Einblicke in das Leben Jesu

 

Die Evangelisten haben nur das Hauptsächliche aus dem Leben Jesu festgehalten; über die Einzelheiten seiner Gespräche und Erlebnisse ist nichts Besonderes erwähnt. Der folgende Ausschnitt gibt nähere Erklärungen über die Jugend Jesu und über seine erste Begegnung mit Maria Magdalena.

 

Josef: Liebe Geschwister, Christus versprach den Seinen, den Geist der Wahrheit zu senden, wenn er bei seinem Vater eingekehrt sei (Joh. 14, 16–17 und 26; 15, 26). Dieses tat er – die Geister der Wahrheit kamen zuerst zu seinen Jüngern. Geister Gottes inspirierten die Evangelisten, wie ihr sie nennt. Sie sollten das Leben, das Wirken Christi festhalten. Die Geisterwelt Gottes hat ihren Auftrag ausgeführt, indem sie diese Evangelisten inspirierte, und diese haben das Neue Testament, wie ihr es nennt, oder die Evangelien niedergeschrieben; ich möchte sie auch als “Urkunden Gottes” bezeichnen. Es sollte nichts verloren gehen von dem, was Christus gesagt und gewirkt hat. Über den Heilsplan sollte dann die Geisterwelt Gottes die Menschheit unterrichten. Denn die Menschen waren ja dazumal nicht in der Lage, alles zu verstehen, was Christus sagte, und darum tröstete er sie [mit der Verheissung des Geistes der Wahrheit].

Darüber will ich jetzt aber nicht viele Worte verlieren, sondern ich möchte auch von dem reden, was von den Evangelisten nicht niedergeschrieben worden ist. Denn es sind ja noch so viele Einzelheiten geschehen, von denen die Christenheit wenig oder gar nichts weiss. Ich versuche aber immer wieder Vergleiche zu ziehen und euch eben gerade das besser zu erklären, was von den Evangelisten festgehalten wurde, damit ihr es heute besser verstehen könnt. Dafür muss ich immer wieder Worte Christi wiederholen, um euch ihre wahre Bedeutung klarzumachen.

Ich möchte jetzt auf die Jugendzeit Christi zurückkommen. Ich möchte sie eigentlich nur kurz streifen und Folgendes betonen: Maria, die Mutter Jesu, musste ihn auch lesen lernen lassen. Nicht Maria selber lehrte ihn lesen, sondern sie hatte angesehene Verwandte, und diese Verwandten brachten Jesus das Lesen bei. Nun kann beim einen oder andern von euch der Gedanke aufkommen, dieser Jesus hätte doch niemals das Lesen zu lernen brauchen, er hätte es einfach von allein gekonnt. Das stimmt nicht. Auch er musste unterrichtet werden. Und dieses Lesen der Heiligen Schrift von dazumal, das Lesen des Alten Testaments im Besonderen, wurde ihm von seinen Verwandten beigebracht. So war es möglich, dass Jesus als Jugendlicher im Tempel, in den Synagogen aus der Heiligen Schrift lesen konnte und er diese Heilige Schrift ganz anders auslegte, als es diese Lehrer, diese Pharisäer und Schriftgelehrten, bis anhin getan hatten.

Es war damals üblich, dass dieses heilige Buch dem einen und andern in die Hände gegeben wurde, damit er daraus las und auszulegen versuchte, was darin festgeschrieben war. Und was war da in diesem heiligen Buche festgelegt? Es waren die Prophezeiungen in erster Linie, es waren die Gebote, es waren die Aussagen der Propheten, die vor Jesus gekommen waren – sie waren ja seine Vorläufer. Und diese Weissagungen wurden gedeutet. Nun wurden sie eben so gedeutet, wie man sie verstanden hatte oder wie man sie verstehen wollte. So vieles in diesen Prophezeiungen bezog sich auf den kommenden Messias. Man erwartete, dass dieser Messias in eine angesehene Familie hineingeboren würde. Das war den Juden von dazumal sozusagen eine Selbstverständlichkeit. Man wartete auf diesen Messias, aber man erwartete ihn, wie ihr es heute sagen würdet, in der gehobenen Gesellschaft; man erwartete also nicht, dass er aus ärmlichen Verhältnissen kommen sollte. Weil man schon in dieser falschen Vorstellung lebte, legte man auch dementsprechend diese Weissagungen aus. Denn für jene Menschen war es sozusagen eine Selbstverständlichkeit, dass der Erretter der Menschheit, auf den man ja dazumal wartete, in einer angesehenen, besonders geachteten Familie zur Welt kommen würde. Und dann kam es so ganz anders.

Jesus erschien regelmässig im Tempel, in den Synagogen oder in einem Betsaal, denn er und seine ganze Familie waren sehr fromm, und so las er verschiedentlich aus dem heiligen Buch vor. Schon früh hatte er die Aufmerksamkeit der Zuhörer geweckt, schon dazumal auch bei den Pharisäern, bei den Schriftgelehrten. Und so sagten sie sich auch: “Woher kommt denn der, woher hat er denn dieses Wissen?” Und man erwähnte es ja: “Er ist der Sohn des Zimmermanns und der Maria; das sind doch ganz gewöhnliche Leute. Wie kann es denn möglich sein, dass Jesus in dieser Art und Weise die Weissagungen auslegt?” (Vgl. Mat. 13, 54–56.) Man machte sich seine Gedanken darüber, aber in der Zeit seiner Jugend nahm man ihn nicht ernst.
Nun, Jesus wuchs ja heran, und als dann die Zeit kam, wo er öffentlich auftrat, da schenkte man ihm mehr Aufmerksamkeit. Später sah man in ihm eine Gefahr. Zuerst war das nicht der Fall gewesen. Man nannte ihn den Wanderprediger, und er schien keine Gefahr zu sein, denn er hatte ja in der ersten Zeit auch nicht diese Offenbarungen gemacht wie später. Als Jesus aber seine Lehrtätigkeit angefangen und auch die Aufmerksamkeit gewisser Schriftgelehrter geweckt hatte, fanden diese auch den Weg zu ihm, das heisst, sie haben ihn zu Hause aufgesucht. Sie haben mit ihm geredet über das, was er im Tempel gesprochen hatte. So besuchte man ihn zu Hause, er wurde aber auch eingeladen. Und zwar wurde er von angesehenen Leuten gebeten, zu ihnen zu kommen, damit sie mit ihm Gespräche führen konnten. Und so ging Jesus hin. Jene, die ihn einluden, taten es gewöhnlich in heimlicher Art. Denn sie fürchteten sich, da damals die Gesetze bei diesen Juden sehr streng waren. Aber trotzdem hatte der eine oder andere von den Schriftgelehrten, auch von den Pharisäern, den Mut, Jesus aufzusuchen.

Über die Einzelheiten dieser Geschehen, dieser Gespräche und Besuche, die gemacht wurden, ist bei den Evangelisten nichts Besonderes erwähnt. In der Hauptsache wurde eben all das festgehalten, was für die zukünftige Menschheit von Nutzen sein sollte. Daher waren die Einzelheiten kleiner Begegnungen nicht aufgezeichnet worden. Ihr würdet nun heute sagen: “Für uns ist alles von Bedeutung, was sich im Leben Jesu abgespielt hat, auch das letzte Wort.” Tatsächlich, es ist so. Dafür steht euch ja der Geist der Wahrheit zur Verfügung, der euch dann und wann von solchen Gesprächen etwas mitteilen kann – wie es auch schon getan wurde.

Nun möchte ich näher auf eine solche Begegnung, eine solche Einladung, eingehen, die in den Urkunden Gottes – oder in den Evangelien meinetwegen – festgehalten ist.

Christus war von einem Pharisäer zum Essen eingeladen worden. Da dort andere Gewohnheiten herrschten, als dies beispielsweise bei euch der Fall ist, wird es euch vielleicht verständlich werden, warum es möglich war, dass damals zuweilen auch jemand in ein solches Haus kam, der eigentlich nicht eingeladen war. Denn zu jener Zeit war es üblich, dass man für kurze Zeit einmal in ein Haus hineinging, um sich nach dem Befinden der Bewohner zu erkundigen. Man hatte dazumal mehr Zeit zum Reden oder um Gespräche zu führen.

Und so geschah es einmal, als Jesus bei einem Pharisäer zu Gast geladen war, dass zwei Frauen hereinkamen. Die eine von ihnen hatte ein kostbares Gefäss mit kostbarem Öl bei sich, und sie scheute sich nicht, sich zu nähern. Sie hatte von Jesus gehört und war ihm nachgefolgt; sie hatte Bewunderung für ihn und glaubte an ihn. Als sie erfahren hatte, dass er im Haus dieses Pharisäers war, ging sie zusammen mit einer andern Frau da hinein. Sie kniete vor Jesus nieder und salbte seine Füsse. Sie war so ergriffen, weil sie in ihrem Innersten erkannte, wer es war, und sie weinte. Mit ihren Tränen benetzte sie die Füsse und trocknete sie mit ihren Haaren. Und Jesus liess es geschehen. Dem Gastgeber missfiel dies, und er sagte zu Jesus: “Siehst du denn nicht, wer das ist zu deinen Füssen?”
Dazu möchte ich betonen, was einige von euch wohl wissen, dass es dazumal nicht so war, dass man an Tischen sass und die Speisen zu sich nahm wie heute. Sondern es gab niedrige Liegestätten, und man lag sozusagen auf diesen Liegen und nahm die Mahlzeit auf diese Weise zu sich. So war es eben für diese Frau gut möglich, sich so kriechend zu nähern, um an Christus heranzukommen und mit ihrem kostbaren Öl seine Füsse zu salben.

Als sich nun dieser Gastgeber darüber entsetzte und sagte: “Siehst du denn nicht, wer das ist? Kennst du sie denn nicht? Sie ist doch eine grosse Sünderin und in der ganzen Stadt bekannt. Und du lässt dir so etwas gefallen?” Da sagte Jesus als Erstes: “Du hast mich eingeladen, ich bin gekommen. Du hast mir aber kein Wasser gegeben, um meine Füsse zu waschen. Du hast mir keinen Kuss gegeben zur Begrüssung. Sie aber, sie hat mit ihren Tränen meine Füsse gewaschen. Und sie küsst meine Füsse. Du aber hast es nicht für nötig gehalten, mir Wasser darzubieten, um die Füsse waschen zu können.” Denn es war in jenem Lande üblich, dem Gast, ehe er in den Speiseraum trat, Wasser zu reichen, damit er seine Füsse waschen konnte. Denn ihr müsst euch vorstellen: Auf jenen Wegen und Strassen gab es doch viel Staub, und es war eine grosse Hitze; man hatte nur ganz primitives Schuhwerk, in das Staub und Sand eindrang. Daher war es stets eine Erlabung, die Füsse waschen zu dürfen, denn sie wurden ja staubig und mit Schmutz bedeckt. Man war ja stundenlang unterwegs und meistens doch zu Fuss. Wohl hatte dann und wann einer einen Esel, aber Christus ging doch zu Fuss von Ort zu Ort. Und so durfte er dieses dem Gastgeber eben erklären, und nebenbei sagte er: “Der Kranke bedarf des Arztes. Der Gesunde braucht keinen Arzt.” Das sagte er nebenbei. Aber wie sollte dieser Pharisäer das verstehen, denn diese Frau war für ihn doch eine grosse Sünderin; sie war bekannt in der ganzen Stadt, und so glaubte er, Jesus müsse von ihr Abstand nehmen. Doch Jesus sagte noch zu dieser Frau: “Du hast viel geliebt. Dafür sind dir deine Sünden vergeben.” Ihr wisst, wer es war – es war Maria Magdalena. Von da an ging sie, wenn immer es ihr möglich war, Christus nach. (Luk. 7, 36–50.)

Als Christus nun von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt ging und diese neue Lehre brachte, die so ganz anders war als die Lehre, die bis anhin verkündet wurde, wollten doch auch die einfachen Menschen wissen: “Woher kommst du denn?” Und so kam es auch immer wieder vor, dass sie ihn fragten: “Wo wohnst du? Dürfen wir sehen, wo du wohnst?” Und Jesus lud sie ein, zu ihm nach Hause zu kommen. Sie sollten sehen, wo er wohnte. Und so führte er sie zu sich nach Hause und zeigte ihnen: “Da wohne ich.” Und es kam seine Mutter und begrüsste jene, die da aus Neugierde gekommen waren, um zu sehen, woher er denn komme. Denn diese einfachen Menschen fragten sich nämlich auch: “Woher kommt denn ein solcher Mensch? Er kommt doch wohl aus einer ganz angesehenen Familie, aus einem reichen Hause.” Und nun mussten sie ja staunend feststellen, dass er aus ganz einfachen Verhältnissen kam. Darüber machten sie sich ihre Gedanken, denn er sagte es schon: “Mein Reich ist nicht diese Welt” (Joh. 18, 36). Er sagte auch: “Der Vater hat mich gesandt. Ich bin ihm Sohn, und er ist mir Vater.” Ja, da machten sie sich doch Gedanken darüber, ob dieser Jesus vielleicht doch der Messias wäre. Aber wie seinerzeit die Schriftgelehrten und Pharisäer im Tempel und in den Synagogen glaubten, der Messias könne nur aus einer angesehenen Familie kommen, so meinten es doch auch diese einfachen Menschen. Sie glaubten doch nicht, dass es möglich wäre, dass einer, der von Gott als Messias, als Erretter der Menschheit, gesandt werde und von dem immer gesprochen und geweissagt wurde, aus bescheidenen Verhältnissen kommen könnte. Sie wollten sehen, woher er kam, und so mussten sie staunen. […]

Ausschnitt aus dem Vortrag von Geistlehrer Josef vom 21.10.1978 durch seine Mittlerin Beatrice Brunner im grossen Saal des Musikkonservatoriums Zürich

 
Nächster Beitrag:

Fragen und Antworten zum Jenseits

Diese Website verwendet Cookies, um die Bereitstellung von Diensten zu verbessern. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr zum Datenschutz.