützling atmete leicht und schien auch etwas gelöster zu sein, obwohl meiner Auffassung nach die Unruhe immer noch gross genug war. Man hatte hier eine Liege bereitgestellt für jene, die Einkehr halten sollten. Ich bat meinen Schützling, sich niederzulegen, denn er bedürfe in dieser wunderbaren Atmosphäre der Ruhe, des Schlafes. Ich machte meinen Schützling immer wieder darauf aufmerksam: “Versuche tief zu atmen, denn hier findest du eine wunderbare Kraft, die dir zur Verfügung steht. Sie wird für dich Medizin sein, und du wirst mehr in die Ruhe kommen.”

Ich kannte und sah ja das Denken meines Schützlings, der noch so an die Welt gebunden war. Hilflos lag dieses Wesen da auf dieser Liege, eingekleidet in ein mantelähnliches Gewand, das vom Hals bis zum Knöchel reichte. Es war nicht etwa von weisser Farbe – die Farbe kann ich überhaupt nicht benennen, denn es war eine dunkle Farbe. Alles Mögliche gefiel mir nicht. Das Gewand und dessen Farben waren ja das Resultat vom Leben des Menschen, von dem, was mein Schützling sich eben selbst zusammengestellt hat durch sein Denken und Handeln. Schuhe trug er auch keine.

Gut, ich gab nun meinen helfenden Dienern die Anweisung, sie möchten von diesem See ein Gefäss bringen mit Wasser. So brachten sie es und dazu ein Tuch. Meine Diener wuschen nun die wunden Füsse meines Schützlings. Er war erstaunt und sagte: “Warum ist dies notwendig? Ich pflegte im Leben immer rein und sauber zu sein; ich kann mir nicht vorstellen, warum man mir meine Füsse waschen muss.” Ich antwortete: “Merkst du denn nicht? Deine Füsse tragen ja noch Wunden, die doch ausgewaschen werden müssen. Deine Füsse sind voll von kleinen Wunden.” Das Wesen sagte: “Ich kann mich nicht erinnern, je Wunden an meinen Füssen gehabt zu haben.” – “Ja”, sagte ich, “das glaube ich dir. Schau einmal deine Hände an, wie sie aussehen.” Enttäuscht betrachtete mein Schützling seine Hände und stellte fest, dass sie voller Schmutz waren.

Durch dieses Erleben wurde seine Ruhe allerdings nicht gefördert; nein, noch unruhiger wurde er nun. Ich brauchte viele Worte des Trostes und der Aufmunterung, um ihn zu bewegen, sich dies jetzt gefallen zu lassen, damit man ihm helfen könne. Denn wenn er wirklich nur Ruhe wünsche, wäre er jetzt nur der empfangende Teil. Er dürfe nur empfangen – und so hatte einer meiner Diener meinem Schützling die Füsse gewaschen. Ich habe mitgeholfen, um zu zeigen, dass auch mir daran gelegen war: Ich trocknete die Füsse. Andere wiederum wuschen seine Hände. Ich sprach zu ihm: “Weisst du, mit dem ersten Mal, da wir nun dir deine Füsse waschen, damit deine Wunden vernarben, ist es nicht getan. Wir müssen auch deine schmutzigen Hände waschen – und mit einmal Waschen geht das nicht. Du musst dir schon weitere Waschungen gefallen lassen.” Aber nicht nur die Füsse und die Hände mussten gewaschen werden, sondern auch das Antlitz. Ich sah, es war meinem Schützling sehr angenehm, denn die Hände der geistigen Helfer waren so zart und fein. Die Berührungen schienen für diesen unruhigen Menschengeist sehr angenehm und beruhigend zu sein.

Nun aber wollte dieses Wesen wissen: “Warum habe ich Wunden an den Füssen? Ich kann mich nicht erinnern, je solche an meinem Leib gehabt zu haben.” – “Ja”, sagte ich, “an deinem irdischen Leib hattest du keine Wunden an den Füssen, obwohl du doch ein hohes Alter erleben durftest und Gott dir viele Jahre schenkte. Du hast eben auch geistige Füsse, und die haben Wunden – deine irdischen Füsse hatten keine. Weisst du, warum du Wunden an deinen geistigen Füssen hast?” – “Nein, nein”, antwortete das Wesen, “ich habe keine Ahnung.” Ich erklärte: “Du bist den weltlichen Dingen so nachgelaufen. So wie wir es im Geistigen erkennen, hast du dir eben deine geistigen Füsse wund gelaufen, um in den irdischen Besitz und jene Rechte zu kommen. In der irdischen Welt hast du dir deine Füsse wund gelaufen, aber nicht für den Himmel. Dein irdischer Leib ist doch nicht hier, den hast du abgelegt.” Er fragte weiter: “Wie ist es denn möglich, am geistigen Leib Wunden zu haben, wenn man am irdischen Leib keine Wunden hatte?”

“Das sind zwei Dinge”, antwortete ich. “Weisst du, du hattest ja nicht nur das weltliche Leben gelebt, du hattest auch ein geistiges Leben zu leben. Auch wenn du an deinem Leibe keinen Schaden genommen hast, hast du eben Schaden am geistigen Leibe genommen. Dass deine Hände so schmutzig sind, rührt daher, dass du deine Hände gierig nach den Dingen der Welt ausgestreckt hast. Du hast deine Hände für Dinge benutzt, die dir im Geiste keine Verdienste gebracht haben. Du hast für die Welt gelebt. Hände hat man nicht nur, um zu arbeiten, um Besitz und irdische Güter zu erringen, sondern die Hände des Menschen sind auch zum Segnen da. Das hast du nicht getan, und darum sind deine geistigen Hände schmutzig. Du hast manches im Leben getan, was nicht richtig ist.” Ich brauchte ihm nur bildlich den Grund der Dinge vor sein geistiges Auge zu führen, und mein Schützling verstand, warum seine Hände schmutzig geworden waren. Er hatte dann und wann durch ungeistiges Handeln seine Hände verschmutzt.

Auch die Züge seines Antlitzes waren hart statt edel. Ich tröstete meinen Schützling, indem ich sagte: “Sei doch froh darüber, dass man sich deiner so annimmt. Du kannst dann schon die Veränderungen feststellen; du hast ja darum gebeten, du möchtest zur Ruhe kommen, und erklärt, dass, wenn du Ruhe gefunden, du Gott dienen würdest. Also ist es uns daran gelegen, dass dies geschieht.” So mussten die Füsse mehrmals gewaschen werden und ebenso die Hände und auch das Antlitz.

Mit der Zeit hatte mein Schützling nichts mehr einzuwenden – vielmehr erkundigte er sich: “Wie steht es nun um die Wunden an meinen Füssen?” Wir durften ihm sagen: “Von einem zum andern Male wird es immer etwas besser; es wird der Zeitpunkt kommen, wo man von den Wunden an deinen Füssen gar nichts mehr sieht. Und deine Hände werden sauber sein, sodass du einem jeden in der Gotteswelt deine Hand zum Grusse geben darfst. Auch die Züge deines Antlitzes werden edel werden – aber erst dann, wenn du zur Ruhe gekommen bist.”

So gab ich mir Mühe, meinem Schützling zu dieser Ruhe zu verhelfen. Es wurde meinem Schützling Trank und Speise angeboten. Erstaunt nahm er dies entgegen. Er hatte jedoch viele Fragen: “Warum ist dies in der Jenseitswelt, in der Nähe von Gott, notwendig? Kommt man nicht ohne Speise und Trank aus?” – “Freilich”, antwortete ich, “man kann es; doch es wird dir guttun, wenn du von diesem köstlichen Trunk etwas zu dir nehmen darfst.” Tatsächlich wurde mit der Zeit das Verlangen nach dieser geistigen Speise immer grösser. Allerdings wurde ihm nur das dargeboten, was zu seiner Beruhigung notwendig und nützlich war.

Zuerst wurde eine geistige äussere Behandlung durchgeführt. Dass solches möglich ist, mag euch vielleicht in Staunen versetzen, und der eine oder andere denkt, man habe doch gehört, der geistige Leib sei gesund, am geistigen Leib sei man nicht krank. Freilich, das ist alles richtig. Aber wenn man sich erst vor so kurzer Zeit vom irdischen Leibe gelöst hat, ist am äusseren geistigen Leib noch so viel Gebundenes, so viel irdisch-verdichtete Materie da. Es braucht seine Zeit, bis das alles losgelöst ist. Ist dann die Zeit der Läuterung und Belehrung vorüber, dann fällt auch dieser verdichtete Stoff vom geistigen Leibe weg. Dies ist eigentlich nur ein Überbleibsel vom irdischen Leben, das sich nun am geistigen Leib festgeheftet hat. So braucht es zuerst diese Behandlung.

Nicht unterlassen zu sagen möchte ich – und davon habt ihr auch schon gehört –, dass wir die Möglichkeit haben, Heimgekehrte zu behandeln, die in grosser Unruhe sind, weil sie plötzlich die Welt verlassen mussten oder weil sie einen schrecklichen Tod erlebten, der ihnen noch im geistigen Gedächtnis war. Sie glaubten, sie würden die Schmerzen ihres irdischen Leibes noch spüren, obwohl ihnen der irdische Leib ja nicht mehr anhaftete; aber die Kraft, die der geistige Leib zu sich gezogen hat, hat noch solche Substanzen in sich, die man eben auf diese grobstoffliche Art und Weise als Schmerz, als Unbehagen empfindet.

Genauso war es bei diesem Wesen, das noch so voller Unruhe war, weil sein ganzes Leben nur eine Hast war. Es hatte sich selbst gehetzt und glaubte dann, noch von andern gehetzt zu werden. So kam es in einen sogenannten krankhaften Zustand von Unruhe. Nun denkt ihr: “Es wird wohl kein schlechtes Wesen gewesen sein, wenn sich Lene mit ihm befasst.” Warum? Christus hat sich auch mit den Sündern abgegeben. Das ist ganz in Ordnung, wenn ich einem solchen Heimgekehrten helfen und ihm den Weg zeigen kann. Das hat Christus ja auch getan.

Daher habe ich zuerst mit der Hilfe meiner Geistgeschwister diese äussere geistige Behandlung durchgeführt. Sie hat diesem Wesen etwas Ruhe gegeben – schon einmal deshalb, weil es wusste: “Man nimmt sich meiner an. Hier sind geistige Wesen, die sich bemühen.” Mein Schützling war nur der Empfangende; er durfte nur empfangen. Er hatte nichts zu geben – er konnte nur nehmen. Wir pflegten ihn.

Aber wir mussten ja auch mit ihm ins Gespräch kommen. Dies tat ich, indem ich ihn fragte: “Nun sag einmal: Wie viele Jahre deines Lebens hat dir Gott eigentlich geschenkt?” – “Ach, das weisst du doch selbst”, antwortete er, “ich brauche es dir doch nicht zu sagen.” – “Freilich”, sagte ich, “ich weiss es, aber aus deinem geistigen Munde hätte ich es noch ganz gerne gehört.” Man ahnt wohl, warum ich ihm diese Frage stellte: Mein Schützling durfte ein hohes Alter erleben.

“So viele Jahre hat dir Gott zum Leben geschenkt”, fuhr ich fort. “Gott hat dir aber eine lange Zeit, ein langes Leben, geschenkt. Hast du dich gefreut, so alt zu werden?” – “Ja”, antwortete mein Schützling, “doch als es mir dann in der letzten Zeit nicht mehr so gut ging, war ich über mein Alter nicht mehr so glücklich.”

“Gewiss kommen die Beschwerden mit dem Alter”, unterstützte ich meinen Schützling, aber ich betonte: “Doch bedenke, dies sind Ausnahmen. Gott schenkt nicht allen ein so langes Leben wie dir.” – “Ja, ich bin ihm dafür schon dankbar gewesen”, sagte er darauf, “und dafür habe ich ihm auch gedankt.” – “Wie ich sehe, hattest du wenig Zeit für Gott”, entgegnete ich ihm, “von ihm hast du so viel Zeit entgegengenommen, aber für ihn hattest du im Verhältnis zur Zahl deiner Jahre wenig Zeit. Wenig Zeit hattest du für den Schöpfer, der dir diese Jahre geschenkt hatte.” Das stimmte meinen Schützling nachdenklich. “Glaubst du nicht”, sagte ich weiter zu ihm, “dass die Unruhe in dir darin ihren Grund hat, weil du keine Zeit gehabt hast für ein höheres Leben, das in dir war und das nach Ruhe seufzte? Das Ruhe suchte und nie zur Ruhe kam? Dein höheres Bewusstsein in dir, dein höheres Ich, war es, das im Verlangen lebte, in der Verbindung mit dem Geiste zu sein. Darüber bist du hinweggegangen. Du hattest so viele Jahre zum Leben empfangen und hattest keine Zeit für den Schöpfer, der dich das Leben so lang gestalten liess.”

Mein Schützling gab mir recht und stimmte mir darin zu, dass dies wohl der Grund der Unruhe sei: “Hätte man gewusst, was auf einen wartet, wäre man diesen Dingen nicht nachgesprungen, die die Welt verschönern und die Menschen mit ihrer Umgebung bereichern. Meine Füsse wären bestimmt nicht wund geworden, meine Hände nicht schmutzig und mein Antlitz wohl edler; aber ich war zu weit entfernt. Ich ahnte nichts Näheres über die Zukunftswelt.” Ich sagte ihm: “Du machtest dir keine Gedanken über diese Zukunftswelt; aber in dir war doch ein höheres Verlangen. Für dieses höhere Verlangen hattest du nie Zeit – du hattest nie Zeit, um eine innere Einkehr zu halten.”

Ich fragte: “Hast du auch gebetet?” – “Ja, freilich habe ich gebetet”, antwortete er, “aber, ich weiss wohl, zu wenig.” Ich erklärte ihm: “Du hast zu wenig gebetet, und du hast nicht richtig gebetet.” Erstaunt blickte mich mein Schützling an: “Wieso, nicht richtig gebetet?” Ich antwortete: “Weil du von Gott nur gefordert hast. Du hast Gott gebeten, er möge dir dein Gut dieser Welt erhalten. Das ist doch kein Gebet, dass Gott dafür besorgt ist, dass du deinen Reichtum behalten kannst und dass deine Geschäfte gelingen. Nein, für deine Geschäfte interessiert sich Gott nicht.” Mein Schützling erwiderte: “Schliesslich habe ich doch, du weisst es, einen Besitz zusammengebracht.” – “Ja”, sagte ich, “und was hast du davon?” Darüber war er enttäuscht. Ich fuhr fort: “Deine innere und äussere Unruhe als Mensch hatte als Ursache diese Hetze nach irdischem Besitz. Darum bist du so voll der Unruhe und voll der Ängste gewesen. Du wolltest alles für dich und möglichst wenig für die andern.” Wohl musste mein Schützling mir recht geben, aber er hoffte auf Hilfe, bemühten wir uns doch, diesem Wesen Ruhe zu bringen.

Also mussten wir ihm sagen: “Weisst du, du musst lernen, anders zu beten, du musst ein anderes Verhältnis zum Schöpfer knüpfen. Du siehst doch, wie gut er ist. Wenn du dich an dein Leben erinnerst, erkennst du doch, wie schmutzig du dir durch deine Geschäfte die Hände gemacht und wie du dir die Füsse wund gelaufen hast – und doch nimmt man dich jetzt in Gnaden auf! Ist das nicht eine herrliche Welt? Ist das nicht ein gütiger Gott?” Damit war mein Schützling einverstanden. Man sprach vom liebenden, gütigen Gott, und man sprach auch vom Erlöser.

“Wie habe ich es nur verdient, dass man sich meiner so annimmt?”, sprach mein Schützling. “Ja verdient hättest du es eigentlich nicht”, sagte ich, “dass man sich deiner in dieser Art und Weise annimmt. Im Grunde genommen hättest du schon etwas bestraft werden müssen. Aber weisst du, ich will dir sagen, in der Hinsicht bin ich nicht so ganz sicher. Doch versuchen wir dich auf deine Füsse zu stellen – das andere kommt dann nachher.” Wiederum etwas enttäuscht richtete mein Schützling seine Augen auf mich. Er war aufs Neue etwas verängstigt. Ich beruhigte ihn: “Nur Ruhe, nur Ruhe; wir geben uns doch solche Mühe, dich in die Ruhe zu bringen. Was hast du mir versprochen? Du hast mir gesagt, wenn ich es fertigbringe, dich in die Ruhe zu bringen, würdest du dem Schöpfer dienen. Stellst du dies jetzt infrage?” Nein, nein, das wäre wohl nicht der Fall, antwortete er.

“Gut”, sagte ich, “wir haben dich lange genug gepflegt. Jetzt machen wir zusammen Wanderungen. Siehst du, wenn auch dieses Tal nicht so hell und licht ist und nur Dämmerung herrscht, war es doch für dich beruhigend. Eine solch wunderbare Atmosphäre hat deiner Seele Heil gebracht.” Er brachte nun das Bedürfnis zum Ausdruck, man solle mit ihm beten. “Gerne beten wir mit dir”, sagten wir ihm. Nun verliessen wir diesen kleinen Wald. Unser Schützling vermochte nun gut zu gehen, denn jetzt war der verdichtete Stoff einigermassen gelöst. Die Atmosphäre, die wunderbare Kraft des Wassers, des Waldes, der Berge, die ihre Kraft ausströmten, hatten das Ihrige dazu getan. So konnten wir gemeinsam miteinander wandern.

Dabei hatten wir gemeinsam gebetet. Das Gebet ist nun anders ausgefallen; wir haben Gott nicht gebeten: “Gib mir, schütze mein Haus; hilf mir, dass das gelinge, was ich beabsichtige auszuführen”, nein, wir lobten und priesen Gott in seiner Güte, in seiner Barmherzigkeit, in seiner Liebe. Auch versuchten wir, gemeinsam miteinander zu singen. Doch zuerst hatten wir miteinander gebetet. Dabei hatte einmal dieser Geist, der uns allen zur Seite stand, vorgebetet, einmal ein anderer, und dann war ich an der Reihe. Aber auch mein Schützling musste beten. Er hatte es nicht so schwer, denn er brauchte die Worte nur nachzusprechen, die wir gesprochen hatten.

Dabei stellten wir fest, dass wirklich Ruhe in diese Seele eingekehrt ist. Sie hatte sich in ihrem Denken von der Welt abgewandt und wurde durch die Gespräche, die ich mit ihr führte, durch die Handlungen, die man an ihr verrichtete, in dieser Gotteswelt mit neuen Eindrücken erfüllt. Langsam kam Ruhe zurück in die Seele. Damit veränderte sich auch die äussere geistige Erscheinung: Die scheinbaren Wunden an den Füssen wurden entfernt. Es war nichts anderes als verkrustetes verdichtetes Od, welches man sich durch falsches Handeln und Denken auferlegt hatte und das sich eben am Geistesleib festgeklebt hatte. Die Hände waren wieder rein, und das Antlitz zeigte edlere Züge. So stellten wir dies mit Zufriedenheit fest. Wenn ich euch nun sagte, wie lange wir gebraucht hatten, um in diese Seele eine solche Ruhe zu bringen, wäret ihr erstaunt.

Für uns spielt die Zeit nicht diejenige Rolle wie beim Menschen. Wir opfern uns für den Menschen, und wir sind bereit, immer zu geben. So brachten wir unserem Schützling bei: “Wir haben dich treu und gut umsorgt. Du hast dich an diese Atmosphäre hier gewöhnt, und du warst zufrieden mit den Gesprächen, die wir geführt haben.” Denn wir brachten unsere Redeweise und unser Benehmen zum Ausdruck. Die Ruhe, die wir mitbrachten, überströmte nun den Schützling. Ruhig und gelassen gaben wir uns den Aufgaben hin. Damit haben wir diesen Schützling beeinflusst: Er konnte von der Kraft, die aus uns und der Umgebung geströmt ist, aufnehmen; diese Kraft ist eingedrungen und hat ihre Wirkung gezeigt.

Ich erkenne wohl die Gedanken einiger Freunde, die sagen: “Ja, dass man sich dieses Wesens so angenommen hat, da muss doch jemand dahinterstecken. Und wenn dem so ist, dann brauche ich mich selbst auf keinen Fall zu fürchten.” Ja – vielleicht ...

Jeder Mensch, der auf dieser Erde lebt, hat seine menschlichen Angehörigen, die vorher ins Himmelreich eingekehrt sind. Man hat auch geistige Verwandte, die sich eines Menschengeistes annehmen können. Wenn sich nun jemand für ein heimgekehrtes Verstorbenes auf diese Weise einsetzt, dann hat das seine Ursache. In unserem Falle war es jemand, der selbst grosse Verdienste erworben hatte. Der Himmel hat sich bei der Einkehr jenes verstorbenen Menschen so darüber gefreut, dass man ihm sagte: “Sprich einen Wunsch aus.” Wenn es in der Macht des Möglichen liegt und sich im Rahmen des Gesetzes bewegt, wird der Wunsch erfüllt, weil der Betreffende ein Leben voll der Aufopferung geführt und der Himmel sich über die Rückkehr so gefreut hatte.

Dann kann es vorkommen, dass man einem solchen Heimgekommenen sagt: “Ist das herrlich, dich endlich bei uns zu haben. Was hast du für einen Wunsch? Ich möchte dir aus Freude einen Wunsch erfüllen.” Es kommt darauf an, ob der Heimgekommene so schnell einen Wunsch bereithat. Auf jeden Fall hatte dieses Wesen, das da zurückkam, einen Wunsch bereit und sprach: “Ja, ich habe einen Verwandten, aber sein Leben gefällt mir nicht. Trotzdem bin ich mit ihm so eng im Herzen verbunden. Wenn ich um Gnade bitten darf für seine Einkehr – dass man voll der Gnade ist, wenn dieses betreffende Menschenkind eintrifft.” So blieb uns nichts anderes übrig, als seine Bitte zu erfüllen, da man sich so freut über die Einkehr eines geistig reichen Wesens. Man war bereit, ihm eine Freude zu bereiten. Wie könnte ein geistig eingestellter Mensch auch anders, als den Wunsch zu äussern, dass man einem solchen Wesen hilft, bei dem man genau weiss, dass es ihm in der ersten Zeit nicht besonders gut ergehen würde, weil im Laufe des langen Lebens die Belastungen der Seele so gross geworden sind.

Dies also war die Ursache, weshalb man sich eben dieses Wesens angenommen hat. Man hat ihm erklärt: “Siehst du, so gross ist Gottes Liebe, und so barmherzig ist er. Du durftest nur empfangen, du warst der nehmende Teil; zu geben hatten wir dir. Jetzt müssen wir uns von dir verabschieden. Deine Unruhe ist vorüber, und jetzt wirst du vor jene Engel hintreten, die über dich zu richten haben.” Da wurde es unserem Schützling etwas unbehaglich; er dachte an sein Leben zurück. Wohl hatte er mit uns zusammen eine schöne, ausgedehnte, friedvolle Zeit, um in die Ruhe zu kommen, nun aber könnte die Strafe auf ihn zukommen.

Als wir gemeinsam im Tal der Ruhe wanderten, im Gespräch waren und Gott lobten und priesen, kamen uns plötzlich andere geistige Wesen entgegen, um uns zu begrüssen. Sie gaben ihre Freude zum Ausdruck, dass es gelungen war, unseren Freund zu beruhigen. Unter diesen geistigen Wesen war eben auch jener Heimgekehrte dabei, der ein Leben voller Entsagung hinter sich gelegt und nur für andere gelebt hatte. Nun sprach er mich an und äusserte die Bitte: “Komme doch und führe dieses erwachte geistige Wesen in das Land des Friedens. Es hat jetzt so viel gelernt, und im Tal des Friedens muss ebenfalls Einkehr gehalten werden.” – “Ja, freilich”, antwortete ich ihm, “willst du mit deinem einstigen Angehörigen dorthin gehen? Möchtest du die Aufgabe übernehmen? Ich bin bereit, sie dir zu übertragen.” – “Nein”, sprach er, “aber ich habe die Bitte, dabei sein zu dürfen.”

Es sollte also wiederum meine Aufgabe sein. In das Land des Friedens kehre ich gerne ein mit einem verstorbenen Menschen. Jeder Geist Gottes kehrt gerne hier ein. Man kann aber nur mit einem solchen Wesen in dieses Land einkehren, das in sich selbst den Frieden hat. Hier wird man nicht mehr gepflegt, gewaschen oder getröstet. Nein, wer ins Land des Friedens eintritt, darf nicht nur der Nehmende sein; er muss nehmen und geben können.

Also sollten wir jetzt mit unserem Schützling in ein neues Geistesland einkehren, wo er selbst Frieden geben sollte. Ich befürchtete, dass seine Seele noch nicht so weit ist, aber es war gewünscht worden. Wir gingen also in dieses Land, wo dieses geistige Wesen, das wir gepflegt hatten, einkehren sollte. Nun aber nicht mehr als ein nehmendes Wesen, das gepflegt werden muss, sondern als ein Wesen, das nicht nur nehmen, sondern auch geben kann, wenn es sein muss. Ob es so weit ist? Das sollte eine Prüfung sein. Auch im Geistigen wird man geprüft. Besteht man sie, verkürzt man die Zeit des Aufstiegs.

So gingen wir voller Hoffnung und Zuversicht in diese andere Welt hinein. Dort sollte unser geistiges Wesen als ein Wesen des Friedens unter die Anwesenden treten und ihnen den Frieden bringen. Diese neue Welt, die wir betraten, war eine Welt, die mit Wesen beseelt war, die den Frieden im Leben nicht gekannt hatten. Sie lebten in Streit, in Egoismus und bedurften der Belehrungen.

Unserem Schützling voran gingen wir in ein Haus, das wir Gemeinschaftshaus nennen. Dort wird so lange in der Gemeinschaft gelebt, bis man sein Wesen verändert und den Nächsten verträgt. Man lebt so lange im Gemeinschaftshaus, bis man einander in allen Teilen wohlwollend gesinnt ist und bereit ist, alles zu teilen. Man verbleibt dort, bis eine innere geistige Veränderung stattgefunden hat.

Nun gaben wir unserem Schützling entsprechende Belehrungen: “Wir haben dich von deiner Unruhe befreit. Jetzt kehrst du zur Prüfung in eine Umgebung ein, um dort wie ein geistiger Lehrer zu wirken. Man verlangt von dir, dass du anderen den Frieden gibst, denn du hast von uns viel Liebe empfangen. Wir haben uns für dich aufgeopfert und dir die Ruhe gebracht. Versuche du es nun, aber bedenke: Wenn du gefragt wirst, überlege dir deine Antwort gut. Sprich nicht allzu schnell. Denk immer daran: Das muss der Wille Gottes sein. Versuche, jedem die richtige Antwort zu geben. Wenn du mit Fragen bestürmt wirst, darfst du die Ruhe niemals verlieren. Es wäre beschämend für dich, müsste man sich mit dir von allen Anwesenden verabschieden. Zeige, dass du gelernt hast, Lehrer zu sein. Du kannst es, wenn du immer daran denkst, bei jeder Antwort die Gnade, die Güte, die Barmherzigkeit und die Liebe Gottes miteinzubeziehen. Dann gestaltet sich alles, und du formst Gefühle des Friedens. Es ist nur eine Angelegenheit der Überlegung. Wenn du es fertigbringst, so zu handeln und zu denken, hast du für deinen geistigen Aufstieg einen grossen Schritt getan.”

Unserem Schützling war gleichwohl noch etwas bange. Er bat uns, dass wir ihm jeweils beistehen, um die Antwort zu geben. Wenn die Möglichkeit nicht vorhanden sei, dass er schnell die richtige Antwort hervorbringe, solle man doch wenigstens den Anfang des Satzes machen, damit er ihn dann beenden könne ... So weit war unser Schützling schon. Gut, wir versprachen, ihm beizustehen. So durften ich, sein Verwandter und meine Helfer mit dabei sein. So betraten wir nun das Gemeinschaftshaus, in dem kein Friede war und dem Frieden gebracht werden sollte.

Darin waren verstorbene Menschen, die sich noch nicht allzu lange von der Welt abgekehrt hatten. Unruhe und Unfrieden hatten sie in ihrer eigenen Seele. Im Unfrieden waren sie mit der Welt. Sie waren verpflichtet worden, miteinander zu leben, um zu lernen, einander zu verstehen. Das Haus und der Platz waren nicht überaus gross, umso schwerer war die Prüfung, den Nächsten zu ertragen, wie er nun einmal ist. Die Wesen dort waren nicht alle so angenehm.

Gut, wir begrüssten unsere Geschwister in diesem Gemeinschaftshaus und erklärten ihnen, dass sie nun einen Beistand bekommen. In Fragen des Friedens der Seele müssten sie sich nun an dieses Wesen wenden. Sogleich wurde unser einstiger Schützling mit verschiedenen Fragen bestürmt. Aber erstaunlicherweise vermochte unser Schützling sich die Fragen gut zu überlegen. Er dachte stets daran: “Steht das, was ich sage, im Willen Gottes?” Auf diese Weise konnte er Antwort geben. Unter den verstorbenen Menschen waren auch welche, die glaubten, sie müssten Rache üben, weil ihnen ein Leid zugefügt worden war.

Die einen glaubten, ihr ganzes Leben wäre von Gott zum Unglück vorausbestimmt gewesen. Sie haderten mit Gott, weil sie glaubten, ihnen sei Unrecht geschehen. Es waren solche, die nie den Frieden der Seele kannten. Unser Schützling versuchte, jedem mit viel Einfühlungsvermögen eine Antwort zu geben. Er versuchte, nicht in der Gemeinschaft vor allen Anwesenden Antworten zu geben, sondern er bat, das Einzelne möge etwas abseits zu ihm kommen. Unser Schützling dachte daran, wie sorgsam er selbst gepflegt wurde. Er wollte nicht Antwort geben vor all den vielen Geistgeschwistern. Er versprach, für jedes Geschwister, das Ängste und Probleme hätte, sich die Zeit zu nehmen. Er wünschte, mit jedem allein ins Gespräch zu kommen. Freilich durfte unser einstiger Schützling dieses anempfehlen. So nahm er ein Geschwister nach dem andern zu sich und besprach das Leben, das es hinter sich gelegt hatte. Er erkundigte sich nach den Ursachen des Unfriedens.

Unser einstiger Schützling bat uns: “Bereitet ihr doch nun mit mir gemeinsam eine Stätte des Friedens hier. Vorher war ich nur der nehmende Teil; jetzt fordert man von mir, dass auch ich gebe.” Jetzt musste er jedoch nicht nur geben, sondern auch nehmen. Und zwar musste er die Anschuldigungen entgegennehmen. Man beschuldigte ihn, der doch helfen wollte. Diese Verstorbenen waren eben noch so in ihrem Unfrieden befangen; sie hatten noch dieselben Gefühle wie zur Zeit ihres menschlichen Daseins und antworteten in derselben Sprache. Unser einstiger Schützling dachte daran, wie man ihm begegnet war. So wollte er nach den Ursachen des Leides suchen.

Wir haben uns einverstanden erklärt, mit allen zu reden, um gemeinsam die Aufgabe zu lösen. Wir haben mit allen einzeln gesprochen, aber auch mit allen zusammen. Auch ich habe zu ihnen geredet und erklärt: “Denkt daran, dass ihr in eurer Seele den Frieden aufbauen müsst. Gefühle des Friedens zu haben, heisst geben können, verzichten können. Es heisst aber auch etwas entgegennehmen, etwas ertragen.” Wir kamen auf Christus zu sprechen: Er hat den Menschen den Frieden gebracht. Unsere Geschwister aber wussten nichts vom Erlösungsplan, wie er sich in Wahrheit abgespielt hat. Wir haben sie aufgeklärt und ihnen gesagt: “Seht, von euch verlangt man Frieden. Ihr alle hier seid zusammengeführt worden, denn ihr alle seid gleich belastet. Ihr alle müsst denselben Schritt nach oben tun, um den Frieden zu finden – für euch und für eure Seele. Aber wenn ihr diesen Frieden finden wollt, müsst ihr erst einmal lernen zu geben. Kümmert euch zuerst um den Nächsten, denn Christus kam und brachte den Menschen den Frieden. Er war der Gebende, er brachte Heil. Christus nahm aber auch entgegen: Er nahm Leid entgegen, das man ihm zufügte, und er sagte Ja zum Leid und empörte sich nicht. Er sprach: ‘Vater, sie wissen nicht, was sie tun’ (Luk. 23, 34). Wenn ihr den Frieden sucht und es euch wirklich daran gelegen ist, Frieden in eure Seele zu bringen, dann versucht, all das zu geben, was Frieden bereitet und Freude bringt. Das heisst zugleich aber auch, ein Unrecht oder etwas Schweres zu ertragen, etwas auf sich zu nehmen und es zu bejahen. Friede heisst geben und nehmen, so wie es Christus getan hat.”

All dies haben wir in der Gemeinschaft diesen belasteten Seelen dargelegt; wir haben uns ihrer angenommen. Jene, die sich in ihrem Denken wandelten, hat man herausgenommen und eine Stufe weiter hinauf geführt. Mit ihnen konnte man schon anderes besprechen, man konnte ihnen mehr zumuten zu lernen, während man mit den andern noch geduldig sein musste.

Bedeutungsvoll ist, dass unser Schützling, dessen wir uns so angenommen hatten und der dabei durch unser Geben nur der Nehmende war, durch dieses Erlebnis der ihm erwiesenen Liebe in seiner Seele so gereift war, dass er zu höherer Erkenntnis gekommen ist. Dadurch wurde die Seele dieses belasteten Wesens erleuchtet, sodass es sich in den Dienst Gottes stellte. Unser Schützling sagte ja: “Nehmt meine Unruhe, und dann bin ich bereit, in den Dienst Gottes zu treten.” Und so war es, man hatte es so gefügt, dass er nun beweisen konnte, dass er etwas gelernt hatte, auch wenn er zuerst nur der empfangende Teil war.

Liebe Geschwister, betrachtet euer eigenes Leben. Vieles von dem kann auf euer menschliches Leben übertragen werden. Überlegt: “Wenn ich so lebe, was wartet meiner? Ist das, was ich tue, ist das, wie ich lebe und wirke, im Willen Gottes?” Hat nicht Christus gesagt: “Ihr müsst den Willen des Vaters tun; wer den Willen des Vaters tut, kann einst auf die Herrlichkeit des Himmels zählen” (Mat. 7, 21)? Überall im menschlichen Dasein ist die Frage zu beantworten: “Tue ich den Willen Gottes, erfülle ich ihn?” Diese Antwort sollte einem jeden von innen heraus gegeben werden.

Ihr, liebe Geschwister, vernehmt ja so viel von der himmlischen Welt, von ihren Gesetzen, von ihrer Ordnung, vom Wirken jener Wesen dort – von jenen, die mit Gott leben. Sie stehen in seinem Auftrag da und erfüllen den Auftrag, den er ihnen gegeben hat. Sie alle stehen im Dienste Gottes. So muss es dahin kommen, dass alles, was zurückkehrt, dereinst seinen Dienst in der unsichtbaren Schöpfung Gottes verrichtet. All diese Zurückgekehrten haben in der unsichtbaren Welt als glückliche Wesen ihre Aufgaben zu verrichten. Es wird für alle, die auf dieser Erde leben – für alle, die da atmen –, die Zeit und die Stunde kommen, wo sie von der Seligkeit umfangen werden und das wahre Glück und den wahren Frieden besitzen. Wann wird es sein? Das weiss ich nicht. So liegt so vieles bei euch selbst, denn ihr seid Herr eurer selbst. Ihr bestimmt euer Leben – tut es auch so, dass es Gott gefällt.

Liebe Geschwister, die Zeit ... Ich habe Zeit, doch muss ich mich an eure Zeit halten. So verlasse ich euch. Ich überlasse euch alle dem Schutze Gottes und seiner Kraft. Die Heiligen des Himmels mögen ihr Auge auf euch lenken und euch führen in eurem Leben, damit ihr einst bei eurer Einkehr voll des Dankes seid über das, was ihr hören und erleben durftet.

So, liebe Geschwister, möget ihr vom Segen Gottes begleitet sein. Möget ihr alle gesunden an Leib und Seele. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 21.4.1976 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Wie der Mensch zu einer beglückenden Quelle für den Nächsten wird

Lene, 16. Oktober 1963

Wie der Mensch zu einer beglückenden Quelle für den Nächsten wird

Als Geschöpf Gottes trägt der Mensch Heiliges in sich. Aus seinem Herzen kann eine Wärme, ein Licht kommen, das nicht nur für Mitmenschen, sondern auch für unglückliche, suchende Geistwesen ein Stück Seligkeit bedeutet. In der Meditation lässt sich wunderbar darüber nachsinnen, wie man aus sich selbst Heiliges hervorbringt und durch seine Hände, durch seinen Mund Segen entfaltet.

Lene: Gott zum Gruss. Liebe Geschwister, auch der religiöse Mensch muss sich anstrengen, um den Weg zum höheren Leben zu finden. Oberflächlichkeit zeigt ihm nicht den Weg zum höheren Leben. Oberflächlich ist der Mensch, wenn er gleichgültig ist. Damit möchte ich doch wiederum zum Ausdruck bringen, dass, wie der Leib, doch auch die Seele ihre Nahrung braucht. Die Seele will ihre Nahrung aus dem Göttlichen holen; die Seele ist von Gott, und sie will ihre Nahrung vom Göttlichen empfangen. Die Meditation eignet sich wunderbar dafür, etwas gewissenhafter zu sein – zu werden –, den Weg zu finden, um seiner Seele wiederum jene göttliche Kraft zuzuführen, die sie braucht. Somit muss man in erster Linie versuchen, sein Herz und seine Seele zu Gott zu erheben. Man muss versuchen, die Gedanken nach dem Göttlichen zu richten; ich möchte fast sagen, man muss das Denken etwas heilig gestalten. Wenn man das kann, dann wird man auch den Weg zum höheren Leben finden. So kommt es eben auf das Denken, auf das Wollen des Menschen an.

Wenn man die Schöpfung Gottes betrachtet, wenn man einig ist, dass alles, was geschaffen ist, aus der göttlichen Hand kommt, dann muss man sich auch klar darüber werden, dass in diesem Geschaffenen so viel Heiliges ist und in dieser Schöpfung der Mensch wohl eine sehr bedeutende Rolle spielt. Er nimmt in der Entwicklung, sage ich jetzt, wohl die schönste Stufe ein. So muss sich der Mensch also klar werden: Das Geschaffene stammt von Gott, es ist aus seinem heiligen Willen gekommen, und da sein Wille heilig ist, ist somit alles heilig, was geschaffen worden ist.

Man kann nicht von jedem Menschen erwarten, dass er ein gutes Herz hat. Aber Gott hat einst einem jeden ein gutes Herz gegeben, ein gutes Herz und eine gute Seele. Ich sage nun: ‘Man’ ist von Gott weggelaufen – somit haben Herz und Seele von jener Wärme verloren; von jener Spur der Heiligkeit, des Heiligseins ist verloren gegangen. Glücklicherweise gibt es Menschen, sie haben ein gutes Herz, eine gute Seele. Man sagt aber auch, dass es Menschen gibt, aus deren Herzen eine Kälte kommt, oder dass sie ein Herz haben so hart wie Stein. Es ist zu dem geworden, weil sie von Gott so weit entfernt sind. Die Wärme, das Angenehme, das einstmals sie umfing, ist entflohen. Viele haben es aber wieder zurückgewonnen, sie haben wieder Herz und Seele von grosser Wärme. Man liebt Menschen, die eine grosse Herzenswärme und Herzensgüte haben. Sie sind wie ein wärmender Ofen, wo der frierende Mensch Zuflucht sucht, um sich vorübergehend etwas zu erwärmen. Menschen mit einem guten Herzen, mit einer guten Seele werden auch von den Mitmenschen gesucht; man will sich an sie anlehnen, man will sich bei ihnen wärmen. Sie haben etwas zurückgewonnen von jener Heiligkeit.

Herz und Seele sind ein Zentrum, das ich das Zentrum der Liebe nennen möchte, eben: “ein Herz, eine Seele sein” im wahren göttlichen Sinne – liebende Menschen mit gütigem Herzen. Jene, die das haben, erfüllen als Mensch eine wundersame Aufgabe. Mitmenschen kommen zu ihnen, um sich bei ihnen zu erwärmen; sie suchen Trost und Hilfe. Das gilt bei den Menschen. Da Herz und Seele ein Zentrum sind und es nach dem göttlichen Willen heilig sein soll, so kann von dieser Heiligkeit im Menschen ein Glanz, ein Licht ausgehen. Dieses Licht hüllt ihn ganz ein. Menschen können das Licht nicht sehen, sie spüren nur die Güte des Mitmenschen, nur das Wohlwollen – das empfindet der Mensch. Das Licht erkennen nur die Jenseitigen. Denn jetzt ist von der Herzensgüte des Betreffenden ein Licht entflammt; es hüllt also sein Leben, seine Persönlichkeit ein. Das Herz ist das Zentrum, die Lebendigkeit und verbindet sich mit der Seele. Das Herz, das gütige Herz, ist sozusagen die brennende Kohle für die Seele; sie wird dieses Leuchten ständig erhalten. So sind Herz und Seele verbunden, und so fordern wir den Menschen auf, mit Herz und Seele sich zu erheben. Aber nicht in Oberflächlichkeit, sondern es braucht Anstrengung dazu; die Seele will fortwährend genährt werden. Sie will ihrerseits dann die Kraft zum Leben geben, sie speist das Herz mit der heiligen, göttlichen Wärme. Wenn ihr aber nicht immer wieder an den Quell schreitet, um Seele und Herz die Nahrung zu geben, so wird diese Wärme und dieses Licht entfliehen. So braucht es zum höheren Leben eine Anstrengung.

Die vielen Einzelheiten, die es braucht für das höhere Leben, sollten euch bewusst sein. Wir möchten euch auf ihre Notwendigkeit aufmerksam machen und auf die Verdienste, die man gewinnt damit, indem man einerseits die Mitmenschen seine Seelenwärme spüren lässt und anderseits jenen vielen Unsichtbaren das Licht ist, wonach sie suchen. Denn wenn es manchem Geist in der Jenseitswelt verwehrt bleibt, die Nähe eines Lichtes zu haben, so besteht doch für ihn die grosse Möglichkeit, dieses Licht auf Erden zu finden – bei den Menschen. Er vermag jene Wärme nicht zu spüren, wie ihr sie von einem Mitmenschen spürt, der ein gutes Herz und eine gute Seele hat; er sieht das geistige Licht, das, was sich im Geistigen gewandelt hat. Dann spürt er wohl aus dem Licht die Wärme, und er geht diesem Lichte nach. Er, der Unselige, Irrende, findet den Weg manchmal bei einem solchen Menschen. Er begleitet ihn nach Hause. Er fühlt sich wohl in dieser Atmosphäre. Das, was er in der Jenseitswelt vermisst, wird ihm im Erdenreich, also in des Menschen Nähe, gegeben: eine Spur der Heiligkeit, die er im Jenseits noch nicht empfängt. Da der Mensch Träger dieser Heiligkeit ist, begleitet ihn der Unselige, so er im Verlangen ist nach Gott, so er dieses Licht und diese Wärme schätzt. Und mancher Mensch dient ihm als Beispiel, zeigt ihm den Weg. Denn ein solcher Mensch nährt sich ständig an der heiligen göttlichen Quelle, er weiss, was er zu tun hat. Mancher Jenseitige lernt vom Menschen, empfängt Trost von ihm – ohne dass Worte gesprochen werden. Ein nicht eingereihter, irrender Geist, der seinen Weg nicht findet, sich aber wohlfühlt bei einem Menschen, welcher ein solches Licht ausstrahlt, der findet dort ein Stück Zuhause, ein Stück Seligkeit, auf die er in seiner Heimat lange zu warten hat.

Denkt doch, wer ihr seid, was ihr leisten könnt, wenn auf diesem Wege diese Seelen bei euch, in euch ein Zuhause finden – wenn das Glücksempfinden, die wahre Seligkeit, die innere Zufriedenheit auf dieses begleitende Wesen ausstrahlt und es werden will wie du und sich sagt: “Was habe ich verpasst in meinem abgelegten Leben! Wie war ich gleichgültig in meinem Glauben, wie war ich überhaupt oberflächlich!” Und es sucht den Weg. Und dieser Mensch, der dieses Licht ausströmt, ist ein betender Mensch. Er ist ein Mensch, der nicht nur betet, sondern der auch die Taten ausübt, und er ist ein Mensch, der von allen geschätzt, geliebt und gesucht wird. Der unselige Geist holt seine Belehrung von diesem Menschen, er geht mit ihm zur selben Quelle, wo die Seele neu gekräftigt wird, wo nicht nur gebetet wird, wo es Anstrengung braucht, um seine Aufgaben zur Gefälligkeit Gottes zu erfüllen. Nun möchte dieses Wesen nicht mehr als irrendes Wesen gelten, es ist kein irrender, uneingereihter Geist mehr; denn es hat sich in die Ordnung des Menschen eingegliedert und hat den Weg gefunden. Es lebt mit diesem Menschen des Lichts, läutert sich bei ihm und findet so langsam seinen Weg. Es wird diesen Menschen wieder verlassen, es wird dann aber ganz durchdrungen sein von derselben Wesensart wie dieser Mensch, den es begleitet hat. Man ist eins geworden mit ihm im Trachten nach dem Göttlichen, man ist eins geworden mit ihm im höheren Denken und Wollen.

So streifen diese Irrenden, Uneingereihten, langsam die düsteren Gewänder ab, die sie auf sich tragen. Langsam, langsam erwirbt sich ein solcher Geist ein besseres Aussehen, langsam schreitet er Gott näher, ihm entgegen. Denn es ist ein Funke übergesprungen vom Menschen zu ihm, und dieser Funke hat das, was zutiefst in seiner Seele verankert war, gelöst und hat sein Feuer auch entfacht – und so stellt man sich den höheren Geistern. Anders wird die Behandlung werden, denn man hat aus freien Stücken den Weg gefunden – durch einen Menschen, der eine grosse Herzensgüte in sich trug, bei dem Herz und Seele eins waren und der in sich und ausserhalb diese Spur der Heiligkeit hinterlassen hat.

So, liebe Geschwister, sucht man in der Meditation nach den göttlichen Quellen. Und es sind so viele da. Der Mensch selbst ist auch eine wundersame Quelle, wo Suchende oder von den Mitmenschen Ausgestossene hingehen können, um daraus einige Tropfen zu trinken. Vielleicht ist es nur eine Aufmerksamkeit, die man einem solchen Menschen schenkt, vielleicht ist es ein fröhliches, aufmunterndes Lächeln im Vorbeigehen – und das sind für ihn erquickende Tropfen, für ihn, der seinen Weg nicht gefunden hat oder der auf der Suche nach dem Wege ist. So eine schöne Quelle ist der Mensch, denn aus Gottes heiligstem Willen lebt er. Er sollte dafür besorgt sein, dass eine Spur der Heiligkeit an ihm zu finden ist, dass etwas Ehrwürdiges an ihm ist, etwas Heiliges, das man schätzt und achtet.

Wenn man den Menschen näher betrachtet – und jetzt nicht nur sein gutes Herz und seine Seele –, wenn man darüber meditiert, dass auch Menschenhände so viel leisten können ... welch Quelle liegt allein in den Händen der Menschen! Wohl können sie auch strafend wirken, aber sie können auch segnend wirken. Wie viel vermag der eine zu tun! Doch aus seiner Seele und aus seinem Herzen wird die Kraft angetrieben, und die Quelle wird nie versiegen. Die Kraft muss aber aus seinem Herzen kommen. So vermögen Hände Kranke zu pflegen; man vermag den andern an der Hand zu führen, ihm den Weg im Leben zu zeigen. Hände sollten segnend sein fürs ganze Leben. So der Mensch sie zu seiner täglichen Arbeit gebraucht, so sollte er sich klar sein, dass aus seinen Händen viel Segen zu fliessen hat, dass er diesen Segen austeilen kann – helfende Hände, segnende Hände. Die Meditation lässt jedem Zeit, darüber nachzudenken, was alles er tun kann und dass sein Wollen sich so gestaltet, dass es Gott gefällig ist und seine Hände zum Segen werden. Liebevoll führt die Mutter ihre Kinder an der Hand. Sie will das Beste für ihre Kinder. Sie straft auch die Kinder, sie betet aber auch mit den Kindern und für ihre Kinder. Eine gute Mutter tut es, eine fromme Mutter. Es braucht mehr dafür als nur Oberflächlichkeit, es soll keine Gewohnheit sein. Es soll aus der Tiefe des Herzens kommen. Dann werden jene Hände gesegnet, und jenes Gebet wird seinen Segen haben. Er kommt von Gott. Wer nun innig mit Gott verbunden ist und diese Anstrengung für das höhere Leben unternimmt, wird so zum Segen sein.

Ich sage, in der Meditation lässt sich so wunderbar über vieles nachdenken. Nicht nur die Hände sollen zum Segen sein, nicht nur sie sollen diese Spur der Heiligkeit an sich haben – sie muss im ganzen Menschen sein, sie muss aus dem ganzen Menschen herauskommen. Auch aus den Worten, die aus dem Menschen kommen, soll die Heiligkeit herausdringen. Wisst ihr, was damit gemeint ist, dass mit den Worten, die gesprochen werden, auch etwas Heiliges mit verbunden sein soll? Es soll Wahrheit aus dem Munde des Menschen kommen. Es soll Verehrung für Gott aus dem Munde des Menschen kommen. Es soll vom Überfluss der Seele, von seiner Liebe aus dem Munde des Menschen kommen; denn die Seele will herausgeben von ihrem Überfluss an Liebe und Heiligkeit. Wenn man sich darüber klar wird, wird man sich die Gebote Gottes streng vor Augen halten. Denn heilig soll es sein, was aus dem Munde kommt.

Es würde jetzt zu weit führen, es euch näher darzulegen. Doch eines möchte ich euch noch erklären: Das Leben des Erlösers – sein Leben, sein Wirken, sein Sterben – weist doch in allem den Weg. In seiner Wirkungszeit hatte er den Menschen so vieles nahegelegt, was zu tun ist. Er sprach ja davon: “Der Vater und ich wollen Wohnung nehmen bei dir.” So soll es dir klar sein, dass Heiligkeit sich nur mit Heiligkeit verbinden will – Gerechtigkeit und Ordnung, im Äusseren und im Inneren des Menschen. Man überlege, was man spricht, damit das Gesprochene auch heilig ist; damit diese Worte wachsen, aufgehen, gedeihen können; dass es nichts Oberflächliches ist, nichts Leichtfertiges, was andere kränken könnte und seine eigene Seele beschädigt.

Heilig sollte schon der Atem des Menschen sein, der aus seinem Munde kommt. Fühlbar für den Nächsten sollte es sein, dass etwas Heiliges an diesem Menschen ist, sodass jener es nicht verleugnen kann, aus welcher Familie er kommt, aus welchem Haus. Die Menschen gehören zur Familie Jesu Christi, und sie gehören alle ins Haus Gottes. Die Familie des Erlösers ist heilig, und das Haus Gottes ist heilig. Darum muss man von dieser Heiligkeit, von dieser Zugehörigkeit etwas spüren. Schade, wenn dem nicht so ist, wenn nichts an Heiligem beim Menschen zum Ausdruck kommt. Schade, denn er verleugnet seine Zugehörigkeit zum heiligen Reich Gottes, zur heiligen Familie, zum Hause Gottes – schade darum.

Nun, auch die Augen sind ein Quell. Menschen sehen manchmal zu viel am Nächsten. Auch wenn es kein Übel ist, was der andere trägt, so sehen es die einen doch als Übel. Wenn man sich überlegt und sich sagt: “Christus, der Erlöser, ist den wunderbaren Weg gegangen. Er hat das Übel gesehen. Er hat sich am Übel nicht aufgehalten, nein, er wollte das Beste machen, er wollte die Menschen vom Übel befreien.” Und er war der Sohn Gottes, der diese Aufgabe auf sich genommen, er, in seiner Heiligkeit – und der Mensch vermag die geringsten Dinge als Übel anzuprangern. Es ist keine Spur von Heiligkeit in einem solchen Menschen; noch steht er nicht auf jener hohen Schwelle zum höheren Leben, wenn er es nicht vermag, aus sich heraus von dieser Heiligkeit zu geben. Nun, ihr werdet mir sagen: “Es ist eben schwer, es ist nicht leicht für uns.” Wir stimmen dem zu – ich spreche aber zu Freunden, die dem Reiche Gottes angehören, die doch im Verlangen sind, diese Heiligkeit in sich und um sich zu haben oder dieser Heiligkeit immer näherzukommen, diesen Weg der Vollkommenheit zu finden. Darum sagte ich anfangs: Auch der religiöse, auch der fromme Mensch muss seine Anstrengungen machen. Denn zu viel Gewohnheit ist im religiösen Leben, zu viel Oberflächlichkeit ist darin, und man sollte dies mit der Zeit überbrücken können. Ihr solltet doch so umhüllt werden von diesem göttlichen, heiligen Feuer, das aus euch herausgeht und euch als ganzen Menschen einrahmt, dass ihr mit dem göttlichen Feuer des Himmels in Berührung kommt und sich eure Heiligkeit, eure geringe Heiligkeit, mit der wahren, grossen Heiligkeit Gottes verbinden kann. Denn wie kann man von sich sagen: “Ich bin ein Kind Gottes”? Ein Kind des unendlich gütigen, heiligen Gottes. Vom Kinde erwartet man, dass es doch ihm ähnlich ist an Güte und an Heiligkeit. So soll man diese Zugehörigkeit vertreten, tapfer vertreten, sodass man jenen andern, die nicht nach Heiligkeit fragen und sich nicht nach dem hohen Sinn des Lebens erkundigen, eine Leuchte ist, dass man an ihnen doch eine Aufgabe erfüllen kann. Die andern sollen aufmerksam werden auf einen solchen Menschen mit dieser Spur von Heiligkeit.

Ja, liebe Geschwister, meditieren muss man darüber und bitten, dass man die Kraft bekommt, das auszuführen, was in Gottes heiligstem Willen ist. Aber ich sage es auch wieder: Das leere Bitten genügt nicht. Eifrig muss man werden. Man muss sich anstrengen und über die Gewohnheiten hinausgehen. Wenn man das kann, dann hat man etwas im Leben geleistet. Jeder hat eine wunderbare Aufgabe zu erfüllen, auch wenn es für die Augen der Menschen nicht sichtbar ist. Ich erzählte es euch diesen Abend, auf welche Art und Weise man es tun kann. Ein Mensch zum Beispiel, dem es schwerfällt, fröhlich zu sein, und der mehr auf sich selbst bedacht ist als auf die andern, sollte sich einmal an einem Morgen den Vorsatz fassen: “Heute will ich mein Auge auf jene lenken, von denen sich andere abwenden.” Und dann versuche, sie anzuschauen, sie aufmunternd anzulächeln – wenn man da nichts anderes, Weiteres tun kann. Mancher Mensch ist dankbar dafür, einem andern zu begegnen, der fröhlich in die Welt blickt. Es muntert ihn auf, ein Gleiches zu tun. Man möchte nicht im Ärger der Mitmenschen leben.

So bemüht euch etwas um diese Spur der Heiligkeit. Denkt daran, eurem Herzen und eurer Seele diese Heiligkeit zu geben, diese Güte und diese Liebe. Seid auch darauf bedacht, dass eure Hände immer segnend wirken und heilig sind. Und denkt daran, dass die Worte aus eurem Munde auch heilig sein sollen, dass eure Augen nur das Gute erblicken wollen. Und wenn das nicht geht, versucht man, alles Übel umzuwandeln in Wohltaten, in etwas Gutes – umwandeln zur Gefälligkeit Gottes, das soll man. Auch der einzelne Mensch kann sich wandeln. Und wenn man diese Stunde nicht mit allem, was ich gesagt habe, einiggehen kann, so versuche man doch wenigstens, etwas – etwas – zu erreichen. So wollen wir wünschen, dich zu loben, wenn du kommst, dass du etwas fertiggebracht hast. Das wird dich freuen. Und denke daran, dass du in eine grosse, heilige Familie gehörst und dass du ein würdiges Glied dieser heiligen Familie sein sollst.

So, liebe Geschwister, könnt ihr ja zu Hause weitermeditieren. Denn jeder lebt sein besonderes Leben, jeder hat seine eigenen Sorgen, aber auch seine Fehler – und vielleicht lässt sich einiges gutmachen, wandeln. So wollen wir euch beistehen. Reicht uns die Hände, und wir führen euch.

So möge Gottes Segen euch alle erfüllen, möget ihr in seinem Glanze eure Aufgaben erfüllen. Möget ihr die Kraft haben, Herz und Seele zu Gott zu erheben, damit von dieser heiligen, göttlichen Liebe und Wärme etwas zu euch strömt. Gott zum Gruss.

Vortrag von Geistlehrerin Lene vom 16.10.1963 durch ihre Mittlerin Beatrice Brunner im Saal an der Münchhaldenstrasse, Zürich (Vorlage: Tonbandaufzeichnung)

Heft 1/2019
Preis USD 4.00
21 Seiten, 21 × 29,7 cm